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Erste Anhörung zum Kapitol-Sturm: Traumatisierte US-Polizisten brechen in Tränen aus

Bei der ersten Anhörung zum Sturm auf das Kapitol zeigt sich, wie traumatisiert die Polizisten und die USA bis heute sind. Das Ausmass der geschilderten Gewalt brachte die Beteiligten zum Heulen.
28.07.2021, 07:5828.07.2021, 08:11
Bastian Brauns / t-online
Ein Artikel von
t-online

Was seit dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar in diesem US-Polizisten vorgeht, scheint sich an diesem Dienstag in einer kurzen Geste zu entladen. Michael Fanone sitzt vor dem Untersuchungsausschuss, der die Geschehnisse aufarbeiten soll. Neben ihm drei seiner Kollegen. Fanones Gesichtszüge wirken bestimmt. Plötzlich haut er mit seiner rechten Hand so fest auf den Tisch vor ihm, dass die Zuschauer dahinter kurz hochschrecken. Er ruft: «Die Gleichgültigkeit, die meinen Kollegen entgegengebracht wird, ist eine Schande!»

Fanone hat sich schnell wieder im Griff. Selbst dieser kurze Ausbruch wirkt kontrolliert, fast höflich. Was seinen Kampf noch härter und schmerzhafter macht, sagt er, ist sein Wissen darum, dass so viele seiner Mitbürger, für die er sein Leben aufs Spiel setzt, das Geschehene herunterspielen oder schlichtweg leugnen. Aus Fanone sprechen Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Trauer darüber. Denn im Zweifel würden viele seiner Mitbürger Donald Trump wieder wählen. Einen Mann, der erst kürzlich wieder sagte, die Aufständischen seien «liebende Menschen» gewesen.

«Ihr werdet heute sterben»

Seit mehr als 15 Jahren ist Fanone Polizist und er dachte, er habe schon alles gesehen, auch als verdeckter Ermittler im Drogenmilieu. Doch dann kam die Rede von Donald Trump Anfang dieses Jahres, während im Kapitol die friedliche Machtübergabe stattfinden sollte. Nur wenige Augenblicke später stürmte der Mob ins Herz der US-Demokratie und wollte Trumps Vizepräsidenten Mike Pence hängen sehen, weil dieser es als Verräter nicht anders verdient habe. Sogar einen Galgen hatten die Menschen mit den Make-America-Great-Again-Mützen schon gezimmert. Bei dem Aufstand starben sieben Menschen. Mehr als 100 Polizisten wurden teils schwer verletzt. Die ganze Welt sah live zu, als die US-Demokratie auf der Kippe stand.

Fanone und seine Kollegen verteidigten Mike Pence, die Abgeordneten und die Senatoren an diesem 6. Januar mit ihrem Leben. Zu keinem anderen Schluss kann eigentlich kommen, wer die Aussagen von ihm und den drei anderen Polizisten Aquilino Gonell, Daniel Hodges und Harry Dunn vor dem Untersuchungsausschuss verfolgt hat. Eingespielt wurden immer wieder Videos, auch solche, die von den Body-Cams der Polizisten aufgenommen wurden.

Es sind entwürdigende, brutale und gewalttätige Szenen. Die Beamten werden mit Tränengas besprüht, mit Laserpistolen geblendet, mit Hockeystangen verprügelt, bespuckt, beschimpft und getreten. Dazu sind immer wieder Rufe zu hören wie: «Ihr werdet heute sterben», «Lasst uns unsere Waffen holen» oder Trumps Mantra «Stop the steal».

«Du gehörst exekutiert. Das ist nichts persönliches.»

Vor den Politikern sitzen bei dieser ersten Anhörung vier Menschen, die langjährige Polizei-, Militär- und sogar Kriegserfahrung haben. Alle vier können ihre Tränen nicht zurückhalten, ringen um Fassung und bitten um Entschuldigung, während sie ihre Erlebnisse schildern. Die Abgeordneten selbst wirken mitgenommen. Der  Republikaner  Adam Kinzinger bricht bei seiner eigenen Befragung in Tränen aus und dankt den vier Polizisten für ihren Mut, die Demokratie verteidigt zu haben: «Ich habe nicht erwartet, dass das hier heute so emotional wird.»

Sergeant Aquilino Gonell etwa kam 1992 als Einwanderer aus der Dominikanischen Republik, erfüllt von einem Traum von einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. 1999 habe er stolz seinen Eid geschworen, erzählt er. Dann ging er für George Bush in den Irakkrieg. Vor dem Untersuchungsausschuss spricht er nun mit stockender Stimme, den Tränen nahe: «Ich hatte mehr Angst als während meines ganzen Militäreinsatzes im Irak.» Die Protestierer im Kapitol hätten ihm als Militärveteran, ihm als Polizisten gesagt: «Du gehörst exekutiert. Das ist nichts persönliches.»

Es ist diese Tatsache, die Zeugen und Zuhörer an diesem Tag so fassungslos macht: Menschen aus dem eigenen Volk wollten den Umsturz. Unversöhnlich und scheinbar besessen von der Idee, Donald Trump sei noch immer der rechtmässige Präsident der Vereinigten Staaten.

«Das ist Amerika. Aber so sollte es nicht sein.»

Wie rassistisch die Menge dabei war, schilderte auch der afroamerikanische Polizist Harry Dunn. «Das ist unser Haus. Präsident Trump hat uns eingeladen», hätten die Menschen ihm zugerufen. Niemand hätte für Joe Biden gestimmt. Und dann: «Hast du gehört? Dieser N***** hat für Joe Biden gestimmt.» Buh-Rufe. «Verdammter N****. Leg deine Waffe weg und wir zeigen dir, was für ein N***** du bist.» Noch nie habe ihn zuvor jemals jemand während er diese Uniform trug einen N*****. Dunn spricht das rassistische Schimpfwort immer wieder in voller Länge aus. Die Abgeordneten wirken sprachlos, schockiert.

Irgendwann am Ende seiner Kräfte, nachdem Dunns Kollegen ihn vor dem Mob gerettet hätten, habe er nur noch vor sich hingestarrt und gefragt: «Ist das Amerika?» Es ist eine Frage, die der Demokrat und kalifornische Abgeordnete Adam Schiff ihm später noch einmal stellt: «Ist das Amerika, Mister Dunn?» Und er antwortet: «Ehrlich gesagt, ja das ist Amerika. Aber so sollte es nicht sein.»

Jeder von ihnen hatte Todesangst

Der vierte Polizist, der aussagt, ist Daniel Hodges. Er ist weiss und bestätigt die rassistischen Angriffe. Als einziger spricht er an diesem Tag konsequent von Terroristen, die das Kapitol gestürmt hätten, und begründet es juristisch.


In Videos sieht man Hodges teils blutüberströmt, eingequetscht zwischen seinen eigenen Leuten und der wütenden Menge, die ihn offenbar lynchen will. «Auf deinen Knien wirst du sterben», habe einer gerufen. Sie schlugen ihm in die Brust und zogen ihm die Corona-Maske über die Augen. Hodges schildert, wie er den Satz hörte: «Jesus is my savior. Trump is my President».

Ein Qanon-Anhänger habe ihm gesagt: «Es ist Zeit zu entscheiden, auf welcher Seite du stehst.» Bei einem erinnere er sich sogar an Schaum vor dem Mund.

Es sind Szenen, wie sie alle vier Beamten ähnlich beschreiben. Jeder von ihnen hatte Todesangst. Laut ihren Erzählungen waren sie sich sicher, wenn sie jetzt hinfallen würden, dann würden sie sterben.

Auch Fanone, der in seinem Statement auf den Tisch schlug, wurde von seinen Kollegen gerettet. Bis heute erinnert er sich an diesen Satz eines Mannes, der ihn sterben sehen wollte: «Nehmt seine Waffe! Und tötet ihn mit seiner eigenen Waffe!» Immer wieder erzählt er den Abgeordneten von diesem traumatisierenden Moment. Irgendwann habe er, am Boden liegend, immer wieder mit Elektroschockern gequält, in der Hoffnung an einen Funken Menschlichkeit, gefleht: «Ich habe Kinder». Im Krankenhaus sei er dann aufgewacht. Er habe einen Herzinfarkt und Gehirnverletzungen erlitten. Ausserdem leide er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Die vier Polizisten waren sich einig. Der aus der Dominikanischen Republik stammende Gonell drückte es so aus: «Es war ein Putschversuch, der an diesem Tag im Kapitol stattfand. Wäre es ein anderes Land gewesen, hätten die USA Hilfe geschickt. Die Menschen müssen das Ausmass des Ereignisses verstehen, das an diesem Tag passierte.»

Ein wichtiger Tag für die USA

Tatsächlich ist es das, worum es in diesem Untersuchungsausschuss geht: Hier wird seit heute offiziell Geschichte geschrieben. Auch wenn das vielen Amerikanern egal ist und sie die Erzählungen leugnen. Die Aussagen sind wichtig für die Selbstvergewisserung der USA, zumindest jenes immer noch grossen Teil des Landes, der an der Demokratie festhalten will. Aber auch für die Zeugen. Sie werden öffentlich angehört. Fakten werden vorgetragen, mit Videos belegt.

Doch all die Schilderungen der Zeugen können nicht darüber hinwegtäuschen: Rechtliche Konsequenzen dürfte es insbesondere für die Initiatoren dieses Aufstands kaum geben. Ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump war zuvor längst an den Stimmen der republikanischen Senatoren gescheitert. Auch an diesem Dienstag flankierten die Republikaner die Anhörung mit eigenen Pressekonferenzen.

Erst veröffentlicht Donald Trump ein Statement, in dem er seine Lieblingsfeindin, die demokratische Mehrheitsführerin Nancy Pelosi attackierte. Dann legte die Spitzen-Republikanerin Elise Stefani nach: Nancy Pelosi habe beim Sturm aufs Kapitol nicht für ausreichenden Schutz gesorgt, teilte sie mit. Wahrlich eine ziemliche Verdrehung der Tatsachen.

Und so bleibt die abschliessende Bitte des Polizisten Harry Dunn wohl ein frommer Wunsch. Wie seine Kollegen wünscht er sich Aufklärung darüber, wie all das geschehen konnte. Er wählt dazu einen drastischen Vergleich: Würde ein Killer geschnappt, wandere nicht nur dieser ins Gefängnis, sondern auch derjenigen, der ihn beauftragt habe. «Es gab einen Angriff am 6. Januar und ein Auftragskiller schickte sie.»

Der Ex-Präsident sagte in seiner Rede folgende Sätze: «Wir gehen die Pennsylvania Avenue entlang. Ich liebe die Pennsylvania Avenue. Wir gehen zum Kapitol. Wir werden versuchen, unseren Republikanern, den Schwachen, zu helfen. Denn die Starken brauchen unsere Hilfe nicht. Wir werden versuchen, ihnen den Stolz und die Kühnheit zu geben, die sie brauchen, um unser Land zurückzuerobern. Also gehen wir die Pennsylvania Avenue entlang.» Es wurde ein tödlicher Marsch.

Verwendete Quellen:

  • Eigene Recherchen
  • Livestream der Anhörung
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