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So kommt ein 21-Jähriger an Top-Secret Daten der US-Geheimdienste

So kommt ein 21-Jähriger an Top-Secret-Daten der US-Geheimdienste

14.04.2023, 16:1714.04.2023, 22:18
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Jack Teixeira, der die Pentagon-Dokumente geleakt hat, wird verhaftet.
Die Uniform steht Jack T. deutlich besser als die roten Shorts.bild: watson/twitter

«Leute, es war schön mit euch – ich liebe euch alle.» Mit diesen Worten soll sich Jack T, auch bekannt unter dem Pseudonym «OG», von seinen Online-Freunden verabschiedet haben. Denn er wusste, was auf ihn zukommt:

Am Donnerstagnachmittag stehen dutzende bewaffnete Beamte, teils in Vollmontur mit schusssicherer Weste, vor dem elterlichen Haus, um ihn abzuholen. In Handschellen und roten Shorts wird der 21-Jährige abgeführt. Der Grund: Er ist der Hauptverdächtige, streng geheime US-Dokumente an die Öffentlichkeit geleakt zu haben.

Aktivdienst in der Nationalgarde

Aber wie kommt man als 21-jähriger Gamer an Geheimdienstdokumente, deren Veröffentlichung Experten zufolge «gravierende Folgen» für den Ukraine-Krieg haben könnte? Über den Arbeitgeber, der im Falle des Jack T. der amerikanische Staat selber ist.

T ist nämlich bei der amerikanischen Nationalgarde von Massachusetts im Rang eines «Airman», also eines Soldaten, eingeschrieben. 2020, kurz nach seinem Highschool-Abschluss, war er der Luftfahrt-Abteilung der Nationalgarde beigetreten und absolvierte in Texas die Grundausbildung.

Tatsächlich war Jack T. erst im Herbst 2022 für den Aktivdienst aufgeboten worden, wie ein Sprecher der Nationalgarde gegenüber der «Washington Post» bestätigt. Anders als bei den herkömmlichen US-Streitkräften funktioniert die Nationalgarde über Reservisten. Sie werden aufgeboten, wenn sie gebraucht werden, ansonsten führen sie ein ziviles Leben.

Konkret war T. mit der Wartung und Betreuung von Computern und Kommunikationssystemen des «102nd Intelligence Wing» an der Otis Air National Guard Base betraut. Diese liegt rund 100 km von seinem Heimatort Dighton, Massachusetts, entfernt.

«Grosse Verantwortung»

Im Rahmen seiner Tätigkeit als «Cyber-Spezialist» habe Jack T. eine höhere Freigabestufe erhalten, da er auch für die Sicherheit der bestehenden Netzwerke zuständig gewesen sei, so ein Verteidigungs-Experte gegenüber den «APNews».

Aber ist es sinnvoll, solch jungen Menschen solch wichtige Themen und Inhalte anzuvertrauen? Ja, sagt Pentagon-Sprecher Patrick Ryder, selber Brigadegeneral, gegenüber der Associated Press:

«Wir übertragen unseren Mitgliedern schon in jungen Jahren grosse Verantwortungen.»

Man soll sich einen jungen Gruppenführer vorstellen, der die grosse Verantwortung trägt, andere Menschen im und in den Kampf zu führen. Der Vergleich hinkt allerdings hinterher – Verantwortung über eine Gruppe Soldaten und Verantwortung über Staatsgeheimnisse und potentiell den Verlauf des Ukraine-Konflikts ist freilich nicht das Gleiche.

Zudem hat ein Gruppenführer (z.B. in der US-Army) im Rang eines Sergeants rund 4 Dienstjahre auf dem Buckel. Jack T. hatte einen Bruchteil dieser Zeit bei der Nationalgarde verbracht. Experten zweifeln an, ob tatsächlich jemand mit so wenig Militärerfahrung über solch hohe Sicherheitsfreigaben verfügt.

ETH-Professor Roland Popp ist skeptisch: «Die Ergebnisse des Ausspionierens fremder Anführer werden also mit dem Nachrichtenzweig der Massachussets Luft-Nationalgarde geteilt. Muss wohl Need-to-know sein.» Das Need-to-know-Prinzip besagt, dass geheime Informationen nur an diejenigen Stellen weitergegeben werden sollen, die diese Informationen zwingend benötigen.

Braucht die Nationalgarde in Massachusetts tatsächlich Informationen über die koreanische Bereitschaft, Munition an die Ukraine zu liefern? Und besteht keine Möglichkeit, IT-Systeme zu warten und zu sichern, ohne dass 21-jährige Soldaten auf die Inhalte Zugriff erhalten? Fragen über Fragen – einige werden sich vielleicht bald klären. Das US-Repräsentantenhaus hat Stunden nach der Verhaftung verkündet, eine Untersuchung einzuleiten:

Derweil soll Jack T bereits heute vor Gericht erscheinen. Ihm drohen bei einer allfälligen Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft – pro geleaktem Dokument.

(cpf)

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30 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Nirantali
14.04.2023 17:23registriert Juli 2020
"...zehn Jahre Haft pro geleaktem Dokument." Dann also so 500-1000 Jahre Haft. Geile Berechnung, wenn jemand also ein Dokument leakt das brisanter als 1000 andere zusammen ist gibts 10 Jahre, aber wenn man 100 unwichtige aus dem Abfalleimer leakt bekommt man 1000 Jahre?! 🤔
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Gummibär
14.04.2023 20:01registriert Dezember 2016
Was braucht ein Stützpunkt der Nationalgarde in Massachusetts geheime Informationen die eigentlich in den Weinkeller des Expräsidenten in Florida gehören ?
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Donnerherz
14.04.2023 18:44registriert November 2020
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