Wie der Iran den Krieg eskaliert – und das Risiko für die USA erhöht
Nach gut drei Tagen neuerlichem Nahost-Krieg steht fest: Das Mullah-Regime wird sich nicht kampflos seinem Schicksal fügen. Stattdessen setzte das iranische Militär am Montag und in der Nacht auf Dienstag seine Gegenangriffe gegen Ziele in der gesamten Golfregion fort und weitete diese sogar noch aus. Zuletzt gab es mehrere Meldungen von Drohnenattacken auf Kuwait und Saudi-Arabien, in beiden Ländern wurden die US-Botschaften leicht getroffen.
Die Strategie scheint dabei klar zu sein: Mit den Drohnen- und Raketenschlägen sollen den USA und Israel empfindliche Treffer versetzt werden, um sie zum Abbruch der Militäroperation zu bewegen. Flankiert werden diese Attacken mit Luftangriffen auf zivile Ziele in den Golfstaaten, auf die Schifffahrt im Persischen Golf und sogar auf eine Ferieninsel im Mittelmeer.
Im engsten Führungszirkel in Teheran gebe es ein tiefsitzendes psychologisches Problem, sagt der Iran-Experte Beni Sabti aus Tel Aviv. Der inzwischen getötete Anführer Ali Khamenei und seine Berater hätten bis zuletzt das Gefühl gehabt, sie seien die Auserwählten und könnten das iranische Imperium zurückbringen.
«Die ganze Führungsriege besteht nur noch aus Radikalen», sagt der aus dem Iran stammende Sabti.
Sogar nach dem Tod des Ajatollahs und den schweren Bombardierungen seien sie davon überzeugt.
Vor diesem Hintergrund ist die Absage des obersten iranischen Sicherheitsbeamten an Donald Trump vom Wochenende zu sehen. Ali Larijani verkündete, dass er, trotz Trump-Angebot, nicht mit den USA verhandeln werde. «Keine Gespräche», hiess es aus Teheran. Stattdessen setzt der Iran auf Eskalation. Ein Überblick.
Zypern und die Golfstaaten
«Es hörte sich an wie ein schnelles Motorrad», beschreiben Einwohner des zyprischen Dorfes Akrotiri die anfliegende Drohne, die kurz nach Mitternacht auf der Landebahn der britischen Militärbasis auf Zypern einschlug. Die Streitkräfte wurden in «höchste Alarmbereitschaft» versetzt.
Auf der Ferieninsel herrschte am Montag Panik. Es war das erste Mal seit der türkischen Militärinvasion von 1974, dass Zypern aus der Luft angriffen wurde.
«Der Iran hat strategisch entschieden, die Attacke auszuweiten», sagt Eyal Hulata, ehemaliger Leiter des israelischen Nationalen Sicherheitsrats. Teheran nimmt nicht nur Ziele in Israel und amerikanische Basen in der Region ins Visier, sondern feuert Raketen und Drohnen auch auf zivile Ziele und Energieanlagen in Saudi-Arabien, Kuwait oder Bahrain.
Am Montag musste das grösste Flüssiggas-Terminal der Welt im katarischen Ras Laffan nach iranischen Angriffen vorübergehend geschlossen werden. Auch die Raffinerie im saudischen Ras Tanura, die grösste auf der Arabischen Halbinsel, stellte ihre Produktion ein, weil Teile der Anlage nach einem iranischen Raketenangriff in Brand geraten waren.
Das Ausmass der Geschosse, die auf die Golfstaaten niederprasseln, überrascht: «Die Vereinigten Arabischen Emirate verzeichneten am Samstag und Sonntag so viele iranische Raketenangriffe wie Israel», sagt Hulata, der auch als Nationaler Sicherheitsberater des Premierministers in Jerusalem amtierte.
Der Iran erhoffe sich, dass diese Länder Druck auf die USA ausüben, deren Angriffe einzustellen. In diesem Kontext müsse man auch die Attacke auf Zypern sehen, sagt Hulata. Allerdings scheint der Schuss bislang nach hinten loszugehen:
Zweifellos gilt aber: Die Angriffe auf die benachbarten Staaten durch den Iran lösen in diesen Ländern Unsicherheit aus. Nebst den Angriffen auf militärische und politische Ziele sowie die Energieinfrastruktur kam es beispielsweise auch in den Wüsten-Metropolen Dubai, Abu Dhabi oder Doha zu Explosionen und Schäden.
Auch wenn Dubai, einer der weltweit wichtigsten Flugverkehrs-Knotenpunkte, mittlerweile angekündigt hat, den Betrieb wiederaufnehmen zu wollen: Tausende Touristen von überall auf der Welt stecken fest und sind von den Angriffen betroffen.
Damit treffen die Iraner einen wunden Punkt. Der Ruf der vermeintlich so sicheren und beliebten Feriendestinationen in der Golfregion leidet – ob die Angriffe langfristig den Tourismus als Wirtschaftszweig der Staaten zu schädigen vermögen, ist noch nicht abzuschätzen.
Hisbollah steigt ein
Seit der Nacht auf Montag kämpft der Iran auch nicht mehr allein. Die schiitische Hisbollah-Miliz aus dem Libanon ist in den Krieg eingetreten und feuert Raketen auf Israel. «Das kommt nicht unerwartet», sagt Ex-Sicherheitsberater Hulata.
Im vergangenen Jahr hat die israelische Armee der Hisbollah schwere Verluste zugefügt. Doch offenbar hat sich die Miliz – auch mit iranischem Geld – zumindest teilweise erholt. In der Nacht flogen Raketensalven und Drohnen in Richtung der israelischen Stadt Haifa. Die Geschosse konnten abgefangen werden, wobei sich erste Meldungen als falsch erwiesen, Israel habe die Abschüsse mit seinem revolutionär-neuen Laser-Flugabwehrsystem «Iron Beam» erzielt.
Israel antwortete umgehend mit einem Gegenschlag gegen Hisbollah-Stellungen. Die Armee tötete mehrere hochrangige Funktionäre, unter anderem den Hisbollah-Geheimdienstchef Hussein Mukalled. Zuvor wurden die Bewohner von rund 50 Ortschaften im Süden des Libanon aufgerufen, die Region zu verlassen. Es bildeten sich lange Staus auf den Strassen Richtung Norden.
Und die Hisbollah ist nicht allein: Der «Islamische Widerstand im Irak», ein Bündnis proiranischer Milizen, hat nach eigenen Angaben am Montag 23 Drohnenangriffe auf US-Stützpunkte im Irak gestartet. Seit den frühen Morgenstunden seien Dutzende Drohnen gegen «feindliche Basen» eingesetzt worden, teilte die Gruppierung in einer Erklärung mit.
Die «New York Times» zitierte zwei ranghohe irakische Verteidigungsbeamte, die erklärten, die US-Luftabwehr habe die Drohnen abgefangen. Zudem bekannten sich die Milizen zu einem separaten Drohnenangriff auf das Camp Victory am Flughafen Bagdad, wo US-Soldaten stationiert sind. Eine der Drohnen soll auf dem Gelände einer nahegelegenen irakischen Militäreinrichtung niedergegangen sein.
Weitere Milizen, etwa die Huthis im Jemen, könnten folgen.
Übrige Schauplätze
Einen besonders gravierenden Rückschlag erlitten die USA nicht durch den Iran, sondern durch die Hand eines Verbündeten. Als bereits verschiedene Videos im Netz kursierten, die einen abstürzenden Kampfjet zeigten, bestätigte das US-Zentralkommando am Montagmorgen den Abschuss von drei F-15E durch die kuwaitische Flugabwehr.
Die sechs beteiligten Piloten und Systemoffiziere hätten sich allesamt mit dem Schleudersitz retten können, hiess es in der Mitteilung. Weitere Videos im Netz zeigten, wie die US-Flieger nach der Landung mit dem Fallschirm von Zivilisten geborgen wurden. In einem Fall soll ein Kuwaiter mit einer Eisenstange auf den Piloten losgegangen sei, weil er ihn für einen Iraner hielt. Das Missverständnis habe sich jedoch rasch aufgeklärt.
Der Verlust von drei Hochleistungs-Kampfjets durch Abschuss am selben Tag ist für die USA ein seit der Operation «Desert Storm» 1991 im Irak nie mehr dagewesenes Ereignis. Das US-Zentralkommando kündigte eine Untersuchung an, während Kuwaits Verteidigungsministerium mitteilte, es seien bereits Gegenmassnahmen zur Vermeidung weiterer Friendly-Fire-Zwischenfälle ergriffen worden.
Gemäss unbestätigten Berichten seien die drei F-15 durch Patriot-Raketen aus US-Produktion abgeschossen worden. Zum Vergleich: Im 12-Tage-Krieg im vergangenen Jahr verloren die USA und Israel kein einziges Flugzeug im Kampfeinsatz. (aargauerzeitung.ch/con)
