Viktor Orbáns Gegner wird im Wahlkampf mit einem Sexvideo erpresst
Selten standen die Vorzeichen für Ungarns Opposition so gut wie in diesen Tagen. Laut der neuesten Umfrage vom Freitag liegt die TISZA-Partei von Péter Magyar zehn Prozentpunkte vor dem Orbán-Lager. Sämtliche Versuche, den Aufstieg von Péter Magyar zu bremsen, sind bisher gescheitert – obwohl staatsnahe Medien wechselweise versuchen, die TISZA-Partei entweder komplett zu ignorieren oder mit voreingenommenen Kampagnen zu diskreditieren. Das Lager von Ministerpräsident Viktor Orbán scheint bei dieser Ausgangslage zunehmend nervös.
In dieser Woche nahm der Wahlkampf in Ungarn aber eine unappetitliche Wendung: Oppositionsführer Péter Magyar trat vor die Medien und erklärte, dass er mit einem heimlich aufgenommenen Sexvideo erpresst würde. Unbekannte sollen ihn in einer privaten Wohnung gefilmt haben, als er sich nach dem Sommerfest seiner Partei mit einer Ex-Freundin traf und mit ihr Sex hatte. Magyar sprach von einer geheimdienstähnlichen «Spionageaktion nach russischem Vorbild». Er vermutet, dass Leute aus Viktor Orbáns Umfeld hinter der Aktion stecken.
Wieder wird eine Ex für ihn zum politischen Problem
Das erwähnte Video ist bisher noch nicht aufgetaucht, im Internet wurden nur einzelne Bilder eines abgedunkelten Zimmers veröffentlicht. Schnell begannen im Internet und in staatsnahen Medien allerdings Spekulationen, was auf dem Video zu sehen ist. Unter anderem wurde behauptet, dass die Aufnahme Magyar und seinen Partei-Vize bei einem Akt zu dritt zeigen soll. Für Magyar als Politiker aus einer konservativen Partei wäre das im Wahlkampf verheerend. Entsprechend schnell warnte er davor, dass Teile der Aufnahmen manipuliert sein könnten. Sein Partei-Vize sei an jenem Abend nämlich nicht dabei gewesen.
Magyar räumte ein, in der Wohnung hätten mehrere Personen Drogen konsumiert. Er selbst habe nichts genommen, sagte er, ein Drogentest sei negativ ausgefallen. Am Freitag kündigte er eine Anzeige gegen unbekannt an.
Für den Oppositionsführer ist die Affäre heikler als vergangene Kontroversen wie der Datenleck-Skandal vom letzten November, bei dem Privatinformationen von Parteimitgliedern im Internet auftauchten. Denn der jetzige Vorfall trifft Magyars politisches Selbstbild. Der 44-Jährige kam erst vor wenigen Jahren eher unvermittelt in die ungarische Politik: Seine damalige Ehefrau – Orbáns Justizministerin – musste im Zuge einer Affäre um eine umstrittene Begnadigung (im Kontext eines Kindesmissbrauch-Falls) zurücktreten. Magyar brach daraufhin im Februar 2024 mit Orbán und wurde selbst zum Politiker.
Internationale Schützenhilfe gegen den unbeliebten Orbán
Sein wichtigstes Argument gegenüber den Wählerinnen und Wählern war seither der Anspruch, mit Korruption und Vetternwirtschaft im Land aufzuräumen und sich als Saubermann von der Orbán-Partei abzusetzen. Mit den neuen Vorwürfen gerät dieses Image nun weiter unter Druck. Das Orbán-Lager freut sich derweil, dass das Sexvideo von den Problemen der Regierung ablenkt. Namentlich von einem Umweltskandal rund um die Samsung-Akkufabrik im Ort Göd bei Budapest.
Péter Magyar versucht nun, die Drohung um sein Sexvideo bestmöglich zu ignorieren und mit dem politischen Tagesgeschäft weiterzumachen. Direkt an die Adresse von Viktor Orbán gerichtet sagte Magyar: «Diese korrupte Macht hat noch genau 59 Tage im Amt übrig.» Er werde sich nicht einschüchtern oder erpressen lassen – und kündigte an, am Wochenende bei der Sicherheitskonferenz in München aufzutreten. Dort will er den deutschen Kanzler Merz und Polens Ministerpräsidenten Donald Tusk treffen. Es ist ein Auftritt, der ihn schon jetzt wie einen Regierungschef wirken lässt: als wäre die Machtübernahme nur noch eine Frage der Zeit.
Ob diese Strategie aufgeht, wird sich in den nächsten Wochen zeigen: Entscheidend ist, ob die Wählerinnen und Wähler die Schmutzkampagne gegen Magyar höher gewichten als die zahlreichen Korruptionsaffären, die Orbáns Regierung seit Jahren begleiten. Sicher scheint derzeit nur, dass der Ton in Ungarns Politik weiter verrohen wird – und bis zur Wahl im April noch mancher Griff in die unterste Schublade der Politrhetorik folgt.
