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Ostkongo weiterhin unter Kontrolle von M23-Rebellen: Das ist der Alltag

260127 -- GOMA, Jan. 27, 2026 -- A member of the March 23 Movement M23 rebel group is seen on patrol in Goma, eastern Democratic Republic of the Congo DRC, Jan. 27, 2026. One year after Goma, a region ...
Das Militär der M23-Rebellen überwacht das gesamte öffentliche Leben im Ostkongo.Bild: www.imago-images.de

Ostkongo: Belagert, aber nicht von M23-Rebellen befreit

Seit gut einem Jahr regieren die M23-Rebellen in Ostkongo. Wer nicht spurt, muss Gewalt, Haft oder Tod fürchten. So sieht der Alltag im Land heute aus.
28.02.2026, 21:1628.02.2026, 21:16
Constantin Leclerc / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

«Um drei Uhr nachts habe ich die Wehen gespürt. Aber ich habe mich nicht getraut, ins Krankenhaus zu fahren», erzählt Malaika Mumbere. Ihren richtigen Namen will sie nicht öffentlich lesen, wie alle, die hier zu Wort kommen. Mumbere lebt im Ostkongo, wo die selbst ernannte Bewegung des 23. März weite Teile der rohstoffreichen und fruchtbaren Provinzen Nord-Kivu und Süd-Kivu besetzt. Die Miliz, auf Französisch kurz M23, schleust ihre Leute als Bürgermeister, Gouverneure, Richter und Aufpasser für jeden Strassenzug ein. Wer sie kritisiert, lebt gefährlich.

«Ich hatte solche Angst um das Baby.»
Malaika Mumbere

Mumbere fürchtete, dass eine Patrouille sie für eine Diebin halten könnte, wenn sie mitten in der Nacht unterwegs wäre. «Dann knallen sie dich sofort ab.» Sie quälte sich bis zum Morgen, hoffte inständig, dass das Kind nicht zu Hause ohne Hebamme auf die Welt kommen würde. Und was, wenn ein Kaiserschnitt notwendig würde? «Es war schrecklich, ich hatte solche Angst um das Baby. Aber zum Glück habe ich es gerade noch rechtzeitig in den Kreisssaal geschafft», erzählt die junge Frau. Unabhängig überprüfen lässt sich ihre Geschichte letztlich nicht, aber wer mit Menschen in der Region spricht, hört immer wieder Ähnliches.

People leave following a mass service in honour of Floribert Bwana Chui Bin Kositi, at a catholic church in Goma, Democratic Republic of Congo, Sunday June 15, 2025. (AP Photo/Moses Sawasawa)
Vatican  ...
Die Kämpfe in Goma sind vorbei, aber freier sind die Menschen nicht.Bild: keystone

Als die Rebellen in die Provinzhauptstädte Goma und Bukavu einmarschierten, riefen sie: «Habt keine Angst! Wir befreien euch!» Ein gutes Jahr später haben viele Menschen Angst und befreit fühlen sich nur wenige.

Mumbere ist in ständiger Sorge um ihren Mann, ihre Brüder, ihre Cousins und ihre Freunde. Die Rebellen würden Männer verschleppen und an die Front schicken, sagt sie. Auch die Organisation Human Rights Watch wirft der M23 Zwangsrekrutierung und Hinrichtungen vor – ebenso wie den Milizen, die mit der Regierungsarmee gegen die M23 kämpfen.

Ein seit Jahrzehnten ungelöster Konflikt

Der Konflikt im Ostkongo reicht bis in die belgische Kolonialzeit zurück. Umsiedlungen und Streitigkeiten um Land, Ressourcen und politischen Einfluss lösen seither immer wieder Kämpfe aus. 2021 griff die M23 erneut zu den Waffen. Ihre Begründung: Sie müsse die Volksgruppe der Tutsi schützen. Die M23 ist die stärkste von mehr als hundert bewaffneten Gruppen. Jene formieren sich meistens entlang ethnischer Zugehörigkeit und setzen die Interessen ihrer Gemeinschaft mit Gewalt durch.

Mumbere berichtet von einem Freund, den die Rebellen verhaftet hatten, als sie wieder einmal ein Stadtviertel abriegelten und alle jungen Männer mitnahmen. Die Häscher hätten ihren Bekannten halb tot geprügelt und mit anderen in einen Container gesperrt, der in der prallen Sonne stand. «Sie haben ihnen kein Wasser gegeben, einige sind verdurstet», sagt Mumbere. Die Leichen hätten die Rebellen im Container liegen lassen. Ihrem Freund sei vom Gestank der Verwesung schlecht geworden.

epa11854866 People carry their belongings as they flee the fightings between the M23 rebels and the Armed forces of the Democratic Republic of Congo (FARDC), in Mugini, North Kivu province, Democratic ...
Vertriebene Menschen im Kongo.Bild: keystone

Immerhin ist er wieder freigekommen. Manchmal müssen die Familien mehrere Hundert Dollar Lösegeld bezahlen. Andere Söhne und Väter kommen nie mehr zurück. «Wir wissen nicht, ob sie ihn getötet haben, ob er in einem Folterverlies ist oder an der Front», klagt eine Frau, deren Schwager in einer Bar verhaftet wurde, als er ein Bier zu viel getrunken hatte. Das Schlimmste für die Familie sei, dass «wir uns nicht mit einer Trauerfeier von ihm verabschieden können». Vielleicht lebe er ja noch. 

Die Ausbeutung geht weiter

Die M23 erhält Unterstützung vom Nachbarland Ruanda. Es schickt Soldaten, Waffen und bildet die Kämpfer aus. Dafür liefern die Rebellen nach Informationen der Vereinten Nationen Bodenschätze, die sie im Ostkongo plündern. Allein die Minen bei Rubaya, einem Ort in den Masisi-Bergen nahe bei Goma, produzieren 15 Prozent des Coltans, das die Industrie weltweit in Handys, Computern, Herzschrittmachern oder Hörgeräten verbaut. Erst vor wenigen Wochen kostete ein Erdrutsch dort mehreren Hundert Menschen das Leben. Darunter waren Kinder und Frauen, die in den Minen arbeiteten. Die Rebellen führen das Geschäft unter denselben prekären Arbeitsbedingungen für die Kleinschürfer fort, wie zuvor die Firmen, die ihre Lizenz von der Regierung in der Hauptstadt Kinshasa bekamen.

FILE - Former members of the Armed Forces of the Democratic Republic of Congo (FARDC) and police officers who allegedly surrendered to M23 rebels arrive in Goma, Congo, Sunday, Feb. 23, 2025. (AP Phot ...
Die M23-Rebellen regieren jetzt auf ihre Weise in Goma.Bild: keystone

Dabei versprachen die Milizenführer der Bevölkerung, dass sie der Willkür und der Korruption ein Ende setzen würden. Sie haben die marodierenden Regierungssoldaten vertrieben oder getötet, die zuvor die Bevölkerung ausraubten. Sie haben die Strom- und Wasserleitungen repariert, flicken Schlaglöcher, teeren Strassen, veranstalten Gottesdienste und Fussballspiele, und sie regeln den Verkehr. Anders als zuvor die Polizisten des Kinshasa-Regimes erpressen die Ordnungshüter der M23 bisher kein Geld von den Autofahrern und Taxichauffeuren. Die Polizisten tragen allerdings Gewehre wie an der Front. Alle halten sich jetzt an die Verkehrsregeln.

Als die M23 die Macht übernahm, glaubten einige Unternehmer in Goma, dass es nun wirtschaftlich bergauf gehen würde in einer der ärmsten Regionen der Welt. «Sie werden mit der Korruption aufräumen, wie in Ruanda», sagt ein Investor, der technische Geräte importiert. Bei den Nachbarn seien Steuern und Einfuhrzölle transparent.

Inzwischen kappen viele Firmen und Hilfsorganisationen ihre Projekte in den besetzten Gebieten und entlassen massenhaft Mitarbeiter. «Die Miliz überzieht uns mit exorbitanten Steuern und fadenscheinigen Vorschriften, die uns das Geschäft unmöglich machen», klagt ein Firmenchef. Es ist ohnehin ein Balanceakt, in den besetzten Gebieten zu arbeiten. Die Rebellenführer stehen unter internationalen Sanktionen. Wer mit ihnen kooperiert, riskiert, sich strafbar zu machen.

epa12224760 Worshippers take part in the transfer of the remains of Blessed Floribert Bwana Chui in Goma, North Kivu, Democratic Republic of Congo, 08 July 2025. Congolese customs officer Floribert Bw ...
Katholische Gläubige in der Provinz Nord-Kivu.Bild: keystone

Das alltägliche Leben stockt

Als eine Delegation deutscher Unternehmer nach Goma einreisen wollte, um den Markt zu sondieren, hielt die M23 sie an der Grenze auf. Die Miliz erkannte die Visa nicht an, die die kongolesische Botschaft in Berlin ausgestellt hatte. Die Geschäftsleute mussten noch einmal Visa bei den Rebellen kaufen. Auch humanitäre Helfer müssen an der Grenze bei der M23 Visa bezahlen. Manchmal verwehrt ihnen die Miliz aber auch schlicht die Einreise. Die offiziellen Ausländerbehörden annullieren im Gegenzug die Visa, die die M23 ausstellt. Entwicklungshelfer, die im Rebellengebiet und in den unbesetzten Gebieten arbeiten, haben deshalb zwei Pässe oder sie überreden die M23, dass sie das Visum auf ein Extradokument stempelt statt in den Pass.

In den besetzten Gebieten sind die Banken und die Flughäfen seit einem Jahr geschlossen. Die Automaten sind leer. Kreditkarten besitzen im Kongo ohnehin nur wenige Menschen. Wer Geld von seinem Bankkonto abheben will, muss über Ruanda und Uganda in die unbesetzte Stadt Beni fahren. Sie liegt 350 Kilometer nördlich von Goma. Wegen der anhaltenden Kämpfe ist es zu gefährlich, durch den Kongo zu reisen. Die meisten Kongolesen lassen sich an der Grenze provisorische Dokumente ausstellen, weil sie keinen Pass haben. Die M23 und die offiziellen Beamten der Immigration zerreissen die Papiere der jeweiligen anderen Seite, sodass die Reisenden für eine Hin- und Rückfahrt dreifach bezahlen müssen. Pro Person kommt das auf umgerechnet 85 Euro, Kosten für Bus, Taxi, Benzin oder Hotel nicht eingerechnet.

«[Die Kinder] weinen und zittern vor Angst.»
Chantal Kabuya

«Es ist ein Albtraum», klagt Chantal Kabuya. Ihr Mann arbeitet bei einer Bank – eigentlich. Weil die Filiale in Goma geschlossen ist, bekommt er nur einen Bruchteil seines Gehalts. «Wir können uns sonntags keinen Ausflug mehr mit den Kindern leisten», schimpft sie. Und das, wo die Kleinen von den Kämpfen völlig traumatisiert seien. «Wenn mir der Deckel des Kochtopfs herunterfällt, rennen sie unter den Tisch, weinen und zittern vor Angst», erzählt Kabuya.

Seit Monaten Verhandlungen

Zum Trauma kommen die Sorgen ums Geld. Die M23 habe die Gebühren für die Grundschule wieder eingeführt, die die Regierung gerade abgeschafft hatte, sagt die Mutter von fünf Kindern. Jeder Haushalt müsse jetzt zudem für die Müllabfuhr bezahlen, auch wenn man zu Hause einen Komposthaufen habe und den Restmüll verbrenne. Die umgerechnet zwei Euro pro Monat mögen gering erscheinen. Aber für arme Leute ist das ein Tageseinkommen. Zudem reut Kabuya das Geld, weil die M23 den Müll unregelmässig abhole und den Abfall auch nur auf eine offene Deponie kippe.

Vor Kurzem seien die Rebellen wiedergekommen, um die Müllabgabe einzutreiben. «Ich hatte aber kein Geld mehr. Da haben sie meinem Mann vor den Kindern gedroht, dass sie ihn zusammenschlagen», sagt Kabuya. Sie ärgert sich auch über den Putzdienst, den die Rebellen jeden Samstag von acht bis elf Uhr verlangen. Die Kehrwoche sei Pflicht und werde kontrolliert. «Wenn du nicht spurst, riskierst du eine Tracht Prügel.»

«Europa wird der Verlierer sein.»
Jean-Claude Mputu, stellvertretender Direktor von Resource Matters

Die M23, der Kongo und Ruanda verhandeln seit Monaten direkt und indirekt miteinander. Sie haben mehrmals Waffenstillstände vereinbart, und unter dem Druck von Washington haben Ruanda und der Kongo sogar einen Friedensvertrag geschlossen. Nur halte niemand den Waffenstillstand ein, sagt Jean-Claude Mputu, stellvertretender Direktor der Nichtregierungsorganisation Resource Matters. Und der Washington-Vertrag diene in erster Linie den USA, die sich damit den privilegierten Zugang zu den Bodenschätzen sicherten. Die USA wollten die Dominanz der Chinesen im Kongo zurückdrängen. «Europa wird dabei der Verlierer sein», sagt Mputu.

Jetzt auf

Auch die Menschen in den besetzten Gebieten erhoffen sich wenig von den Gesprächen. «Wie es uns geht, ist doch allen egal», sagt Kabuya. Ihr stecke immer noch der Kampf um Goma in den Knochen. 3000 Tote in drei Tagen. Sie erzählt von einer Bekannten, die ihr kleines Mädchen im Hof begraben musste, weil die Leiche zu verwesen begann. Ohne Pfarrer, ohne Segen. So einen Schock müsse man erst mal verkraften.

Vor Kurzem feierte die M23 «ein Jahr Befreiung». Ihre Führer jubelten über gepflasterte Strassen und den Beginn einer neuen Ära im Kongo. Beileid für die Angehörigen der Toten hörte man nicht.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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