«Ich habe mich langsam selbst zerstört»: Wie John Galliano abstürzte
Oktober 2010, Paris. Auf der Terrasse des Restaurants La Perle im 3. Arrondissement kommt es zu einem Streit zwischen zwei italienischen Touristinnen und einem allein sitzenden Gast in einer Ecke. Der Mann wirkt seltsam, trägt einen schwarzen Hut und einen Schnurrbart. Seine Augen sind müde, die Pupillen gerötet. Ohne zu wissen, dass er gefilmt wird, sagt der Mann in holprigem Englisch zu den Frauen:
Ohne sich von den empörten Ausrufen der anderen Tischnachbarn beeindrucken zu lassen, fährt der Mann fort: «Eure Mütter, eure Väter wären vergast und tot gewesen, verdammt. Ihr seid hässlich!»
«Mein Gott, Sie haben ein Problem», empört sich die Kundin.
Ein Problem, ja, das hat er. Dieser Mann ist John Galliano. Und in dem Moment, als er diese rassistischen und antisemitischen Beleidigungen den Frauen gegenüber ausstösst, durchlebt der Kreativdirektor von Maison Dior die schlimmste Phase seines Lebens.
Das gequälte Genie
Dabei hatte er alles: Talent, Geld, Erfolg, lobende Kritiken, liebe Freunde und sogar die Unterstützung seiner mächtigen Vorgesetzten bei der LVMH-Gruppe. Nach den entbehrungsreichen 80er- und 90er-Jahren schaffte es der in Gibraltar geborene Sohn eines Klempners durch Talent, Durchhaltevermögen und die richtigen Begegnungen, an die Spitze von zwei der grössten Modehäuser der Welt: zunächst Givenchy, fast direkt danach Dior.
Genialer Designer, Marketing-Ass und exzentrischer Showman: John Galliano begeisterte über viele Jahre mit seinen Auftritten auf den Laufstegen – mal als Pirat, Musketier, Torero oder Astronaut – seine straffen, glänzenden, geölten Bauchmuskeln präsentierte er dem gebannten Publikum.
Der Magnat Bernard Arnault gewährt ihm «carte blanche» und erlaubt ihm alle Extravaganzen. Es muss gesagt werden: Seine Kreationen sind heiss begehrt. Unter der Leitung des Briten hat sich Dior, Anfang der 90er noch als verstaubt und überholt angesehen, mehr als vervierfacht in seinem Umsatz und seine Boutiquenanzahl verzehnfacht.
Der Abstieg in die Hölle
Der Schein trügt jedoch. Hinter den spektakulären Auftritten und dem Erfolg eines extravertierten und mutigen Künstlers erstickt John Galliano. Seit dem Tod seines Vaters 2003 geht er allmählich unter. Das hindert ihn jedoch nicht daran, wie ein Besessener zu arbeiten und bis zu 32 Kollektionen pro Jahr zu produzieren.
Mitten im Trubel und den schlaflosen Nächten dient ihm Alkohol nun als «Krücke». Nicht, dass er ihn zum Schaffen oder Arbeiten benötigt hätte. «Ich habe ihn benutzt, um mich von den Shows zu erholen», erklärte er 2013 gegenüber Vanity Fair. «Es brauchte ein paar Tage, um wieder auf die Beine zu kommen, wie bei allen. Aber mit der steigenden Zahl an Shows kamen die Tiefs häufiger, und ich wurde abhängig.»
Der Todesstoss ereignete sich im April 2007, mit dem Verlust seines Freundes und seiner langjährigen rechten Hand, Steven Robinson, der tot in seiner Pariser Wohnung aufgefunden wurde, mit sieben Gramm Kokain im Blut. Steven, der Mann, der «ihn vor allem beschützte».
Schon geschwächt, stürzt John Galliano ab. Zu seiner Alkoholabhängigkeit kommen nun Valium, Bromide, Amphetamine und Schlafmittel hinzu. Von da an kann er nicht mehr schlafen gehen, ohne alle seine Flaschen neben dem Bett aufgereiht zu haben – Wodka, Wodka-Tonic, Wein, egal. «Ich habe mich langsam selbst zerstört», sagt er 2024 dem Regisseur Kevin McDonald.
Zur Zeit von Stevens Beerdigung ist John kaum noch fähig zu funktionieren. «Wir alle haben gesehen, wie er abstürzte. Und es war schwer, ihn so leiden zu sehen», erzählt eine Freundin im Dokumentarfilm Luxe, la fabrique du rêve (2024).
Doch John versteckt den Kopf im Sand. Er zeigt seinen muskulösen Körper und wiederholt jedem, der es hören will, dass es kein Problem gibt.
Die Konsequenzen
Ein neuer Vorfall im selben Restaurant La Perle im Februar 2011 sorgt für eine Explosion. Diesmal hält ein völlig betrunkener John Galliano einem Paar eine Schimpftirade. Anders als beim Vorfall im vergangenen Oktober, der relativ unbemerkt blieb, bis ein Video wieder in britischen Boulevardmedien auftauchte, ist dieses Mal das Urteil sofort und unumstösslich.
Wenige Tage später wird John Galliano als künstlerischer Leiter bei Dior abgesetzt. Insgesamt werden gegen den Designer drei verschiedene Vorwürfe wegen Äusserungen erhoben, obwohl dieser betont, sich nicht an die Ereignisse der Nacht 2010 zu erinnern. «Als alle kamen, um mir zu sagen, dass ich diese schrecklichen Worte gesagt hatte, lief ich wie betäubt umher und verstand kaum, was geschehen war.»
Ich hatte das Gefühl, ein Bus oder Lkw würde mich mit voller Geschwindigkeit streifen und meine Beine würden bluten. Ich war vor Angst gelähmt.
Für den verletzten, erschöpften Künstler ist es Zeit, sich behandeln zu lassen. Am 1. März 2011 wird er für mehrere Wochen in ein Entzugszentrum in Arizona aufgenommen und muss fast alles abgeben, was er mitgebracht hat – einschliesslich der Autobiografie von Keith Richards, Life, die er bei sich hatte.
Die ausgestreckte Hand
Die Rettung kommt von einer langjährigen Freundin des Designers: einer gewissen Kate Moss. Dieselbe Freundin, der er vor vielen Jahren das Laufen auf dem Laufsteg beibrachte, bevor sie eines der berühmtesten Topmodels aller Zeiten wurde. Das Geheimnis? Schultern nach hinten, Becken nach vorne. Damit die sinnlichen Negligé-Kleider optimal zur Geltung kommen, die sich um den Körper legen wie Butter auf einer Scheibe Toast.
Wenn sie ihn einige Wochen nach Beginn seiner Genesung kontaktiert, dann hat Kate eine ganz besondere Bitte, die sie schon zu der Zeit geäussert hatte, als er noch bei Dior arbeitete: Ihr Hochzeitskleid zu entwerfen.
Und das Ergebnis erfüllt alle Erwartungen: ein Kleid im Stil der 1920er Jahre, romantisch, verziert mit goldenen Pailletten in Form eines Phönix. Als Vorzeichen für die Wiedergeburt des Künstlers. Bei der Zeremonie weinen die Menschen. «Die Gäste standen auf und applaudierten John. Es war ein Moment voller Emotionen, denn John erkannte plötzlich, dass er nicht mehr allein war», erinnert sich Kate Moss.
Der Aufstieg
Nach seiner Entziehungskur in den USA zieht sich John Galliano zusammen mit seinem Anwalt in die Schweiz zurück, um sich auf den Prozess vorzubereiten, der ihn im Sommer erwartet. 2011 für schuldig befunden (ein Urteil, gegen das er nicht in Berufung geht), wird sein Weg zur Reue noch Jahre dauern.
Bis nach Monaten der Ächtung durch die Modebranche ihm bei einem Tee ein Mann ein rettendes Angebot macht: die künstlerische Leitung von Maison Margiela zu übernehmen, die seit dem Weggang ihres Gründers, des belgischen Designers Martin Margiela, fünf Jahre zuvor, ohne festen Kreativchef war.
Es ist ein Schlüsselmoment. «Ich hatte Zweifel – fragte mich, ob ich die richtige Person sei, ob ich dazu fähig sei – aber nach diesem Satz dachte ich: Ich glaube, ich kann es versuchen», wird John zehn Jahre nach seinem Amtsantritt in Vogue US erzählen.
Im Laufe des folgenden Jahrzehnts baut sich John Galliano, während er traumhafte Stücke für sein neues Zuhause Maison Margiela entwirft, neu auf. Nüchtern in jeder Hinsicht. Zurückhaltender und diskreter zieht er sich von den Laufstegen und Medien zurück, um in seiner Pariser Wohnung und seinem Atelier zu arbeiten, die er nie verlassen hat.
Er wird die Regel nur im Januar 2024 brechen, bei der Präsentation seiner letzten Kollektion. Eine letzte triumphale und faszinierende Haute-Couture-Show, die folgenlos bleibt. John Galliano verlässt Maison Margiela auf dem Höhepunkt seiner Kreativität, stolz, voller Hoffnung für die Zukunft des Hauses und erfüllt.
Gerüchte kursieren. Weggehen – aber wohin? Und wozu? Mit 64 Jahren wirkt der hyperaktive Designer noch lange nicht bereit, in den Ruhestand zu gehen oder sich zurückzuziehen.
Getreu seinem Ruf als Freigeist wendet sich nun eine der ikonischsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Modegeschichte einer Marke zu, bei der man es nicht erwartet hätte: Zara, mit der er gerade eine zweijährige künstlerische Partnerschaft unterzeichnet hat. Und auf ihre verrückten Ideen, wartet man schon gespannt. (fwa)
