Das ist aus Gianni Infantinos Wahlversprechen und Reformwillen geworden
26. Februar 2016. Heute vor zehn Jahren wurde Gianni Infantino Präsident der Fifa. Nach der Ära von Sepp Blatter sollte Infantino den Fussball-Weltverband in eine bessere, ruhigere, transparentere und demokratischere Zukunft führen. Er schien der richtige Mann dafür. Der damals 45-jährige Infantino, zuvor Uefa-Generalsekretär, nannte sich in einem Interview «demütig und geerdet» und sagte: «Das Geheimnis ist immer, selber zu wissen, woher man kommt und was man macht. Und wir machen Fussball.» Diese Zeitung bezeichnete den Walliser mit italienischen Wurzeln in einem Kommentar sogar als «jovialen Secondo».
Knapp zehn Jahre später, am 5. Dezember 2025, überreichte Infantino während der Auslosung der WM-Gruppen in Washington dem US-Präsidenten Donald Trump einen Friedenspreis. Jetzt schrieb diese Zeitung: «Gianni Infantino begibt sich mit der Anbiederung an Trump nochmals einen Schritt weiter in Teufels Küche.» Ist Infantino auf seinem Weg irgendwann falsch abgebogen? Oder hat er alle getäuscht und bloss umgesetzt, was er schon immer vorhatte?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, lohnt sich ein Rückblick auf die Tage Ende Februar 2016 in Zürich. Es war Freitagabend im Hallenstadion, als der frisch gewählte Fifa-Präsident Gianni Infantino vor den Fifa-Kongress trat, vor die 207 Delegierten, welche ihn zur Mehrheit soeben gewählt hatten. Er, der Sprachgewandte, war fast sprachlos. Er könne seine Emotionen kaum ausdrücken, sagte er. Und immer wieder: «Uff!»
Forsche Töne im Fifa-Museum
Am gleichen Tag hatte der Kongress nicht nur den Präsidenten gewählt, sondern auch ein Reformpaket verabschiedet. Ein zentraler Punkt: die Beschneidung der Macht des Präsidenten. Er soll nicht mehr Sonnenkönig sein wie Sepp Blatter vor ihm, sondern bloss noch Vorsitzender des Fifa-Rats. Mehr beraten und repräsentieren, weniger regieren.
Einen Tag später eröffnete Infantino beim Bahnhof Zürich-Enge das Fifa-Museum und sprach zu den Weltmedien. Und schnell wurden aus Demut und «Uff!» kernige Sätze. Etwa: «Ich glaube nicht, dass ich vom Fifa-Kongress gewählt wurde, um Botschafter zu sein. Ich bin gewählt worden, um Leader zu sein, um der neue Leader der Fifa zu sein.» Innerhalb von weniger als 24 Stunden zeigte sich: Infantino war ein Wolf im Schafspelz gewesen.
Im Wahlkampf hatte er sich «Good Governance» auf die Fahne geschrieben. Wer auf Eigenschaften wie Transparenz oder Rechenschaftspflicht hoffte, wurde enttäuscht. Schon im ersten Jahr boxte Infantino im Kongress durch, dass der Fifa-Rat, dessen Vorsitzender eben er ist, alle Mitglieder der Audit- und Compliance-Kommission, der Ethikkommission, der Disziplinarkommission und der Governance-Kommission würde bestimmen und entlassen können.
In der Tat wurde vor dem Fifa-Kongress 2017 den Chefs der Ethikkommission, dem Chefermittler Cornel Borbély und dem Richter Hans-Joachim Eckert, ohne Angabe von Gründen mitgeteilt, dass sie nicht mehr zur Wiederwahl nominiert wurden. Seither steht die neu besetzte Ethikkommission unter dem Verdacht der Einflussnahme durch die Fifa-Spitze. Von wegen unabhängige Gremien. Von wegen Check and Balances.
Infantino ist bestimmt kein Reformist
Und andere Punkte der Reformen? Hebelte Infantino nach und nach aus. Etwa diesen: Nach den skandalträchtigen Vergaben der WM-Endrunden an Russland (2018) und Katar (2022) unter Blatter sollten die WM-Austragungsländer nicht mehr im Rahmen von Doppelvergaben gewählt werden. Ausserdem sollten diese Entscheide vom ganzen Kongress gefällt werden und nicht mehr von einem kleinen Zirkel wie dem früheren Exekutivkomitee.
Das macht die WM-Vergabe demokratischer. Aber: Vor knapp zwei Jahren brachte Infantino im Kongress eine Statutenänderung durch, wonach der Fifa-Rat bei Bedarf beschliessen darf, dass doch zwei WM-Endrunden beim gleichen Kongress vergeben werden können.
Das war an sich noch keine Abkehr von einem demokratischen Prozess. Doch es war insofern ein statutarischer Winkelzug, weil er letztlich darauf ausgelegt war, die WM 2034 an Saudi-Arabien zu vergeben. Denn die Endrunden 2030 und 2034 wurden nun am gleichen Tag vergeben, am 11. Dezember 2024. Das machte den Weg frei für Saudi-Arabien, das aufgrund des zügigen Vergabeprozesses, nämlich ganze zehn Jahre vor dem WM-Termin, einziger Bewerber war.
Apropos einziger Bewerber. Kennen Sie Mattias Grafström? Wahrscheinlich nicht. Er ist seit etwas mehr als zwei Jahren Generalsekretär der Fifa und sollte gemäss den Reformen von 2016 eigentlich der starke Mann sein im Weltverband. Eben jene Position bekleiden, welche das Alltagsgeschäft bestimmt, während der Chef, also Infantino, eher präsidial repräsentiert.
Nun, Grafström folgte im Herbst 2023 auf Fatma Samoura, welche nach Infantinos Wahl sieben Jahre lang Generalsekretärin war. Sie hatte eher wenig Ahnung vom Fussball, agierte im Hintergrund. Grafström war ihr Vize. Infantino und er kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei der Uefa. Er ist ein Generalsekretär von Infantinos Gnaden.
Infantino hielt Wort: mehr WM-Teilnehmer, mehr Geld
Reformen, Good Governance, WM-Vergabe, Generalsekretär. Viele Erwartungen hat Infantino nach seiner Wahl nicht erfüllt. Aber es gibt auch den anderen Infantino. Derjenige, der durchaus Wort gehalten hat. Der umgesetzt hat, was er im Vorfeld seiner Wahl vor zehn Jahren angepriesen hatte.
Zwei zentrale Wahlversprechen gab er damals ab. Die Vergrösserung des Teilnehmerfelds der WM-Endrunde. Von 32 auf 40, davon redete er zunächst. Es wurde schliesslich schon ein Jahr nach seiner Wahl beschlossen, dass ab 2026 48 Teams bei der WM teilnehmen. Auch die Teilnehmerzahl der Frauen-WM stieg unter Infantino an. Von 24 auf 32.
Ob Männer oder Frauen: Infantinos Gleichung ist einfach. Mehr Spiele, mehr Geld. Und damit zum zweiten grossen Wahlversprechen, den Geldern an die Verbände. Es war damals in Zürich das schlagendste Argument. Unter Infantino steigerte die Fifa ihre Umsätze in den Vierjahresperioden von rund 5 Milliarden Dollar auf 7,6 Milliarden für den Zeitraum von 2019 bis 2022 – trotz Corona-Pandemie. Für den aktuellen Zyklus 2023 bis 2026 sind rund 11 Milliarden budgetiert.
Rund 90 Prozent des Umsatzes werden unter Infantino in den Fussball reinvestiert. In die Infrastruktur, in die Nachwuchs- und Frauenförderung. Der Schweizerische Fussball-Verband erhielt von der Fifa für den Zyklus 2019 bis 2022 acht Millionen Franken. Das waren zwei Millionen mehr als zuvor. Tendenz steigend.
Mehr WM-Teilnehmer, mehr Geld, weniger Demokratie. Das passt nur wenigen in der Fussball-Welt nicht. Namentlich den Nord- und Westeuropäern. Und deshalb sitzt Infantino so fest im Sattel, dass er 2019 und 2023 ohne Gegenkandidat im Amt bestätigt wurde. Im nächsten Jahr wird es nicht anders sein. Infantino wird dann seine Jahre 12 bis 15 im Amt antreten.
Und was ist mit der statutarisch festgelegten Amtszeitbeschränkung auf drei Mal vier Jahre? Die greift bei Infantino noch nicht, weil er von 2016 bis 2019 «nur» die Amtszeit von Sepp Blatter beendet hatte. So wurde das einst beschlossen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. (aargauerzeitung.ch)
