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Filmregisseur Michael Steiner, links, Schauspieler Joel Basman als Motti, Mitte, und Schauspielerin Noemie Schmidt als Laura, unten, besprechen die Aufnahme auf dem Set waehrend dem Dreh zum Film

Regisseur Steiner (links) mit seinen beiden Stars Joel Basman (bärtig) und Noémie Schmidt (blond). Bild: KEYSTONE

Was macht den harten Mann so zart? Die Geheimnisse hinter «Wolkenbruch»

Der einstige Zürcher Bad Boy Michael Steiner hat aus dem Bestseller von Thomas Meyer eine hinreissende Komödie gemacht. Wie kommt's? Uns hat er alles erzählt. Und noch ein paar lustige Anekdoten mehr.



Als ich vor 22 Jahren nach Zürich kam, war «der Steini» ein Liebling des Stadtgesprächs. Er hatte gerade «Nacht der Gaukler» gedreht, schwarz-weiss, radikal, etwas zwischen frühem Godard und spätem Tarkowski. Der Film lief auch in irgendeiner Sektion in Cannes und alle, die darin mitspielten, begriffen sich als neue Gesichter der europäischen Arthouse-Avantgarde.

Der Name «Michael Steiner» wurde mit Ehrfurcht gewispert, an dem Mann klebten so viele Gerüchte wie Pailletten an der Monroe.

Ich habe den Film bis heute nicht gesehen, dafür viele andere. «Mein Name ist Eugen» (nationaler Lieblingsfilm), «Grounding – Die letzten Tage der Swissair» (beste Schweizer Dokufiction ever), «Sennentuntschi» (schöner Alpengrusel), «Das Missen Massaker» (kein Kommentar).

Und jetzt also «Wolkenbruch», die sensible, lustige, hinreissende Verfilmung des Bestsellers von Thomas Meyer. Ein unsicherer junger Zürcher Jude verliebt sich darin in eine schöne Nichtjüdin, eine Schickse. Und da besteht nun doch einiges an Redebedarf. Ich schreibe: Michael, zeig mir dein Zürich! Er bestellt mich in eine Bar in Hottingen, sie ist klein und bunt und heisst «Bar am Egge».

Der Trailer

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Video: YouTube/DCM

Hinter dem Tresen steht Samantha. Vor Hottingen gehörte sie zu den Ladies in der Olé-Olé-Bar an der Langstrasse und damit zu Zürichs unerschütterlichsten Tresenkräften. Was Michael Steiner höllisch imponiert. Schliesslich führte er selbst mal eine Beiz, den Bären in Rapperswil, wo er als Sohn einer Lehrerin und eines Drogisten gross geworden ist. Samantha strahlt und ist so sehr sein Zürich, wie das ein Mensch eben sein kann.

Vielleicht ist «Wolkenbruch» nicht zuletzt wegen Samantha so rührend geworden.

Michael, frag ich, stimmt der Eindruck, dass du in «Wolkenbruch» mehr Gefühle, mehr Empathie investiert hast als in all deine andern Filme? «Ja, das liegt aber auch am Stoff», sagt er, «in einem Buch kannst du etwas behaupten – zum Beispiel, dass sich die sexy Schickse in den ungelenken Motti verliebt –, da machen sich dann alle ihre eigenen Bilder dazu. Im Film ist das anders. Da hängt alles an der Plausibilität dieser Liebesgeschichte. Ich hab deshalb noch nie so intensiv Schauspieler gecastet und mit ihnen gearbeitet, ich wollte, dass die Leute Buch und Film als ebenbürtig wahrnehmen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn es heisst: Das Buch war besser.»

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Eine Mutter ist eine Mutter ist eine – fürs Publikum sehr lustige – Zumutung. Inge Maux mit Filmsohn Joel Basman. Bild: dcm

Und weil die Liebesgeschichte so wichtig war, wurde auch eine Frau mit einem Frauenblick beigezogen, die Produzentin Anita Wasser nämlich. Für den Film dürfte dies eine existenziell wichtige Entscheidung gewesen sein. «Thomas Meyer ist ein Mann, ich bin ein Mann und es geht um eine Liebesgeschichte. Deshalb sagte ich von Anfang an, ich will den Blick einer Frau haben. Ich sagte zu Thomas: Hör auf die Frau! Wir Männer ... nein, wir sind nicht wirklich unsensibel, wir sehen gewisse Dinge einfach nicht!»  

Apropos Frauen: Der «Tages-Anzeiger» hatte geschrieben, Steiner sei ein Mann, der Frauen noch «Busle» nenne. Ehrlich?

«Höchstens ironisch! Für mich war immer klar: Alles Wissen kommt von den Frauen, wird von ihnen weitergegeben. Selbst wenn meine Mutter am Herd stand und Mittagessen kochte, dachte ich: Wow, sie weiss alles. Sie sagte mir schon früh: Michael, Frauen sind das Schönste, was es gibt. Sie hatte recht.»

«Wolkenbruch» – vom Buch zum Film

Sein Vater (Udo Samel) verkauft Versicherungen. Seine Mutter (Inge Maux) ist Mutter. Und hat für ihren Sohn einen Verkupplungsmarathon organisiert. Eine Brautschau in der jüdischen Community. Doch der schüchterne Motti (Joel Basman) verliebt sich lieber in die nichtjüdische Kommilitonin Laura (Noémie Schmidt) mit dem süssen französischen Accent. Eine sterbende Wahrsagerin (Sunnyi Melles) und eine sextouristische Reise nach Tel Aviv tun das Ihre.

Der Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» von Thomas Meyer hat sich über 100'000 Mal verkauft. Michael Steiner hat den dialogstarken Stoff verfilmt und daraus das liebevolle Porträt eines Zürichs gemacht, wie es im Film tatsächlich noch nie zu sehen war. 

Vom 18. bis 24.10. läuft «Wolkenbruch» in Basel, Bern und Zürich im Lunchkino über Mittag. Ab 25.10. in der ganzen Deutschschweiz im regulären Kinoprogramm.

«Wolkenbruch» ist eine echte romantische Komödie. Mit umverteilten Geschlechterrollen. Motti ist die nicht ganz einfache Prinzessin, die unbedingt einen Prinzen finden muss und will und aus Liebeskummer auch mal herzzerreissend heult. Seine Laura dagegen kommt auf ihrem Velo wie auf einem weissen Pferd daher, ist stark und cool und bleibt immer «etwas in der Luft, ein Ideal, wie im Märchen. Ich wollte ihr nicht zu viel Bodenhaftung geben, sonst geht der Zauber verloren».

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Die Schöne (Noémie Schmidt) ist ein bisschen ein Biest. Aber wirklich schön. bild: dcm

Motti lebt im Zürcher Stadtteil Wiedikon, dem Kreis 3. Im traditionell jüdisch orthdoxen Viertel also, wo auch Steiner vierzehn Jahre lang gelebt hat. Er kennt dort alles, Mottis Welt zu drehen war für ihn ein Heimspiel. Von Laura erfährt man nichts, weder über Herkunft noch Zukunft, bloss, dass sie im Kreis 5, auch bekannt als Züri West, lebt. Wieso gerade da? «Zürich sieht überall ähnlich aus. Der Kreis 5 ist anders, mobiler, industrieller, nicht so touristisch.» Was für Einheimische den Film umso vertrauter macht. Da sind tausend Orte, Bars, Brücken, Strassen, wo wir auch sind. Täglich. Ein Film wie eine kleine Heimat.

Für Motti ist Lauras Stadtkreis fremd und aufregend, er entdeckt in Züri West tatsächlich den Westen. Weshalb da auch kein Klezmer spielt wie in Mottis Quartier, sondern die Bieler Rockband Death by Chocolate. Wieso gerade die?

«Ich hab die Band per Zufall in Solothurn im Kofmehl gesehen. Weil ich nach Solothurn gefahren war, um einen Baum zu klauen.»

Einen was? «Einen Baum! Für unseren Garten! Ich kann ja nicht gut in Zürich einen Baum im Wald klauen, da kommt sofort ein Förster, also dachte ich, im Solothurnischen ist das einfacher. Mehr Wald und weniger Förster und keiner kennt mich. Samantha und ich machten ein Wochenende lang Airbnb, am Sonntagmorgen gingen wir mit einem Spaten in den Wald auf der Suche nach einem jungen Baum, ich fand einen, er war perfekt. Leider war der Spaten morsch. Der Stiel brach beim ersten Stich entzwei. Dafür hab ich Death by Chocolate mit nach Zürich genommen.» Besser die Band als den Baum.

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In Tel Aviv macht Motti erfolgreich Ferien von seinem krümeligen Zürcher Alltag. bild: dcm

Michael, bist du eigentlich der neue Kurt Früh? Der hatte auch diese Art, in seinen Filmen das kleine, junge und alles andere als reiche Zürich zu zeigen. Das Langstrassenquartier in «Bäckerei Zürrer» und «Hinter den sieben Geleisen». Die Betonblöcke der Agglo in «Der Fall». Und immer wieder die brutale Backstage-Tristesse des Sechstagerennens. «Schön wär's! Ich hab vor dem Dreh seine Filme nochmals geschaut. Ich wollte wissen, wie er damals Zürich erzählt hat. Und hell yeah, Früh ist immer noch Masterclass! <Der Fall> ist mein Lieblingsfilm, Frühs Sprung in die Moderne nach den Kleinbürgerfilmen.»

Wieso trinken wir eigentlich keinen Champagner? Ist das nicht Michaels Lieblingsgetränk? «Nein.»

Champagner der Marke Krug? «Nein, stimmt nicht.» Stand aber so in der Zeitung. «Stimmt trotzdem nicht! Die Geschichte dahinter geht anders. Ich war an einer Krug-Degustation im Dolder. Da gab's diesen 2003er-Vintage. Die Tester tranken alle nur einen kleinen Schluck, aber ich fand das Zeug so wahnsinnig geil, dass ich einfach die anderen Gläser auch geleert habe und als ich die alle weg hatte, sogar der Flasche hinterhergerannt bin. Natürlich war ich aufgrund des heftigen Konsums einigermassen verhaltensauffällig. Danach hatte ich ein schlechtes Gewissen. Deshalb schwärmte ich in der Zeitung von diesem wirklich grossartigen Champagner. Aber mein Lieblingsgetränk ist Gin Tonic. Wie im <Wolkenbruch>.»

Fühlt er sich von den Medien eigentlich oft missverstanden? Wenn wieder und wieder auf den jetzt doch schon ein Jahrzehnt zurückliegenden Geschichten von Konkurs, Koks und Kokotten herumgeritten wird?

Swiss director Michael Steiner, seated, poses with the cast of the movie

Eine typische Carpet Inszenierung. Michael Steiner posiert vor Locarneser Wildkatzentapete mit seinen Missen aus dem «Missen Massaker» (2012). Bild: KEYSTONE

«Nein. Aber in jedem Artikel wird mir garantiert irgendwas zugeschrieben, was ich nicht bin. Das fällt mir natürlich auf. Ich steck ja in meiner Haut. Rote Teppiche sind das eine, das sind Inszenierungen, das macht auch richtig Spass. Sonst entspricht das Bild, das ich gegen aussen verkörpere, nicht dem Bild, das ich von mir habe. Das sind zwei verschiedene Michael Steiner.» So geht es Stars eben. «Ich bin ein Mittelklassekind, das vermutlich eine spezielle Begabung in Sachen Film hat. Und als solches suche ich den Rummel eigentlich gar nicht.» Lassen wir das mal so stehen.

Das Wunder von «Wolkenbruch» heisst natürlich Joel Basman, 28, Sohn eines israelischen Modedesigners aus Tel Aviv, aufgewachsen im Kreis 4, oft in ernsten Rollen besetzt, als Problemjugendlicher zwischen Aggression und Depression.

Selten sieht man Basman in grossen Komödienrollen, dabei ist er virtuos und unendlich liebenswert. Mottis leicht rötliche Locken sind eine Perücke. Darunter hatte Joel Basman während des Drehs nämlich gar keine Haare. Er pendelte gerade zwischen dem kahlgeschorenen Nazi Rudolf Höss in der Arte Dokufiction «Krieg der Träume», einem russischen U-Boot-Soldaten in «Kursk» und dem Zürcher Juden Motti Wolkenbruch. Eine kleine Randnotiz in Sachen Haare: In Zürich wie in Tel Aviv, wo Mottis erstes Mal in aller Pracht vollzogen wird, wurden für die orthodoxen Juden im Film zeigefreudige bärtige Hipster-Statisten gecastet. So macht man das heute.

Wolkenbruch

Okay, alle Zürcher kreischen jetzt: «Der Eisenbahnwagen am Letten!!!» Genau. Nicht nur für Motti und Laura ein Lieblingsort. Bild: dcm

Vier Jahre lang hat Michael Steiner mit seiner Ex-Frau und seinen beiden Kindern auf den Philippinen gelebt und beim Wiederaufbau der Stadt Tacloban nach dem Monstertaifun Haiyan geholfen. Wie kam ihm die Schweiz nach der Heimkehr 2016 vor? «Wie das Paradies. Je länger du in der dritten Welt lebst, desto genauer erkennst du, wie korrupt alles ist und wie krass zivilisiert wir hier in vielen Belangen sind. Und dass dies alles mit Bildung zu tun hat. Irgendwann wird dir fadengrad bewusst: Bildung ist das allergrösste Gut und das macht uns zu den Menschen, die wir sind. Mit diesem Herz, das wir als Schweizer haben.»

Haben wir denn ein besonders grosses Herz? «Ja. Wenn es hart auf hart kommt, hilft der Schweizer. Nicht jeder natürlich. Und auch nicht im Alltag.» Ausser, der Alltag findet sich im Film. Oder in einer kleinen, bunten Bar in Hottingen.

THE END.

Die Geschichte des Staates Israel in 3 Minuten

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Video: srf

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Baba 17.10.2018 16:55
    Highlight Highlight Einmal mehr wunderbar geschrieben! Danke, Frau Meier 🌹🌹🌹
    10 0 Melden
  • So en Ueli 17.10.2018 13:23
    Highlight Highlight Das Buch war super spannend, freue mich auf den Film.
    17 0 Melden
  • Lina-Lou 17.10.2018 13:04
    Highlight Highlight Toll geschrieben! Da freu' ich mich nochmals mehr auf die Premiere Morgen abend!
    12 1 Melden
    • Statler 17.10.2018 14:09
      Highlight Highlight Hmmm, laut Arthouse Homepage läuft der Film um 12 Uhr Mittags als Lunch-Special (der Regisseur isst mit).

      Offizielle Premiere wäre glaub's am 25.10.

      Aber ich kann mich auch irren...
      1 1 Melden
    • Lina-Lou 17.10.2018 17:41
      Highlight Highlight Morgen abend 20.30 Uhr Premiere in Bern mit Regisseur und Hauptdarsteller Joel 😉
      6 0 Melden
  • 's all good, man! 17.10.2018 12:52
    Highlight Highlight Oh, Frau Meier, du hast (mal wieder) die Texte schön! 😍

    Bin sehr gespannt auf den Film. Um romantische Liebeskomödien würde ich normalerweise ja einen weiten Bogen schlagen, aber das Buch von Meyer habe ich geliebt. Deshalb werde ich mir ausnahmsweise wieder mal einen Kinoabend gönnen.
    17 2 Melden
  • cyrill.kuechler 17.10.2018 12:49
    Highlight Highlight Der Grund, warum wir Watson lieben! Danke für diesen tollen Artikel.
    18 1 Melden
  • Scooby doo 17.10.2018 12:35
    Highlight Highlight Super! Wieder mal ein guter film der in die Kinos kommt! Und yeah...Death by Chocolate...rocken ohnehin geil😀😁😎😍👍👍
    14 1 Melden
  • Mira Bond 17.10.2018 12:26
    Highlight Highlight Tolle Film-Kritik! Macht Spass zu lesen!
    26 2 Melden
  • zeusli 17.10.2018 11:45
    Highlight Highlight Herrlich geschrieben 😊
    49 5 Melden
    • Simone M. 17.10.2018 12:05
      Highlight Highlight Das freut mich, merci!
      21 3 Melden
    • iisebahnerin 17.10.2018 13:18
      Highlight Highlight @Simone: Siidefiine Schreibstil!
      Will jetzt subito nullkommanixplötzli is kino!
      17 1 Melden

Lieber Röbi Rapp, leb wohl! Als Queer-Pionier bleibst du unsterblich. Merci!

Röbi Rapp und Ernst Ostertag lebten 62 Jahre lang die vielleicht grösste Liebesgeschichte der Schweiz. Ein Nachruf.

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