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Netflix-Doku: In «Escaping Twin Flames» gehen zwei Liebes-Gurus zu weit

escaping twin flames jeff und shaleia
Shaleia und Jeff gründeten eine Datingwebseite, die zu einer sektenähnlichen Organisation wuchs.Bild: screenshot netflix

«Twin Flames» wurde von einer Datingseite zur Sekte – das steckt hinter der Netflix-Doku

Mit dem Versprechen, den Seelenverwandten zu finden, lockt «Twin Flames» liebeshungrige Menschen in die Fänge von zwei Internet-Gurus. Die Dokumentation von Netflix erzählt eine bedrückende Geschichte von Machtmissbrauch.
21.11.2023, 17:39
Corina Mühle
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Es ist Freitagabend und ich sitze mit einem aufgewärmten Teller Pasta und einem Glas Weisswein auf dem Sofa. Während Netflix startet (mein TV braucht immer Ewigkeiten), überlege ich mir, ob ich zum hundertsten Mal «Friends» starten soll. Doch in diesem Moment erinnere ich mich an ein Reel, dass ich eine Stunde zuvor gesehen habe. Es ging um eine neue Dokumentation einer Internetsekte, «Escaping Twin Flames».

Das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen!

Die Doku startet relativ harmlos mit einem Onlinedatingportal namens «Twin Flames». Dort können sich einsame Töpfe anmelden, um ihren ultimativen Deckel zu finden. Das ist zumindest das Versprechen der Seite. Die Idee von den Gründern Jeff und Shaleia ist, auch Onlinekurse anzubieten. Diese sollen die Mitglieder bei ihrer Partnersuche unterstützen.

Sein «Twin Flame» zu finden ist aber viel mehr, als nur einen Partner kennenzulernen. Es soll die kraftvollste Begegnung zweier Seelen sein, die ein Mensch erleben kann. Eine heftige Aufgabe, die sich Jeff und Shaleia vorgenommen haben.

escaping twin flames
Shaleia und Jeff. Ein Vorzeigepaar – oder?Bild: screenshot netflix

Schnell wird klar, dass das Ganze nicht so unschuldig ist, wie es aussieht. Während eines dieser Onlinemeetings wird einer jungen Frau eingeredet, dass ein zehn Jahre älterer Straftäter, der sie auf Facebook angeschrieben hat, ihr Twin Flame sei. Sie müsse sich nur mal mit ihm treffen. Was sie dann auch tut. Einer anderen Frau wird nahegelegt, einen Mann exzessiv zu stalken. Bis dieser eine einstweilige Verfügung gegen sie einreicht – Jeff und Shaleia nutzen diese Gelegenheit, um wieder die Frau herunterzumachen.

Wie tausende andere Menschen glauben auch diese beiden Frauen fest daran, was ihnen von den selbsternannten Gurus erzählt wird. Die beiden haben es ja geschafft – sie haben ihren Deckel gefunden.

Doch auch da trügt der Schein. Je mehr Aufnahmen dieser Meetings gezeigt werden, desto mehr wird klar, dass Jeffs Verhalten gegenüber Shaleia immer aggressiver wird. Sie soll das Maul halten und den Mann sprechen lassen.

Plötzlich kommt Jesus ins Spiel

Es sind hauptsächlich Frauen, die in der Dokumentation zu Wort kommen. Sie wurden von ihrem Umfeld abgeschnitten, mussten den Kontakt zu ihrer Familie abbrechen. Als die Community wuchs, gab es immer mehr zu tun und ihnen wurden Jobs gegeben. Jemand war für Social Media verantwortlich, jemand anderes schnitt die Coachingvideos und so weiter. Das wenige Geld, das sie dafür erhielten, investierten sie wieder in die Seite – sie bezahlten für die nächsten Videos. Und von denen gab es immer noch eins und noch eins und noch eins. Einen zweiten Job ausserhalb der Community durften sie aber nicht haben. Ihr ganzes Leben drehte sich also nur noch um «Twin Flames».

Mothers of Twin Flames victims (L to R) Louise, Debbie, and Maxine
Ob sie ihre Kinder je wiedersehen werden? Die Mütter von «Twin Flames»-Opfern tauschen sich aus.Bild: netflix

Während einige Mitglieder Geldprobleme hatten, lebten Jeff und Shaleia ein gediegenes Leben. Sie nahmen genug Geld ein, um sich eine Luxusvilla mit Pool leisten zu können.

Als sie herausfanden, dass sie Steuern sparen können, indem sie sich als Religion anmelden, kam auch noch Jesus ins Spiel. Sie gründeten die Church of Union. Plötzlich predigte Jeff religiöse Ideologien, die vorher nie wichtig waren. Oder zumindest nicht so stark.

Auch sein Äusseres veränderte sich, und er glich mit langen blonden Haaren und Vollbart immer mehr dem Abbild von Jesus. Gegenüber einer Frau sagte er: «Wie kannst du es wagen, deinen Gott zu hinterfragen?» – und meinte damit sich selbst. Es sollte nicht seine einzige Aussage bleiben, in der er sich mit Jesus oder Gott vergleicht.

Gezielte Queerfeindlichkeit

Dass es Homosexualität nicht gebe, behauptet Jeff aber nicht erst, seit die Organisation einen religiösen Weg eingeschlagen hat. Das predigte er seit Beginn. Eine bisexuelle Frau erzählt, dass ihr gesagt wurde, dass sie ab sofort hetero sei. Keine Widerrede.

Von dieser Entwicklung der Dokumentation bin ich leider wenig überrascht. Doch was als Nächstes kommt, damit habe ich nicht gerechnet. Denn während lesbische und schwule Personen «nicht existieren», sieht es bei trans Menschen ganz anders aus. Eine trans Frau, die von Anfang an dabei ist, wurde sogar als Aushängeschild für Diversität bei «Twin Flames» verwendet. Sie hat inzwischen den Ausstieg geschafft.

escaping twin flames
War lange das Aushängeschild für Diversität: trans Frau Arcelia.Bild: netflix

Als Jeff und Shaleia die Männer auszugehen schienen, um neue Paare zu bilden, weisten sie Frauen entweder eine männliche oder weibliche Energie zu. Diese Einordnung musste man akzeptieren. Sie verkuppelten Frauen miteinander und diejenige mit der maskulinen Energie musste sich ab sofort auch so verhalten. Die meisten schnitten die Haare kurz und kleideten sich «männlicher». Einige gingen noch einen Schritt weiter und unterzogen sich einer Mastektomie.

Keine leichte Kost. Gerade, weil ja die queere Community dafür steht, dass sich alle so ausdrücken können, wie sie wollen. Nicht, wie es ihnen aufgezwungen wird.

Ein schwieriges Thema auch für die Mütter von den Mitgliedern der Gruppe. «Ich fragte mein Kind, seit wann es weiss, dass es trans ist. Es sagte, seit es bei ‹Twin Flames› dabei ist», erzählt eine Mutter unter Tränen.

Was Netflix hier richtig macht: Sie ordnen die Situation ein. Dr. Cassius Adair, der selbst trans ist und in diesem Bereich forscht, erklärt, dass das, was bei «Twin Flames» passiert, die absolute Ausnahme ist:

«Niemand, der das Gender-Thema ernst nimmt, glaubt, dass sich die Menschen in zwei Kategorien einteilen lassen. Sexualität und Gender ist etwas, was du selbst erforschen musst.»

Dr. Cassius Adair in Escaping Twin Flames
Dr. Cassius Adair ordnet die Ereignisse bei «Escaping Twin Flames» ein.Bild: netflix

Für Adair ist diese Zuteilung ganz klar eine Ausübung von Macht. Die freie Expression von Sexualität und Gender sei für Jeffs und Shaleias Geschäftsmodell eine Gefahr und sie versuchten diese deshalb zu kontrollieren.

Gibt es «Twin Flames» noch?

Lange her ist die Geschichte, die Netflix mit den Aussteiger*innen erzählt, noch nicht. Die meisten haben den Ausstieg letztes Jahr geschafft und versuchen, sich nun so gut wie möglich wieder in die Gesellschaft einzuleben. Sei das jetzt den Kontakt zu den Eltern wieder aufzubauen oder studieren zu gehen.

Auch arbeiten mehrere Frauen zusammen, um genügend Beweise gegen «Twin Flames» zu sammeln, um eine polizeiliche Ermittlung zu eröffnen.

Offiziell als Sekte wurde «Twin Flames» bislang nicht eingestuft. Jedem, der «Escaping Twin Flames» schaut, wird aber schnell klar, dass die Akademie mit den Onlinekursen definitiv einer Sekte ähnelt und nicht weit davon entfernt ist. Die Online-Gurus Jeff und Shaleia operieren immer noch unter Church of Union und verlangen Tausende Franken von ihren Mitgliedern für ihre Onlinekurse.

Das Ganze aufgedeckt hat die «Vanity Fair»-Journalistin Alice Hines vor drei Jahren. Im Oktober hat auch Amazon eine Doku zu «Twin Flames» veröffentlicht: «Seelenverwandter verzweifelt gesucht – die Tücken des Twin Flames Universums».

Die letzte Nudel ist gegessen, der letzte Tropfen Wein getrunken und der Abspann flackert über den TV.

Was bleibt? Unmut.

Unmut darüber, dass Leute, die Liebe finden wollten, so krass ausgenutzt wurden. Unmut darüber, dass es diese Kirche immer noch gibt. Und Unmut darüber, dass die eine marginalisierte Community wegen dieses selbsternannten Internet-Jesus noch mehr leiden muss.

«Escaping Twin Flames» ist auf Netflix verfügbar und besteht aus drei Folgen, die alle knapp eine Stunde lang sind.

Hier kannst du den Trailer schauen:

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22 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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maylander
21.11.2023 17:58registriert September 2018
Interessant wäre es zu wissen wieso da fast keine Männer mitgemacht haben. Sonst sind ja die Männer im Online Dating angeblich benachteiligt.
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Remus
21.11.2023 20:59registriert Dezember 2016
Ich fand die Doku sehr gut. Unter anderem weil sie zeigt wie Skrupellos solche "Gurus" ihre Schäfchen ausnehmen.
Es wurde immer abstrakter und das "Universum" Baby gab mir den Rest....
Leider fallen auch heute noch Menschen auf diese 2 lölis rein.
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22
«Habe Angst, dass mich meine bisexuelle Freundin für eine Frau verlässt»

Hallo miteinander!

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