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«Es müssen nicht alle Menschen Sex abfeiern»

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«Es müssen nicht alle Menschen Sex abfeiern»

Die LGBTQ-Aktivistin und Polit-Influencerin provoziert auf Social Media und Podien. Nun hat Anna Rosenwasser das Buch geschrieben, das ihr in ihrer Jugend gefehlt hat.
23.02.2023, 07:23
Anna Raymann / ch media
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Inzwischen hängen sogar Unternehmen die Regenbogenfahne raus, die Pride wird selbstbewusst gefeiert. Braucht es heute noch ein Buch über «queeres Lieben und Leben»?
Es ist verlockend, zu glauben, dass wir in Sachen Gleichstellung bereits alles erreicht haben, weil man sich dann entspannt zurücklehnen könnte. Tatsache ist aber, dass die Schweiz im europäischen Vergleich betreffend LGBT-Freundlichkeit auf Rang 19 liegt. Das ist miserables Mittelmass!

Anna Rosenwasser (1990) schreibt hauptberuflich über Geschlecht und Anziehung.
Anna Rosenwasser (1990) schreibt hauptberuflich über Geschlecht und Anziehung.Bild: Brandertainment/Linda Kastrati

Und wer sollte das Buch lesen?
Ich habe beim Schreiben an Leute gedacht, die noch nicht im Thema drin sind. Ich erlebe im Alltag von vielen Menschen eine Überforderung mit all den Begriffen und Buchstabenketten.

Beginnen wir doch gleich mit dieser Buchstabenkette LGBTQI. Das B hat darin für Sie einen besonderen Platz. Was bedeutet es?
Das B steht für Bisexualität, per Definition bezeichnet es Menschen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen. Und für mich steht es dafür, dass das meiste in unserem Leben nicht so binär ist, wie wir meinen. Wir wachsen mit der Vorstellung auf, dass es «die Normalen» und die «Homosexuellen» gibt, doch dazwischen und ausserhalb gibt es noch sehr viel mehr.

In einem Ihrer Texte schreiben Sie, dass Ihr persönliches Outing vor Ihrer Mutter gleichzeitig auch ein Letting-in war – also die Bereitschaft, jemanden an seinem Leben teilhaben zu lassen. Wie kann das gelingen?
Es kann helfen, wenn man Informationen weitergibt. Man muss nicht selbst zu «Queer-Wikipedia» werden, aber man kann den Leuten sagen, wo sie sich mit den Themen beschäftigen können: Artikel, Podcasts, Filme oder auch Organisationen und Gruppen.

In Ihren Texten beziehen Sie sich immer wieder auf Pop-Songs, auf Miley Cyrus, Queen und Katy Perry. Warum eignen sie sich, um über sexuelle Orientierung zu sprechen?
Ich habe relativ spät zum Feminismus gefunden, weil mich die übliche, akademische Herangehensweise abgeschreckt hat. Populärkultur schafft eine Zugänglichkeit, die gerne unterschätzt wird. Und Feminismus muss für alle zugänglich sein, denn er betrifft alle.

Insbesondere Katy Perry erwähnen Sie öfters …
Ich glaube die Lektorin hat es sogar einmal gestrichen, weil es so oft vorkam, ja (lacht).

Warum?
Ihr Song «I Kissed a Girl» ist ein gutes Beispiel dafür, welche Präsenz Bisexualität in unserer Gesellschaft hat. Ich meine damit das Konzept, dass Frauen in einer Beziehung zwar andere Frauen küssen dürfen, weil das erstens nicht richtig zählt und zweitens der Mann es auch ein bisschen heiss findet. Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden! Dahinter steht die Annahme, dass die einzig valide Liebe diejenige zwischen Mann und Frau sein soll und dass, wenn Frauen miteinander was haben, es nur für den männlichen Blick ist. Der Inhalt solcher Lieder, die wir mitsingen, zu denen wir tanzen, prägt eben auch den Blick, den wir auf die Welt haben.

Sie verwenden in Ihrem Buch auch genderneutrale Formulierungen. Warum?
Wenn man akzeptiert hat, dass es nicht nur mehr als ein, sondern mehr als zwei Geschlechter gibt, zeigt sich das fast automatisch auch in der Sprache. Es mag überraschen, aber gendersensible Sprache ist mir als Thema nicht besonders wichtig. Ich setze mich nicht primär dafür ein, dass wir irgendein Sonderzeichen einführen – auch wenn ich sie beim Schreiben verwende – ich setze mich dafür ein, dass weniger Queers sterben. Das hängt zusammen, aber die Sonderzeichen sind nicht meine Priorität.

Trotzdem, vielerorts wird die Gendersprache zur Pflicht. Sie wird den Leuten aufgezwungen.
Ich glaube, der Eindruck, dass einem etwas aufgedrängt wird, kann nur daher kommen, dass man bis jetzt nicht wahrgenommen hat, wie viele queere Menschen es in der Schweiz gibt. Dass diese nun eine gewisse Sichtbarkeit fordern, empfinden einige als unangenehm, da dies viele unserer Normen in Frage stellt.

In anderen Momenten drücken Sie sich alles andere als sensibel aus. Sie schreiben von Schlampen und «schwuchteligen» Männern. Wollen Sie provozieren?
Alles, was wir Frauen machen, sollen wir in Zuckerwatte packen, dagegen wehre ich mich. Der Begriff «Schlampe» ist eine Abwertung einer Existenz – nämlich einer sexuell selbstbestimmten Frau –, die ich nicht akzeptiere. Daher bediene ich mich einer Technik namens «Reclaiming», ich erobere mir also solche Begriffe mit Stolz zurück.

Die wenigsten Frauen würden sich wohl tatsächlich als «stolze Schlampen» bezeichnen. Sind sie zu verklemmt?
«Verklemmt sein» ist doch auch wieder ein Vorwurf, der sich vor allem gegen Frauen richtet.

Dennoch, Sie schreiben in einer Stelle, sie hätten gerne früher von feministischen Pornos gewusst. Fehlt es an Angeboten für die weibliche Lust?
Ja, aber es wird besser. Mir geht es jedoch nicht darum, dass alle Menschen Sex abfeiern müssen. Sondern darum, dass alle, egal ob Mann oder Frau, egal ob mit vielen, wenigen oder gar keinen Sexpartnern, ihre Sexualität selbstbestimmt ausleben können.

Ihr Buch soll einen Beitrag dazu leisten. Kann man es auch als Aufklärungsbuch lesen?
Man darf (lacht). In meinem Buch geht es um queere Identitäten und um Sexualität, weil ich mich für beides interessiere. Es ist aber nicht dasselbe. Lesbische und schwule Personen kommen häufiger – als Fetisch – in der Pornografie vor als im Aufklärungsunterricht. Das ist ein Problem, weil eine queere Identität nichts inhärent Sexuelles ist.

Ist Ihr Buch damit auch eines, das Sie als Teenager gerne gelesen hätten?
Unbedingt! Teenage-Anna hätte es gelesen, aber sie hätte es sehr skeptisch getan. Als ich das erste Mal ein feministisches Buch gelesen habe, habe ich anderen nur mit einem Augenverdrehen davon erzählt.

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132 Kommentare
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ILikeTheRain
23.02.2023 09:30registriert Oktober 2020
"Ich glaube, der Eindruck, dass einem etwas aufgedrängt wird, kann nur daher kommen, dass man bis jetzt nicht wahrgenommen hat, wie viele queere Menschen es in der Schweiz gibt."

Es gibt, prozentual gesehen, ja auch nicht viele und trotzdem ist das Thema omnipräsent.

Mich persönlich interessiert das einfach nicht, wer sich als was definiert oder wer auf was oder wen steht. Jeder soll das ausleben können, was ihn befriedigt, solange dabei niemand zu Schaden kommt.
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El_Chorche
23.02.2023 08:37registriert März 2021
Anfangs fand ich das Genderthema wichtig und richtig - mittlerweile sehe ich es eher als Macht- und Kohlescheffelinstrument.

Der übliche Ablauf halt:
1. wichtiges Thema kommt auf's Tapet
2. Bewegung erhält Zulauf
3. Geschäftemacher merken, dass es was zu holen gibt
4. die Schrillen und Schrägen kapern das Thema
5. das Thema verkommt zu einem rein monetären Geschäftsmodell

Schade.
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sweeneytodd
23.02.2023 10:33registriert September 2018
Das Interview war total wecihgespült. Mir fehlen die kritischen Fragen zu diesem Thema. Es ist wohl mehr Werbung für ihr Buch als ein sinnvolles Interview.
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