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Welttag des Stotterns: Der Kommentar eines Betroffenen

Stottern Willemijn ganzes Bild
«Mein Stottern zu hassen, lässt es auch nicht verschwinden ... also kann ich genauso gut nett zu ihm sein.»Bild: zvg
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Ich stottere, und das ist okay

Am 22.10. ist Welttag des Stotterns. Drei Jahre sind seit meinem letzten Artikel zum Thema vergangen. Bei mir als Stotterer hat sich in dieser Zeit einiges getan, auch dank stotternden Influencern. Zeit, ein Blick auf die «Szene» zu werfen.
22.10.2023, 12:3018.12.2023, 16:01
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Vor drei Jahren war ich noch Korrektor bei watson und konnte in einem Artikel mein «Coming-out» als Stotterer wagen. Zuvor hatte ich mein Stottern jahrelang versteckt – gegenüber Freunden und Fremden wie auch gegenüber den anderen watsons.

In der Zwischenzeit ist vieles passiert. Damals stand ich noch ganz am Anfang meines Studiums der Angewandten Sprachen an der ZHAW, diesen Sommer habe ich es erfolgreich abgeschlossen. Seit Anfang September bin ich nun Praktikant am Newsdesk von watson.

Ich merke immer wieder, wie viele Leute Stotternde wie mich überhaupt nicht auf dem Radar haben.

Mein Stottern konnte ich in diesen drei Jahren Schritt für Schritt annehmen, immer mehr dazu stehen. Zu Beginn war ich im Studium oft nervös – dass das ganze erste Jahr coronabedingt online über Teams stattfand, hat seinen Teil dazu beigetragen. Doch mit jedem Semester ging es ein bisschen besser.

Das vorletzte Semester war ganz von mündlicher Sprachmittlung geprägt, was mich einiges an Überwindung gekostet hat. Ich durfte Lektionen moderieren sowie einige Präsentationen und auch eine Rede halten. Mehr und mehr konnte ich mich so daran gewöhnen, vor Publikum zu sprechen.

Stottern im Alltag

Es gibt allerdings immer noch Situationen, in denen ich mich überwinden muss: Allen voran können Telefonate noch immer für Schweissausbrüche sorgen. Gleich an meinem ersten Tag im Praktikum sollte ich bei einer Medienstelle anrufen. Ich war schon davor ziemlich nervös. Doch während es meistens viel weniger schlimm kommt, als ich mir das zuvor ausmale, war es diesmal echt unangenehm. Mein Gegenüber beantwortete meine Frage nicht – ich stotterte ziemlich stark – und als ich sie noch einmal möglichst deutlich stellen wollte, fiel die Person mir mit einer in meinen Ohren gekünstelt höflichen Verabschiedung ins Wort und legte auf.

Die nächsten Telefonate auf der Redaktion liefen zum Glück viel besser.

Meinen Nachnamen kann ich in einer von zehn Situationen flüssig aussprechen.

Gewisse Laute sind für mich schwieriger als andere. Wörter, die mit einem B beginnen, sind besonders mühsam. Ich komme aus B...aden. Und auch meinen Nachnamen kann ich vielleicht in einer von zehn Situationen flüssig aussprechen. Ist das schlimm? Natürlich nicht! Aber sagt das mal meinem Unterbewusstsein.

In der Öffentlichkeit verstecke ich mein Stottern nicht mehr – ich freue mich darüber, dass ich die verschiedensten Leute damit konfrontiere, ob ich gerade Lust darauf habe oder nicht.

Und ich merke dabei immer wieder, wie viele Leute Stotternde wie mich überhaupt nicht auf dem Radar haben, sich offenbar wie im falschen Film vorkommen. Das verrät mir jeweils «der Blick». Nein, nicht die Zeitung. Marc Winski, ein Influencer, der mit seinen humoristischen Beiträgen auf TikTok und Instagram auch viele Leute ausserhalb der Stotter-Bubble erreicht, hat «den Blick» wunderbar demonstriert:

Zum Glück gibt es solche stotternde Influencerinnen und Influencer wie Marc Winski, die für mehr Sichtbarkeit und Verständnis sorgen. Mir persönlich haben sie sehr geholfen, mein Stottern als etwas Normales anzunehmen und mich damit zu versöhnen.

VERSTA

In der Schweiz gibt es bereits seit 1978 die Vereinigung für Stotternde und Angehörige (VERSTA). Zurzeit hat sie etwa 150 Mitglieder. Wer sich dort engagiert, tut dies ehrenamtlich und unentgeltlich. Ich habe mit Theresa gesprochen, die vor kurzem einen VERSTA-Instagram-Account eröffnet hat und diesen zusammen mit einer anderen Selbstbetroffenen betreut.

Den Insta-Kanal gibt es seit Anfang Jahr. Instagram sei besonders praktisch für die internationale Vernetzung, so Theresa.

Aber auch für die öffentliche Wahrnehmung seien Plattformen wie Instagram relevant: So sei das Wissen darüber, was Stottern eigentlich ist, noch kaum vorhanden in der Bevölkerung.

Organisationen wie die BVSS in Deutschland oder STAMMA («stammer» ist Englisch für Stottern) im Vereinigten Königreich sind sehr aktiv und tun viel für Stotternde und deren öffentliche Wahrnehmung. Auf meine Frage, warum es in der Schweiz nichts Vergleichbares gibt, antwortet Theresa, das habe insbesondere mit der fehlenden finanziellen Unterstützung zu tun. Die oben erwähnten Organisationen bekommen öffentliche Gelder und können damit viel erreichen – die VERSTA in der Schweiz hingegen bekommt zurzeit keine solche Unterstützung.

Bester britischer Humor: STAMMA für mehr Repräsentation

Als einzige Organisation, die sich in der Deutschschweiz für die Interessen von Stotternden einsetzt, hat sich die VERSTA schon beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) um Gelder bemüht – diese antwortete, eine Finanzierung sei zurzeit nicht möglich. Dazu kommt, dass man nur alle vier Jahre einen Antrag stellen kann. Auch Organisationen, die sich für die Interessen von Menschen mit Behinderung einsetzen, scheinen Stotternde und ihre Anliegen noch nicht auf dem Radar zu haben.

Laut Theresa sei die Vernetzung unter Stotternden in der Schweiz aktuell klein. Dabei stottern etwa 1 bis 2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung – bei Kindern seien es sogar 4 bis 5 Prozent. Auch gebe es nur wenige Logopädinnen und Logopäden, die sich aufs Stottern spezialisiert haben.

Einige wenige in der Schweizer Community seien sehr engagiert, doch es brauche noch mehr Freiwillige. Die VERSTA möchte Engagierte vernetzen und eine Plattform bieten.

Im Ausland sehe das ganz anders aus.

Willemijn: «juststutter»

Zu den international bekanntesten Stotter-Influencerinnen gehört die Niederländerin Willemijn Bolks. Auf ihrem Instagram-Account «juststutter» teilt sie ihre eigenen kleinen Comics, in denen sie auf humorvolle Weise typische Erfahrungen aus ihrem Leben als Stotterin teilt.

Ich habe Willemijn interviewen dürfen.

Deine Kunst hat vielen Stotternden wie mir geholfen. Hat sich dein Leben dadurch auch verbessert?
Willemijn Bolks: Ja, durchaus. Und danke, es freut mich sehr, das zu hören! Meinen ersten Comic zum Thema Stottern habe ich 2019 gezeichnet, als ich etwas Frustrierendes erlebt hatte: Ich wollte jemandem ein Kompliment machen, aber ich stotterte und die Person hat sich von mir abgewendet. Also entschied ich mich, meine Frustration dadurch auszudrücken, dass ich das zeichne, was mir passiert ist. Ich legte den Fokus darauf, dass ich mich meiner Angst gestellt hatte – das war so stark, dass ich sowas für ein paar Wochen jeden Tag gemacht habe. Seitdem habe ich schon über 140 Comics über das Stottern gezeichnet.

Und warum teilst du deine Comics in den sozialen Medien?
Als ich die Comics teilte, merkte ich, dass viele die gleichen Ängste und Erfahrungen hatten. Das gab mir die Gelegenheit, andere Stotternde kennenzulernen, und machte es einfacher, mit meinen Nächsten über das Stottern zu reden.

Wie hat sich dein Verhältnis zum Stottern konkret verändert, seit du deine Comics mit der Öffentlichkeit teilst?
Inzwischen stelle ich mich regelmässig Situationen, vor denen ich mich früher fürchtete. Viel Positives in meinem Leben gibt es dank meines Stotterns, der Comics und aller, die sie unterstützen. Dafür bin ich sehr dankbar!

Du bist inzwischen sehr bekannt in der Stotter-Community. Hast du irgendwelche Pläne, Projekte oder Visionen in Bezug auf die Zusammenarbeit mit anderen Stotternden?
Dieses Jahr gab es so viele Projekte, das war sehr aufregend. Viel Spass hatte ich zum Beispiel an einem Jugendaustausch für Stotternde, wo ich Workshops durchgeführt habe. Ich war auch auf drei Camps für stotternde Kinder, wo ich ihre Ideen zur Aufklärung der Welt über das Stottern gezeichnet habe. Dieses Wochenende findet in den Niederlanden das Stotterfestival statt, bei dem sich Stotternde treffen und an Workshops teilnehmen können. Ausserdem erscheint eine zweite Ausgabe der Zeitschrift «Dysfluent», die von Conor Foran in Zusammenarbeit mit verschiedenen stotternden Künstlern herausgegeben wird.

Das sind alles Projekte innerhalb der Stotter-Community. Planst du auch Projekte für Nicht-Stotternde?
Ich hoffe, dass künftige Projekte noch mehr Menschen erreichen werden. Zum Beispiel, indem ich mit Personen mit anderen Behinderungen zusammenarbeite und versuche, Wege zu finden, das Stottern in Themen und Projekte einzubeziehen, an denen die breite Öffentlichkeit interessiert ist.

In der Schweiz gibt es keine öffentliche Finanzierung für Stotter-Organisationen. Ausserdem gibt es wenig Freiwillige. Hast du irgendwelche Ratschläge für uns?
Die niederländische Stotter-Community ist in den letzten Jahren stark gewachsen, während sie früher recht klein war. Ich denke, einer der Gründe dafür ist eine Handvoll leidenschaftlicher Mitglieder, die überall im Internet über Veranstaltungen berichteten. Das hat mir und vielen meiner Freunde geholfen, die Community zu finden.

Aber Veranstaltungen kosten Geld, wie habt ihr das hingekriegt?
Die Veranstaltungen müssen nicht gross und teuer sein, das Wichtigste ist, dass es eine Möglichkeit gibt, andere Stotternde zu treffen. Allein das Gespräch mit einer anderen stotternden Person eröffnete mir eine neue Welt, von der ich sofort mehr erfahren wollte. Als ich die Geschichten anderer hörte, wurde mir klar, dass ich mit meinen Erfahrungen nicht allein bin und wir gemeinsam etwas tun können, um die Welt um uns herum positiv zu verändern.

Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Bereiche, in denen die Gesellschaft ihre Behandlung von Stotternden verbessern muss?
Das Hauptproblem ist, dass die Gesellschaft von uns Stotternden erwartet, dass wir das Stottern «überwinden». Uns wird die Schuld zugeschoben an unserem Stottern. Doch anstatt sich zu fragen, wie man das Stottern – eine Behinderung – «überwinden» kann, sollten wir uns fragen: Wie können wir dem Stottern Raum geben?

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22 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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MrXanyde
22.10.2023 12:22registriert Dezember 2016
Stottern muss weder überwunden noch geheilt werden.
Meiner Meinung nach ist es keine "Krankheit", sondern gehört bei einigen Menschen einfach dazu
Durch kompromisslose Akzeptanz und Geduld ist die Kommunikation kein Problem.
Ich sage ja auch nicht zu jemandem, der ohne Punkt und Komma redet, er müsse sich mal in Therapie begeben.
Mir ist ebenfalls aufgefallen, dass das Stottern, wenn man es bedingunslos akzeptiert und nie zur Sprache bringt, nachdem man sich länger kennt, weniger wird.
Evtl. hat dies ja mit Vertrauen zu tun und mit dem Wissen, dass die stotternde Person nicht verurteilt wird.
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Kolo
22.10.2023 12:47registriert Juni 2020
Liebe Stotterer, mir ging beim lesen des Artikels so einiges durch den Kopf. Ich bin vermutlich furchtbar im Dialog mit Stotterern, den als Mensch mit Aufmerksamkeitsdefizit, bin ich ein schlechter Zuhörer. Denn ich bin schon bei flüssigsprechenden Personen am Ende des Satzes, bevor er richtig begonnen hat. Vielleicht hilft es ja beim nächsten „der Blick“: es liegt nicht zwingend am sprechenden wenn das gegenüber die Geduld beim zuhören verliert. Es kann auch sein, dass das gegenüber ein neurophysiologisches Defizit mitbringt. Sorry vorauseilend dafür 😘
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Heinzbond
22.10.2023 13:13registriert Dezember 2018
Ich hatte eine Arbeitskollegin, die war ebenfalls bei Aufregung am stottern. Manche der Kollegen waren schon genervt wenn sie nicht guten Morgen sagen konnte...
Da ich selber oft über meine Zunge stolpere fand ich das absolut kein Problem. Wenn es schnell gehen musste, haben wir beide uns zugezwinkert und reagiert, wenn uns auch die verbale Kommunikation manchmal im Stich gelassen hat...
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