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Tradwife-Bewegung: So ticken die ultrakonservativen Incfluencerinnen

Tradwife/Tradwives
Bild: watson

Diese erzkonservativen «Tradwives» leben wie in den 50ern

Sie sehen die Werte der 50er-Jahre als absolute Regeln: Ultrakonservative «Tradwives» erobern das Netz und erzählen von ihrem Lebensstil, bei dem die Frau noch in der Küche bleibt, während der Mann arbeitet. Ein Phänomen mit moralisierendem, religiösem und rückwärtsgewandtem Touch.
21.02.2024, 12:1021.02.2024, 15:11
Margaux Habert / watson.ch/fr
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Der Lebensstil, den sie vertreten, ist in den letzten Jahrzehnten von Feministinnen, die Gleichberechtigung oder das Recht auf Abtreibung gefordert hatten, vehement bekämpft worden. «Tradwives», die sich selbst als altmodische Hausfrauen bezeichnen, haben die sozialen Medien erobert und zeigen dort stolz ihre Retro-Kleider, ihre Küche oder ihre Vintage-Schönheitspflege. Die Videos werden teils millionenfach geklickt.

In den USA laufen zwei Hashtags der konservativen Damen besonders heiss: #tradwife (traditionelle Frau) und #stayathomegirlfriend (Freundin, die zu Hause bleibt). Und der Trend zeigt: Sie verbreiten sich zunehmend weltweit.

Das Leben der sogenannten «Tradwives» erinnert stark an die 50er- und 60er-Jahre.
Das Leben der sogenannten «Tradwives» erinnert stark an die 50er- und 60er-Jahre.Bild: dr

In den Videos dieser Tradwives preisen sie «altbewährte» Traditionen an. Die Aufgabe der Frau, sich um Haushalt, Küche, Kinder und sich selbst zu kümmern. Oder eine Welt, in der «Gott zwei Geschlechter erschaffen hat, die unterschiedliche Zwecke erfüllen». Der moralisierende und rückwärtsgewandte Unterton ist dabei nicht zu verfehlen.

Wie sieht das Leben einer Tradwife aus?

Nebst ihrer Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau und einer Welt mit mehr als zwei Geschlechtern empfehlen diese Tradwives, einen guten Mann zu heiraten, denn ...

« ... wenn du finanziell von ihm abhängig bist, würde er ja deine Gutmütigkeit ausnutzen, wenn er dich dann schlecht behandelt.»
Estee C. Williams, TikTokende Tradwife.

Ausserdem sorgt er für ein Bankkonto, welches dann dem Haushalt gehört. «Das letzte Wort hat aber er, denn er ist der Provider und die Frau ist der Housemaker.» Es sind klar definierte Rollen, die die Tradwives propagieren. Rollen, bei denen der Mann im Haus keinen Finger rühren muss, «ausser wenn es darum geht, etwas Schweres zu heben».

«So wird man zur Tradwife»:

Das fachliche Repertoire einer Tradwife muss dementsprechend umfassend sein: Sie soll kochen, den Haushalt führen, und putzen können – aber sie müsse auch regelmässig einer Tätigkeit nachgehen, die nur für sie bestimmt sei. Auch dabei halten die Tradwives die Geschlechterklischees hoch: Estee C. Williams, eine der erfolgreichsten Tradwives in den sozialen Medien, schlägt beispielsweise vor, dass eine gute Hausfrau nähen, malen oder Sport treiben könne.

Sie selber gehe beispielsweise ins Fitnesstudio – aber nur, wenn ihr Freund dabei ist. «Um bestimmte Situationen zu vermeiden.» Williams ist übrigens der Meinung, dass eine Frau keinen Bildungsabschluss braucht, um sich erfüllt zu fühlen.

Ihr letzter Rat: Man solle als Frau unbedingt auf die eigene Schönheit achten, denn «Männer sind sehr auf das Sichtbare fokussiert». Dazu gehöre eben Sport, eine gesunde Ernährung, tägliches Make-up und Kleidung, die «dem weiblichen Körper und Geschlecht» schmeichle. Kleider, Röcke und kleine Blusen seien da am besten geeignet.

Williams legt aber vor allem Wert darauf, dass Kleidung und Frisur vor allem ihrem Mann gefallen, «denn dass er glücklich ist, ist das wichtigste, er arbeitet ja den ganzen Tag». Weiter solle man nicht nach Einbruch der Dunkelheit allein ausgehen. Sobald sie das Haus verlasse, um Einkaufen zu gehen, sende sie ihrem Mann ihren Live-Standort.

Bibel, Diktate und Trump

Doch ein charmantes (aber diskretes) Wesen und vertiefte Kenntnisse in Teppichflecken-Reinigung reichen bei weitem nicht aus, um eine gute Tradwife zu sein. Essenziell sei eben auch, dass man sich an die biblischen Gebote halte und dabei nicht versuchen soll, sie in einen zeitgemässen Kontext zu setzen.

Ergo ist die Tradwife-Influencerin der Meinung, dass die Frau sich dem Ehemann unterzuordnen habe – weil das in der Bibel gepredigt wird. Doch Williams beschwingt: Die Frau sei aber nicht weniger wert als der Mann, das sei einfach der biblische Rahmen; es gehe nicht darum, eine «Untergebene» zu sein:

«Biblische Unterwerfung bedeutet NICHT, dass die Frau weniger wert ist als der Ehemann. Tradwives fördern die biblische Unterordnung, weil die Bibel davon spricht und die Menschen leider die wahre Bedeutung dieses Begriffs verzerren. Das Autoritätssystem hat Christus als Spitze, gefolgt vom Ehemann, dann von der Ehefrau und schliesslich von den Kindern. Dieser Rahmen schützt die Familienzelle vor Satan. Untergeordnete Frauen werden von ihren Ehemännern beschützt und geführt.»
Estee C. Williams.
@esteecwilliams Biblical submission does NOT mean the wife is of less value than the husband. Tradwives encourage Biblical submission because the Bible speaks of this and unfortunately people are twisting the actual meaning of this term. The umbrella of authority has Christ at the top followed by the husband, then the wife, and lastly children. This “umbrella” protects the family unit from satan. Submissive wives are protected and lead by their husband. #tradwife #traditionalwife #biblicalsubmission #christianwife #submissivewife #tradwifemovement #traditionalvalues #tradtok #biblicalfemininity ♬ BSB Reza Jackson Series - Reza Jackson

Viele Frauen, die diesen 50er-Jahre-Lebensstil angenommen haben, geben an, keine Freunde des anderen Geschlechts zu haben. Eine Frau müsse sich schliesslich mit ihrem Ehemann begnügen. Ihre Ehemänner, die dieselben konservativen Werte teilen, sehen das ähnlich – «man kann keinen kochenden Topf auf dem Schoss halten, ohne sich zu verbrennen.»

Was Tradwives ebenfalls nicht mögen: Abtreibung, Pornografie, die Pille, mehrere Partner zu haben und natürlich vorehelichen Sex. Wenn es nach ihnen geht, müsse «die Weiblichkeit so geschützt werden, wie Gott sie geschaffen hat.»

@gwenthemilkmaid

Looking back, I can’t believe how clueless I was. I really was BLIND. I had no idea just how much my lifestyle was destroying my happiness and my soul. I was running from one dopamine hit to the next, never truly feeling satisfied. Because the hole in your heart cannot be filled by anything else but God. And living the way He tells us to brings so much joy and peace. His law is not to make life miserable, but rather to protect us. It makes sense that the Creator who made you would also know the best way for you to live 🤷‍♀️ So this message is for all the young girls out there. Our culture is lying to you. Promiscuity, p*rn, premarital s*x, ab*rtions... None of these things will bring you true happiness the way God will. And no matter what’s happened in your life, it is never too late. God loves you and so do I 🥰

♬ hendriksvibes - hendriksvibes

Die Entstehung dieser Social-Media-Bewegung fällt zufälligerweise in die Zeit der ersten Präsidentschaftskampagne von Donald Trump 2016. Damals tauchte nebst seinem bekannten Slogan «Make America Great Again» auch ein anderer: «Make Traditional Housewives Great Again».

Einige dieser Tradwives haben das Gefühl, die Welt entwickle sich in eine falsche Richtung:

«Unsere Kultur vermittelt den Frauen, dass es ehrenhaft sei, alles für einen Job zu opfern, aber unfair sei, alles für die Familie zu opfern [...]. Dass es fair sei, das System unsere Kinder erziehen zu lassen, uns ernähren und unser Leben erhalten zu lassen, wenn wir es doch selber tun könnten ...»
Rachel Joy, Tradwife-Influencerin.

Bedenken in Frankreich

In Frankreich werden die Videos kritisch beäugt: Der Hohe Rat für die Gleichstellung von Frauen und Männern (HCE) hat Alarm geschlagen. In einem kürzlich veröffentlichten Bericht heisst es, dass die Tradwife-Bewegung die Gesellschaft mit ihren «nicht gerade egalitären» Ideen zurückwerfe und den jahrelangen Kampf der Feministinnen für Gleichstellung gefährde:

«Dieses Phänomen ist besonders besorgniserregend, da es zumindest in den Köpfen der Menschen eine Neuzuordnung der Frauen zur strikt häuslichen Sphäre markiert, die den Herausforderungen der feministischen Kämpfe und der öffentlichen Politik für die Emanzipation der Frauen seit den 1950er-Jahren, entgegensteht.
Die Rückkehr dieser konservativen Anordnungen lässt sich gut in den sozialen Netzwerken beobachten, insbesondere durch den Erfolg der Trends #tradwife und #stayathomegirlfriend [...]. In diesem Zusammenhang findet es mehr als die Hälfte der Bevölkerung immer noch normal oder positiv, dass eine Frau jeden Tag für die ganze Familie kocht.»

Doch auf der anderen Seite des Atlantiks, fernab von französischen Stellungnahmen und Bedenken, blüht der Retro-Lifestyle der Tradwives weiter auf – zumindest auf TikTok.

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418 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rhabarber
21.02.2024 12:19registriert Dezember 2023
Wenn jemand persönlich und unbeeinflusst das für sich so entscheidet, dann ist das ok. Muss jeder selbst wissen. Aber wenn er damit missionieren geht und es anderen aufzwängen will, noch dazu religiös verpackt, dann ist fertig lustig.
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Uhu-ciao
21.02.2024 12:45registriert August 2022
Momou, realistisches Bild der guten, alten Zeit. Meine Grossmutter in den 50er Jahren konnte damals auch zu Hause bleiben und musste sich nicht ums Feld und den kleinen Laden kümmern. Auch ist sie ihrem Mann regelmäßiv ins Gym gegangen und hat ihm - wenn sie mal alleine unterwegs war - den Livestandort gesendet. Natürlich war sie immer voll gestylet, schliesslich musste sie ja ihr ganzes Leben auf Tiktok und Instagram posten.
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so wie so
21.02.2024 15:05registriert Juli 2015
Als Content-Creator musst du dir halt etwas ausdenken. Es gibt schon viele Fit-Moms, Hausrenovierer-Moms, die Camper-Life-Moms, Makeup-Artist-Mom, Bastel-Mom, Ernährungs-Mom, Dubai-Wife, woke-Mom, Religiös oder Esotherik-Mom, Kinder-Pusher-Mom (mein 2 jähriger WILL einfach vor der Kamera stehen).... da musst du deine Nische finden. Traditionelle Hausfrau ist genau so eine Show, wie alle anderen auch. Es ist gezielt produzierter Content, der eine Scheinwelt zeigt.
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Auf «Dune» folgt «Furiosa: A Mad Max Saga»: Was für eine sandige Kinosaison!
Und echt keine schlechte: George Miller, Anya Taylor-Joy und Chris Hemsworth geben alles in diesem dröhnenden, krachenden Wüstenfilm.

Es geht jetzt wieder los mit der Glorifizierung von George Miller. Die Nerdgemeinde nennt ihn «Gott», die «New York Times» «Prophet» und über alledem wird vergessen, dass er zwischen «Mad Max: Fury Road» (2015) und «Furiosa: A Mad Max Saga» (Jetztzeit) den absoluten Schrottbuster «Three Thousand Years of Longing» verantwortet hat. Jenen Film, in dem sich eine bröselige Akademikerin ernsthaft in einen Flaschengeist verliebt. Zwei der coolsten Stars unserer Zeit, nämlich Tilda Swinton und Idris Elba, wurden da gründlich zermalmt in einem debilen Wagenrennen aus Esoterik und Kitsch.

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