Schweizer Abnehmspritzen-Pionier: «Hätten Patente anmelden und ein Start-up gründen sollen»
Thomas Lutz befasst sich seit fast 35 Jahren mit Stoffen, die unser Körpergewicht steuern. Damals war der Mediziner mit seinem Lieblingshormon Amylin ein Exot, sogar innerhalb der Forschung. «Wer sich damit beschäftigte, bekam Skepsis zu spüren. Dieses Hormon aus der Bauchspeicheldrüse war damals schlicht nicht in Mode», sagt Lutz, der mittlerweile Professor für Veterinärphysiologie an der Universität Zürich ist.
Die Zeiten haben sich geändert. Heute gibt es kaum jemanden mehr, der nicht zumindest vom Hormon GLP-1, das ähnlich wie Amylin wirkt, gehört hätte. Der Siegeszug der Abnehmspritzen hat dessen durchschlagende Wirkung weltweit bekannt gemacht – und Firmen wie Novo Nordisk oder Eli Lilly Milliarden in die Kasse gespült.
Ein Ende der Goldgräberstimmung ist nicht absehbar. Bereits tüftelt die Pharmaindustrie an den Abnehmmitteln der Zukunft. Sie sollen gezielter wirken, weniger Nebenwirkungen haben und auch als Pille erhältlich sein.
Novo Nordisk ist bereits in den Startlöchern
Bisher kaum bekannt ist, dass diese vielversprechenden, auf Amylin basierten Medikamente massgeblich auch auf den Erkenntnissen von Thomas Lutz aufbauen. Der Zürcher Forscher hat sich sein ganzes Berufsleben mit jenem Hormon befasst, das jeder Mensch natürlicherweise produziert und nun als Hoffnungsträger für die Abnehmmedikamente der nächsten Generation gilt.
Roche etwa forscht an einem Medikament auf dieser Grundlage. Dazu hat der Konzern 5,3 Milliarden Dollar für eine Kooperation mit einer dänischen Firma aufgeworfen. Und Novo Nordisk dürfte demnächst seine erste Spritze mit dieser Technologie auf den Markt bringen.
«Das Hormon Amylin wirkt direkt im Gehirn und reduziert unsere Nahrungsaufnahme», erklärt Lutz. «Es verlangsamt beispielsweise die Magenentleerung, wodurch wir länger satt bleiben und weniger essen.» Die Wirkung sei damit sehr ähnlich wie jene der GLP-1-Agonisten. Allerdings schalte sich Amylin über Hirnareale ein, die nicht so stark an Übelkeit oder Erbrechen gekoppelt seien. «Deshalb treten bei Amylin deutlich weniger unangenehme Nebenwirkungen auf», sagt Lutz.
Zuerst Katzen, dann Menschen
Am Anfang seiner Forschung standen vor rund 35 Jahren keine Menschen, sondern Tiere. Der ausgebildete Tierarzt beschäftigte sich in seiner Doktorarbeit mit Katzen, die an Diabetes erkrankt waren. Wie Menschen leiden sie daran, dass ihr Körper kein Insulin produziert oder die Zellen dieses nicht ausreichend aufnehmen können. Ihr Blutzuckerspiegel ist deshalb zu hoch.
Neben dem Insulin fehlt es diesen Katzen auch an Amylin. Es wird von denselben Zellen gebildet, die in der Bauchspeicheldrüse Insulin herstellen. Der Körper schüttet es gleichzeitig wie das Insulin aus. Amylin stabilisiert die Blutzuckerwerte – und verzögert die Nahrungsaufnahme. Das bemerkte Lutz in seiner Forschung sehr rasch. Er ging diesem Mechanismus genauer auf den Grund und führte Versuche mit Laborratten und -mäusen durch. Auch dort zeigte sich, dass diese viel schneller satt wurden und weniger assen.
Zu ähnlichen Erkenntnissen gelangte Ende der 1980er-Jahre die US-Firma Amylin Pharmaceuticals aus San Diego. Sie versuchte, ein Amylin-Medikament für die Diabetes-Therapie zu entwickeln. Dabei konnten die Forscher zeigen, dass Hormon bei Menschen sehr ähnlich wie bei Ratten wirkt. «Wir waren damals praktisch die einzigen, die intensiv zu Amylin forschten», sagt Lutz. Die amerikanische Firma gibt es heute nicht mehr. Sie wurde vom US-Konzern Bristol Myers Squibb aufgekauft. Dieser veräusserte sein Diabetes-Geschäft später an Astra Zeneca.
Die Amylin-Forschung blieb jahrelang eine Nische. Erst der Erfolg der Abnehmspritzen brachte eine Wende. «In den letzten Jahren hat das Interesse der Pharmaindustrie an unserer Arbeit massiv zugenommen», sagt Lutz. Das erfülle ihn mit einer gewissen Genugtuung. Mittlerweile greifen verschiedene Firmen auf seine Expertise zurück, darunter Novo Nordisk.
«Das ist das Los der Grundlagenforschung»
Vom prognostizierten Geldregen sieht der Pionier der Grundlagenforschung allerdings nichts. «An der Entwicklung der aktuellen Moleküle waren wir nicht beteiligt. Wir haben auch keine Patente eingereicht oder ein Start-up gegründet. Rückblickend hätten wir das tun sollen», so Lutz. Er sagt das ohne eine Spur von Bitterkeit. «Das ist das Los der Grundlagenforschung und absolut okay.»
Das Potenzial von Amylin sieht Lutz künftig vor allem in Kombinationspräparaten. «Die unterschiedlichen Wirkmechanismen von GLP-1 und Amylin könnten einen besseren Gewichtsverlust bei weniger Nebenwirkungen ermöglichen.» In diese Richtung denkt bereits Roche. Das Unternehmen will seinen Rückstand zur Konkurrenz dadurch aufholen, indem es unterschiedliche Forschungsansätze verknüpft und die Therapie «individualisiert».
Was das heissen könnte, skizzierte kürzlich Roche-Pharmachefin Teresa Graham an der Bilanzmedienkonferenz. Man arbeite daran, eine breite Palette an Bedürfnissen abzudecken, erklärte sie. Das heisst: Der eine Patient braucht eine Spritze, um 30 Prozent Gewicht zu verlieren. Der nächste will nur 10 Prozent runter und möglichst wenig Nebenwirkungen, der übernächste will sein Gewicht stabil halten und dafür lieber eine Pille statt der Spritze.
Wenig überraschend hob Graham an dieser Stelle nochmals das gigantische Umsatzpotenzial hervor. Dieses liegt bis Ende des Jahrzehnts bei bis zu 150 Milliarden Dollar. Ebenso betonte sie die Notwendigkeit einer nächsten Generation der Abnehmspritzen. Schliesslich seien bis zu 200 Krankheiten die Folge von Übergewicht, etwa Bluthochdruck, Herzinfarkte oder Diabetes.
Bei solchen Versprechen, wonach die Spritzen praktisch gegen alles nützen könnten, ist Thomas Lutz vorsichtig. Berechtigt seien die Hoffnungen bei sogenannten kardiometabolischen Krankheiten. «Aber gegen alle bösen Krankheiten auf der Welt werden auch die neuen Abnehmmedikamente nicht ankommen.» Zwar seien bereits viele positive Effekte nachgewiesen worden. Doch es brauche noch viel Forschung, um herauszufinden, welche Mechanismen genau eine Verbesserung brächten.
Eine erfreuliche «Nebenwirkung» beim Amylin möchte er selbst noch genauer untersuchen. So hat sich gezeigt, dass das Hormon das Erinnerungsvermögen schärfen kann. «Das erstaunt insofern nicht, als dass es evolutionär vorteilhaft ist, sich daran zu erinnern, wo man etwas zu essen gefunden hat.»
Als Tierarzt liegen Thomas Lutz auch die Vierbeiner am Herzen. Wie die Menschen leiden sie oft an Übergewicht. Gemäss Schätzungen ist fast die Hälfte aller Schweizer Katzen und Hunde zu dick. «Bisher sind keine Abnehmspritzen spezifisch für die Tiermedizin zugelassen», sagt Lutz. Immerhin gebe es erste Forschungsprojekte zur Behandlung von Übergewicht bei Hunden und Katzen. «Die Ergebnisse sind vielversprechend.» Damit würde sich der Kreis schliessen: Nachdem Katzen zuerst als Versuchstiere hinhalten mussten, könnten sie bald selbst in den Genuss der Abnehmspritzen kommen. (bzbasel.ch)
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