Diese Abnehmspritze ist noch nicht zugelassen, aber Fitness-Freaks nehmen sie jetzt schon
«Es sieht schon aus wie bei einem Junkie, wenn die Spritzen herumliegen», sagt Fabrizio lachend. «Aber man gewöhnt sich dran.» Der 28-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, steht in seiner Küche und hält ein Pack Spritzen in der einen Hand. Mit der anderen zieht er eine kleine Kartonbox aus dem Kühlschrank. Darin stehen mehrere Ampullen, gefüllt mit klarer Flüssigkeit.
Es sind verschiedene, aus Aminosäuren zusammengesetzte Substanzen, sogenannte Peptide. Von ihnen erhofft sich Fabrizio bessere Gesundheit – weshalb er sie sich seit einigen Wochen spritzt.
Zugelassen sind die Substanzen nicht. Aber Social Media ist voll von Influencern aus der Fitness-, Longevity- und Biohacking-Szene, die erzählen, wie sie ihr Körpergewicht, ihr Körpergefühl, ihre Verdauung, ihre Haut oder ihren Schlaf durch die Injektion illegaler Peptide positiv verändert haben. «Der Peptide-Hype ist heftig», sagt Fabrizio, «ungefähr so wie Bitcoin 2019».
Ein Peptid, das auch Fabrizio nutzt, ist derzeit besonders beliebt. Es trägt den Namen Retatrutid und gilt als die bisher potenteste Abnehmspritze und trägt den Spitznamen «Triple G». Denn anders als seine Vorgänger Wegovy und Mounjaro aktiviert es gleich drei Hormonrezeptoren: GLP-1, das Sättigung signalisiert und den Appetit dämpft; GIP, das die Insulinantwort nach dem Essen verstärkt; und Glukagon. Letzteres erhöht den Energieverbrauch und fördert die Fettverbrennung.
Verjüngung um bis zu fünf Jahre
Im Fokus der Longevity-Szene stehen Abnehmspritzen schon länger. Dort – und durchaus auch unter seriösen Forschenden – gilt es als plausibel, dass sie nicht nur Gewicht reduzieren, sondern direkt in den Stoffwechsel eingreifen und Entzündungsmarker senken – also auf Prozesse einwirken, die eng mit biologischer Alterung verknüpft sind.
So experimentierte auch schon der Longevity-Vorreiter Bryan Johnson mit niedrig dosierten GLP-1-Präparaten. Und der Harvard-Altersforscher David Sinclair sagte im Gespräch mit dieser Zeitung, er habe die Medikamente ebenfalls getestet. Inzwischen setzt er allerdings wieder ausschliesslich auf Sport. Auch, weil unklar sei, «ob diese Medikamente das Leben von nicht übergewichtigen Menschen verlängern können».
Tatsächlich sind belastbare Daten zu Abnehmspritzen und Lebensverlängerung rar. Eine der wenigen placebo-kontrollierten Studien stammt aus den USA, ist jedoch noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet worden. Untersucht wurden 84 Menschen mit HIV – eine Gruppe, die trotz wirksamer Therapie häufig Zeichen beschleunigten biologischen Alterns zeigt, etwa durch chronische Entzündung und viszerale Fettansammlung.
Über 32 Wochen erhielt die eine Hälfte der Teilnehmenden wöchentlich Semaglutid, die andere ein Placebo. In der Behandlungsgruppe verlangsamten mehrere sogenannte epigenetische Uhren ihren Takt – rechnerisch um zwei bis fünf biologische Jahre. Auch organspezifische Marker für Blut, Herz, Niere und Leber verschoben sich in Richtung «jünger». Unklar ist, ob der Effekt nach Absetzen anhält und ob er sich ohne Weiteres auf gesunde Personen übertragen lässt.
Aber die Analysen der US-Forschenden legten nahe, dass vor allem der Rückgang des Bauchfetts entscheidend für die Verjüngung war, weil dieses Fett besonders viele entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzt.
Und genau hier beginnt die Spekulation um Retatrutid. Weil es noch mehr Fett abbaut als seine Vorgänger, könnte es auch die biologische Alterung stärker bremsen. In der Longevity-Szene ist bereits vom möglichen ersten «Longevity-Medikament» die Rede.
Timo Müller, international renommierter Adipositas-Forscher, in dessen Münchner Labor das Triple-G-Konzept entwickelt wurde, sagt: «Das Besondere an Retatrutid ist, dass Glukagon direkt auf die Leber wirkt und dort die Fettverbrennung fördert.» Gerade bei Diabetes sei das therapeutisch hochrelevant. Doch eine Verjüngungsspritze sei es nicht.
«Die Medikamente wirken nur, solange man sie nimmt. Setzt man sie ab, kehren Gewicht und Stoffwechselparameter in der Regel wieder dorthin zurück, wo sie vorher waren.» Müller versteht die Abnehmspritzen denn auch als klinisches Instrument – nicht als Werkzeug für Biohacker.
Potenziell tödlich
Weil Retatrutid derzeit nur innerhalb von klinischen Studien erhältlich ist, greifen Interessierte auf illegale Kopien zurück. Auch Fabrizio, der in Basel lebt und in der Kreativbranche arbeitet, hat sich Retatrutid über die Website eines Labors im europäischen Ausland besorgt.
Der US-Pharmakonzern Eli Lilly, der das Medikament bis 2027 auf den Markt bringen will, schreibt auf Anfrage zum Thema der illegalen Kopien: «Gefälschte Medikamente und Schwarzmarktprodukte sind ungetestet, unreguliert und potenziell gefährlich – in einigen Fällen sogar tödlich.»
Beim Setzen der ersten Spritze habe er schon Respekt gehabt, sagt Fabrizio. Er habe sich ja nicht hundertprozentig sicher sein können, was er sich da reinschiesse. Tatsächlich prangt auf der Verpackung des von ihm bestellten Produkts denn auch «Research purposes only» und «Not for human consumption», also nur für Forschungszwecke und nicht zum menschlichen Konsum gedacht. In einer Mitteilung vom letzten Sommer warnt das schweizerische Heilsmittelinstitut Swissmedic explizit vor dem Produkt, das Fabrizio verwendet, und weiteren «gefälschten und irreführenden» Abnehmspritzen.
Fabrizio aber sagt, das Labor sei ihm von Freunden empfohlen worden, «die seit Jahren tief in der Biohacking-Szene drin sind, und denen es blendend geht».
Diese Freunde waren es auch, bei denen sich Fabrizio über Peptide und ihre mögliche Wirkung informiert hat. Denn ein klassischer Kandidat für Abnehmspritzen ist er nicht: Er hat jahrelang Fussball gespielt, ist sportlich, schlank.
Doch seit mehr als einem Jahr plagt ihn eine Entzündung am Oberschenkel. Er kann nicht mehr Fussball spielen, und herkömmlichen Therapien gelang es nicht, die Verletzung zu heilen. «Ich hinterfrage unser Gesundheitssystem nicht», sagt er. «Aber als mir die Ärzte sagten, vielleicht müsse ich einfach mit dem Schmerz leben, wollte ich das nicht akzeptieren.»
Nun spritzt er sich seit Anfang Januar zwei Peptide, die in der Szene als Wundermittel für Wundheilung bekannt sind. Seither seien seine Schmerzen merklich kleiner geworden. Während zwei Wochen hat er zusätzlich Retatrutid genommen, weil dieses auch als entzündungshemmend gilt.
Um seinen Körper nicht zu überfordern, pausiere er derzeit die Abnehmspritze, sagt Fabrizio. Sobald die Verletzung aber auskuriert sei, könne er sich gut vorstellen, wieder Retatrutid zu nehmen. Er nennt die Substanz ein «Wundermittel» und schwärmt von ihrem Effekt. Nebenwirkungen habe er keine gehabt, dafür verbesserten Schlaf, mehr Energie, einen klareren Kopf, weniger Hunger und einen spürbaren Gewichtsverlust. «In den zwei Wochen hat mir das Reta sicher 4 Kilo gefressen.» Jetzt wiege er noch knapp 80 Kilo, bei einer Grösse von 187 Zentimetern.
Er sei aber weniger an den Auswirkungen aufs Gewicht interessiert als an denen aufs Blut. Seine Biohacking-Freunde, die ebenfalls normalgewichtig sind, hätten durch Retatrutid ihre Cholesterin- und Insulin-Werte merklich verbessern können, was er ebenfalls anstrebe. «Und wenn ich neben besseren Blutwerten auch noch ein Sixpack kriege, habe ich nichts dagegen», sagt Fabrizio.
Wann kippt das Förderliche ins Zwanghafte?
Das Streben, in möglichst vielen Lebensbereichen das Maximum herauszuholen, gehört längst zum Zeitgeist – und hat sich verstärkt. Eine Studie aus dem Jahr 2019 mit mehr als 40’000 amerikanischen, kanadischen und britischen College-Studierenden zeigte: Der Perfektionismus ist in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich gestiegen. Jüngere Generationen glauben demnach nicht nur, andere erwarteten mehr von ihnen; sie stellen auch höhere Ansprüche, an andere wie an sich selbst.
Arno Schmidt-Trucksäss, Professor für Sportmedizin an der Universität Basel, erkennt darin eine Parallele zur industriellen Produktivitätssteigerung. Maschinen, Computer und neue Technologien haben Effizienz und Automatisierung vorangetrieben – und damit den Druck erzeugt, dass der Mensch selbst immer schneller und besser funktioniert, um mitzuhalten.
Zugleich relativiert er das Ausmass des Phänomens der Selbstoptimierung. «Es ist nicht die Mehrheit, die mit allen Mitteln alles aus sich herausholen will.» Doch soziale Medien, die einem solche Lebensentwürfe permanent vor Augen führen, erzeugten eine Dauerpräsenz von Idealen. «Das kann den Druck durchaus erhöhen, auch so zu werden.»
Dabei will Schmidt-Trucksäss Selbstoptimierung nicht pauschal verdammen. Bewegung und ausgewogene Ernährung stärken die körperliche Resilienz und verbessern die geistige Leistungsfähigkeit. Wer fitter ist, schläft meist besser, ist belastbarer und konzentrierter. Körperliche Optimierung ist also kein Selbstzweck, sondern nützt der Psyche, der Arbeit, der Beziehung, dem sozialen Leben insgesamt.
Skinny Privilege: Plötzlich sind alle nett zu ihr
Die entscheidende Frage lautet für ihn jedoch: Wann kippt das Förderliche ins Zwanghafte? Wann erzeugt es Stress? Wann steckt man in einer, wie es Schmidt-Trucksäss nennt, «Optimierungszwangsjacke»? Und wann greift man zu unlauteren Mitteln? Etwa zu anabolen Steroiden, wie sie im Freizeitbodybuilding verbreitet sind. Oder eben neuerdings zu verschreibungspflichtigen, teils noch nicht zugelassenen Medikamenten wie Retatrutid.
Für Menschen mit krankhafter Adipositas oder starkem «Food Noise» – einem permanenten, belastenden Gedankenkreisen ums Essen – seien solche Abnehmmedikamente ein Segen, betont Arno Schmidt-Trucksäss. Jedoch werde es dort problematisch, wo keine medizinische Indikation vorliege, sondern ein ästhetisches Ideal oder Freizeitoptimierung das Motiv sei. «Viele, die die Präparate aus Lifestylegründen nehmen, wissen womöglich gar nicht, dass sie sich damit nichts Gutes tun – im Gegenteil», sagt der Sportmediziner.
Der Grund für das mögliche Unheil liegt in der Biologie. Jeder Körper hat einen sogenannten Setpoint – einen hormonell und stoffwechselbedingt regulierten Gewichtsbereich, den er zu verteidigen versucht. Deshalb kehren viele Menschen nach einer Diät oder auch nach einer Krankheit rasch zu ihrem ursprünglichen Gewicht zurück; bei schnellem Gewichtsverlust sogar darüber hinaus: der bekannte Jo-Jo-Effekt. «Um das Gewicht langfristig zu halten, muss man die Medikamente also meist ein Leben lang nehmen», sagt Schmidt-Trucksäss. «Und da frage ich mich schon, ob sich das für ein oder zwei Kilo weniger auf der Waage lohnt.»
Gesünder als gesund ist kaum möglich
Hinzu komme die mutmasslich fehlgeleitete Erwartung, man könne als gesunder Mensch mit solchen Präparaten auch Blutwerte weiter optimieren – Cholesterin, Blutzucker, Leberfett. Grundsätzlich gilt: Je kränker ein Mensch ist, desto grösser ist der absolute Nutzen eines Medikaments.
Umgekehrt gilt aber, dass sich innerhalb eines gesunden Organismus nur wenig weiter verbessern lässt. «Es kann sein, dass durch medikamentöse Behandlung einzelne Werte minimal besser werden – aber dieser Zugewinn ist bei Gesunden kaum klinisch relevant», so Schmidt-Trucksäss. Das hätten Studien etwa mit Cholesterinsenkern bei gesunden Personen gezeigt.
So kippt bei ihnen auch die Nutzen-Risiko-Abwägung schnell ins Negative. Denn kein Medikament ist ohne Nebenwirkungen. «Warum sollte man das in Kauf nehmen», fragt Schmidt-Trucksäss, «wenn man doch gesund ist?»
Als es dunkel wird, färben sich die Lampen rot
Fabrizio wiederum sagt: «Ich will nicht verneinen, dass die Sache mit Biohacking, Longevity und Peptides spritzen Suchtpotenzial hat.» Doch herauszufinden, «was man maximal aus dem eigenen Körper herausholen kann», das sei nun mal sehr reizvoll. Egal, ob man eine Verletzung heilen, die Schlafqualität steigern oder den Körperfettanteil senken wolle.
Dass er «mehr für seine Gesundheit mache» als andere, ist ihm bewusst. Als es draussen eindunkelt, werden das Licht seines iPhone-Bildschirms und das der Lampen in der Wohnung rötlich – um später leichter einschlafen zu können. Eines seiner Küchenregale ist voll mit Nahrungsergänzungsmitteln, zweimal pro Jahr lässt er sein Blut auf Tumormarker checken. Die Peptide sind da fast ein logischer nächster Schritt.
«Das Endziel ist es, glücklich und gesund zu sein», sagt Fabrizio. «Und wenn du kleine Probleme auf einfache Weise lösen kannst, um dir so mehr und bessere Lebensjahre zu holen: Warum solltest du nicht?»
