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Sie ist Historikerin, Germanistin, Journalistin. Macht das Sinn? Absolut, wie Nadine A. Brüggers Buch beweist.
Sie ist Historikerin, Germanistin, Journalistin. Macht das Sinn? Absolut, wie Nadine A. Brüggers Buch beweist.
Bild: tim loosli
Review

Sie schreibt die Schweizer Geschichte aufregend neu – aus Sicht junger Frauen

Nadine A. Brügger hat sich mit ihrem Buch «Helvetias Töchter» Grosses vorgenommen. Und Grosses geleistet. Ein halbfiktionaler Trip durch die Gesellschafts-, Gesetzes- und Geschlechtergeschichte der letzten eineinhalb Jahrhunderte.
08.07.2021, 19:5409.07.2021, 19:15

Dies ist ein Buch, nach dessen Lektüre ich sofort die Serie dazu vor meinem inneren Auge hatte. Und das ich in der Schule gerne gelesen hätte (mit diesem Wunsch bin ich nicht die Erste). Denn in der Schule bestand Geschichte aus Schweizer Schlachten, der französischen Revolution und dem Zweiten Weltkrieg. Bis unser Geschichtslehrer eines Tages – er musste in den WK –, sagte: «Meine Stellvertreterin ist übrigens etwas ganz Spezielles, sie ist», er machte eine Pause, «eine», er machte noch eine Pause, «Feministin.»

Die Feministin hiess Annamarie Ryter, sie benutzte schon Ende der 80er-Jahre gegenderte Sprache, verdrehte unserem schönsten Sportlehrer den Kopf und schrieb das preisgekrönte Jugendbuch «Stärker als ihr denkt» über das Schicksal einer 16-jährigen Arbeiterin in einer Basler Seidenfabrik. Eine erfundene Geschichte vor historischem Hintergrund.

Genau das hat jetzt auch die 32-jährige Historikerin und NZZ-Redaktorin Nadine A. Brügger getan. Unter dem Titel «Helvetias Töchter» liefert sie die andere Schweizer Geschichte. Von 1846 bis zum Frauenstreiktag 2019. Ein Riesenbuch in acht Erzählungen, 368 Seiten dick, engmaschig recherchiert, mit vielen Anmerkungen, die das historische Gerüst zu den Fiktionen liefern und selbst noch einmal viel spannendes Originalmaterial enthalten.

Als allegorische Figur stand und steht die Helvetia (hier von Böcklin aus dem Jahr 1891) zwar für die grosse Freiheit, aber nicht für die Freiheit der Frau.
Als allegorische Figur stand und steht die Helvetia (hier von Böcklin aus dem Jahr 1891) zwar für die grosse Freiheit, aber nicht für die Freiheit der Frau.
bild: Fine Art Images/Heritage Images/Getty Images

Es beginnt 1846 mit der Geschichte der Zürcher Bürgerstochter Hélène, die gerne studieren möchte, aber knapp noch nicht darf, sich jedoch zum Missfallen des Vaters in ein paar juristischen Vorlesungen unter die männliche Studentenschaft mischt. Sie wird mit einem Juristen verheiratet, zieht mit ihm nach Genf, und trifft sich dort unter dem Vorwand gediegener Teekränzchen mit einigen (auch historischen) Feministinnen. Die Kanzlei ihres Mannes verliert ihretwegen Aufträge, es kommt zum Eklat, denn das sprechende Möbelstück und Eigentum des Mannes namens Frau hat es gewagt, sich politisch einzumischen.

In den Anmerkungen zu Hélène findet sich etwa ein Zitat von Lydia Welti-Escher, der Tochter von «Eisenbahnpionier und ETH- und CS-Gründer Alfred Escher: «Die Schweizer, mit seltenen Ausnahmen, verlangen von ihren Frauen, nebst möglichst ansehnlichem Vermögen, nur denkbar grösste Anspruchslosigkeit. Die schweizerische Gattin auch der höheren Stände ist durchschnittlich nichts anderes als eine Haushälterin, die den Zweck ihres Daseins erfüllt, wenn sie wenig Geld braucht. Ein glänzendes Wesen, Charme, feinere Bildung würden ihr, von ihrem Gatten und ihrer Umgebung, als Kriminalverbrechen vorgeworfen.»

Lydia Welti-Escher (1858-1891) wurde zu einer grossen Mäzenin und gründete die Gottfried-Keller-Kulturstiftung.
Lydia Welti-Escher (1858-1891) wurde zu einer grossen Mäzenin und gründete die Gottfried-Keller-Kulturstiftung.
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV RIA

Hélène wird abgelöst durch das Zimmermädchen Emerita, das sich während des Ersten Weltkriegs in Arosa um reiche Hotelgäste aus aller Welt kümmert und von ihnen lang vor der Globalisierung und dem Internet Krümel von Weltgewandtheit aufschnappt. Darunter auch, dass Frauen in Australien, Neuseeland, Finnland, Norwegen und Dänemark bereits wählen dürfen.

Wir begleiten die Arbeiterin Luisa durch die gewalttätigen Wirren des Generalstreiks 1918, als eine Viertelmillion Streikende rund 90'000 Ordnungskräften gegenüberstanden. Eine der Forderungen der Streikenden war das Frauenstimmrecht. Das Kapitel liest sich wie ein Thriller. Oder wir sind dabei, wenn die Camionfahrerin Elsa im Zweiten Weltkrieg eine jüdische Familie rettet, aber selbst verhaftet und in Hindelbank eingesperrt wird und nur noch sterben will.

Zum Einsatz gegen die aufmüpfigen Arbeiterinnen und Arbeiter bereit: Defilee der Ordnungstruppen vor General Ulrich Wille und Oberstdivisionär Emil Sonderegger am Zürcher Mythenquai im November 1918.
Zum Einsatz gegen die aufmüpfigen Arbeiterinnen und Arbeiter bereit: Defilee der Ordnungstruppen vor General Ulrich Wille und Oberstdivisionär Emil Sonderegger am Zürcher Mythenquai im November 1918.
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV RIA

Und dann gibt es eine Verschnaufpause mit der amerikanischen Journalistin Thea, die Verwandtschaft in der Schweiz hat und 1957 mit vielen andern Medien bis zur «New York Times» in Unterbäch im Wallis einer kuriosen Abstimmung beiwohnt: Frauen werfen im Schutz der Dunkelheit ihre Stimmzettel in die Urne, um über ein Zivilschutzgesetz abzustimmen, das auch sie betrifft. Der Gemeindepräsident Paul Zenhäusern hat das so bestimmt, gegen den Willen von Kanton und Landesregierung. Es ist aber alles nur symbolisch: Es gibt eine Männer- und eine Frauen-Urne und die Stimmen aus der Frauen-Urne werden nicht gezählt.

Anlässlich ihrer Reportage aus einem Land mit siebentausend Bergen flirtet Thea mit dem feministischen Walliser Kantonsrat Peter von Roten und lernt dessen emanzipierte Frau und Juristin Iris von Roten kennen. Sie verliebt sich in Bern (das plötzlich romantische Hollywoodqualitäten kriegt), löst das Rätsel um den Verbleib der im Krieg inhaftierten Elsa und nimmt schliesslich einen Job als Korrespondentin in Europa an. Und sie ist dabei, als das Frauenstimmrecht in der Schweiz am 1. Februar 1959 abgelehnt wird. Viele gemässigtere Feministinnen geben Iris von Rotens radikaler Polemik «Frauen im Laufgitter» die Schuld daran.

Der Unterbächer Gemeindepräsident Paul Zenhäusern und seine Frau Katharina lesen wenige Tage vor der illegalen Abstimmung Fanpost.
Der Unterbächer Gemeindepräsident Paul Zenhäusern und seine Frau Katharina lesen wenige Tage vor der illegalen Abstimmung Fanpost.
bild: Keystone

Und so entspinnt Brügger lose Wahl- und Zufallsverwandtschaften unter ihren widerspenstigen Protagonistinnen. Die Fäden zwischen den Töchter-Generationen reissen nie ganz ab, sondern werden im Gegenteil fester. Etwas lästig ist allerdings, dass die dialogischen Verhandlungen zeitgenössischer Gender-Debatten innerhalb der Kapitel sehr viel Raum einnehmen. Das ist zwar informativ, hätte sich aber geschmeidiger in die Fiktionen einarbeiten lassen.

Doch am Ende, wenn die junge Medizinerin Amara mit ihrer kleinen Tochter und Ersatzgrosi Helga 2019 in Bern zum Frauenstreik geht, möchte man ein bisschen weinen. Aus schierer Erschöpfung angesichts der eigenen Geschichte. Weil der Weg ins Heute so unsäglich zäh war. Weil es noch immer eine seltene nationale Schande ist, dass hier, in einer Demokratie mitten in Europa, das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt wurde. Erst 1971.

Wieso ist auch 2019 ein Frauenstreik noch nötig, obwohl wir doch ein Gleichstellungsgesetz haben, fragte sich Nadine A. Brügger. Und schrieb als Antwort ihr Buch.
Wieso ist auch 2019 ein Frauenstreik noch nötig, obwohl wir doch ein Gleichstellungsgesetz haben, fragte sich Nadine A. Brügger. Und schrieb als Antwort ihr Buch.
Bild: KEYSTONE

Auch die vielgelobte und oft allzu vordergründige Neutralität und Stabilität der Schweiz erscheinen in einem andern Licht. Dahinter steckt nicht zuletzt die störrische Sturheit eines Systems, das sich selbst bewahren wollte. Unter patriarchalen Vorzeichen, versteht sich.

«Helvetias Töchter» erzählt von Abenteuern und vom Aufbruch junger Frauen, von Träumen, die an den Mauern der Gesetze und Konventionen zerbrechen, von zarten und selbstbewussten Liebesgeschichten, von Krieg und Frieden – und von nichts, auf das die Schweiz rückblickend stolz sein kann. Aber es ist ein Buch, auf das seine Autorin stolz sein darf.

Nadine A. Brügger: Helvetias Töchter – Kampf, Streit, Stimmrecht: Acht Frauengeschichten aus der Schweiz von 1846 bis 2019. Arisverlag, Zürich 2021. 368 S., ca. 30 Fr.

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14 Bilder vom Frauenstreik am 14. Juni 1991

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14 Bilder vom Frauenstreik am 14. Juni 1991
quelle: keystone / walter bieri
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