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Bis dass die Spritze euch scheidet: Beim Dating wird der Impf-Status zum Killerkriterium

Liebe innerhalb der eigenen Bubble: Was früher die Religion war, ist heute der Impfstatus. Jetzt geht sogar eine Dating-Plattform auf den Markt, die sich gezielt an Ungeimpfte richtet.

Katja Fischer de Santi und Patrik Müller / ch media



«2/2 completed»: Wer das unter seine Angaben auf Dating-Apps wie Tinder schreibt, will damit nicht seine Erfolgsquote in Sachen Liebe durchgeben. Sondern den eigenen Impfstand anzeigen. «2/2 completed» bedeutet zweimal geimpft. Das Signal dafür, sich wieder mit vollem Körperkontakt in das Dating-Leben zu stürzen.

Coronavirus COVID-19 Vaccine Glass Bottle, syringe and Heart-shaped plastic box isolated on blue background with copy space at Thailand. Medical device concept. Selective Focus.

Die Haltung zur Impfung wird beim Daten wichtiger. Bild: Shutterstock

Der Impfstatus im Datingprofil ist aber mehr als nur der Freipass zum Küssen. Er ist für manche auf der Suche nach dem Partner fürs Leben gerade wichtiger als Religionszugehörigkeit, politische Einstellung oder Einkommensverhältnisse.

Beispielhaft dafür steht die Aussage eines 37-jährigen Kommunikationsfachmannes aus St. Gallen:

«Wenn ich zu flirten beginne, stelle ich ziemlich schnell mal die Frage nach der Impfung. Kommt ein Nein, frage ich nach, und je nach Antwort wars dann das.»

Und zwar unabhängig davon, wie attraktiv die Frau sei. Da gehe es um grundsätzliche Einstellungen, Meinungsverschiedenheiten seien vorprogrammiert. «Darauf kann man keine Beziehung aufbauen.»

«Lieber Händchen statt Abstand halten»

Dass sich entlang der Impffrage immer mehr Gräben auftun, zeigt auch die vor wenigen Tagen aufgeschaltete Website «Impffrei:love» des Schweizer Vereins Vita Holistic. Hier sollen sich «bewusste Menschen» unter sich verlieben können. Wobei das Adjektiv «bewusst» konsequent als Euphemismus für corona- und impfskeptisch benutzt wird.

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Die Betreiber werben mit «fruchtbaren Partnerschaften» für Menschen «die lieber Händchen statt Abstand halten.» Und «Gesicht zeigen» möchten. Ausser im Namen der Plattform wird mit keinem Wort erwähnt, dass es sich hier um eine Datingseite für Ungeimpfte handelt.

Die Kooperationspartner – etwa «Gemeinsam Schweiz», eine Vernetzungsplattform für allerlei impf- und coronasekptische Organisationen – machen aber sofort klar, dass hier nur unter Gleichgesinnten verkuppelt werden soll. Unangenehmen Diskussionen beim Flirten gehen Mann und Frau so aus dem Weg, verliebt wird in der eigenen Bubble.

Das lässt man sich dann auch was kosten. Eine Halbjahresmitgliedschaft schlägt mit rund 100 Franken zu Buche. Das ist fast gleich viel wie bei günstigeren Verkupplungsdiensten wie Lovescout24. Trotzdem ist es erstaunlich viel, weil die Betreiber schreiben, dass sie «keine profitorientierten Interessen» verfolgen. Mit den Überschüssen würden sie aber gemeinnützige Projekte unterstützen. Mit der Registrierung wird man dann auch automatisch passiv Mitglied im Verein Vita Holistic.

Gesundheit wird zur dominierenden Glaubensfrage

Die Gesundheit ist zur Glaubensfrage geworden. Glaube ich, dass Viren gefährlich sind – oder vielmehr die Massnahmen gegen deren Ausbreitung? Glaube ich, dass die Wissenschaft für oder gegen mich arbeitet? Glaube ich, dass mein Körper durch die moderne Medizin gesünder oder kränker wird? Glaube ich, dass ein Ingwer-Kurkuma-Shot oder eine mRNA-Impfung besser fürs Immunsystem ist?

In dieses Bild passen die Ergebnisse einer Umfrage der Dating-Plattform Parship vom Mai 2021. Von den befragten Singles gaben knapp 40 Prozent an, nur Personen zu daten, die bezüglich der Pandemie und Schutzmassnahmen die gleiche Meinung haben wie sie selbst. Bei den über 50-Jährigen war die Zustimmung zu dieser Frage gar bei 52 Prozent.

Dass Corona und das Impfthema zu einer Trennlinie beim Daten geworden sind, läuft einer jahrzehntelangen Entwicklung entgegen. Zumindest in den westlichen Gesellschaften sind Liebe und Heiraten immer weniger an den sozialen Status, an die Religions- oder gar Rassenzugehörigkeit gebunden.

Die Kirche hat «Mischehen» bis in die 1960er-Jahre geächtet

Bis in die 1960er-Jahre hinein waren «Mischehen», wie es abwertend hiess, verpönt und kirchenrechtlich gar geächtet. Noch 1962 scheiterte Papst Johannes XXIII. beim Zweiten Vatikanischen Konzil mit seinem Vorhaben, Heiraten von Katholiken mit Reformierten zu erleichtern. Erst der Papst Paul VI. konnte diese Liberalisierung durchsetzen, im Jahr 1966.

Das scheint beinahe unvorstellbar aus heutiger Sicht, wo in der Schweiz demnächst über die «Ehe für alle» abgestimmt wird, also über die zivilrechtliche Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Paaren.

Diese Unvorstellbarkeit bezieht sich aber bloss auf die christlichen Konfessionen. Strenggläubige Musliminnen und Muslime, Jüdinnen und Juden heiraten bis heute oft innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft. Doch auch in diesen Religionen geht der Trend Richtung Öffnung.

Allerdings kann die gesellschaftspolitische Grosswetterlage immer wieder neue Bruchlinien schaffen. Noch vor Corona zeigte sich das in den USA, jenem Land, das bei gesellschaftlichen Entwicklungen häufig Vorreiter ist, im Guten wie im Schlechten.

Linke sollen keine Rechten heiraten, und umgekehrt

Seit die amerikanische Politik sich mehr und mehr polarisiert, wird die Parteizugehörigkeit zu einer solchen Linie. Laut der US-Soziologin Arlie Hochschild, die an der Universität Berkeley lehrt, öffnete sich der Graben bereits ein Jahrzehnt vor Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten; diese akzentuierte die Teilung aber noch.

In ihrem Buch «Fremde im eigenen Land» schreibt Hochschild, in den 1960er-Jahren habe es nur 5 Prozent der Eltern, welche die Demokraten wählten, gestört, wenn ihr Kind einen Republikaner heiratete. Ähnlich war es bei republikanischen Eltern, deren Kind einen Demokraten heiratete.

Arlie Hochschild stellt fest, dass dieser Wert im Jahr 2016 auf 30 bis 40 Prozent gestiegen ist. Es stört also jedes dritte Elternpaar, wenn der Nachwuchs parteiübergreifend heiratet. Somit habe die Frage der Partei- jene der Rassenzugehörigkeit als das Kriterium abgelöst, das am stärksten segmentiert.

Polarisierung wie in den USA?

Ähnliche Untersuchungen aus der Schweiz sind nicht auffindbar. Haben auch hierzulande SVP-Eltern Mühe damit, wenn ihre Kinder eine Sozialdemokratin oder einen Grünen heiraten? Da die schweizerische Gesellschaft inte­grierter und nicht derart gespalten ist wie jene in den USA, dürfte dieses Problem zumindest im grösseren Stil kaum existieren.

Ob das so bleiben wird, ist nicht sicher. Der ehemalige Nationalbank-Chef Philipp Hildebrand, der heute für den US-Vermögensverwalter BlackRock arbeitet und Amerika gut kennt, sagte kürzlich an einem Vortrag, er fürchte, die Schweiz bewege sich bezüglich Polarisierung und politischer Spaltung Richtung USA.

Für den Moment aber ist Corona der grösste Dating-Spaltpilz, und der lässt sich nicht an der Links-rechts-Achse festmachen – insofern bricht er die politischen Ideologien fast wohltuend auf. Ein Forschungsteam des Soziologischen Instituts der Universität Basel kam Ende 2020 zum Schluss, dass es sich bei den Coronaskeptikern um eine sehr heterogene Gruppe handelt.

SVP-Sympathisanten sind darin übervertreten, aber auch anthroposophisch denkende, eher links oder grün zu verortende Menschen. Auch bezüglich Bildung ist die Gruppe divers; hohe Schulabschlüsse sind darin sogar leicht übervertreten. Gut möglich also, dass sich in der Corona-Bubble eine SVP-Wählerin mit Hochschulabschluss und ein grüner Homöopathie-Freak daten ...

Äussere Merkmale der Gruppenzugehörigkeit

Wer in Sachen Corona welche Einstellung hat, das lässt sich auf Dating-Plattformen feststellen, im physischen Alltag aber nicht. Es sei denn, man trägt die Impf-Ideologie nach aussen, und auch das kommt mittlerweile vor.

Während sogenannte «Vaxinistas» in den sozialen Medien schon mal ihre Impfpflaster präsentieren und sich danach jedem, der es sehen will, mittels Ketten, Pins und Handyhüllen ihren Impfstatus durchgeben, decken sich Impfgegnerinnen mit T-Shirts mit Aufdrucken wie «impffrei = coronafrei» oder «Ich impfe nicht für andere» ein. Kaum vorstellbar, dass diese Slogans die Kommunikation über den Impfgraben hinweg erleichtern. Sie dienen vielmehr als Erkennungs- und Abgrenzungsmerkmal.

«Es gab schon immer eine grosse Gruppe an Impfgegnern», sagte Soziologieprofessorin Katja Rost. In normalen Zeiten seien Fragen, wie man seine Gesundheitsvorsorge betreibe, nichts, das die Agenda und die Bewegungsfreiheit bestimme. Jetzt schon, und das treibe eine Spaltung voran.

Mehr und mehr Menschen sehen sich gezwungen, Position zu beziehen. Etwas, was sie sonst gerne vermeiden – dem Frieden und der Liebe zuliebe. Doch seit Corona da ist, leben wir eben nicht mehr in normalen Zeiten.

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