Tinder-müde? Psychotherapeutin erfindet neue Dating-Form – sie hat einen grossen Vorteil
Wir leben in der Ära der «Dating-Fatigue». Was einst als sexuelle Befreiung und grenzenlose Auswahl per App begann, ist in einem kollektiven Burnout gemündet. Man wischt nach rechts, man schreibt belanglose Zeilen, man trifft sich auf einen lauwarmen Kaffee und spürt: nichts. Oder schlimmer noch: Stress.
Psychotherapeutin Larissa Cano beobachtet in ihrer Praxis die Kollateralschäden der Generation Tinder: Menschen, die verlernt haben, ihrem Gegenüber – und vor allem sich selbst – zu trauen. Das Problem beginnt oft schon vor dem ersten «Hallo». In einer Welt voller Fake-Profile ist das Date zum Risiko geworden. Cano berichtet von Patientinnen, die sich bei Treffen unwohl und überfallen fühlen. «Es ist einfach nicht die Person, die sie erwartet haben», sagt sie. Die Folge: Das Nervensystem schalte bei jedem Date im Vorhinein auf Alarm.
Das kann zu einer folgenreichen Verwechslung führen: Die Psychologie spricht von «Misattribution of Arousal», einer falsch zugeordneten Erregung. Bekannt wurde das Phänomen durch die «Scary Bridge Study»: Männer, die auf einer schwankenden Hängebrücke einer Frau begegneten, hielten diese in einer Studie für deutlich attraktiver als Männer auf einer stabilen Unterlage. Der Grund: Das Gehirn verwechselte das Herzrasen vor Angst mit dem Herzklopfen der Verliebtheit.
«Matchmaking ist übergriffig»
Mit ihrem Projekt «spooned» (englisch für in Löffelchenstellung liegen) will Cano die Spielregeln ändern. Zugelassen wird zunächst einmal nur, wer sich mit seinen Ausweisdokumenten verifiziert. Darauf folgt ein psychologisches Interview – mit einem Avatar der Gründerin, also ihrer digitalen Doppelgängerin. Ziel sei dabei nicht, den perfekten Match zu finden, so wie das gewisse Plattformen versprechen. «Matchmaking» sei übergriffig, eine Anmassung, sagt Cano. Eher gehe es um einen Bewusstseinsprozess.
Sie ist überzeugt: «Wir scheitern nicht am Partner, sondern an unseren Prägungen.» Wer beispielsweise als Kind gelernt habe, dass Liebe an Leistung geknüpft sei, suche sich als Erwachsener Partner, die ihn genau so unter Druck setzen.
Jede Nutzerin und jeder Nutzer erhält einen «Beziehungsbericht» – eine Art Verzeichnis der eigenen Defizite. «Man muss herausfinden: Wie hoch ist der Preis, den ich für meine Muster zahle?», sagt Cano. Wer seine Muster kenne, könne sie beim Date benennen, statt sie hinter einer Fassade zu verstecken – Dating als Akt radikaler Ehrlichkeit.
Aus ihrer Therapieerfahrung wisse sie, wie viele Dinge über Jahre im Verborgenen bleiben, auch zwischen einander. Manchmal habe sie Paare vor sich, die gut miteinander könnten, fünf Jahre zusammen seien, aber gerade erst gemerkt hätten, dass einer Kinder wolle und der andere nicht. Solche Fragen müssten früher geklärt werden. Darum würden bei «spooned» auch die grossen Fragen des Lebens geklärt – von Kinderwunsch über Religion bis zu politischer Einstellung.
Die Idee ist, dass die «spooned»-Teilnehmenden nach dem Interview an organisierten Events nur auf Leute treffen, die einigermassen kompatible Lebensziele verfolgen. Das Wissen darum nehme den Druck und beruhige das Nervensystem, noch bevor der erste Drink bestellt sei – und ermögliche so eine unverzerrte Dating-Erfahrung, ist Cano überzeugt.
Eventdating für die Generation 35+
Die Events sollen klein, kuratiert und konsequent offline sein sowie immer einen Erlebniswert für sich haben. Cano nennt als Beispiele einen Cocktail-Mix-Kurs oder eine Lesung: Die Aktivität soll zu einer echten Begegnung beitragen – oder schlimmstenfalls über ein laues Treffen hinwegtrösten.
Canos «spooned» soll im März starten und, wenn alles klappt, wissenschaftlich begleitet werden. Es richtet sich an die Zielgruppe 35 plus, also an jene, die für Partys zu alt und für die Einsamkeit zu jung sind.
Mit ihrer Dating-Revolution steht Cano freilich nicht ganz allein da. Ihr Projekt reiht sich ein in den jüngsten Boom analoger und hybrider Dating-Events, wie sie kürzlich auch die SRF-Sendung «Impact» aufgegriffen hat. Was «spooned» auszeichnet, ist der therapeutische Boden, die Betonung der Selbsterkenntnis. «Wer dann wirklich zu einem passt», sagt Cano, «muss aber immer noch jeder selbst herausfinden.»
