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 Joko und Klaas nutzen ihre Sendezeit zur Primetime für ein wichtiges Anliegen.

Joko und Klaas nutzen ihre Sendezeit zur Primetime für ein wichtiges Anliegen. Bild: ProSieben

«Dann sterben Menschen»: Joko und Klaas kapern ProSieben für besondere Aktion

Weil sie gegen ihren Sender gewonnen hatten, bekamen Joko und Klaas am Mittwochabend Sendeminuten zur freien Verfügung. Doch das Moderatorenduo war nur kurz Teil der aufrüttelnden Inszenierung.



Joko und Klaas stehen in einem schlicht gehaltenen Studio und reden um den heissen Brei. Minutenlang wird dem Zuschauer nicht klar, was das Duo plant. Weil sie am Dienstagabend in «Joko & Klaas gegen ProSieben» gegen ihren Sender gewonnen haben, dürfen sie die Primetime für 15 Minuten nutzen. Doch bei dieser Viertelstunde bleibt es nicht – ProSieben legt Sendezeit obendrauf.

«Wir haben ProSieben um Unterstützung gebeten», erklären Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf und stellen klar: «Sie haben sich nur gefreut, bis sie gehört haben, um was es geht.» Ihr Sender habe gefragt: «Wie soll das gehen?»

Die für gewöhnlich als Ulknudeln bekannten Moderatoren wirken ernst und versichern: «Es ist ein Thema, das uns alle betrifft (...) und es funktioniert nur, wenn jemand bereit ist, seine Welt zu öffnen.» Kurz bevor es richtig losgeht, appellieren sie an alle Zuschauer und sagen: «Wir brauchen eure Kommentare, eure Aufmerksamkeit (...) nur mit einer gewissen Lautstärke kommt diese Botschaft an.»

«Normalerweise würde jetzt Werbung laufen»

Danach wird es dunkel. Eine Autofahrt durch die Nacht aus der Egoperspektive beginnt – und endet auf einem unscheinbaren Parkplatz. Das Datum «Donnerstag, 18.03.2021, 5:56 Uhr» wird eingeblendet. Erst danach wird klar: Die Zuschauer folgen einer Pflegekraft zu ihrem Dienstantritt.

Es geht in die Uniklinik Münster, ins Knochenmarktransplantationszentrum, in dem «Kinder mit bösartiger Erkrankung und todkranke Patienten» behandelt werden, wie Meike Ista, Fachgesundheits- und Kinderkrankenpflegerin für Intensiv & Anästhesiepflege, erzählt.

Schnell steigt der Hashtag #nichtselbstverständlich auf Twitter in die Trends, dicht gefolgt von #JKLive, der sonst für die gewonnene Sendezeit von Joko und Klaas genutzt wird. Geplant war ab 20.30 Uhr die Ausstrahlung der US-Serie «9-1-1 Notruf L.A.», doch um kurz vor 21 Uhr meldet sich das Moderatorenduo kurz zu Wort. «Normalerweise würde jetzt Werbung laufen», so Joko und Klaas, aber der Pflegealltag solle weiter Aufmerksamkeit bekommen.

Gesundheits- und Krankenpfleger, Altenpfleger und Fachkräfte aus Krankenhäusern kommen zu Wort. «Ich wünsche mir, dass die Pflege mehr Anerkennung bekommt», bittet zum Beispiel Metin Dogru und erklärt, dass das leider vielerorts nicht so ist. «Es wäre toll, wenn sich daran etwas ändern könnte».

«Mein Beruf bedeutet mir alles», schildert die Pflegerin Franziska Böhler und Alexander Jorde ergänzt: «Pflege, Gesundheit, das betrifft ja jeden von uns.» An diesem Punkt kippt die Erzählung.

Von der Alltagsschilderung geht die im Reportagestil gehaltene Aktion zu einem emotionalen Appell über. Vom «katastrophalen Pflegenotstand» ist die Rede, von «enormem Personalmangel» und «bis zu 9000 Pflegekräften, die in der Pandemie gekündigt haben». Dies würde dazu führen, dass «immer weniger Intensivplätze» in den Krankenhäusern für die pflegebedürftigen Patienten zur Verfügung stünden. Ein Protagonist der Sendung formuliert es so: «Die Situation ist sehr dramatisch.»

«Wir sind am Rande unserer Kraft»

«Die Verantwortung liegt bei der Politik», heisst es von einem weiteren Gesprächspartner in dem Format und ein Pfleger namens Ralf Berning erklärt, dass er Kollegen habe, die «23 Tage am Stück» arbeiten.

Bei Intensivpfleger dauere es durchschnittlich nur sechs Jahre, bis sie aus dem Beruf aufgrund der Belastung ausstiegen. Usus seien inzwischen Zustände, in denen zwei Pflegekräfte auf 35 Bewohner kommen. Flora Reiling meint: «Wir können nicht streiken. Dann sterben Menschen.»

Eine Lobby hätte die Branche nicht, heisst es. Immer wieder ist die Rede davon, dass der Job körperlich zu anstrengend sei, die Dienstpläne zu eng getaktet. «Wir sind am Rande unserer Kraft», lautet eine eindringliche Warnung und eine andere: «Es fehlt Zeit. Es gibt keine Möglichkeit, sich um die Patienten ausreichend zu kümmern.» Bewohner würden weinen, weil sie monatelang schlecht versorgt werden, so eine Schilderung. 200, teilweise 300 Überstunden seien in der Branche keine Seltenheit mehr.

Franziska Böhler, eine Krankenschwester aus Frankfurt am Main, erzählt nach mehr als einer Stunde Sendezeit: «Der Pflegeberuf muss besser vergütet werden. Eine adäquate Bezahlung ist auch eine Form der Wertschätzung.» Die zu Wort kommenden Angestellten aus der Pflege und den Krankenhäusern betonen dabei auch immer wieder die Rolle der Politik.

Sie wollen sich nicht mehr «moralisch erpressen» lassen, wenn es mal wieder heisst, die Pflegebedürftigen würden leiden, weil sie ihre Bedürfnisse artikulieren. «Die Politik macht das seit Jahrzehnten, aber wir lassen die Patienten nicht im Stich.» Die Würde des Menschen, so der Appell, sie gelte auch für Pflegekräfte.

Die Begeisterung in den sozialen Medien ist riesig. Unter anderem der Sender arte schreibt auf Twitter: «Was da gerade bei ProSieben passiert, dürfte ein Stück deutsche TV-Geschichte sein. Chapeau». Auch andere Nutzer sprechen von einem «historischen Moment» oder schreiben: «Das ist ein Abend, der in die TV-Geschichte eingehen wird.»

Klaas und Joko streamten ihre Doku auch über Instagram.

Klaas und Joko streamten ihre Doku auch über Instagram. Bild: damitdasklaas/instagram

Die Reportage zeigt den Pflegeberuf dabei hautnah. Jede Visite wird in voller Länge gezeigt; jeder Arbeitsschritt wird porträtiert; jedes Gespräch aufgezeichnet. ProSieben hat zu keiner Zeit das Programm unterbrochen. Werbefrei strahlt der Privatsender diese Reportage aus, zur besten Sendezeit. Unterstützt wurde die Aktion deshalb von der Telekom und der Versicherungsgruppe CosmosDirekt, wie die Moderatoren Joko und Klaas zu Beginn der ursprünglich als 15-minütige Unterbrechung geplanten Sendung erzählten. (tol)

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