DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Peepshow für die Munis: Hier wird das Sperma für fast alle Schweizer Kälber gewonnen

An der Reuss befindet sich das einzige Samenproduktionszentrum der Schweiz. Ein spezieller Stallbesuch im Aargau.

Mario Fuchs / az Aargauer Zeitung



Unauffällig ducken sich die Gebäude ins Wiesland an der Reuss. «Swissgenetics» steht auf der dezenten Tafel. Was sich hier ausserhalb Mülligens befindet, ist das «Kompetenzzentrum der Samenproduktion». Mit Gartenpflanzen hat das nichts zu tun.

Hier werden Samen für den Stall produziert – für die Kuh. Der Mann, der erklären kann, was sich dahinter verbirgt, trägt Cargohose, Kurzarmhemd und abdunkelnde Brille. Josef Kneubühler, 56, Dr. med. vet., Teamleiter Tierhaltung, ist Chef von 16 Mitarbeitern – und 140 Stieren.

Wir steigen in grüne Overalls und Gummistiefel, desinfizieren unsere Hände. In einem Formular tragen wir unsere Namen ein: Wer den Stallbereich betreten will, darf 72 Stunden vorher keinen Kontakt zu Klauentieren gehabt haben. Ein Stierenpfleger bringt die Munis aus dem Stall in die «Sprunghalle».

Darin führt der Vorbereiter einen der rundherum wartenden Stiere an dessen Arbeitsplatz: Der Muni kann wählen, ob er einen künstlichen, mit Kunstleder überzogenen Bock oder einen anderen, angebundenen Muni bespringen will. Der Experte spricht vom «Torbogenreflex»: «Der Muni sieht nur die Form eines Hintern, das weckt den Trieb in ihm.» Deshalb muss auch ein Bauer, der sich im Stall mit dem Rücken zu einem Muni duckt, aufpassen.

Der Vaginenraum ist reine Zone

Neben der «Attrappe» wartet der Operateur. «Okay, wär isch dranne?», fragt er den Vorbereiter – «Dä Chrigu chunnt!», antwortet dieser. Chrigu wird am Strick langsam an den Bock geführt, er legt behutsam seinen Kopf auf das künstliche Hinterteil.

Es bewegt sich nicht weg – das ist für ihn das Signal: In einem Ruck stellt sich der Muni auf die Hinterbeine, springt auf, der Operateur steht mit einer Art Rohr bereit, fängt das Produkt ein. Zuvor hatte er den Behälter in der reinen Zone im «Vaginenraum» vorbereitet: Sterilisation, Lagerung im Wärmeschrank. Gleitgel verhindert Verletzungen.

Und so kommt das Sperma ins Röhrchen: Ein Bulle bei der Samenproduktion.
Video: © az/Chris Iseli

Der Betrieb in der Halle animiert die wartenden Munis: «Eine Art Peepshow», sagt Kneubühler: «Sie sehen, dass etwas geht, und wollen selber auch mittun.» Durch eine Luke kommt der Samen sofort ins Labor, wo er geprüft, verdünnt, in kleine Röhrchen abgefüllt und am Tag darauf in Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius eingefroren wird.

Ein guter Muni füllt bis zu 1000 Dosen mit einem Sprung. 2,5 Millionen Dosen werden pro Jahr in Mülligen produziert, 900'000 in der Schweiz verkauft. 500'000 gehen in den Export, andere Rassen werden importiert.

Rucksackmuni als Service public

Swissgenetics ist eine Genossenschaft, die den Viehzuchtorganisationen gehört – 90 Prozent aller geborenen Kälber im Land entstehen durch Spermien aus Mülligen. Die grösste Umstellung in der Zucht seit Jahrzehnten ist im Gang: von der bewährten Nachzuchtprüfung auf das neue Verfahren der «genomischen Zuchtwerte».

Kneubühler erklärt es so: «Früher hat man zuerst 400 Kühe mit einem jungen Stier besamt und dann die weiblichen Nachkommen überprüft.» Die Chancen auf ein erfolgreiches Tier: 15 bis 20 Prozent. Neu wird das Genom eines Stieres auf spezielle Marker abgetastet, aufgrund bekannter Zuchtwerte kann davon auf die Eigenschaften des Stieres geschlossen werden. Ergebnis ist ein detailliertes Profil des Stiers.

Noch trauen nicht alle Schweizer Bauern der Technik, in Amerika ist sie bereits Standard. «Wir analysieren nur, wir manipulieren nichts am Genom», betont Kneubühler. Welchen Samen der Bauer für seine Kuh möchte, wählt er in einem Katalog aus. Der erfolgreiche Züchter aber schaue nicht nur aufs Papier: «Er spürt seine Tiere.» Die Preise variieren zwischen 20 und 89 Franken pro Dose. Anfahrt pauschal 12 Franken, Besamen 16 Franken, plus Arbeitszeit.

Der Bauer, der seine brünstige Kuh bis zum Mittag meldet, erhält noch am gleichen Tag Besuch vom Besamungstechniker. Das Netzwerk aus Besamern und Tierärzten ist fein gesponnen, auch im Aargau, der mit Zug und dem Albis eine von 31 Besamungsgruppen bildet. Durchschnittlicher Anfahrtsweg: 7 Kilometer. Auf Wunsch wird gar auf der Alp besamt, wofür der Mitarbeiter in die Wanderschuhe und ins Seilbähnli steigt, samt Lieferung in der Thermosflasche. Rufname: «Rucksackmuni».

Bedient werden alle Gebiete gleichsam, auch wenn eine Lieferung in einen abgelegenen Betrieb für sich nicht zwingend lukrativ ist: «Wir bieten quasi einen Service public», sagt Regionalleiter Richard Schmid. Immer mehr gefragt sind «gesexte Spermien».

Eine US-Spezialfirma hat letztes Jahr in Mülligen ein High-Tech-Labor eröffnet, in dem das Ejakulat in männliches und weibliches Erbgut getrennt wird. Ein Milchbauer gibt so zwar etwas mehr für eine Samendose aus, hat dafür aber Gewissheit, das eine Milchkuh und kein Muni zur Welt kommen wird.

Im Stall läuft Radio SRF 3, ein Mitarbeiter wischt den Boden. Gehalten werden die Tiere in Anbindeboxen – eine Weidehaltung wäre undenkbar: «Die Munis würden die Rangordnung ausmachen, es gäbe Tote.» Doch die 50-jährigen Ställe werden bald ersetzt: Bis Ende 2019 gibt es zeitgemässe Freilaufboxen. Die Planung der Gebäude läuft. Auch sie werden sich unauffällig ins Wiesland ducken.

(aargauerzeitung.ch)

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Ab heute gelten neue Corona-Regeln

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Absichtlich die Ex-Freundin angezündet – oder doch nur ein Unfall am Gasgrill?

Die Vorwürfe an den Mann waren extrem: Er soll seine ehemalige Freundin mit Brennsprit übergossen und angezündet haben. Am Dienstag kam es zum Prozess vor dem Bezirksgericht Bremgarten. Doch die Frau konnte den Richter nicht überzeugen.

«Danke», murmelte der durchtrainierte, bärtige Deutsche, als der Richter sein Urteil verkündet hatte. Wenige Minuten später, vor den Türen des Gerichtsgebäudes, Schweisstropfen bedeckten noch immer seine Stirn, sagte er: «Ich bin froh, dass es jetzt endlich vorbei ist.»

Jahrelang lebte der Mann in Unsicherheit. Vor dem Bezirksgericht Bremgarten stand er diesen Dienstag, nebst anderer Delikte, auch wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Die angebliche Tat soll er 2015 begangen haben. «Ich …

Artikel lesen
Link zum Artikel