Schweiz
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Wenn der Papi das Mami schlägt

Im Aargau werden jedes Jahr rund 1000 Kinder Zeuge davon, dass ihre Eltern heftig streiten oder handgreiflich werden. Viele Eltern glauben, ihre Kinder würden davon nichts mitbekommen. Eine falsche Annahme.

Noemi Lea Landolt / ch media



Manchmal ist am anderen Ende der Telefonleitung ein Kind. Es hat die Nummer 117 gewählt, weil seine Eltern streiten, es gesehen hat, wie sein Papi sein Mami geschlagen hat. Das Kind hat nur einen Wunsch: Es soll aufhören!

Was passiert nach einem solchen Anruf? Wer kümmert sich im Aargau um Familien, in denen Gewalt zum Alltag gehört? An einer Infoveranstaltung an der Berufsfachschule BBB in Baden haben Fachpersonen verschiedener Organisationen erzählt, was sie erleben und wie sie arbeiten. Zum Beispiel Hans-Peter Müller von der Fachstelle Häusliche Gewalt bei der Kantonspolizei Aargau. Die achtjährige Lea Martin (alle Namen geändert) hat die Polizei alarmiert. Noch während die Mitarbeiterin der Notrufzentrale mit Lea spricht und versucht, sie zu beruhigen, schickt sie eine Polizeipatrouille los. «Solche Einsätze sind auch für uns Polizisten sehr emotional», sagt Müller. Der Auftrag der Polizei ist es, die Gewalt zu stoppen, die Opfer zu schützen und den Täter zur Verantwortung zu ziehen.

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Kinder leiden mit, wenn Mami und Papi streiten. Dessen sind sich viele Eltern nicht bewusst. (Symbolbild) bild: shutterstock

Die Polizei geht von Zimmer zu Zimmer und sucht die Kinder

In der Wohnung verschaffen sich die Polizisten einen Überblick. Sie fragen immer nach Kindern und wollen wissen, wo sie sind. «Wenn wir sie nicht sehen, schauen wir nach. Wir gehen von Zimmer zu Zimmer», sagt Müller. So finden sie den vierjährigen Robin, Leas Bruder. Er sitzt am Boden, in sich gekehrt und spielt. Der Vater, die Mutter und die Kinder werden getrennt und separat befragt. Seit 2007 können Polizeikräfte im Aargau eine gewaltausübende Person für die Dauer von 20 Tagen aus ihrer Wohnung weisen und ihr verbieten, in diese zurückzukehren. Bei Familie Martin wurde das gemacht. Der Vater wurde weggewiesen.

«Einerseits geht es darum, die Opfer in der schwierigen Situation aufzufangen und zu stärken. Andererseits informieren wir sie über ihre Möglichkeiten.»

Nach einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt schickt die Polizei ihren Bericht an verschiedene Stellen im Kanton. Zum Beispiel an die Opferhilfe Aargau/Solothurn. Korina Stoltenberg ist die stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle. Sie lädt die Mutter zu einem Gespräch ein. «Einerseits geht es darum, die Opfer in der schwierigen Situation aufzufangen und zu stärken. Andererseits informieren wir sie über ihre Möglichkeiten.» Auch Stoltenberg wird das Gespräch auf die Kinder lenken, fragen, wie es Lea und Robin geht. «Hoffentlich ist es für sie nicht so schlimm», wird Frau Martin sagen.

«Gang is Zimmer, de Papi chunnt hei.»

Stoltenberg weiss: «So denken viele Eltern. Aber es ist Wunschdenken.» Eltern hätten das Gefühl, ihre Kinder würden die Gewalt und die Streitigkeiten nicht mitbekommen. Frage sie aber die Kinder, höre sie Sätze wie: «Mis Mami seit immer: ‹Gang is Zimmer, de Papi chunnt hei.›» Stoltenberg erzählt von einem Kind, das im Kindergarten plötzlich ganz schnell und viel gegessen habe. Als die Kindergärtnerin wissen wollte, warum es das tue, habe das Kind gesagt: «Ich muess schnell gross und starch werde, dass ich s’Mami cha beschütze.»

Kinderschützer spricht von einer «Epidemie»

«Gewalt unter den Eltern betrifft immer auch die Kinder», sagt auch Markus Wopmann, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Kantonsspital Baden und Leiter der Kinderschutzgruppe. Im Aargau gebe es jede Woche 20 Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt, die Familien betreffen. Jedes Jahr würden also rund 1000 Kinder miterleben, dass ihre Eltern heftig streiten oder einander schlagen. Und das sei nur die Spitze des Eisbergs. «Noch viel häufiger sind Tätlichkeiten, von denen die Polizei nichts erfährt.»

«Die Eltern sagen, das Kind habe gespielt und nichts mitbekommen. Die Kinder sagen, sie hätten Angst gehabt und weinen müssen.»

Wopmann spricht im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt von einer «Epidemie». Auffallend sei auch, dass es sich sehr oft um Wiederholungstäter handle. «In einer Familie gab es in fünf Monaten neun Polizeieinsätze.» Wopmann beobachtet ebenfalls, dass sich viele Eltern nicht bewusst sind, dass ihre Kinder realisieren, was passiert. «Die Eltern sagen, das Kind habe gespielt und nichts mitbekommen. Die Kinder sagen, sie hätten Angst gehabt und weinen müssen», sagt Wopmann.

Nach dem Polizeieinsatz klingelt auch beim Vater das Telefon. Matthias Lüscher, Gewaltberater bei der Anlaufstelle Häusliche Gewalt, will einen Termin für ein Gespräch vereinbaren. Auch Lüscher hat den Polizeibericht erhalten. Seine Aufgabe ist es, Täter so weit zu bringen, dass sie ihre Taten nicht bagatellisieren, sondern Verantwortung übernehmen. Herr Martin ist nicht begeistert von der Idee, lässt sich aber zu einem einmaligen Gespräch überreden. Lüscher gibt ihm Raum. Herr Martin habe sich zunächst eine Viertelstunde lang über seine Frau ausgelassen. Sie sei überfordert und nicht einmal in der Lage, das Mittagessen rechtzeitig auf den Tisch zu bringen. Das sei sein einziger Anspruch, wo er doch jeden Tag zehn oder zwölf Stunden arbeite. Der Gewaltberater lässt ihn ausreden, schweigt und hört zu.

Dann spricht er ihn auf seinen Alkoholpegel an. 1,8 Promille hatte Herr Martin intus, als die Polizei bei der Familie aufkreuzte. Das sei kein Problem, ein einmaliger Ausrutscher, versicherte Herr Martin. Und ja, er habe seiner Frau eine Ohrfeige gegeben. Aber die habe sie verdient. Auch Lüscher kommt auf Lea zu sprechen. Ob er wisse, dass seine Tochter die Polizei gerufen habe und was er denke, wie es ihr gehe, fragt Lüscher den Vater. Dieser wird nachdenklich und ruhig. Gewaltberater und Täter schweigen sich an. «Was fühlen Sie?», fragt Lüscher nach ein paar Minuten. Herr Martin weint. Ihm dämmert wohl, dass er vielleicht doch etwas mit der Sache zu tun haben könnte. Er lässt sich auf den Gewaltberater ein, kommt zu weiteren Gesprächen und willigt später auch in eine Suchtberatung ein, die ihm Lüscher vermittelt. Je weniger Alkohol Herr Martin trinkt, desto leichter fällt es ihm, über Gefühle zu sprechen.

Gemeinsam eine Lösung zum Wohl der Kinder finden

Irgendwann kann er seiner Frau sagen, dass er sich zuhause einsam und von ihr zurückgestossen fühle. Sie hört ihm zu und sagt, es mache ihr Angst wenn er laut und betrunken sei. «Diese Aussage hat ihm den Boden unter den Füssen weggezogen», sagt Lüscher. Herr Martin beginnt, sich selber abzuwerten, sieht sich als Monster und der Gewaltberater muss plötzlich den Täter stärken. Gleichzeitig ist Herr Martin an einem Punkt angelangt, an dem er realisiert, was er angerichtet hat. Er schafft es, sich bei seiner Familie zu entschuldigen, sagt ihnen, dass sie nicht verantwortlich seien für das, was er ihnen angetan habe. Lea sagt er, dass es richtig war, die Polizei zu alarmieren.

«Viele Eltern vergessen bei Konflikten auf der Paarebene die Kinder.»

Nach seiner Entschuldigung habe Herr Martin das Gefühl gehabt, es sei nun alles wieder normal, sagt Lüscher. Der Gewaltberater musste ihm klar machen, dass das nicht so ist. Mit der Schuld müsse er den Rest seines Lebens klar kommen und auch seine Kinder würden Zeit brauchen, bis sie ihm wieder vertrauen könnten.

Sandra Wey, Stellenleiterin der Jugend- und Familienberatung Laufenburg, kennt die Familie Martin ebenfalls. Sie arbeitet mit der ganzen Familie und hat dabei stets das Kindswohl im Blick. «Viele Eltern vergessen bei Konflikten auf der Paarebene die Kinder», sagt sie. Trotzdem mache sie Eltern keine Vorwürfe. «Ich möchte sie ins Boot holen und mit ihnen eine Lösung zum Wohl der Kinder finden.» Gleichzeitig zeigt sie ihnen auf, was die Alternativen sind. Beispielsweise eine Fremdplatzierung der Kinder.

Herr und Frau Martin kommen gemeinsam zum Gespräch. Irgendwann will Wey von den beiden wissen, was sie denken, was sich Lea und Robin wünschen. Herr Martin sagt: «Dass wir nicht mehr streiten.» Und Frau Martin sagt: «Ja, das denke ich auch.» Es ist eine Basis, auf der sich aufbauen lässt.

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • oldsailor 25.11.2019 12:24
    Highlight Highlight Ich habe wegen häuslicher Gewalt in der Nachbarswohnung vor Kurzem die Polizei gerufen. Die Polizei kann aber nichts machen, wenn das Opfer den Partner nicht anzeigt. Die KESB versucht nun die Kinder aus der Familie zu nehmen.
  • insert_brain_here 25.11.2019 11:49
    Highlight Highlight Wenn ein Elternteil den anderen physisch oder psychisch misshandelt denkt das Opfer oft es muss das aushalten, wegen der Kinder. Bitte bitte tut das nicht! Eltern sind Rollenvorbilder für ihre Kinder, denen auf diese Art und Weise vorgelebt wird, dass so eine Paarbeziehung funktioniert. Jungs lernen vom Papa das sie Frauen eine Ohrfeige geben können wenn sie aufmucken und Mädchen lernen von Mama, dass sie das verdient haben und aushalten müssen. Die nächste Generation von Opfer und Täter wächst so heran. Gilt selbstverständlich auch wenn die Geschlechter vertauscht sind. Holt euch Hilfe, bitte
  • Green Eyes 25.11.2019 11:46
    Highlight Highlight Egal wer TäterIn ist, es leiden alle Parteien, am ehesten die Kinder, die nicht verstehen können, weswegen gestritten/geschlagen wird.
    Psychische Gewalt ist genau so schlimm und macht ebenso vieles kaputt wie körperliche Gewalt.
    Als aussenstehende Person ist es schwierig zu beurteilen, was im Täter bzw. im Opfer vorgeht. Was man in jedem Fall tun sollte, ist Hilfe anbieten, sei es auf eine Beratungsstelle hinweisen oder die Polizei rufen.
    Leider ist es aber einfacher die Augen zu verschliessen, weil man sich nicht einmischen möchte.
    Ich mische mich lieber ein, als dass ein Mensch leiden muss.
  • SwissWitchBitch 25.11.2019 11:12
    Highlight Highlight «Diese Aussage hat ihm den Boden unter den Füssen weggezogen» - Deshalb ist ein "ich habe gerade Angst vor dir" oft effektiver als ein "Hör jetzt auf" (o.ä.).
  • Gubbe 25.11.2019 10:29
    Highlight Highlight Jegliche Gewalt in der Familie ist verabscheuungswürdig.


    An Watson: Wieso bekommt ihr die Diakritika nicht über die Buchstaben ä, ö und ü?
  • Things will be different when I take over the worl 25.11.2019 09:30
    Highlight Highlight "Sie sei überfordert und nicht einmal in der Lage, das Mittagessen rechtzeitig auf den Tisch zu bringen. Das sei sein einziger Anspruch, wo er doch jeden Tag zehn oder zwölf Stunden arbeite. " Traditionelles Familienbild Ahoi. Vor wenigen Tagen wurde hier über eine berufstätige Mutter abgelästert. Wo sind nun die Voten à la "Die armen Kinder!". Abhängigkeitsverhältnisse sind oft sehr ungesund.
  • cille-chille 25.11.2019 08:11
    Highlight Highlight Gewalt ist immer noch viel verbreiteter, als man sie sieht und unter dem Deckel der "Familie".
    In meinem Alltag in der Jugendarbeit, sind Gespräche über diverse Formen von Häuslicher Gewalt, also auch Psychische & Strukturelle, oft an zu treffen.
    Die Gründe sind immer verschieden, wie deren Folgen.
    Was ich jedoch bei den meisten dieser Gespräche beobachte, ist einerseits die Not der Jugendlichen. Andererseits leider auch oft, wie die Gründe der Gewalt übernommen werden.

    Einen breiten, einfachen Zugang zu Beratungsmöglichkeiten sehe ich als zentral.

    Jugendarbeit gehört gesetzlich verankert.
  • Wendy Testaburger 25.11.2019 08:08
    Highlight Highlight Tragisch. Und ganz "nebenbei" entstehen so die Opfer und Täter von morgen.
  • maljian 25.11.2019 07:26
    Highlight Highlight Es wurde bei uns niemand geschlagen, aber meine Eltern haben heftig gestritten. Ich (14) habe mit meiner Schwester (13) ein Zimmer geteilt und konnten die Streits in der Nacht gut hören. Es war so heftig, das meine Schwester anfing zu weinen. Ich habe mir gesagt, wenn es noch so weiter geht, dann geh ich raus und sag was. Sie hatten dann aber aufgehört.

    Daher weiss ich, wie es ist, wenn sich Eltern streiten und finde es doof, wenn mich mein Mann stichelt und ich darauf vor unserer Tochter (17 M.) heftig reagiere. Ich probiere mich nicht provozieren zu lassen, aber das ist nicht einfach 😞
    • Frida Kahlo 25.11.2019 11:13
      Highlight Highlight Hast du genau das deinem Mann mitgeteilt?
      Er sollte erfahren in welche Lage er dich bringt, wenn er dich "stichelt".
    • maljian 25.11.2019 11:28
      Highlight Highlight Ja, schon mehrfach angesprochen. Er entschuldigt sich dann auch jeweils.
      Dann hält es wieder ne Zeit und dann passiert es wieder.

      Ich glaube ihm, das er es nicht böse meint. Hab ihm auch schon gesagt, das ich dann in den Augen unserer Tochter vielleicht die Böse bin, weil ich so viel mecker.
      Ich hab ihm aber auch gesagt, das es genau auch anders kommen kann, weil sie ja mitbekommt, das ich gestichelt werde.

      Ich bin aber guter Dinge, das er es bald mal dann nicht mehr vergisst. Ist halt schwierig ne Angewohnheit von 7 Jahren mal so über den Haufen zu werfen 😉
  • who cares? 25.11.2019 05:08
    Highlight Highlight Mal schauen, wie lange es geht, bis der erste Kommentar kommt der kritisiert, dass im beschriebenen Fall die Frau Opfer und der Mann Täter ist...
    • Die_andere_Perspektive 25.11.2019 07:21
      Highlight Highlight Der wurde sogar schon vor deinem geschrieben 🙄
    • Drachäfudi 25.11.2019 07:35
      Highlight Highlight Ist halt in 90% der Fälle so wie im Artikel beschrieben. Davor kann man nicht die Augen verschliessen aber ich warte auch schon auf solche Kommentare..
    • Archivarius 25.11.2019 11:14
      Highlight Highlight Dann mache ich hier wohl gleich den Anfang. Es ist erwiesen, dass Männer statistisch die höhere Gewaltbereitschaft aufzeigen. Jedoch ist die Dunkelziffer enorm hoch. Männer haben in unserer Gesellschaft (leider) immer noch den Auftrag, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Auch auf Institutionsebene wird der Mann häufig nur als Täter und nicht auch als Opfer behandelt. Häusliche Gewalt ist aber nicht nur physische Gewalt; gerade in der psychischen Gewalt können Frauen auch sehr viel Schaden anrichten. Mittlerweile wird sogar vermutet, dass es für Kinder schlimmer ist, psychische Gewalt mitzuerleben
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