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Die Sexarbeit ist aktuell eingestellt – aber nur die offizielle. Bild: Shutterstock

Eine Bordell-Leiterin erzählt, wie Corona die Prostitution verändert hat

Weil Erotikbetriebe im Kanton Aargau weiterhin geschlossen haben müssen, steht die «Lustlaube» in Neuenhof derzeit leer. Im illegalen Milieu läuft die Sexarbeit jedoch weiter. Das birgt Gefahren – und macht Bordell-Besitzerin Heidi wütend.

Sarah Kunz / ch media



Aus Lautsprechern klingt anzügliche Musik, rote und orange Lampen tauchen die Räume in warmes Licht. An den Wänden hängen Gemälde von nackten Frauen in verrenkten Positionen. Rund um die Bar im Eingangsbereich stehen dunkelrote Ledersessel, daneben Tische in Herzform. Das Bordell Lustlaube in Neuenhof wäre bereit für Gäste. Doch die müssen wegen der Pandemie fernbleiben. Sogar die Prostituierten sind ausgezogen.

Seit über 20 Jahren gehört das Puff Heidi. Der Vorname reicht für die Zeitung. Auch wenn all ihre Bekannten von ihrem Beruf wissen. Heidi ist 63 Jahre alt. Das Alter sieht man ihr aber nicht an. Früher hat sie selbst angeschafft, jetzt hält sie sich im Hintergrund. Heidi ist mittlerweile bei Ehemann Nummer drei angelangt und hat zwei Kinder. Die haben in der «Lustlaube» aber nichts zu suchen. «Wir sind kein Generationenbetrieb», sagt sie und lacht.

Heidi trägt hautenge Leggings mit Blumenmuster, auf ihrem Pullover prangt ein Smiley aus Strasssteinen. Ihre hochhackigen Lederstiefel machen auf dem weichen Teppich kaum ein Geräusch. Allgemein ist es ruhig im vierstöckigen Haus. Die Betten sind leer, auf den Möbeln sammelt sich Staub, im Whirlpool müssten einige Düsen ausgewechselt werden. Seit dem Teil-Lockdown sind Erotikbetriebe im Kanton Aargau geschlossen. Die Sexarbeit ist eingestellt – aber nur die offizielle.

Geschlossene Bordelle fördern illegale Sexarbeit

Eigentlich beschäftigt Heidi zehn Mitarbeiterinnen, die sie fürsorglich «Girls» nennt. Sie stammen aus Ungarn, Tschechien, Deutschland, Österreich und Taiwan und sind zwischen 24 und 43 Jahre alt. Normalerweise schlafen sie im obersten Stock. In der Zwischenzeit sind sie aber aus der «Lustlaube» ausgezogen. «Drei Girls haben mir versprochen, dass sie zurückkommen, sobald wir den Betrieb wieder aufnehmen dürfen», sagt Heidi.

Die restlichen Frauen arbeiten mittlerweile in einem anderen Kanton, haben einen Job als Putzfrau angenommen oder sind zurück in ihr Land gereist. «Ihnen blieb nichts anderes übrig», sagt Heidi. Sie hat Verständnis.

«Alle, die für Prostituierte ein sicheres Umfeld bieten, Steuern zahlen und angemeldet sind, werden im Moment einfach veräppelt.»

Die Puffs müssen geschlossen haben, Kurzarbeit anmelden, Kredite aufnehmen. Sie sind die Leidtragenden. «Aber der Zuhälter auf der Strasse mit seinen billigen Angeboten darf weitermachen.» Heidi ist wütend. Im Moment lebt sie von Erspartem. Aber das wird knapp. Zwei Mal hat sie einen Kredit aufgenommen. Die Härtefallprüfung steht noch aus. «Es ist zermürbend.»

Dass die Frauen nicht mehr in den Puffs arbeiten können, treibt sie dazu, illegal anschaffen zu gehen. Schliesslich brauchen sie das Geld. Sie gehen auf den Strassenstrich oder bieten ihre Dienste privat an. Das birgt für Prostituierte aber Gefahren. «Sie erhalten keinen Schutz», sagt Heidi. Niemand kontrolliere die Preise oder was hinter geschlossenen Türen passiere. Ausserdem seien die Frauen aus Verzweiflung eher bereit, ihre Grenzen auszuweiten und den Wünschen der Freier gegen Geld zu entsprechen. Das heisst: Sex ohne Kondom. Für Heidi ein absolutes No-Go. «Ohne Gummi geht bei uns Nichts.»

Wegen der Pandemie wurde Küssen zum Tabu

Allgemein findet Heidi, der Staat sollte sich anders um ihre Branche kümmern. «Die Sexarbeit sollte nicht eingeschränkt werden», sagt sie. «Aber er soll sich auf angemeldete Betriebe konzentrieren und unsere Dienste damit für alle Beteiligten sicherer machen». Auf der Strasse würden sich die Frauen billig verkaufen, das gebe es in der «Lustlaube» nicht – hier herrschen gewisse Standards. Heidi sagt:

«Wenn wir schon unsere Körper verkaufen, dann wenigstens mit Niveau.»

Eine Stunde Komplett Service – also Sex inklusive beidseitiger Oralverkehr – kostet in der «Lustlaube» 400 Franken. Damit bewegt sich das Etablissement im höheren Preissegment. Der Betrag wird zwischen Heidi und der jeweiligen Frau aufgeteilt. Geöffnet hat die Lustlaube normalerweise sieben Tage die Woche, von mittags bis in die frühen Morgenstunden. Auf ihrer Website wirbt sie für «äusserst erregende Abwechslung vom Alltagsstress mit der raffinierten Businesslady, der heissen Flugbegleiterin, der sexhungrigen Hausfrau oder der experimentierfreudigen Studentin.» Hier gebe es sinnliche Erotik, hemmungslosen Sex und echte Orgasmen. Küssen war bis anhin erlaubt – aber kein Muss. «Das hing bis jetzt immer von der Hygiene des Gastes und den Vorlieben der Frau ab», sagt Heidi. «Wegen der Pandemie wurde Küssen aber zum Tabu.»

Dass die Sexarbeit nun eingeschränkt ist, enttäuscht Heidi: «Ich bin fest davon überzeugt, dass es unseren Dienst braucht», sagt sie. «Wir entdecken die positive Seite der Erotik.» Viele der Girls seien als Kinder sexuell missbraucht worden. Heute ist ihre Arbeit ihre Form der Selbstbestimmung. Sie können die Grenzen jetzt dort setzen, wo sie früher keine Macht hatten.

Dass sie ihre Personalien angeben müssen, schreckt Freier ab

Schon vor der Pandemie waren Heidi Hygiene und Sauberkeit stets wichtig: «Auf jedem Bett gibt es frische Frotteetücher, falls mal etwas daneben geht», sagt sie. Ihre Girls besitzen zudem alle ihr eigenes Täschli mit frischen Tüchern, Kondomen und Gleitgel. Die sind momentan in den Garderoben im unteren Stock verstaut. Seit Ausbruch der Coronakrise stehen in den Zimmern Desinfektionsmittel und Masken bereit. Ein Schild weist darauf hin, dass Gäste ihre Kontaktangaben hinterlassen müssen.

Das macht es schwierig. Denn viele Freier schreckt es ab, wenn sie ihre Personalien hinterlassen müssen. «Als wir im Spätsommer kurz öffnen durften, kamen wenigstens ein paar Stammgäste zurück – trotz der Massnahmen», sagt Heidi. «Ihr Vertrauen in uns habe ich sehr geschätzt.»

Probleme zwischen Frauen und Freiern gebe es im Tempel der käuflichen Liebe fast nie. Heidi sagt:

«Wenn es nicht passt, brechen wir den Service ab. Entweder kriegt der Freier dann sein Geld zurück oder wir bieten ihm eine andere Frau an, die seinen Wünschen eher entsprechen kann.»

Lieber das Geld zurückgeben als den Stolz verlieren, lautet Heidis Devise. Schliesslich sei die Frau alleine, sobald sie die Tür zumacht. Hauptsächlich Männer – jeden Alters und jeder Herkunft – besuchen das Etablissement. Immer öfters tauchen aber auch Pärchen auf. «Diese Entwicklung finde ich toll», sagt Heidi. «Es ist doch schön, wenn man zusammen Neues entdeckt.»

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