Schweiz
Gesellschaft & Politik

Abstimmung im Februar: Was du zum Tierversuchsverbot wissen musst

Die 12 wichtigsten Punkte zum Tier- und Menschenversuchsverbot

Am 13. Februar 2022 stimmen wir unter anderem über das Tier- und Menschenversuchsverbot ab. Worum es bei der Vorlage geht und wie die aktuelle Gesetzeslage aussieht.
26.01.2022, 11:4627.01.2022, 09:57

Tierversuche sind in der Schweiz für die Entwicklung von Medikamenten und Therapien erlaubt. Doch es gelten strenge Regeln. Sie werden nur dann bewilligt, wenn die Ergebnisse auf keinem anderen Weg erzielt werden können.

Die Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» fordert ein komplettes Tierversuchsverbot sowie ein Verbot von Menschenversuchen. Ausserdem sollen alle Produkte, die im Ausland an Tieren oder am Menschen getestet wurden, nicht mehr importiert werden dürfen.

Unter welchen Bedingungen Tierversuche in der Schweiz erlaubt sind, wer sich für und gegen die Initiative ausspricht und alles weitere Wissenswerte zur Volksinitiative, über die wir im Februar abstimmen, findest du hier:

Was will die Initiative zum Tierversuchsverbot?

Die Volksinitiative will alle Tier- und Menschenversuche in der Schweiz verbieten. Darüber hinaus möchten die Initianten den Import von Produkten verbieten, die vor der Herstellung an Tieren getestet wurden. So dürften im Ausland entwickelte Medikamente oder Impfstoffe, die so getestet wurden, nicht mehr importiert werden.

Stattdessen soll in die tierversuchsfreie Forschung investiert werden. Für das Komitee sind Experimente von nicht zustimmungsfähigen Tieren oder Menschen unentschuldbar.

Wie sieht die aktuelle Gesetzeslage aus?

Bewilligung

Die Tierschutzgesetzgebung sieht vor, dass Tierversuche nur dann durchgeführt werden dürfen, wenn keine alternativen Methoden zur Verfügung stehen.

Jedes Experiment muss beantragt und von der kantonalen Tierversuchskommission bewilligt werden. Die Forschenden müssen aufzeigen, dass die Vorteile für die Gesellschaft aus ihrer Forschung das Leiden überwiegen (Güterabwägung).

Artgerechte Tierhaltung

Voraussetzung für eine Bewilligung ist eine tiergerechte Haltung. Das Gesetz schreibt vor, dass die Tiere so gehalten und ernährt werden müssen, dass ihre Körperfunktionen und ihr Verhalten nicht beeinträchtigt werden.

Weiterbildung

Wer Tierversuche durchführen möchte, benötigt eine spezielle Ausbildung. Ausserdem sieht das Gesetz regelmässige Weiterbildungen vor.

Forschung

Der Bund fördert die Anwendung von Alternativmethoden, welche Tierversuche komplett ersetzen oder mit weniger Versuchstieren auskommen.

Nehmen die Anzahl Tierversuche in der Schweiz zu?

Die Anzahl Tierversuche sinkt von Jahr zu Jahr. Im Jahr 2020 wurden laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) an insgesamt 556'107 Tieren Versuche durchgeführt. Seit 2015 ist ihre Anzahl um 18 Prozent gesunken.

Allerdings hat der Anteil schwer belastender Tierversuche zugenommen.

So sehen die Zahlen im Verlauf der letzten Jahre aus.
So sehen die Zahlen im Verlauf der letzten Jahre aus.bild: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen

Das bedeutet? Tierversuche werden in vier Belastungskategorien eingeordnet. Je stärker das Experiment eine Belastung darstellt, desto grösser der Schweregrad.

  • Schweregrad 0 wird als nicht belastend beurteilt.
  • Schweregrad 1 entspricht einer leichten Belastung.
  • Schweregrad 2 bedeutet eine mittlere Beeinträchtigung.
  • Schweregrad 3 stellt eine schwere Belastung dar.

Keine Belastung stellt beispielsweise die Tierbeobachtung dar. Beispiele, welche für Tiere eine leichte bis schwere Belastung darstellen, sind zum Beispiel die Erforschung neuer Impfstoffe oder der Funktionsweisen des Gehirns, die Bekämpfung von Pilzerkrankungen bis hin zu schwerwiegenden Eingriffen wie Amputationen.

Bild
bild: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen

Letztes Jahr wurden rund 20'000 Tiere einem Schweregrade 3 ausgesetzt – rund 1500 mehr als im Jahr davor. Über 60 Prozent davon waren Mäuse. Zu 94 Prozent wurden die Tierversuche mit starker Belastung zur Erforschung von Krankheiten beim Menschen vorgenommen.

Weitere Informationen zu den Belastungskriterien findest du hier.

Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?

Bei einer Annahme im Februar wäre die Schweiz das erste Land, welches ein komplettes Tierversuchsverbot einführen würde. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz bereits eines der strengeren Tierschutzgesetze. In der EU werden Experimente des Schweregrades 0 beispielsweise nicht als Tierversuche deklariert.

Wofür dürfen Tierversuche eingesetzt werden?

Neben der Erforschung von neun Medikamente, Therapien oder Impfstoffen an Mäusen im Labor zählen auch Beobachtungsstudien von Elefanten im Zoo sowie Untersuchungen in freier Wildbahn als Tierversuch.

Eine Maus sitzt am 24. Januar 2006 auf der Hand eines Angestellten in einem Labor fuer Tierversuche in Bar Harbor, USA. Am Freitag, 24. April 2009, ist "Internationaler Tag des Versuchtieres&quot ...
Bild: AP

In der Schweiz gelten jegliche Untersuchungen an lebenden Tieren, welche eine wissenschaftliche Frage beantworten sollen, als Tierversuch – auch dann, wenn die Massnahmen keine direkte Belastung darstellen.

Die meisten Tierversuche wurden 2020 in der Krebsforschung vorgenommen. Ungefähr jeder dritter Tierversuch wurde 2020 für die Krebsforschung sowie für die Erforschung neurologischer Krankheiten (Schlaganfälle, Parkinson, Schädel-Hirn-Trauma etc.) eingesetzt.

Bild
bild: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen

Abgesehen von der Forschung an Krankheiten dienen Tierversuche auch der Tiermedizin, der Grundlagenforschung sowie dem Umweltschutz.

Und was ist mit der Entwicklung von Kosmetika?

Tierversuche zur Entwicklung von kosmetischen Produkten sind in der Schweiz nicht ausdrücklich verboten. Aber: Kosmetika gelten nicht als unverzichtbar. Somit erfüllen kosmetische Artikel nicht den gesetzlichen Vorgaben für eine Bewilligung der Tierschutzverordnung.

Trotzdem kann für Kosmetik auf indirektem Weg an Tieren geforscht werden. Denn: Einige Inhaltsstoffe, welche für kosmetische Produkte verwendet werden, gehören zu Arzneipräparaten. Somit fallen sie nicht unter die Kosmetikbestimmungen.

Welche Tiere werden am häufigsten für Tierversuche eingesetzt?

Mäuse wurden 2020 gemäss BLV am häufigsten für Tierversuche eingesetzt, gefolgt von Vögeln, Ratten und Fischen, wobei die Anzahl Tierversuche an Mäusen stetig sinkt.

Bild
bild: bundesamt für lebensmittelsicherheit und veterinärwesen

Werden die Tiere für die Versuche gezüchtet?

Mehrheitlich werden die Versuchstiere gezüchtet oder kommen von einer Versuchstierhaltung in inländischen oder ausländischen Einrichtungen. Manchmal werden auch Heim-, Nutz- oder Zootiere eingesetzt.

Werden Tiere nach den Versuchen getötet?

Das hängt sowohl vom Experiment als auch vom Versuchstier ab. Tiere, welche belastenden Eingriffen ausgesetzt waren, werden in den meisten Fällen nach Abschluss der Untersuchung eingeschläfert. Die Tötung muss dabei sowohl schnell und schmerzfrei vorgenommen werden, so will es das aktuelle Gesetz. Jene, bei denen man von keinen schweren Belastungen ausgeht, können mehrfach eingesetzt werden.

SCHWEIZ KREBSVORSCHUNG TIERVERSUCH
Une souris de laboratoire anesthesiee est preparee pour passer dans une IRM (Imagerie par résonance magnétique) dans une animalerie d'un centre de recherche sur ...
Eine betäubte Labormaus wird in einem Schweizer Krebsforschungszentrum für ein MRI vorbereitet.Bild: keystone

Wer ist dafür und was sind die Argumente?

Hinter dem Initiativkomitee steht der Verein «IG Tierversuchsverbots-Initiative CH». Kein Tier liefere verlässliche Vorhersagen für andere Lebewesen, argumentieren die Initianten und Initiantinnen. Abgesehen davon seien die Versuche ethisch nicht vertretbar, da Tiere genauso wie Menschen Leid und Schmerz verspüren würden.

Ausserdem behinderen Tierversuche den Fortschritt. Das Komitee ist davon überzeugt, dass die Forschung viel modernere Methoden als Tierversuche zur Verfügung habe. Sinnvoller wäre es beispielsweise, mit menschlichen Zellen zu arbeiten. Die Initianten hoffen also diesbezüglich auf einen Fortschritt in der Medizin und Wissenschaft. Unterstützt werden sie dabei vor allem vom Tierschutz.

Wer ist dagegen und was sind die Argumente?

Das Anliegen hatte im Parlament keine Chance und wurde ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Aus Sicht des Bundesrates sind die Forderungen zu radikal. Man habe bereits eines der strengsten Tierversuchsgesetze. Zudem würde ein Verbot die Medizinforschung stark einschränken. In manchen Fällen, wie etwa zur Behandlung von Krebs, seien Tierversuche unumgänglich. Hinzu komme, dass wichtige Medikamente nicht mehr hergestellt und importiert werden könnten.

Neben dem Parlament lehnen auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sowie einige Nichtregierungsorganisationen, darunter die Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK), die Initiative ab. Ein Tierversuchsverbot hätte starke Auswirkungen auf die Volksgesundheit. Auch in der Wissenschaft stösst der Vorschlag auf Ablehnung.

Was sagen die Umfragen?

Es sieht schlecht aus für die Initiative. Bisher liegen die Gegner in allen Umfragen teilweise deutlich vor den Befürwortern. An der Urne könnte es also laut Prognosen am Abstimmungssonntag eine Klatsche geben.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Alle in der Schweiz angenommenen Initiativen
1 / 28
Alle in der Schweiz angenommenen Initiativen
Volksinitiative «für ein Verbot des Schlachtens ohne vorherige Betäubung»Komitee: Kantonale Tierschutzvereine von Bern und Aargau sowie AntisemitenAbgestimmt am: 20.08.1893Inkrafttreten am: 22.12.1893
quelle: shutterstock
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Komplettes Tierversuchsverbot? Wir erklären die Initiative in 150 Sekunden
Video: watson
Guy Parmelins Zeit als Bundesrat im Video
Guy Parmelin legt sein Amt als Bundesrat nieder. Der aktuelle Bundespräsident und Wirtschaftsminister wurde am 9. Dezember 2015 von der vereinigten Bundesversammlung in den Bundesrat gewählt. Bundespräsident ist er bereits zum zweiten Mal.
Zur Story