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Analyse

E-Impfbüchlein ist veraltet – trotz 767'000 Franken Pharma-Spendegeldern

Der Bund zahlt 450'000 Franken, um mit myCOVIDvac elektronisch Corona-Impfungen erfassen zu können. Das E-Impfbüchlein ist aber komplett veraltet – trotz riesiger Spenden durch Pharmafirmen in den letzten Jahren.



767'000 Franken Spenden von Pharmafirmen

Die Stiftung «MeineImpfungen» erhielt in den Jahren 2016–2019 mindestens 767'000 Franken an Spendegeldern und Honoraren von Pharmafirmen. Dies geht aus den Selbstdeklarationen jener Unternehmen hervor, die im Rahmen eines «Pharma-Kooperations-Kodex» solche Zahlungen freiwillig publik machen. GlaxoSmithKline, Pfizer AG, MSD veröffentlichten diese Zahlen, wie aus der Recherche «Pharmagelder» verschiedener Medien des Ringier Axel Springer Verlags hervor geht. Aufgefallen ist dies zuerst Daniel Graf, der als Campaigner gegen die «E-ID» kämpft. Der Bund zahlt der Stiftung laut eigenen Angaben jährlich 250'000 Franken, im Dezember 2020 gab es zudem einen Auftrag in der Höhe von weiteren 450'000 Franken. (pit)

Der Artikel wurde nach der Publikation mit dieser Box ergänzt.

Es wäre eigentlich ein wunderbares Thema für ein «Wein doch!» – die Sache ist aber zu beschämend, um dafür eine Flasche Wein zu opfern. Es geht um den offiziellen, elektronischen Impfausweis. Kennst du den?

Ich kannte ihn auch nicht. In den vergangenen Jahren hörte man ab und zu was von ihm. Die Idee dahinter klingt vernünftig: Wir tragen alle unsere Impfungen elektronisch ein, damit die Papierform verloren gehen darf. Dank Digitalisierung können wir uns automatisch informieren lassen, wenn eine Auffrischungsimpfung nötig wird. Und wir können einfacher zählen, wie viele Leute sich schweizweit impfen liessen.

Wir könnten einfache Informationen bieten, einfache Anmeldeverfahren organisieren. Das Impfen gesamthaft attraktiver machen! Und was macht die Schweiz?

Das hier:

Screenshot der Webseite MeineImpfungen.ch (Elektronischer Impfausweis).

Bisch gimpft? Bild: Screenshot

Gemeint ist die Webseite «meineimpfungen.ch». Die Seite ging 2011 online, 2013 gab es eine Auffrischung im Rahmen einer nationalen Kampagne in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG). Die Seite sieht jedoch heute noch so aus, so als wäre sie technologisch in diesem Jahr stehen geblieben.

Responsive Design, das sich auf Smartphone-Displays anpasst? Fehlanzeige. Einfache Menüführung, damit man das E-Impfbüchlein ohne Schweiss erstellen kann? Das Gegenteil ist der Fall: Auf der Startseite wird gar eine 38-seitige Benutzeranleitung angeboten. Schritt für Schritt wird da erklärt, wie man höchstprivate Dinge wie chronische Erkrankungen, HIV-Infektionen und Krebsleiden angibt.

So sieht die Bedienungsanleitung aus:

Video: watson

Wem man diese Daten anvertraut, wird nicht wirklich klar. Es ist eine Stiftung, in deren Stiftungsrat Behördenmitglieder und Lobbyvertreter einsitzen. Die Organisation arbeitet mit dem BAG zusammen. Mehr erfährt man aber nicht.

Was man aber zu lesen bekommt, sind viele Abkürzungen wie DATAVAC, myViavac, viavac, InfoVac. Seit neustem mit dabei: myCOVIDvac. So nennt sich ein 450'000 Franken teures Modul für den elektronischen Impfausweis, mit dem Coronavirus-Impfungen digital erfasst werden können. Freihändig bestellt und bezahlt vom Bund.

Fotos zu MeineImpfungen.ch mit Ausschnitt aus Simap

Der Bund bezahlte für das myCOVIDvac-Modul 450'000 Franken – freihändig und ohne Ausschreibung. Gleichzeitig wird die Stiftung hinter «MeineImpfungen.ch» vom Impfstoff-Hersteller Pfizer mitfinanziert. Bild: watson

Richtig gelesen. Mit rund einer halben Million Franken bezahlt der Bund dafür, dass eine Impfdatenbank – die notabene für Impferfassungen da ist – eine weitere Impfung erfassen kann.

Richtige Konkurrenz gab es bei diesem öffentlichen Auftrag verständlicherweise nicht. So wusste das BAG schon im September, dass die Leute bei der «MeineImpfungen»-Stiftung die Ansprechpartner für mögliche digitale Corona-Impfausweise sein werden. Man unterhielt sich darüber, wie man dereinst «einige Millionen Impfbüchlein» digital verwalten will.

Die Stiftung liess sich Ende September die Webadresse «myCOVIDvac.ch» reservieren – laut offizieller Kommunikation nicht aus Vorahnung, dass bald auch ein 450'000-Franken-Auftrag vom Bund folgen wird. In dieser Phase sei auf «eigenes Risiko» gewirtschaftet worden, heisst es vom BAG.

Fotos zu MeineImpfungen.ch mit Ausschnitt aus Simap

Die Webadresse «myCOVIDvac.ch» wurde registriert (oben: Auszug aus dem Whois-Domain-Protokoll), lange bevor der 450'000-Franken-Auftrag offiziell wurde. Bild: watson

Gelder fliessen übrigens nicht nur vom Bund. Gesponsert wird die Plattform auch von Firmen aus dem Pharmabereich, namentlich etwa von Pfizer, von dem auch einer der Coronavirus-Impfstoffe kommt. Dass das in einer Zeit, wo Impfkritik und Konzernwut beliebt ist, nicht ganz gescheit ist, bestreitet Hannes Boesch, Stiftungsrats-Mitglied bei «meineimpfungen.ch». «Die Unabhängigkeit ist vollständig gegeben», sagt er. Pfizer sei seit Jahren nur ein «Gönner», man informiere den Impfstoff-Hersteller nur darüber, wie die gespendeten Gelder umgesetzt werden.

Interessenskonflikte sieht Hannes Boesch auch bei sich selbst nicht: Betrieben und weiterentwickelt wird «meineimpfungen.ch» von der Firma Arpage, bei der Boesch CEO ist. Sein schriftlicher Kommentar dazu: «Nein, das schafft keine Interessenskonflikte (Ausstand).»

Bei der Konkurrenz schüttelt man schon lange den Kopf darüber. «Bei solchen Verbandlungen und garantierten Aufträgen wundert sich niemand, dass das elektronische Impfbüchlein nicht vom Fleck kommt und für die Nutzer unbrauchbar ist», sagt eine Person aus der Digitalisierungsbranche unter der Bedingung, nicht namentlich genannt zu werden.

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