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Schweiz hat Defizite bei Fahrtüchtigkeit von ü75-Senioren – zeigt Studie

The practical part of the driving safety course "Pruefung gestern - Fahren heute" (English: exam yesterday, driving today) for senior citizens, organised by Zurich's municipal police, p ...
Fahren im hohen Alter will geübt sein: Eine Expertengruppe will die Senioren künftig enger begleiten. (Symbolbild)Bild: KEYSTONE

Gefahr durch Senioren am Steuer: Warum die heutigen Tests nicht genügen

Die Schweiz hat bei der Beurteilung der Fahrtüchtigkeit von über 75-Jährigen klare Defizite. Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag des Bundes. Und schlägt ein neues System vor.
12.05.2026, 16:2212.05.2026, 16:22
Julian Spörri
Julian Spörri

Seit im März ein 87-jähriger Autolenker in Sedrun in eine Schulklasse fuhr und die Lehrerin starb, steht die Fahrtauglichkeit von Seniorinnen und Senioren wieder im Fokus der öffentlichen Debatte. Der Mann hatte offenbar das Brems- mit dem Gaspedal verwechselt. Statistiken zeigen, dass über 80-jährige Autofahrende pro zurückgelegtem Kilometer deutlich häufiger einen Unfall bauen. Umso wichtiger ist es, mangelnde Fahrkompetenz früh zu erkennen, betroffene Seniorinnen und Senioren zu begleiten – und wenn nötig aus dem Verkehr zu ziehen.

Eine neue Studie zeigt: Die Schweiz weist in diesem Bereich deutliche Mängel auf. Erarbeitet wurde sie im Auftrag des Bundesamts für Strassen von der Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit in Lausanne sowie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Die Studie fordert die Ausarbeitung einer nationalen Strategie.

Test nicht fürs Autofahren gemacht

Derzeit gilt: Wer älter als 75 Jahre ist, muss alle zwei Jahre zum Kontrolltermin antraben. Meist beurteilt der Hausarzt Hör- und Sehvermögen sowie kognitive Fähigkeiten. Häufig kommt dabei der 10 bis 15 Minuten dauernde Mini-Mental-Status-Test zur Anwendung. Das Verfahren dient auch der Früherkennung von Demenz und ist somit nicht spezifisch aufs Autofahren ausgerichtet.

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Ein Senior-Fahrer beim ärztlichen Kontrolltermin.Bild: KEYSTONE

Das ist laut der Studie ein Problem. «Basierend auf den Ergebnissen dieser Tests» lasse sich die tatsächliche Fahrleistung «nur schlecht» abschätzen. Ausserdem seien die Unterschiede zwischen den Kantonen gross. Mancherorts wird der Senior nach einer Selbsteinschätzung zum Fahrverhalten gefragt, andernorts nicht.

Immer wieder sehen sich Hausärzte dem Vorwurf ausgesetzt, sie kontrollierten zu lasch, weil sie einem Patienten den Führerausweis nicht entziehen wollten. Auch die Studie erkennt Spannungen. Für die Ärzteschaft führe das heutige System zu «emotionalen und ethischen Belastungen».

Fahrstunde soll Abhilfe schaffen

Was also ist zu tun? Das Forscherteam empfiehlt, die Fahreignung künftig stärker im Strassenverkehr zu überprüfen. «Das hat die höchste Aussagekraft», sagt Brigitte Gantschnig, Professorin für Ergotherapie an der ZHAW.

Konkret schlägt die Studie ein vierstufiges Bewertungssystem vor. Wer bei der ärztlichen Kontrolle in Stufe 1 eingeteilt wird, muss den Führerschein sofort abgeben. Bei Stufe 2 erhalten die Betroffenen eine Gnadenfrist, sofern sie an einer Evaluationsfahrt teilnehmen. Dort wird ihr Fahrverhalten in der Praxis unter die Lupe genommen – idealerweise durch ein Team aus einem Fahrlehrer und einer Ergotherapeutin. Der multidisziplinäre Ansatz soll die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen.

Auf Stufe 3 ist eine solche Fahrt nicht zwingend, aber empfohlen. Nur wer Stufe 4 erreicht, gilt ohne weitere Abklärungen als fahrtüchtig.

fahrschule
Tauschen irgendwann mal die Plätze – die Schülerin und der Fahrlehrer.Bild: shutterstock

Gantschnig rechnet damit, dass bis 2030 jährlich rund 100'000 Personen in die Stufen 2 oder 3 fallen werden. Weil bei ihnen die Abklärungen länger dauern als heute und mehr Fachpersonen involviert sind, kostet das neue System mehr. Die Kosten für die Abklärungen müssten die Betroffenen allerdings selbst tragen – so wie sie bereits heute für die ärztliche Abklärung aufkommen, betont Gantschnig. «Für die Gesamtgesellschaft würden sich die Kosten reduzieren, weil Unfälle verhindert werden können.»

Die Studie empfiehlt zudem, ältere Menschen, die ihre Fahrfähigkeit verlieren, stärker zu unterstützen. Wer in den Tests schlecht abschneidet, soll beim Ausstieg aus dem Autofahren begleitet werden. Bereits heute gibt es Kurse für den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr. Gantschnig sagt: «Dieses Nischenangebot soll breiter zugänglich werden.» (aargauerzeitung.ch)

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Die beliebtesten Kommentare
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Marjorie
12.05.2026 17:38registriert Mai 2021
Diese Tests sollten dringend von einer unabhängigen Stelle und nicht beim Hausarzt durchgeführt werden.

Ich arbeite bei Pro Senectute und habe 2 Klienten, die gerade den Test bestanden haben, ich frage mich wie, eine Klientin kann aufgrund eines Unfalls den Kopf nicht mehr drehen, wie sie damit sicher fahren will ist mir ein Rätsel. Der andere Klient kann nicht mehr wirklich laufen, teilweise kein Gefühl in den Beinen und sieht an manchen Tagen so schlecht, dass er sich im Spiegel nicht erkennt. Beim Test hatte er einen guten Tag.
Ich bin einfach schockiert, dass sie fahren dürfen.
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creep
12.05.2026 17:18registriert Mai 2025
Jeder, egal wie alt, sollte alle 10 Jahren am Simulator standardisierte Fahrtests machen müssen um den Schein zu behalten. Ab 70 alle 5 Jahre, ab 80 alle 2
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Sergeant Pepper
12.05.2026 16:51registriert November 2018
Macht doch mal einen Reaktionstest mit den Enkelkinder. Bei unhervorgesehenen, plötzlich auftretenden Situationen, total chancenlos. Meinen Führerschein habe ich mit 70 freiwillig abgeben. And still a live.
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