Gefahr durch Senioren am Steuer: Warum die heutigen Tests nicht genügen
Seit im März ein 87-jähriger Autolenker in Sedrun in eine Schulklasse fuhr und die Lehrerin starb, steht die Fahrtauglichkeit von Seniorinnen und Senioren wieder im Fokus der öffentlichen Debatte. Der Mann hatte offenbar das Brems- mit dem Gaspedal verwechselt. Statistiken zeigen, dass über 80-jährige Autofahrende pro zurückgelegtem Kilometer deutlich häufiger einen Unfall bauen. Umso wichtiger ist es, mangelnde Fahrkompetenz früh zu erkennen, betroffene Seniorinnen und Senioren zu begleiten – und wenn nötig aus dem Verkehr zu ziehen.
Eine neue Studie zeigt: Die Schweiz weist in diesem Bereich deutliche Mängel auf. Erarbeitet wurde sie im Auftrag des Bundesamts für Strassen von der Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit in Lausanne sowie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Die Studie fordert die Ausarbeitung einer nationalen Strategie.
Test nicht fürs Autofahren gemacht
Derzeit gilt: Wer älter als 75 Jahre ist, muss alle zwei Jahre zum Kontrolltermin antraben. Meist beurteilt der Hausarzt Hör- und Sehvermögen sowie kognitive Fähigkeiten. Häufig kommt dabei der 10 bis 15 Minuten dauernde Mini-Mental-Status-Test zur Anwendung. Das Verfahren dient auch der Früherkennung von Demenz und ist somit nicht spezifisch aufs Autofahren ausgerichtet.
Das ist laut der Studie ein Problem. «Basierend auf den Ergebnissen dieser Tests» lasse sich die tatsächliche Fahrleistung «nur schlecht» abschätzen. Ausserdem seien die Unterschiede zwischen den Kantonen gross. Mancherorts wird der Senior nach einer Selbsteinschätzung zum Fahrverhalten gefragt, andernorts nicht.
Immer wieder sehen sich Hausärzte dem Vorwurf ausgesetzt, sie kontrollierten zu lasch, weil sie einem Patienten den Führerausweis nicht entziehen wollten. Auch die Studie erkennt Spannungen. Für die Ärzteschaft führe das heutige System zu «emotionalen und ethischen Belastungen».
Fahrstunde soll Abhilfe schaffen
Was also ist zu tun? Das Forscherteam empfiehlt, die Fahreignung künftig stärker im Strassenverkehr zu überprüfen. «Das hat die höchste Aussagekraft», sagt Brigitte Gantschnig, Professorin für Ergotherapie an der ZHAW.
Konkret schlägt die Studie ein vierstufiges Bewertungssystem vor. Wer bei der ärztlichen Kontrolle in Stufe 1 eingeteilt wird, muss den Führerschein sofort abgeben. Bei Stufe 2 erhalten die Betroffenen eine Gnadenfrist, sofern sie an einer Evaluationsfahrt teilnehmen. Dort wird ihr Fahrverhalten in der Praxis unter die Lupe genommen – idealerweise durch ein Team aus einem Fahrlehrer und einer Ergotherapeutin. Der multidisziplinäre Ansatz soll die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen.
Auf Stufe 3 ist eine solche Fahrt nicht zwingend, aber empfohlen. Nur wer Stufe 4 erreicht, gilt ohne weitere Abklärungen als fahrtüchtig.
Gantschnig rechnet damit, dass bis 2030 jährlich rund 100'000 Personen in die Stufen 2 oder 3 fallen werden. Weil bei ihnen die Abklärungen länger dauern als heute und mehr Fachpersonen involviert sind, kostet das neue System mehr. Die Kosten für die Abklärungen müssten die Betroffenen allerdings selbst tragen – so wie sie bereits heute für die ärztliche Abklärung aufkommen, betont Gantschnig. «Für die Gesamtgesellschaft würden sich die Kosten reduzieren, weil Unfälle verhindert werden können.»
Die Studie empfiehlt zudem, ältere Menschen, die ihre Fahrfähigkeit verlieren, stärker zu unterstützen. Wer in den Tests schlecht abschneidet, soll beim Ausstieg aus dem Autofahren begleitet werden. Bereits heute gibt es Kurse für den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr. Gantschnig sagt: «Dieses Nischenangebot soll breiter zugänglich werden.» (aargauerzeitung.ch)

