Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
http://tiptotrip.tumblr.com/

E griens Drämmli am Barfüesserplatz. Bild: tumblr/tiptotrip

Adieu Basel. Jetzt muss ich statt Bebbi-Sägg Züri-Säck kaufen 

Meine achtjährige Liebesgeschichte mit Basel muss nun leider enden. Das tägliche Pendeln nach Zürich war einfach nicht mehr zu ertragen. Doch eine letzte Hymne will ich dir noch singen.   



Könnte man eine Stadt umarmen, ich hätte es getan. Ich hätte Basel umarmt zum Abschied, und zwar so fest, dass dieser lustige Fleck am Rhein gar keine Luft mehr gekriegt hätte. Mit meiner Liebe hätte ich ihn erdrückt, weil er mir acht wundervolle Jahre lang ein Zuhause war. 

«Nimm dir jo kein Basler, diä sind alli unfruchtbar.»

Diese Worte hat mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben, als ich mit 21 Jahren St.Gallen verliess, um im verheissungsvollen Westen zu studieren. Sie hatte den Rhein im Kopf, als sie mir ihre Weisheit unterbreitete, diesen dreckigen Fluss, der voll sei von Chemikalien der Novartis, der Roche, und wie diese Konzerne alle heissen. 

Es brauchte vier ganze Jahre, bis ich mich in den Rhein traute. Neben der befürchteten Unfruchtbarkeit war da noch die Vorstellung, dass man vielleicht auch Opfer von körperlicher Deformierung werden könnte, wenn man mit Rheinwasser in Berührung kommt. Dem ist nicht so. 

Bild

Der Rhein im Sommer. Bumsvoll mit den farbigen Wickelfischen vom Tilo.

Tilo Ahmels heisst der Mann, der verantwortlich ist für dieses eigentümliche Bild, das man im Sommer sieht, wenn man aufs Wasser schaut: Er hat den Wickelfisch erfunden. Ich habe immer gehört, Ahmels sei Student und megareich geworden wegen dieser Wahnsinnsidee mit dem wasserdichten Schwimmsack. Ich musste aber lesen, dass besagter Tilo 48 Jahre alt ist und darum wohl eher kein Student mehr, (auch nicht vor 13 Jahren, als sein Wickelfisch das Licht der Welt erblickte). Aber er war einmal Student in Leipzig. Und dann ist er in den 90er-Jahren nach Basel gekommen und hat den Baslern diesen legendären Schwimmsack beschert. Darin kann man seine Wertsachen verstauen und dann damit den Rhein hinuntersausen. Schwimmen tut man eigentlich nicht. Es ist mehr so ein Treiben. Und es ist ganz wunderbar. 

http://elenidigidiki.tumblr.com/

Helvetia sitzt am Kleinbasler Ufer bei der mittleren Rheinbrücke und schaut flussabwärts in Richtung Deutschland. Vielleicht wundert sie sich auch über diese eigentümlichen Schwimmsäcke. Vielleicht findet sie es aber auch einfach nur schön hier.  bild: tumblr/elenidigidiki, bearbeitung watson

Menschen setzen sich ja oft ans Wasser, wenn sie irgendeine Antwort suchen. Der Rhein ist dafür nicht geeignet. Unzählige Male hab ich das versucht. Aber er ist zu schnell. Man kann seine Gedanken auf seiner Oberfläche nicht ordnen. Er reisst alles auseinander. Und dann schafft er die Fetzen auf seinen kaffeetrüben Wogen fort. Den seelischen Abfall kann man also sehr gut im Rhein entsorgen. Und man muss sich auch keine Sorgen machen, dass er je wieder zurückkehrt. Die Chemie zersetzt alles restlos. 

«Doch wäär an scheene Ryywääg goot, stuunt's Minschter aa voll Fraid, wird still und blybt e bitzli stoo und dänggt an d'Ewigkait.»

Ausschnitt aus Anna Kellers Gedicht.

Adieu, lieber Rhein. Ich versuch's jetzt mal am Züri-See. 

Basel hat sich unheimlich schnell wie mein Zuhause angefühlt. Das war so, weil diese Stadt so ziemlich alle, selbst St.Galler, liebevoll bei sich aufnimmt. Auch wenn ihre Einwohner das mit dem Dialekt immer und überall und stundenlang diskutieren wollen. Sie sind überzeugt davon, dass sie am allerwunderbarsten sprechen. Und das muss man ihnen dann auch sagen, sonst sind sie furchtbar verstimmt. Manche sogar tagelang beleidigt. Dazu kommt, dass sie fest daran glauben, am besten Hochdeutsch zu können. So völlig ohne Schweizer Akzent. Es gibt fast nichts, was weniger stimmt. Mit ihren eigentümlichen Vokalfärbungen bringen sie kein sauberes Hochdeutsch hin. Einfach nicht. 

http://tiptotrip.tumblr.com/

S'gääle Drämmli. Bild: tumblr/tiptotrip

Aber dafür haben sie eigene lustige Sachen:

Adieu, Baseldeutsch. Am allerbesten hat mir allerdings immer der Dialekt im Laufental gefallen. 

Bild

Der beste Laden mit dem charmantesten Verkäufer überhaupt. Das Erasmuslädeli am Erasmusplatz. bild: nev

Meine vierte und letzte Basler Wohnung lag an der Bärenfelserstrasse. Die ist ganz nah am Rhein und ganz nah an der Friends Bar. Der strategisch absolut beste Punkt in ganz Basel. Die Friends Bar tröstet alle, die nach dem eigentlichen Ausgang noch immer in den Ausgang wollen. Alle «i will no nid heime go»-Menschen, alle «d'Nacht isch no jung»-Liebhaber, alle verlorenen Seelen, die sich gegen das unerbittliche Morgengrauen verschworen haben, sammeln sich hier und drängen sich um Mustafas Juke-Box. Nur wer den Trick kennt, hat eine Chance, sein Lied zu hören, denn immer haben schon 50 andere vor einem irgendeinen anderen Mist zusammengewählt. Und Mustafa steht seit Jahren gut gelaunt hinter dem Tresen. Irgendwann hat er sein Ziegenbärtchen abgeschnitten, das er immer so hübsch gezöpfelt hatte. Irgendwann frage ich ihn, warum er das getan hat. 

Bild

The Place To Be: Die Friends Bar in Kleinbasel an der Feldbergstrasse. Und ja, sie heisst wegen der Serie so. bild: travelfeedback

Adieu, unersetzbare Friends Bar. 

Ein anderer Ort, der mir liebevoll in Erinnerung bleiben wird, ist Mr. Müslüms New Point Bar. Das ist kein Füdlischuppen und auch kein Kebabladen. Es ist einfach eine heruntergekommene Knelle an der Elsässerstrasse. Dort habe ich manchmal einen Whiskey getrunken mit meinem guten Freund. Nicht, weil der Whiskey da besonders gut war, sondern wegen der Stammgäste. Jeden Abend war da ein steinaltes Ehepaar. Zumindest glaube ich, dass sie verheiratet waren, denn sie haben nie miteinander geredet. Das macht man nur, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat. Weil alles war zwischen denen schon gesagt. Also sassen sie einfach nur so da. Vor ihrem Bierstiefel, den sie miteinander teilten. 

Adieu, Mr. Müslüms New Point Bar. Für dich gibt es vielleicht eine Alternative, aber ohne dieses rührende Pärchen.

Das Paddys darf natürlich auch nicht unerwähnt bleiben. Immer bumsvoll. Und immer bumsvoll mit sturzbetrunkenen und grölenden Menschen. Auf eine Frau kommen gefühlte (und man fühlt sie wirklich, es ist sehr eng da drin) 57 Männer. Das ist der Irish Pub, bei dem auch die Hells Angels ihre von Motorenöl verschmierten Finger drin haben. Lustig war es da, bis ich irgendwann zu alt wurde. Aber bevor ich zu alt wurde, durfte ich dort zuerst noch den lustigsten Iren überhaupt kennenlernen. Er hiess Padraig und wo immer er ging, machte er den Spagat. Und das trotz seiner Fülligkeit. Er tanzte wie ein Gott und trank niemals Alkohol. Er kam von Limerick, und weil da alle Alkoholiker seien, sei er dem Zeug nie besonders friedselig gegenübergestanden. Im Sommer ging er manchmal zurück nach Hause, um «shelves» zu bauen, wie er sagte. Vielleicht für die vielen Flaschen, die dort getrunken werden.

Bild

Der Ire im Paddys. Er möchte lieber anonym bleiben. bild: rof

Adieu, Paddys. Schön war die Zeit.

Sie geistert durch die Gassen der Stadt und schwebt den Gängen der Uni Basel entlang. Sie ist überall und nirgends. Und sie grinst. Immer. Die «Grinsefrau» ist ein sehr mysteriöses Wesen. Man erzählt sich, sie wolle die Energie der Menschen einfangen. Sieht man sie, streckt sie die Arme aus und dreht sie so, dass die Handinnenflächen zu sehen sind. Es ist irgendwie beängstigend. Aber ich glaube, sie meint es gut.

Animiertes GIF GIF abspielen

Das einzige Videozeugnis der Grinsefrau ist verwackelt und verpixelt. Vielleicht ist das besser so.  gif: watson

Adieu, Grinsefrau.

Seit einer Woche wohn ich jetzt in Zürich. Meine Mutter freut das, denn die Zürcher haben nicht so viel Chemie und sind darum sehr zeugungsfähig. Ich glaube allerdings nicht, dass es nur darauf ankommt.

http://baselbuzz.tumblr.com/

Adieu, Pauluskirche, nahe der Schützenmatte. bild: tumblr/baselbuzz

Das könnte dich auch interessieren:

Fotograf schiesst DAS Foto der Notre-Dame und muss sich nun gegen Fake-Vorwürfe wehren

Link zum Artikel

Das grösste Verdienst von Tesla sind nicht die eigenen Autos

Link zum Artikel

Schluss mit Lügen! So lässt sich die ganze Welt allein mit grüner Energie versorgen

Link zum Artikel

Vergiss Tinder! Hier erfährst du, welches Potenzial deine Fassade hat 😉

Link zum Artikel

17 katastrophale Tinder-Chats, die definitiv niemanden antörnen

Link zum Artikel

Vermisst und wieder aufgetaucht – 9 Fälle von Kindern, die verschwunden waren

Link zum Artikel

Mit diesen 21 Fakten kannst du beim kommenden «Game of Thrones»-Marathon angeben

Link zum Artikel

«SRF Deville» verkündet Pfadi-Putsch in Liechtenstein – diese finden's gar nicht lustig

Link zum Artikel

Brauchen wir einen Green New Deal, um eine Rezession zu vermeiden?

Link zum Artikel

Wie rechte Ideologen den Brand von Notre-Dame für ihre Zwecke instrumentalisieren

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

22
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
22Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Moe Mentmal 13.03.2015 22:17
    Highlight Highlight Herzlich willkomä in Züri. Basel isch schön und Überschaubar. Wänn'd mit em liecht unpersönlichere Ambiente in Züri klar chunsch und'd offe bisch fürs kulturelle Aagebot in Züri, staht ere erneute Laudatio in es paar Jöhrli nüüt im Wäg. Wänn'd überhaupt no wägg wotsch. :-)
    Ahja, die wo am lüütischte de Züri-Macker use hänked, sind meischtens zuezogni Aargauer...
    • Anna Rothenfluh 14.03.2015 10:19
      Highlight Highlight Danke dir. Ich glaube, das krieg ich hin. Immerhin kenne ich schon ein ganzes Grossraumbüro voll von sehr lustigen Menschen. Und das Kulturangebot in Züri ist ganz und gar nicht zu verachten.
  • The fine Laird 12.03.2015 16:42
    Highlight Highlight Willkommen in der Haupt Stadt!
    Hier kannst du das Nachtleben geniessen und zwar jeden Tag.
  • regi 12.03.2015 14:22
    Highlight Highlight Liebe Anna

    Eine rührende, unterhaltsame Liebeserklärung, welche Lust macht die Stadt der unfruchtbaren kennenzulernen. Danke

    Herzlich Regina
    • Anna Rothenfluh 12.03.2015 14:32
      Highlight Highlight Vielen Dank liebe Regina <3.
  • gänseblüemli 12.03.2015 14:19
    Highlight Highlight äähem sorry aberr äääh. Sei doch froh! Du wohnst jetzt in Zürich!;D
  • casalpablo 12.03.2015 13:07
    Highlight Highlight Wenn ich nach Basel komme denke ich IMMER, ich muss in Deutschland sein. Die arme Stadt ist halt bombadiert worden, all die Bausünden wo Häuser zerstört wurden..... Aber nein, es waren nur Spekulanten und Baulöwen, die dieser Stadt hässlichste Gebäude mitten in oder neben schönste Häuser gestellt haben. z.B. Dieses Ungetüm von Theater! Basel, ich fühle mich deshalb immer sehr unwohl. Es ist eine Schande für eine einst herrliche Stadt.
  • Frausu 12.03.2015 12:13
    Highlight Highlight Wunderbar geschrieben und bebildert!
  • Andreas Benz 12.03.2015 11:13
    Highlight Highlight Liebe Anna, kleine Integrationshilfe, es heisst richtig: Zürri-Seek. (rollendes rrr und langes e mit kurzen k) Willkommen!
    • Anna Rothenfluh 12.03.2015 11:35
      Highlight Highlight Mässi!
    • Moe Mentmal 13.03.2015 22:06
      Highlight Highlight Sonen Chabis. Seck, heisst das. wie'd Oberstufe. Nüüt da mit Ebene lange eee. Churz und knackig.
  • Dubio 12.03.2015 11:05
    Highlight Highlight Ging mir als Luzerner, der in Basel studierte und danach des Jobs wegen Basel verlassen musste, genau gleich. Ich könnt fast jeden Satz aus eigener Geschichte unterschreiben. Sogar die legendäre Grinsefrau!
  • Caprice 12.03.2015 10:25
    Highlight Highlight <3 <3 <3
  • Strom 12.03.2015 09:58
    Highlight Highlight Achtig: D Bildlegände zur Mittlere Brugg isch ströflig falsch. Und s Geissebärtli in dr Friendsbar heisst doch Demir?
    • Anna Rothenfluh 12.03.2015 10:36
      Highlight Highlight Oh wirklich. Ich bin ein Orientierungs-Legastheniker. Was ist falsch? Und es könnte wirklich sein, dass er Demir heisst. Ich war irgendwie immer ein bisschen neben mir, wenn ich in der Friendsbar herumhockte ...
    • Strom 12.03.2015 10:59
      Highlight Highlight erschti Fotistrecki Bild 3/7: die Johanniterbrücke - lueg die Bruck nomoll gnau ah :)
    • Anna Rothenfluh 12.03.2015 11:05
      Highlight Highlight uups. Danke dir!
    Weitere Antworten anzeigen
  • 's all good, man! 12.03.2015 09:25
    Highlight Highlight Eine wunderschön geschriebene Ode - herzlichen Dank dafür.
  • Ricco Speutz 12.03.2015 08:39
    Highlight Highlight Ein sehr schöner Beitrag und da freut es mich gleich doppelt, hier zu wohnen! :) Danke Anna!
  • teha drey 12.03.2015 08:15
    Highlight Highlight Wunderschöner Text (obwohl: ich bin Basler und habe drei Kinder!), herrlicher Schreibstil! Dir glaubt man das jetzt einfach. Obwohl auch Du einfach jene Sachen aufgeschrieben hat, die Dir gefallen haben. Ich kann nicht glauben, dass Du während acht Jahren nicht einmal mit den "Schugger" Stress hattest, oder angefixt wurdest, oder Dir - lassen wir mal den Ball flach - nicht ein zypriotisches Hängebauchschwein im Zolli vor die Füsse gepfundet hat....! Dennoch schön, dass Du die guten Erinnerungen mitnimmst nach... wohin? Vergiss nicht, auch die Züricher sind Menschen...! Machs guet.
    • Anna Rothenfluh 12.03.2015 10:38
      Highlight Highlight Danke! Einmal hatte ich Stress mit einem Velo-Schugger. Ich hatte meine Freundin auf dem Gepäckträger transportiert und da hat er mich angehalten. Und tatsächlich gesagt: Ist sie (dabei zeigte er wichtig auf meine Freundin) etwa ein Gepäck?!

Zölibat, Frauenhass und Schmerzsuche: Wie uns die Kirche die Lust raubte

Was die Hexenverfolgung mit unterdrückten Trieben zu tun hat und warum das Kreuz die westliche Welt traumatisierte. Ein unbequemer Spaziergang durch die Geschichte der christlichen Sexualität.

Wir wollen mit Paulus beginnen, dem urchristlichen Missionar und ersten Theologen. Mit dem Mann, der auf dem Weg nach Damaskus, geblendet von einem gleissenden Himmelslicht, vom Pferd stürzte und fortan die Christen nicht mehr verfolgte, sondern taufte – wie es ihm die Stimme Jesu auftrug. So erzählt es uns zumindest die Apostelgeschichte.

Seine Auslegung der Bibel war über Jahrhunderte bestimmend – ja, ist es bedauerlicherweise immer noch. 

Es gibt eine Menge Theorien über Paulus' Vision, …

Artikel lesen
Link zum Artikel