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Samuel Bendahan über Trumpismus und Demokratie in der Schweiz

Le rejet de Trump par les Suisse révèle un paradoxe de la tolérance.
Die anstehenden Abstimmungen werden für die Zukunft der Schweiz von grosser Bedeutung sein.bild: Imago / Keystone, montage watson
Röstibrücke

Dieses Paradox erklärt, weshalb Schweizer Trump nicht ausstehen können

In der Schweiz ist das Misstrauen gegenüber Donald Trump ein Paradox: Einerseits predigen wir Toleranz, andererseits macht uns der Gedanke an Trump kollektiv nervös. Und dann stellt sich die Frage: Wie steht es eigentlich wirklich um unsere demokratischen Werte, wenn es um Trumpismus und seine politischen Nachwehen geht?
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01.06.2026, 14:4401.06.2026, 15:05
Samuel Bendahan

Das Meinungsforschungsinstitut Gallup hat seinen End-of-Year Survey 2025 veröffentlicht – und darin steckt eine richtige Perle: ein globaler Vergleich, wie Leute überall auf der Welt bestimmte Führungspersönlichkeiten bewerten, vom Papst über Putin bis hin zu Donald Trump. Spoiler: kaum überraschend – aber trotzdem schön krass. Denn laut dieser Umfrage gibt es genau ein einziges Land auf diesem Planeten, in dem Trump noch unbeliebter ist als hier in der Schweiz: der Iran.

Tatsächlich gehört die Schweiz zusammen mit Schweden und Norwegen zu den Ländern, die Donald Trump so richtig nicht ausstehen können: 87 Prozent haben ein negatives Bild von ihm, nur 9 Prozent stehen auf seiner Seite. Für ein Land, das sonst für Kompromiss und Mässigung bekannt ist, kommt schon ein bisschen überraschend. Aber warum eigentlich?

Röstibrücke

Jeden Sonntag lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.

Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Ivan Slatkine (Verleger) und die QoQa-Otte.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Eine Meinung, bei der kein Platz für Zweifel bleibt

Vorsichtig formuliert ist der Grundtenor gegenüber Donald Trump aktuell vielerorts eher kritisch. Auch bei uns zeichnen mehrere Umfragen dieses Bild ziemlich deutlich. Laut GFS.bern blicken 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer mit Sorge auf die Welt unter Trump – und auf eine Politik, bei der am Ende vor allem die Stärke zählt. Tamedia ergänzt: 81 Prozent finden, dass er ein schlechter Politiker ist, 87 Prozent lehnen seine Zollpolitik ab, und 84 Prozent sagen, dass ihr Bild von den USA seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt deutlich schlechter geworden ist.

In diesen Umfragen wird Trump von der Schweizer Bevölkerung als unberechenbar, egozentrisch, heuchlerisch und antidemokratisch wahrgenommen. Die Schweiz steht bekanntermassen für Kompromiss und Konsens und verkörpert somit eher das komplette Gegenteil.

Das Paradox der Toleranz

Es gibt ein bekanntes Paradoxon, formuliert vom Philosophen Karl Popper in seinem Buch «Die offene Gesellschaft und ihre Feinde» (1945). Seine Idee: Eine vollständig tolerante Gesellschaft trägt die Keime ihrer eigenen Zerstörung in sich, wenn sie ihre intoleranten Feinde grenzenlos toleriert. Diese wiederum nutzen die gebotene Freiheit aus – und am Ende ist die Toleranz selbst dahin.

Karl Popper zieht daraus eine Schlussfolgerung, die auf den ersten Blick kontraintuitiv wirkt, aber absolut Sinn macht: Um eine tolerante Gesellschaft zu bewahren, muss man Intoleranz nicht tolerieren. Nicht aus Engstirnigkeit, sondern aus dem gesunden Instinkt demokratischer Selbsterhaltung.

Toleranz ist also kein absolutes Prinzip und kein moralischer Pazifismus, sondern ein gegenseitiger Vertrag: Man gewährt anderen das Recht, anders zu sein, zu denken und zu glauben, solange sie dasselbe Recht auch den anderen zugestehen. Wer diesen Vertrag bricht – indem er menschenverachtende Inhalte verbreitet, demokratische Institutionen angreift oder eine «Gesetz des Stärkeren»-Logik predigt – setzt sich automatisch selbst ausserhalb des Kreises der Toleranz.

Wenden wir das Paradoxon nun auf die Schweiz 2026 an: Eine tolerante, offene, humanitäre und demokratische Bevölkerung bedeutet nicht, dass man die Arme verschränkt und gut gelaunt zuschaut, wie der Trumpismus genau diese Werte mit Füssen tritt. Wohl eher das Gegenteil trifft zu. Ebenso wenig ist es tolerant, Initiativen kritiklos zu akzeptieren, die sich hinter Begriffen wie «Nachhaltigkeit» oder gesunder «Menschenverstand» verstecken, aber in Wahrheit eine Logik der Ausgrenzung zur Verfassungsnorm machen könnten.

Den inneren wie den äusseren Trump einfach zu tolerieren, würde laut Karl Popper nichts anderes heissen, als den demokratischen Ast abzusägen, auf dem die Schweiz seit 1848 sitzt.

SVP gegen die DNA der Schweiz

Welche Werte definieren uns also und schaffen somit die Fundamente unseres Landes? Es gibt viele, und Freiheit ist natürlich einer davon: Jeder soll die Freiheit haben, nach seinen eigenen Werten zu leben, solange diese Freiheit nicht die Freiheit der anderen einschränkt.

Eines ist klar: Die Werte, die wir hier in der Schweiz teilen, sind das genaue Gegenteil von Trump. Unterschiede gibt es zuhauf. Eine systematische Analyse, dargestellt in der Tabelle unten. Sie wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Sie vergleicht auf verschiedenen Ebenen trumpsche Werte mit jenen der Schweiz.

Wie ist diese Tabelle entstanden?
Die Tabelle wurde von einem Sprachmodell (KI) erstellt – aus einer simplen Anfrage, die Werte des Trumpismus mit der Schweizer politischen Kultur zu kontrastieren, ohne jede Vorgabe oder Richtung. Solche Modelle sind auf einem riesigen Textkorpus menschlicher Schriften trainiert und lernen dabei, welche Konzepte stark miteinander verbunden sind – und in welchen Worten. Für jede Achse gibt das Modell dann die häufigsten und typischsten Assoziationen aus diesem Fundus wieder.
Die Tabelle spiegelt also wider, wie diese beiden «Welten» in der geschriebenen Sprache massenhaft beschrieben werden, und nicht die direkte Messung der Realität. Jede faktische Aussage wurde überprüft und mit Quellen versehen (siehe Fussnote). Die illustrativen Quellen zeigen, dass die Charakterisierungen auf zahlreichen, übereinstimmenden Hinweisen beruhen.

All diese Achsen zeigen, wie stark unsere Traditionen heute durch den Versuch der SVP bedroht sind, ein bisschen Trump zu uns zu holen:

  • Die No-Billag-Initiative wurde zum Glück von der Bevölkerung abgelehnt – sie wollte uns sonst in eine Medienlandschaft führen, die von einer Handvoll Oligarchen kontrolliert wird.
  • Am 14. Juni stimmen wir über eine Initiative ab, die uns wirtschaftlich isolieren, Ausländer stigmatisieren, den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung einschränken und Freiheiten nur den Reichen vorbehalten will.
  • Im September stimmen wir über eine Pro-Putin-Initiative ab, die die Neutralität zugunsten von Diktaturen reformieren will. (Kleiner Hinweis: Laut der Gallup-Umfrage gehört die Schweiz auch zu den Ländern, die Wladimir Putin – und ebenso Israels Premier Benjamin Netanjahu – am wenigsten mögen.)
  • Und zum Schluss: Die SVP will unsere Verhandlungen mit der EU sabotieren – obwohl diese über 50 Prozent unserer Exporte ausmacht – nur um uns den USA und anderen autoritären Regimen auszuliefern.

Wenn es Traditionen gibt, die erhalten bleiben sollen, dann sind es jene, die uns stolz machen, hier zu leben: unsere Demokratie, unser Humanismus und all die Fortschritte, die wir dank unserer offenen, kooperativen und wohlwollenden Art erreichen konnten.

Wenn wir am 14. Juni die gefährliche SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» unterstützen, würden wir uns von diesen grundlegenden Werten entfernen und uns einer Logik annähern, wie man sie etwa bei Trump oder der SVP findet. Der Preis dafür wäre hoch. Denn wie so oft trifft es in Krisen zuerst die Mitte und die Haushalte mit kleineren Einkommen – selbst dann, wenn wir diese Krisen bewusst selbst auslösen.

Samuel Bendahan ist ...
... Doktor der Wirtschaftswissenschaften an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Lausanne (UNIL) und lehrt dort sowie an der EPFL. Der Waadtländer ist zudem SP-Nationalrat, Co-Präsident der sozialdemokratischen Fraktion in Bern und Mitglied der Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Parlaments. Er ist als Berater in den Bereichen Strategie, Governance, Leadership und Finanzen für zahlreiche Unternehmen tätig. Ausserdem präsidiert er den Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben (DVLS), den Dachverein SAH Schweiz und die Lausanner Wohnbaugenossenschaft SCCH Le Bled.
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Bild: keystone

Quellen:

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