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Ärzte und Pflegende auf der Intensivstation im Universitätsspital Basel.
Ärzte und Pflegende auf der Intensivstation im Universitätsspital Basel.Bild: keystone

«Das ganze Theater fängt wieder an» – 10 Personen von der Corona-Front sprechen Klartext

Wie ernst ist die Lage in den Schweizer Spitälern derzeit wirklich? Das sagen 10 Personen, die an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpfen.
06.12.2021, 19:2008.12.2021, 06:35

Sandro Stöckli, Kantonsspital St.Gallen

Für Aufsehen sorgte ein kürzlich verfasster Linked-in-Beitrag des St.Galler Chefarztes Sandro Stöckli. «Wir mussten heute bereits wieder dringliche Krebsoperationen verschieben, weil die Intensivstationen von ungeimpften COVID-Patienten gefüllt sind», so Stöckli. «Das ganze Theater fängt wieder an und wird in den nächsten Wochen noch schlimmer.»

Die Situation sei total frustrierend und belastend, schrieb Stöckli und forderte: «Lasst euch impfen, sonst geht das ewig so weiter.»

Martin Balmer, Kantonsspital Aarau

«Es macht uns wütend und hilflos, dass wir nach fast zwei Jahren nicht weiter sind», sagte am Freitagabend Martin Balmer, Leiter Pflege der Intensivstation (IPS) des Kantonsspitals Aarau, in der Arena. Er schilderte die Lage wie folgt:

«Es ist ausserordentlich ernst. Wir verlieren monatlich medizinisches Personal, weil sie nicht mehr mögen, weil sie überlastet und erschöpft sind. [...]

Der Ausblick, dass wir Triage-Entscheide treffen müssen, ist belastend. [...]

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einem sinkenden Schiff und das Rettungsschiff ist zwar da, aber es hat nur noch einen Platz frei. Sie wagen nicht daran zu denken, was das mit Menschen macht. [...]

Wir haben immer von der Spaltung gesprochen: Ich befürchte, dass solche Triage-Entscheide die Gesellschaft spalten werden. [...]»

Arena-Moderator Sandro Brotz fragte bei Balmer nach: «Wie viel Zeit bis zur Triage bleibt noch?»

Balmer antwortete: «Keine.» Das Entscheiden über Leben und Tod habe bereits begonnen.

Stephan Jakob, Chefarzt Insel Gruppe Bern

Stephan Jakob, Chefarzt bei der Insel Gruppe in Bern, berichtete am 30. November von Personalengpässen. «Von 38 Betten können wir 28 betreiben. Im kommenden Monat noch 26. Wir haben zu wenig Personal, viele haben gekündigt, viele sind krank, auch länger krank. Grund dafür sind die letzten 21 Monate mit Covid. Die können einfach nicht mehr», so Jakob gegenüber SRF.

«Die Triage wird sicher kommen. Wenn nochmals eine Welle kommt, werden wir die Situation haben, dass zehn Patienten auf zwei Betten kommen.» In der ersten Welle habe man eine Liste mit 1000 Personen gehabt, die freiwillig ausgeholfen hätten, so Jakob weiter. «Diese Liste ist auf null jetzt». Man könne die Kapazitäten nicht mehr hochfahren wie noch in der letzten Welle. «Es ist ein Albtraum.»

Philippe Eckert, Universitätsspital Lausanne

Die Situation am Lausanner Universitätsspital (CHUV) ist mittlerweile «besorgniserregend», wie Direktor Philippe Eckert am Wochenende sagte. Das Spital will kommende Woche zusätzliche Intensivpflegeplätze in Betrieb nehmen.

«Das Spital ist voll», sagte Eckert im am Samstag veröffentlichten Interview mit der Westschweizer Zeitung «24 Heures». Hinzu komme, dass gewisse Pflegende wegen Erschöpfung nicht zur Arbeit kommen könnten. Einige seien auch selbst an Covid-19 erkrankt.

Seit mehreren Tagen würden Patienten in andere Westschweizer Spitäler und Kliniken verlegt, sagte Eckert. Nicht möglich seien Verlegungen in Spitäler ennet der Saane. Die Deutschschweiz sei völlig «überschwemmt», so der CHUV-Direktor.

Am CHUV werden seit der laufenden Woche chirurgische Eingriffe verschoben, wie Eckert berichtete. Es gehe um Verschiebungen, die das Leben oder die Lebensqualität der Patienten nicht gefährdeten. Alle dringenden Operationen würden durchgeführt.

Christian Bürkle, Spital Grabs

Am 3. Dezember veröffentlichte das Spital Grabs eine kurze Dokumentation zur Situation auf der Intensivstation. Du kannst sie hier anschauen:

Darin kommt Dr. med. Christian Bürkle, ärztlicher Leiter der Intensivstation, zu Wort. Er berichtet davon, dass er und seine Familie angefeindet würden, was nicht einfach zu verarbeiten sei. Er ruft die Leute auf, sich seriös zu informieren.

«Das ist mein grosser Wunsch – dass sich ganz viele Leute, die heute noch Angst haben oder sich noch nicht entschieden haben, dass sie das tun, was sie mit medizinischen Fragen sonst auch tun. Nämlich zum Hausarzt gehen und sich beraten lassen. Und nicht auf Quellen setzen, die aus Youtube oder ähnlichen Medien stammen, wo einfach nicht klar zu erkennen ist, ob dies fachlich korrekt ist.

Was ich sage, stützt sich auf das, was wir erleben. Wenn es öffentliche Anfeindungen gegen Behandler, gegen meine Person oder meine Familie gibt, dann ist das etwas, das man nicht so gut verarbeitet. Darauf wurde man nicht vorbereitet.»
Dr. med. Christian Bürkle, Ärztlicher Leiter der Intensivstation in Grabs.
Dr. med. Christian Bürkle, Ärztlicher Leiter der Intensivstation in Grabs.screenshot: youtube.com

Flavia Giernoth, Spital Grabs

Im rund zehnminütigen Video spricht auch Intensivpflegerin Flavia Giernoth über die aktuelle Lage. Sie würde die Leute am liebsten einen Tag auf die Intensivstation mitnehmen, damit diese sehen könnten, was dort gerade passiert.

«Ich bin auch schon darauf angesprochen worden, ob es tatsächlich so schlimm sei und ob wir wirklich so viele Covid-Patienten haben. Da musste ich sagen: Ja, es ist streng und ja, wir haben viele Covid-Patienten. Manchmal würde ich diesen Leuten am liebsten sagen: ‹Kommt mit und schaut euch das mal an, wie es ist, einen ganzen Tag hier zu arbeiten.›»
Flavia Giernoth, Expertin der Intensivpflege Grabs.
Flavia Giernoth, Expertin der Intensivpflege Grabs.screenshot: Youtube.com

Stadtspital Zürich Triemli

Ernst ist die Lage auch im Stadtspital Zürich Triemli. Die Leiterin der Intensivstation, Patricia Fodor, sagte gegenüber watson vergangene Woche:

«Die Intensivstation ist im Moment voll. Wir stehen ständig im Kontakt mit den anderen Spitälern in der Region, es sieht nirgends besser aus. Wir können natürlich zusätzliche Betten heranschaffen. Aber das nützt nichts. Wir haben zu wenige Fachpersonen.»

Fodor zeigte uns übrigens, welche Medikamente ein Covid-Patient auf der Intensivstation braucht:

Video: watson/Emily Engkent

Christian Frey, Hirslanden Klinik Aarau

Die Intensivstation der Hirslanden Klinik Aarau musste vergangene Woche Triagen durchführen. Dies berichtete der «SonntagsBlick». Ein Krebspatient konnte demnach nicht auf die Intensivstation, da sie voll war.

«Die Hälfte unserer Intensivbetten ist mit Covid-Patienten belegt», sagte Christian Frey, stellvertretender Leiter der Intensivstation, gegenüber dem «SonntagsBlick». Sie seien alle ungeimpft, damit habe er Mühe. «Weil wir ihretwegen andere Patienten zurückstellen müssen.» Frey meinte: «Ohne Impfung geht es nicht.»

Peter Steiger, Universitätsspital Zürich

Im Kanton Zürich sind die Spitäler am Limit. Vergangenen Dienstag spielten sich dramatische Situationen ab. «Patienten, die auf die Intensivstation mussten, hatten kein Bett mehr zur Verfügung», sagte Peter Steiger, Intensivmediziner am Universitätsspital Zürich, gegenüber SRF. «Wir waren wie alle anderen Spitäler im Kanton Zürich voll belegt. Wir konnten die Patienten nicht auswärts verlegen. Es war wirklich schlimm.»

Peter Steiger, Universitätsspital Zürich.
Peter Steiger, Universitätsspital Zürich.Bild: KEYSTONE

Annina Büchi, Inselspital Bern

Die letzten Worte überlassen wir Frau Büchi:

23 Gründe, wieso watsons sich impfen lassen haben

Video: watson/Emily Engkent
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