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Coronavirus

Impfdurchbrüche häufen sich – die 7 wichtigsten Fragen und Antworten

Pflegefachfrau Barbara Kuhn, rechts, spritzt Angela Baumann den Impfstoff Janssen von Johnson & Johnson, am Montag, 11. Oktober 2021, in Thun. Der sogenannte Vektor Impfstoff Covid-19 Vaccine Jans ...
Die Impfung reduziert die Zirkulation des Delta-Virus in der Bevölkerung. Doch im Moment steigen die Fallzahlen schnell an.Bild: keystone

Impfdurchbrüche häufen sich und werfen Fragen auf – die 7 wichtigsten Antworten

Die häufigeren Impfdurchbrüche bei mittelalten Frauen und Männern verunsichern einige und stellen die Frage nach der Wirkung der Impfung und nach der Dringlichkeit von Auffrischimpfungen. Vor Beginn der nationalen Impfwoche beantworten wir die sieben wichtigsten Fragen dazu.
06.11.2021, 19:04
Bruno Knellwolf / ch media
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Die täglichen Fallzahlen in der Schweiz erhöhen sich zurzeit schnell, auf beinahe 3000 diese Woche. Woher der plötzliche Anstieg?

Dieser Anstieg ist von der Covid-19-Taskforce vorausgesagt worden. In der Schweiz sind noch etwa 1.6 Millionen Menschen nicht immunisiert. Das um ein Vielfaches ansteckendere Delta-Virus kann noch leichter als die letztjährige Variante in der ungeimpften Bevölkerung zirkulieren. Die Kälte und die Anfälligkeit auf Aerosole in Innenräumen tragen ihren Teil bei.

Die Taskforce erwartet eine Verdoppelung der Fallzahlen alle zwei Wochen. Und zeitverzögert steigen auch die Hospitalisationen wieder an. Die WHO betrachtet Europa inzwischen wieder als Corona-Hot-Spot, weil vor allem in den Ländern mit schwachen Impfquoten wie Deutschland, Österreich und die Schweiz die Fallzahlen stark steigen.

Diese Woche kam es zu Impfdurchbrüchen bei prominenten Politikern, die alle unter 65-jährig sind. Spielt es überhaupt noch eine Rolle, ob man sich impfen lässt oder nicht?

Ja. Dass eine Impfung nicht zu 100 Prozent schützt, war schon in der grossen klinischen Studie der Impfstoffhersteller vor der Zulassung klar. Impfdurchbrüche sind somit erwartet worden.

Die Impfung ist zwar in allen Altersgruppen, was die Infektionen betrifft, nach einem halben Jahr nicht mehr so effektiv. Die Antikörperkonzentration ist dann deutlich gesunken. Doch in dieser Zeit baut das Immunsystem eine Armada an Gedächtniszellen auf, die bei einem erneuten Angriff eines Coronavirus die Antikörper-Produktion wieder ankurbeln kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu schweren Verläufen und Spitalaufenthalten kommt, ist somit durch die Impfung massiv reduziert. Die allermeisten Impfdurchbrüche verlaufen mild oder werden kaum bemerkt.

Das BAG hat diese Woche berechnet, dass bei den über 80-jährigen sechs Mal mehr Menschen im Spital landen, die ungeimpft sind. Bei den 60- bis 69-jährigen haben Ungeimpfte ein 13 Mal höhere Spitalinzidenz.

Der doppelt geimpfte Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati hat offenbar noch andere angesteckt. Schützt ein Geimpfter eher sich selbst oder auch andere?

Beides. Je nachdem wie die Immunantwort des Körpers ausfällt, kann es einige Tage dauern, bis die Abwehrmechanismen gegen das Virus greifen. Bis dahin kann sich der Erreger vervielfältigen und andere Menschen anstecken. Da spielt die Impfung nun eine entscheidende Rolle. Ist das Immunsystem durch den Impfstoff vorgewarnt, ist die Immunantwort deutlich schneller und schlagkräftiger. Das Virus hat bei Geimpften deutlich weniger Zeit, sein zerstörerisches Werk zu tun. Das bestätigt eine Studie im «Lancet Infectios Diseases». Somit verringert die Impfung das Risiko einer Infektion mit der Delta-Variante eben doch, schreiben die Studien-Autoren.

Geimpfte können das Virus etwa drei Tage lang weitergeben, bei Ungeimpften sind es nach dem aktuellen Stand des Wissens aber sieben Tage. Epidemiologisch machen diese vier Tage einen grossen Unterschied. Diese kürzere Ansteckungszeit von Geimpften wirkt sich weniger im eigenen Haushalt aus, aber draussen unter Leuten, zum Beispiel im Ausgang.

Eine britische Studie im «Science» zeigt denn auch, dass in Grossbritannien die dritte Welle vor allem bei jüngeren, nicht geimpften Menschen ausgelöst wurde. Das Robert-Koch-Institut hat diese Woche erklärt, dass das Risiko, dass sich Menschen trotz Impfung infizieren und das Virus übertragen, deutlich vermindert ist.

Anfänglich hiess es, Impfdurchbrüche gebe es vor allem bei älteren Menschen. Hat sich das geändert?

Impfdurchbrüche sind in jedem Alter möglich, weil der Schutz nicht 100 Prozent ist. Der Schutz vor Covid-19 sinkt mit den Monaten auf jeden Fall, wie stark, ist vom Alter abhängig. Generell gilt, dass der Schutz gegen Infektion stärker nachlässt, während der Impfschutz vor Spitalaufenthalt und Tod deutlich stabiler bleibt. Insbesondere bei den Ältesten lässt auch dieser Schutz nach einem halben Jahr nach, weil diese schon mit den ersten zwei Dosen nicht die gleiche Immunisierung erreichen wie Jüngere.

Hilft die Booster-Impfung gegen Impfdurchbrüche? Für wen braucht es sie?

Weil bei älteren Menschen die Immunantwort nach zwei Dosen nicht so hoch ist, wie bei jüngeren, sollte die Auffrischung für die Ältesten so schnell wie möglich kommen.

Bei den jüngeren sind sich die Immunologen über den Zeitpunkt noch nicht einig. Eine aktuelle noch nicht geprüfte schwedische Studie hat auch einen Abfall des Schutzes bei 50-Jährigen gesehen, was einen Booster für jüngere rechtfertigen würde. Andere Immunologen wollen mehr Zeit verstreichen lassen.

Wo steht die Schweiz bezüglich Impfquote im internationalen Vergleich?

Unter dem Schnitt der europäischen Länder (siehe Grafik).

impfquote
Bild: ch media

Die EU hat bezogen auf die Gesamtbevölkerung eine Impfquote von 64.5 % vollständig geimpfter und 69.2 % einmal geimpfter. Die Schweiz 64.1 %, respektive 66.2 %. Von der erwachsenen und jugendlichen Bevölkerung ab 12 Jahren sind 73 Prozent vollständig geimpft.

Einige behaupten, dass mehr Geimpfte als Ungeimpfte sterben, stimmt das?

Nein. Der Anteil der vollständig Geimpften an den Todesfällen hat mit der Dominanz der gefährlicheren Delta-Variante zugenommen. Mit ein Grund ist auch ein sinkender Impfschutz bei älteren Menschen nach sechs Monaten.

Der höhere Anteil an Todesfällen Geimpfter hat vor allem damit zu tun, dass zwei Drittel der Gestorbenen über 80 Jahre alt sind. Dort sind aber in der Schweiz etwa 90 Prozent geimpft. Von dieser grossen Gruppe von 400'000 geimpften betagten Menschen sind etwa gleich viele gestorben wie von den 50'000 Ungeimpften. Das zeigt, dass der Anteil der gestorbenen bei den Ältesten unter den Ungeimpften viel höher ist. (aargauerzeitung.ch)

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205 Kommentare
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Salah
06.11.2021 20:19registriert März 2018
Aktuell sind gut 34% der Hospitalisierten Fälle doppelt geimpft. Früher waren es viel weniger. Vor einem Monat 22 und vor zwei Monaten 7 Prozent. Das wäre interessant die Gründe zu kennen. Ein Impfdurchbruch der im Spital landet ist ja irgendwie nicht der hier angesprochene Sinn der Impfung oder?

Und ja ich bin geimpft. Bevor ich als verantwortungsloser Kritiker abgestempfelt werde 🙂.
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Nick Name
06.11.2021 21:32registriert Juli 2014
Ein m.E. wichtiger Aspekt wird hier nicht erwähnt: das Verhalten.
Viele Geimpfte haben das Gefühl, sie seien nun auf der sicheren Seite und tauchen dank lange gültigem Zertifikat voll Freude ins Partygetümmel (oder einfach maskenlose Mengen) – mit (ebenfalls längst nicht 100prozentig geschützten und sicheren) Genesenen und Getesteten.

Mit dem Zertifikat in der aktuellen Handhabung wird von offizieller Seite ein fatales Signal gegeben: Impft euch und lasst es krachen!
Da ist doch nur klar, dass das das Steigen der Infektionen auch wieder mitfördert.
Übrigens kritisieren das auch Fachleute.
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Biindli
06.11.2021 20:36registriert Oktober 2015
Als jüngeres Mitglied der Risikogruppe bin ich auch schon 8 Monate geimpft. Und wäre nun schon froh wenn ich bald eine 3. Impfung kriegen könnte. Gerade auch als Mutter von schulpflichtigen Kindern...
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