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Werbeplakat für die nationale Impfwoche in Genf.
Werbeplakat für die nationale Impfwoche in Genf.Bild: keystone
Kommentar

Wir sind Österreich und nicht Portugal: Darum braucht es die Impfwoche

Bund und Kantone nehmen mit der Impfwoche einen weiteren Anlauf, um die miserable Impfquote in der Schweiz zu erhöhen. Wie nötig das wäre, zeigt ein Blick auf andere Länder.
05.11.2021, 19:4607.11.2021, 13:50

Es lässt sich nicht behaupten, dass die Ankündigung der nationalen Impfwoche durch den Bundesrat Anfang Oktober mit Enthusiasmus begrüsst wurde. Der Tenor war eher «Nützts nüt, so schadts nüt». Der Autor dieser Zeilen war in seinem Urteil deutlich weniger mild: «Es ist zu wenig und kommt zu spät», schrieb ich in meinem Kommentar.

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Daran hat sich grundsätzlich nichts geändert. Schon im Sommer kollabierte das Impftempo in der Schweiz. Die Impfwoche aber findet statt, kurz bevor die Weihnachtsmärkte mit dem Glühwein-Ausschank beginnen. Der Elan bei der Bewältigung der Corona-Krise hat bedenklich nachgelassen. Das betrifft auch die späte Zulassung der Booster-Impfung.

Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli kündigte am Mittwoch das Impfdorf im Hauptbahnhof an.
Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli kündigte am Mittwoch das Impfdorf im Hauptbahnhof an.Bild: keystone

Dabei zeigen die Zahlen seit Tagen in die falsche Richtung, und niemand darf behaupten, man habe das nicht kommen sehen. Es ist die Konsequenz aus den tiefen Temperaturen, der Delta-Variante und der miserablen Impfquote. Vielleicht bringt dies einige Zweifler zum Umdenken, aber die Impfwoche kann den Schaden höchstens begrenzen.

Die Schweizer Impf-Renitenz

Man muss Bund und Kantonen jedoch attestieren, dass sie sich Mühe geben, mit der (allerdings schon ausgebuchten) Konzerttour von einheimischen Musikstars, mit mobilen Impfequipen im ganzen Land oder dem Impfdorf im Zürcher Hauptbahnhof, in dem sich alle Interessierten informieren und gleich die erste Dosis spritzen lassen können.

Fraglich ist nur, ob es viel bewirken wird. Mit diversen Massnahmen hat der Bundesrat versucht, die Impfbereitschaft anzukurbeln (Zertifikatspflicht, Abschaffung der Gratis-Tests). In der Schweiz scheint eine regelrechte Impf-Renitenz zu herrschen. Nicht nur Hardcore-Impfgegner scheinen das Gefühl zu haben, ihnen könne nichts passieren.

Es lohnt sich deshalb, wieder einmal einen Blick über die Landesgrenze zu werfen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte am Donnerstag, Europa werde in diesem Winter erneut zu einem Corona-Hotspot. So einfach aber ist es nicht. Ein einheitliches Bild gibt es nicht, das Spektrum ist mittlerweile sehr breit und von Land zu Land verschieden.

Entspannung in Südeuropa

Ein Extrem bilden Russland und andere osteuropäische Staaten. Dort ist die Impfquote unterirdisch und die Lage in den Spitälern angespannt bis katastrophal. Teilweise gibt es wieder Lockdowns, sie dürfen in Putins Reich einfach nicht so genannt werden.

Ein Desinfektionsteam unterwegs im Kasaner Bahnhof in Moskau. Die Zahl der Infizierten und Toten ist in Russland so hoch wie nie seit Beginn der Pandemie.
Ein Desinfektionsteam unterwegs im Kasaner Bahnhof in Moskau. Die Zahl der Infizierten und Toten ist in Russland so hoch wie nie seit Beginn der Pandemie.Bild: keystone

Auf der anderen Seite stehen die einstigen Sorgenkinder im südlichen Europa. In Frankreich, Italien und Spanien ist die Lage dank einem Impfeffort und verschärfter Zertifikatspflicht (noch) relativ entspannt. «Europameister» Portugal, wo 87 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft sind, ist beinahe eine coronafreie Zone.

Delta und keine Impfung?

Dazwischen gibt es viele Schattierungen. In einigen Staaten wie Deutschland sind die Fallzahlen so hoch wie nie seit Beginn der Pandemie, aber die Lage in den Spitälern ist noch überschaubar. Eines lässt sich deshalb durchs Band und zum wiederholten Mal feststellen: Geimpfte plus Genesene mit Antikörpern sind gut geschützt, auch gegen die Delta-Variante.

Im Umkehrschluss kann man fragen, wo wir heute stehen würden, wenn wir Delta hätten und KEINE Impfung. Die Antwort ist wenig erbaulich: Vermutlich hätten wir einen harten Lockdown, strikte Ausgangssperren, geschlossene Schulen. Dieses Albtraum-Szenario müsste selbst harte Impfgegner überzeugen – wahrscheinlich ist es nicht.

Lockdown für Ungeimpfte

Wo aber steht die Schweiz im europäischen Umfeld? Als Vergleichsland bietet sich unser östlicher Nachbar an. Österreich hat eine ähnliche Impfquote, die 3G-Regel und eine rechtspopulistische Partei, die die Impf- und Massnahmengegner umwirbt. Nur dass FPÖ-Chef Herbert Kickl es noch etwas bunter treibt als die SVP-Koryphäen.

Folglich hat sich die epidemiologische Lage in den letzten Tagen zugespitzt. Geht es so weiter, werden in den österreichischen Spitälern bald jene 600 Covid-Intensivpatienten liegen, bei denen die Regierung einen «Lockdown für Ungeimpfte» anordnen will. Was das in unserem ohnehin tief gespaltenen Land bedeuten würde, kann man sich ausmalen.

Winterhalbjahr dauert noch lange

Für Alarmisten steht fest, dass die Schweiz eine Katastrophe erleben wird. Mit solchen Prognosen sollte man vorsichtig sein, aber die Gefahr ist vorhanden. Das Winterhalbjahr dauert noch lange und der Immunschutz scheint mit der Zeit nachzulassen, vor allem bei älteren Menschen. Deshalb werden zunehmend Geimpfte ins Spital eingeliefert.

Der Anteil der Ungeimpften ist aber wesentlich grösser, vor allem in den Intensivbetten. Deshalb brauchen wir auch das Covid-Zertifikat. Es ist widersinnig, in einem sich unkontrolliert beschleunigenden Fahrzeug das Bremspedal zu demontieren. Und die Schweiz steht nun einmal viel näher bei Österreich als bei Portugal.

Deshalb ist auch die Impfwoche trotz allem eine gute Sache, denn jede und jeder Geimpfte zählt, wie es Alain Berset sinngemäss ausgedrückt hat. Sie ist zu wenig und kommt zu spät, aber man kann es auch positiv sehen: besser als nichts, und besser spät als nie. Gut Piks!

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