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ARCHIV - Ein Ortsschild steht am Ausgang der Ortschaft Ischgl. (zu dpa «Corona-Justizfall Ischgl: Staat bestreitet Schuld der Behörden») Foto: Jakob Gruber/APA/dpa

«Bitte kein zweites Ischgl», warnen Wissenschaftler. Ob ihnen dieses Mal jemand zuhört? Bild: apa/dpa

Ischgl reloaded – die südafrikanische Variante breitet sich an der Schweizer Grenze aus

In Tirol breitet sich die südafrikanische Mutation des Coronavirus aus. Wissenschaftlerinnen warnen, Politiker zaudern, Skiliftbetreiber wollen nicht schliessen. Das weckt unschöne Erinnerungen an das Desaster in Ischgl vor einem Jahr.



Was ist passiert?

Österreichische Wissenschaftler warnen: Das Tirol hat ein Corona-Problem. Schon wieder. Vor knapp einem Jahr erhielt der beliebte Wintersportort Ischgl unrühmliche Bekanntheit, indem er zum Corona-Hotspot und zur Drehscheibe für die Verbreitung des Virus in ganz Europa wurde. Während an anderen Orten bereits erste Pandemie-Eindämmungsmassnahmen verhängt wurden, feierten die Touristen in Ischgl feucht-fröhliche Après-Ski-Partys.

Vor diesem Hintergrund schrillen bei vielen die Alarmglocken, wenn sie hören, dass jetzt in den Tiroler Bergregionen, nahe der Schweizer Grenze, mehrere Cluster von südafrikanischen Virusmutationen aufgetaucht sind. Am meisten Infektionsfälle mit der Südafrika-Variante wurde in der bekannten Skidestination Zillertal entdeckt. Epidemiologinnen zufolge sollen dort 75 Fälle mit der sogenannten B.1.351 aufgetreten sein. Weitere Fälle seien in mehreren Seitentäler des Inntals und in der Landeshauptstadt Innsbruck aufgetaucht.

«Das ist kein lokaler Ausbruch mehr.»

Dorothee von Laer, österreichische Virologin

Dorothee von Laer, Virologin und Mitglied des Beraterstabs der österreichischen Bundesregierung, wählte drastische Worte: «Das ist kein lokaler Ausbruch mehr. Mit der südafrikanische Mutation scheint Tirol hier an der Front in Europa zu sein», wird sie von österreichischen Zeitungen zitiert. Auch der Immunologe Andreas Bergthaler sagt in einem Radiointerview: «So viele Fälle der südafrikanischen Mutation des Coronavirus gibt es in keiner anderen Region Österreichs oder Europa.» Bei einer Tiroler Stichprobe habe der Anteil der Variante B.1.351 bei 15 Prozent gelegen. Laut Bergthaler noch ungeklärt sei, inwiefern sich das Virus bereits weiterverbreitet hat oder ob es insbesondere in Tirol regional geclustert sei.

Kommt es jetzt zu einem zweiten Ischgl?

Virologin von Laer sagt, es sei «Feuer unter dem Dach». In den Medien warnte sie vor einem «zweiten Ischgl». Zudem warf sie der Landesregierung Tirol vor, den Anstieg der Zahlen zu verschleiern und nicht zu reagieren. Jetzt seien schnelle Massnahmen bis hin zur Abriegelung der gesamten Region nötig – mindestens für eine Woche, möglicherweise gar für einen Monat.

Im Gesundheitsministerium in Wien ist die Sorge ebenfalls gross. Vorsteher Rudolf Anschober bezeichnete die Lage in Tirol als «ernst». An einer Pressekonferenz kündigte er an, für die betroffene Region Massentestungen vorzubereiten. Zudem brauche es ein engmaschiges Contact Tracing. Er wolle noch bis Sonntag abwarten und dann Bilanz ziehen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Lokale Reisebeschränkungen wolle er nicht ausschliessen.

Von Laer geht das zu langsam. Derzeit würden Verdachtsproben aus Tirol ausgewertet, um auf deren Basis Entscheide für Massnahmen zu treffen. Sie habe aber bereits vor einer Woche angeboten, Sequenzierungen von Proben vor Ort vorzunehmen. Stattdessen würden die Proben nach Wien geschickt, wo der Vorgang ein bis zwei Wochen dauere.

In der Zwischenzeit wird in Tirol weiter munter ein-, ausgereist und Ski gefahren. Die lauten Warnungen der Wissenschaft, das zögerliche Handeln der Politik und das Beharren auf einem Offenhalten der Skilifte weckt böse Erinnerungen an den März 2020. Lange war ein Abbruch der Skisaison verschleppt worden, bis es schliesslich zu spät war und das Virus von Ischgl aus in ganz Europa verteilt wurde.

Was ist das Problem mit der südafrikanischen Mutation?

Die Virus-Mutation B.1.351, die im August zuerst in Südafrika festgestellt wurde, kann das menschliche Immunsystem besser als andere bekannte Varianten überlisten. Wie auch die englische Mutation B.1.1.7 zeichnet auch die südafrikanische eine Veränderung am Spike-Protein an der Oberfläche des Coronavirus aus. Wie Forscherinnen herausgefunden haben, ist die südafrikanische Variante aber so stark verändert, dass Antikörper das Virus nur noch bedingt erkennen können.

Das heisst, dass das südafrikanische Virus einerseits schwerer behandelbar ist und andererseits die bisher entwickelten Impfstoffe weniger effizient greifen. Wissenschaftler stellten fest, dass die Corona-Impfung rund um die Welt einen Schutz von bis zu 95 Prozent bietet. In Südafrika liege dieser nur bei etwa 50 Prozent.

Der österreichische Virologe Lukas Weseslindtner sagte gegenüber der «Wiener Zeitung», das Problem an der Mutation aus Südafrika sei vor allem, dass man nach einer überstandenen Infektion nicht gegen eine neuerliche Ansteckung geschützt sei. Die aufgebauten Antikörper würden das Virus viel schlechter oder gar nicht neutralisieren. Dadurch könne es auch viel einfacher weitergegeben werden. «Die Folge einer Ausbreitung würde ein massiver Anstieg der Fallzahlen bedeuten», so Weseslindtner.

Wie kam die südafrikanische Variante nach Tirol?

Nicht geklärt ist, wie das südafrikanische Virus nach Tirol kam. Ein Gerücht hält sich hartnäckig: Ein Hotelier-Ehepaar aus dem Zillertal habe die Mutation nach der Silvesterparty und dem Golfurlaub in Südafrika eingeschleppt. Auf der Reise mit dabei gewesen sein sollen ein Nationalratsabgeordneter der ÖVP und ein führender Seilbahnfunktionär. Träfe dies zu, so hätten die Beteiligten gegen die damals geltenden Corona-Bestimmungen verstossen. Die mutmasslich Involvierten dementieren die Vorwürfe.

Unabhängig von dieser abenteuerliche Geschichte wird seit Ende 2020 der geltende Lockdown in den Tiroler Tourismusorten offenbar nicht mehr ganz ernst genommen. Vergangene Woche durchkämmten 15 Polizisten bei einer Razzia den Ski-Ort St.Anton am Arlberg. 133 Personen in 44 Unterkünften wurden kontrolliert. Die Bilanz: 96 Skitouristen aus Grossbritannien, Australien, Irland, Deutschland und Polen kassierten eine Anzeige. Um die Quarantäneregelung zu umgehen, hatten sie zur Tarnung Zweitwohnsitze angemeldet und angegeben, auf Arbeitssuche zu sein.

Ein Trick, von dem vermutet wird, dass er auch an anderen Orten in Tirol zur Anwendung kommt. Denn eigentlich gilt: Wer nach Österreich einreist, muss sich registrieren und für mindestens fünf Tage in Quarantäne. Für Flüge aus Grossbritannien, Südafrika und Brasilien gelten Landeverbote. Hotels sind geschlossen, wer sich einmietet , kann dies nur mit einem «dringenden beruflichen Grund» tun. Der örtliche Bürgermeister Helmut Mall sagte gegenüber den Medien: «Sie landen in Zürich und kommen dann mit dem Zug.» Dagegen wolle er nun «rigoros vorgehen».

Könnte das Virus nun auch in die Schweiz gelangen?

Im März 2020 trugen auch Schweizerinnen und Schweizer das Coronavirus aus den Skiferien in Ischgl nach Hause. Befürchtet wird, dass sich das Szenario jetzt mit der südafrikanischen Variante wiederholen könnte. Die Schweiz hat bisher nur das österreichische Bundesland Salzburg zum Risikogebiet erklärt. Tirol ist bisher nicht auf dem Radar der Behörden, trotz der gemeinsamen Grenze im Kanton Graubünden. Noch gilt: Wer nach Tirol einreist, muss lediglich ein Formular mit seinen Kontaktdaten ausfüllen.

Sorgen macht man sich auch in Bayern, das sich ebenfalls eine lange Grenze mit Tirol teilt. Auch dort sitzt die Erinnerung an das Drama um Ischgl immer noch tief. Bayerische Regierungskreise würden eine Abschottung Tirols begrüssen.

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