Schweiz
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5 Beizer, 5 Geschichten: Die Bar-, Club- und Restaurantbetreiber haben unterschiedliche Konzepte und unterschiedliche Perspektiven. montage: watson

Das grosse Hoffen auf tiefere Coronazahlen – 5 Beizer sagen, was jetzt auf sie zukommt

Nur noch 4 Personen am Tisch, ab 23 Uhr ist Sperrstunde, die Clubs müssen schliessen. Die verschärften Corona-Massnahmen des Bundesrates lassen Betreiber von Bars, Clubs und Restaurants kreativ werden. Das sind ihre Strategien in der Krise.



Tom Rey, Pächter der Pinte in Andermatt

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bild: zvg

Live und auf Nadeln habe ich am Mittwoch die Bundesrats-Pressekonferenz mitverfolgt. Gut finde ich, dass nun einheitliche Regeln für die ganze Schweiz gelten. Nicht gut ist, dass wir nur noch vier Personen an die Tische setzen dürfen. Im Privaten dürfen sich bis zu zehn Leute treffen, aber im Restaurant nicht? Das kann ich nicht nachvollziehen. Auch trifft uns die Polizeistunde hart, wieso kann man nicht den Leuten die Chance geben, sich korrekt zu benehmen und erst bei Nichteinhalten einschreiten? Seit Frühling setzten wir die Vorgaben um und auch die Gäste halten sich bei uns daran. Aber ja, der Bundesrat hat bestimmt keinen einfachen Job momentan.

In der Pinte betreiben wir ein Pub im Erdgeschoss und einen kleinen Club im UG. Im Pub müssen wir einige Dinge umstellen, aber im Grossen und Ganzen versuchen wir den Laden so gut wie möglich weiterzubetreiben. Für den Keller ist jetzt unser Ideenreichtum gefragt. Ich kann mir verschiedene Dinge vorstellen: Eine Cheminée-Lounge, eine Erweiterung vom Pub oder auch ein Boulder Raum war schon ein Thema.

Ich mag es nicht, den Kopf in den Sand zu stecken und auf bessere Zeiten zu warten. Mir ist wichtig, dass ich trotz allem etwas tolles auf die Beine stellen kann. Die Touristen kommen hoffentlich, sobald es unten schlecht Wetter ist und hier oben die Sonne scheint. Dann ist es doch super, wenn wir etwas bieten können. Für innovative Leute kann diese Zeit eine Chance sein, etwas neues auszuprobieren, Konzepte zu testen, die vielleicht auch längerfristig funktionieren. Es ist die Zeit für verrückte Ideen. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.

Pascal Erb, Wirt im Restaurant Eichhörnli in Zürich

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Im Eichhörnli können wir normalerweise 40 Gäste bewirten, seit Corona mussten wir die Platzzahl auf 28 beschränken. Die Pressekonferenz des Bundesrates am Mittwoch haben wir natürlich live mitverfolgt. Wir haben schlimmeres erwartet. Mit der Sperrstunde ab 23 Uhr können wir leben, viel einschneidender ist hingegen die Beschränkung auf vier Personen pro Tisch. Gerade mit Blick auf Weihnachtsessen von Firmen und Privaten. Die fallen jetzt komplett ins Wasser.

Die Situation ist weit ungewisser als noch im Frühling nach dem Lockdown. Damals hatten die Leute einen Heisshunger aufs Rausgehen und waren richtig dankbar, dass sie wieder mal ins Restaurant essen gehen konnten. Jetzt macht sich eine grössere Unsicherheit bemerkbar. Viele haben Angst, rauszugehen, doch die Lokale bleiben trotzdem offen. Wir sind gespannt, wie sich das entwickelt.

Wir bleiben zuversichtlich und optimistisch. Unser Betrieb ist gesund und gut aufgestellt. Und was uns auch hilft ist, dass wir seit 15 Jahren hier sind und einen grossen Stammgast-Anteil haben, der uns die Treue hält. In solch unsicheren Zeiten verkehren die Leute eher an Orten, wo sie sich sicher fühlen und Vertrauen haben. Das spüren wir.

Maikel Schell, Inhaber des Clubs Wandelbar und der Wunderbar in Arosa

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Maikel Schell mit seiner Partnerin und Inhaberin der Wunderbar Jarmila Duss. bild: zvg

Bei uns in den Bergen markiert der November normalerweise die Ruhe vor dem Sturm, die Zeit, in der man nochmals runterfährt, bevor es dann im Dezember wieder so richtig losgeht. In den Wintermonaten holen wir einen grossen Teil unseres Jahresumsatzes rein – aber eben: normalerweise. Dieses Jahr ist alles anders. Ich habe gehofft, der Bundesrat würde nun härter durchgreifen, damit das Virus bis im Dezember ausgetrocknet ist. Dann könnten wir einigermassen normal in die Wintersaison starten. Aber so? Das finde ich ganz heikel ... Konkret heisst das: Wenn wir im Winter den Club nicht aufmachen können, dann lupft es uns.

Wir bekamen es bereits im März zu spüren – einer der wichtigsten Monaten für uns. Der Lockdown nahm uns zwei Wochen und damit brach der Jahresumsatz um 25 Prozent ein. Im Sommer konnten wir dafür wieder einiges gut machen, aber kompensiert haben wir diesen Verlust mitnichten. Wir haben im Sommer freiwillig die strengsten Auflagen übernommen und ausgeführt: Eine strenge ID-Kontrolle an der Tür, inklusive ein lückenloses Contact Tracing. Es wurden sogar Temperaturscans gemacht. Das war für uns wie eine Generalprobe für den Winter.

Die Krise bedeutet, dass wir kreativ sein müssen. Wir überlegen uns, dass wir im schlimmsten Fall im Club Tische auf die Tanzfläche stellen. Unser Personal erhält eine Cocktail-Schulung. Wir versuchen alles, damit wir den Leuten doch noch ein attraktives Programm bieten können, wenn sie schon nicht tanzen dürfen.

Lorenz Messora, Inhaber Restaurant Sommerlust in Schaffhausen

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Wirklich überrascht war ich von den am Mittwoch kommunizierten Massnahmen nicht. Bereits am Dienstag hat der Bundesrat Entscheide betreffend der Kurzarbeit gefällt. Da war mir klar, dass am Mittwoch weitere Schritte für die Gastro folgen werden. Eigentlich hab ich damit gerechnet, dass sie uns schliessen. Den Entscheid, nur noch Vierertische zuzulassen und den gleichzeitigen Appell an die Bevölkerung, zu Hause zu bleiben, finde ich... spannend. Wie sich das entwickelt, werden wir jetzt sehen.

Aber ich bin positiv und werde gestärkt in die Zukunft blicken. Schon im Frühling wurden wir überrascht von einer Kompensation, mit der wir nicht gerechnet hatten: Weil nämlich viele Firmen- und Gruppenessen abgesagt wurden, kehrten vermehrt Private bei uns ein. Das Konsumverhalten hat sich geändert und somit fiel die Wiedereröffnung des Restaurants weniger schlimm aus, als wir gedacht haben.

Mir ist bewusst, dass wir hier in Schaffhausen eine andere Situation vorfinden, als in den Städten oder insbesondere in Zürich. Dort gibt es viele Restaurants, die am Mittag Geschäftsleute bewirtschaften. Mit der Home-Office Regelung fällt ihnen einen Grossteil der Gäste weg. Gerade für solche Betriebe wäre eine Schliessung mit konkreten Unterstützungsmassnahmen vermutlich einfacher gewesen.

Matthias Seiz, Balz Club und Baltazar Bar in Basel

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Was der Bundesrat am Mittwoch für die ganze Schweiz beschlossen hat, galt im Kanton Basel-Stadt bereits eine Woche vorher. Wir durften unseren Club nur noch bis 23 Uhr geöffnet haben und drinnen durfte nur sitzend Getränke konsumiert werden. Mit diesen Rahmenbedingungen konnten wir den Betrieb nicht mehr gewährleisten und wir schlossen den Balz Club.

Darum sind die neuen Massnahmen mit den klaren Regelungen für mich eine Erleichterung. Nun da der Bund die Schliessung der Clubs ausdrücklich verlangt, können wir Forderungen nach Unterstützung geltend machen. Entschädigung für Kurzarbeit, eine Reduktion der Mieten, Kredite zur Überbrückung. Ich hoffe, dass wir so nach der Krise dort weitermachen können, wo wir aufgehört haben. Und dass wir keine Mitarbeiter entlassen müssen.

Das klingt jetzt vielleicht optimistischer als ich tatsächlich bin. Eine Schliessung der Clubs während der Wintermonate bedeutet ein massiver Umsatzeinbruch. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es Weihnachts- oder Neujahrpartys geben wird. Auch gesellschaftlich ist die Situation schwierig. Die Jungen können nicht mehr raus, es gibt kein kulturelles Angebot. In dieser ohnehin schon dunkler Jahreszeit, schlägt das aufs Gemüt.

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