Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Medizinischem Personal wird eine Blutprobe fuer immunologische Tests bei den Angestellten des Regionalkrankenhauses Lugano Civico (Ospedale Regionale di Lugano) entnommen, um die Exposition gegenueber dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu bestimmen, am Donnerstag, 30. April 2020, in Lugano. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

Die Schweiz in der Coronakrise. Bild: TI-PRESS

Bund kannte Lücken – hätte die Schweiz besser auf Corona vorbereitet sein können?

Bereits 2018 deckte eine Analyse die Problemzonen beim Bundesamt für Gesundheit auf. Lücken bei Fachwissen und Expertise, so lautete das Ergebnis.

Sven Altermatt und Doris Kleck / ch media



Das Virus und seine Folgen haben die Schweiz hart getroffen. Aber nicht unvorbereitet. Denn eine Pandemie gehört seit Jahren zu den grössten Risiken der Schweiz. Die Behörden sorgten für den Katastrophenfall vor, Krisenstäbe übten den Ausnahmezustand. Und es gab das Epidemiengesetz, in dem die Regeln für den Fall der Fälle stehen.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Als die Krise tatsächlich kam, wussten die Fachleute beim Bund grosso modo, was sie zu tun hatten. Sie wussten aber auch, was sie nicht wissen konnten – weil ihnen dafür die Expertise fehlte: Im zuständigen Bundesamt für Gesundheit (BAG) gab es einige fachliche Lücken. Es mangelte in manchen Bereichen an Expertise, es fehlte der Zugang zu Fachleuten. Zu diesen Schluss kam eine 217 Seiten starke Analyse des Epidemiengesetzes bereits 2018.

Der Politologe Christian Rüefli vom Beratungsbüro Vatter und der Gesundheitsrechtler Christoph Zenger beleuchteten im Auftrag des BAG, wie gut bei einer «besonderen» oder einer «ausserordentlichen Lage» gemäss Epidemiengesetz – Letztere hat der Bundesrat im Fall des Coronavirus erklärt – die Behörden von Bund und Kantonen zusammenarbeiten könnten.

In solchen Lagen gehen nämlich Kompetenzen von den Kantonen an den Bund über. In Bern wird entschieden, ob die Schulen geschlossen werden. Welche Eingriffe die Spitäler noch vornehmen dürfen. Was die Detailhändler verkaufen dürfen und was nicht. Es sind tiefgreifende Entscheide in den Alltag aller, die aber weit weg von den Bundesbeamten sind.

Obwohl plötzlich hochaktuell, fand die Studie in der Coronakrise nur wenig Beachtung. Jetzt aber, wo der Ausnahmezustand allmählich seinem Ende zugeht, hilft sie, die Theorie einem Praxischeck zu unterziehen. Welche Lehren lassen sich aus der teilweise mangelhaften Krisenvorsorge ziehen? Auf welche Grundlagen stützte der Bund seine Massnahmen? Und holte er die Fachwelt an Bord, um den Ausbruch der Pandemie zu beobachten?

Fakt ist: Epidemiologen, Virologen und andere Forscher beklagten sich während Wochen, dass Bern sie nicht einbeziehe. «Das BAG involviert uns Wissenschafter nicht in die Bekämpfung der Epidemie», kritisierte der Lausanner ETH-Epidemiologe Marcel Salathé im März in dieser Zeitung. Ganze 35 Tage vergingen nach dem ersten bestätigten Coronafall in der Schweiz, bis der Bund in der ersten Aprilwoche doch noch ein wissenschaftliches Beratergremium einberief.

Seuchenbekämpfer waren international schlecht vernetzt

In weiten Teilen drehte sich die Analyse von 2018 um Kompetenzkonflikte. Um die Aufgabenverteilung im Krisenfall. Um juristische Aspekte. Die Autoren untersuchten jedoch auch, ob das BAG «über die nötigen Fähigkeiten und fachliche Expertise zur Erfüllung der Aufgaben verfügt».

Dafür führten sie gründliche Befragungen durch. Zum einen sprachen sie mit den BAG-Verantwortlichen, allen voran mit Daniel Koch, jahrelang Chef der Abteilung Übertragbare Krankheiten und nun Delegierter für Corona. Zum anderen interviewten sie Kantonsärzte und Mitarbeiter kantonaler Gesundheitsdirektoren.

Daniel Koch, Delegierter des BAG fuer COVID-19, spricht waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus (COVID-19), am Freitag, 15. Mai 2020 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Daniel Koch wurde von den Autoren der Studie ebenfalls befragt. Bild: KEYSTONE

Der Hauptbefund: Es gebe «Lücken bezüglich Fachwissen und Expertise» in Themenbereichen, in denen das BAG in normaler Lage nicht zuständig sei. Zwar könne sich die Behörde das Wissen wenn nötig im Gespräch mit der Forschung, in Fachnetzwerken oder via Arbeitsgruppen beschaffen. «Gemäss Gesprächsaussagen bestehen diesbezüglich allerdings Schwierigkeiten hinsichtlich der zeitlichen Verfügbarkeit geeigneter Fachpersonen und aufgrund fehlender oder zu schwacher Einbindung des BAG in Fachnetzwerke auf internationaler, namentlich europäischer Ebene», heisst es in der Analyse.

Lieber beraten und empfehlen, nicht durchgreifen und verfügen

Die Studienautoren rieten zu einer sauberen Auslegeordnung. Die Seuchenbekämpfer im Bundesamt für Gesundheit sollte erfassen, wo es an Expertise mangelt und wo der Zugang zu externen Experten fehlt. Bei Lücken und Schwächen sollte sich die Behörde ein Dispositiv aufbauen, mittels dem sie sich in einer Krise rasch Zugang zu fachlichen Ressourcen verschaffen könnte. «Hierzu wären zum Beispiel geeignete Institutionen und Fachpersonen als Ansprechstellen zu bezeichnen.»

Setzte das BAG diese Empfehlung um? Angesichts dessen, dass der Bund mehrere Wochen verstreichen liess, bis er ein wissenschaftliches Gremium einberief, bestehen daran einige Zweifel. Eine Bitte um Stellungnahme liess das BAG am Montag und am Dienstag unbeantwortet.

Auch sonst liefert die Analyse einen ungeschminkten Blick. Wie weit sollen die Kompetenzen des Bundes im Krisenfall reichen? Die Kantonsvertreter attestierten dem BAG eine hohe Fachkompetenz, um bei einer Epidemie die Koordination zu übernehmen oder Empfehlungen zu formulieren. Danach gefragt, welche Erwartungen sie an den Bund haben, blieben sie allerdings vage. Wegen des hypothetischen Charakters dieser Frage sei es ihnen teilweise schwer gefallen, spezifische Erwartungen zu formulieren, konstatieren die Studienautoren.

Gleichzeitig gaben sich die BAG-Verantwortlichen selbst äusserst zurückhaltend bei der Frage, inwiefern sie Massnahmen anordnen würden. Vor zwei Jahren, als es bloss um eine Gefahr aus der Zukunft ging, schien vieles noch undenkbar. In Prä-Coronazeiten waren sich die Bundesbeamte «weiche Instrumente» gewohnt – Empfehlungen aussprechen, Rahmenbedingungen für den Vollzug vorgeben. Oder anders ausgedrückt: Die Gesundheitsbeamte wollten lieber beraten statt durchgreifen. Empfehlen statt verfügen.

Eine Erstklasslehrerin zeichnet während des Lockdowns eine Unterrichtseinheit für ihre zu Hause festsitzenden Schüler und Schülerinnen auf. Immer noch sind 95 Prozent der Lehrkräfte auf der untersten Schulstufe Frauen - fast wie zu Grossmutters Zeiten.

Unterricht in Pandemiezeiten: Das BAG schreckte lange vor Schulschliessungen zurück. Bild: KEYSTONE

Aus eigenen Mitteln könne das BAG keine Expertise generieren, die es im Normalfall nicht habe, steht in der Analyse ferner. In Bereichen, für die das BAG normalerweise nicht zuständig ist, fehle ihm die Erfahrung. Es könne so kaum beurteilen, welches die beste und für alle Kantone gleichermassen praktikable Lösung ist. Schulschliessungen oder Schutzmassnahmen etwa würde es deshalb wohl eher nicht verfügen.

Der Bund traute sich Schulschliessungen nicht zu

Studienautor Christian Rüefli sagt auf Anfrage dieser Zeitung, in den Gesprächen mit den BAG-Verantwortlichen habe man den Respekt vor der Aufgabe gespürt: «Das BAG ist weit weg von Themen wie der Schule. Das erklärt seine Zurückhaltung, verbindliche Entscheide in solchen Bereichen zu fällen.» Hinzu komme, dass Massnahmen wie Schulschliessungen einen ganzen Rattenschwanz von Folgefragen mit sich ziehen, beispielsweise zur Kinderbetreuung oder zur Chancengleichheit.

Nichtsdestotrotz: Am 13. März dieses Jahres liess der Bundesrat sämtliche Schulen im Land für mehrere Wochen schliessen. Damit leitete er eine ganze Kaskade von Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus ein.

Wie effektiv Schulschliessungen tatsächlich sind, ist in der Forschung freilich bis heute umstritten. Manche glauben, diese Massnahme sei eher politisch geprägt als wissenschaftlich abgestützt gewesen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Was Leute bei der Arbeit tun, wenn ihnen langweilig ist.

Jetzt kommt die Isolations-Laufband-Drinking-Challenge auf TikTok

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

11
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 21.05.2020 03:01
    Highlight Highlight Alles schön und gut, aber was ganz konkret wäre besser gelaufen, hätte man die Empfehlungen der Studie umgesetzt?

    Ich denke, der Bund war vielleicht nicht perfekt, aber ausreichend gut vorbereitet, und vor allem haben sie sich der Situation gestellt und nach bestem Wissen und Gewissen beherzt und doch umsichtig gehandelt.

    Und nun gibts ja eine weitere Studie, welche das Krisenmanagement beurteilt. Ich glaube, diese wird viel konkreter Verbesserungsvorschläge benennen können.
  • paule 20.05.2020 13:53
    Highlight Highlight Beamte sind keine Macher und Macher die etwas bewegen wollen werden gegen Mitläufer (mit den Beamten) ausgetauscht, habe ich in meinen vielen Jahren gelernt in der Zusammenarbeit mit Amtstellen, Kantonal wie mit dem Bund.
    Es gibt die anderen auch, aber meist haben die einen schweren Stand oder kehren gar in die Privatwirtschaft zurück.
    Ich wurde teilweise auch kaltgestellt, weil ich an einer Sitzung als einziger übrigens mit Fachwissen, auf Probleme hingewiesen habe.
    Nun, es ist in die Hosen gegangen, aber ohne mich.
  • Dong 20.05.2020 09:54
    Highlight Highlight Das BAG hat sich (wie auch der BR) ganz definitiv durchgemogelt, durchgeschlängelt. Ich hätte mir mehr Initiative gewünscht, mehr "Druck auf den ballführenden Spieler" (womit ich das Virus meine), um es mit Alain Sutter auszudrücken.
    Dass ein Lockdown effektiv ist war schon aus China bekannt, aber er ist halt auch teuer.
  • Thomes 20.05.2020 09:28
    Highlight Highlight Eltern und Medien haben druck aufgebaut um damit die Schulen geschlossen werden. Eine Weile war dass das Thema medial WANN werden sie geschlossen.

    Ein Satz von Berset ist mir hängengeblieben, mit der Schliessung der Schulen verhindere man das Illegale Handeln der Eltern welche die Kinder nicht mehr in Schule schicken.

    Der Bund konnte gar nicht anders Handeln.....

    Aber genau das wird im nun um die Ohren geschlagen, nicht wissenschaftlich, die folgen nicht bedacht, gesundheitlich unnötig.... vermutlich auch von den Eltern welche ihre Kinder nicht mehr in Schule schicken wollten.....
  • RicoH 20.05.2020 08:44
    Highlight Highlight "Wie effektiv Schulschliessungen tatsächlich sind, ist in der Forschung freilich bis heute umstritten"

    Gerade wenn sich die Forschung nicht einig ist, braucht es Menschen, die einen Entscheid fällen. Das hat der Bundesrat getan – zum Schutz der Bevölkerung.

    Falls die Forschung irgendwann mal zum Konsens kommen würde, dass die Schulschliessungen unnötig gewesen wären, könnte man das als Entscheidungskriterium bei einer neuen Pandemie herbei ziehen.
  • Mr.Bean 20.05.2020 08:42
    Highlight Highlight Hätte hätte Fahrradkette
  • leu84 20.05.2020 08:34
    Highlight Highlight Es gäbe ja auch die Gesundheitskommissionen des NR bzw. SR. Warum haben die die letzten Jahre das BAG und Epidemiegesetz nicht kritisch hinterfragt? Ja gut, die Mitglieder sitzen leider als Vertreter von Krankenkassen, Pharma oder der Spitalunternehmen in den Kommissionen und haben andere Interessen.
    Das Fachgruppen aus der Wissenschaft für Rat angefragt werden ist allgemein im Bundeshaus eine Seltenheit. Die andere Frage, wie stark haben sich diese Leute direkt bei den Bundesämter gemeldet und nicht via Medien sich bekannt gemacht.
    • sowhat 20.05.2020 12:59
      Highlight Highlight Ich möchte mir nicht ausmalen, wie lange es dann gegangen wäre, bis eine Entscheidung gefällt worden wäre...
  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 20.05.2020 08:00
    Highlight Highlight Man kann es drehen und wenden wie man will. Es gibt im Moment so wenige aktive Fälle in der Schweiz, dass eine Ansteckung im Alltag sehr unwahrscheinlich ist.
    • sägsäuber 20.05.2020 09:22
      Highlight Highlight Dank den vom BAG verordneten Massnahmen!
    • lilie 21.05.2020 15:50
      Highlight Highlight @andre: Wie wir aus Südkorea erfahren haben, reicht ein einziger verantwortungsloser Infizierter, um die aktuell erfreulich tiefen Zahlen auf einen Schlag zu vervielfachen.

      Deshalb ist es richtig, dass der BR daran erinnert, dass wir uns alle weiterhin an die Regeln halten.

Aktuelle Zahlen zum Coronavirus in der Schweiz und der internationale Vergleich

Die Corona-Zahlen für die Schweiz steigen im Moment rapide. Deshalb findest du hier einen Überblick zu allen neuen sowie aktuellen Fallzahlen für die Schweiz und einen Vergleich zu internationalen Daten zu Neuansteckungen mit dem Coronavirus.

Das Coronavirus hält die Schweiz weiterhin in Atem. Die Zahl der Neuansteckung steigt nach neuesten Entwicklungen in den unterschiedlichen Kantonen seit dem August wieder und viele sprechen bereits von einer zweiten Corona-Welle in Europa und in der Schweiz.

Damit du den Überblick über die sich stetig verändernde epidemiologische Lage behältst, zeigen wir dir hier alle relevanten Statistiken zu den Neuansteckungen, Positivitätsrate, Hospitalisierungen und Todesfällen in den Schweizer …

Artikel lesen
Link zum Artikel