Die Mutter eines Opfers von Crans-Montana erzählt, warum sie ihre Trauer öffentlich macht
Sie gehören zu den ersten Gesichtern, die nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana um die Welt gingen: Laetitia und Arthur Brodard. Die Mutter hielt am 2. Januar ein Foto ihres 16-jährigen Sohnes in die Kameras und bat um Hinweise nach ihm.
Das Foto hatte sie wenige Stunden vor der Silvesterparty in ihrer Ferienwohnung in Crans-Montana aufgenommen. Darauf zu sehen ist ein Jugendlicher mit verspielten Locken und einem nachdenklichen Blick. Zum ersten Mal feierte er Silvester nur mit seinen Freunden. Im Vorjahr, mit 15, verbrachte er den Jahreswechsel noch mit der Familie. Um Mitternacht schickte er seiner Mutter eine Nachricht: «Mama, frohes neues Jahr, ich habe dich lieb.»
Nach der Silvesternacht wusste sie, dass er zu den Opfern gehörte. Aber sie wusste nicht, wo er war. Sie suchte ihn im Spital von Lausanne, sein Vater suchte ihn im Spital von Bern. Erst am Abend des 3. Januars erhielt sie den Anruf der Polizei, der ihr die traurige Gewissheit lieferte.
Die Mutter musste lange warten
Laetitia Brodard versteht nicht, warum die Identifizierung so lange dauerte. Gegenüber CH Media sagt sie: «Am 1. Januar ortete ich am Mittag sein iPhone. Es lag in der Leichenhalle.» Doch die Behörden konnten ihr zwei Tage lang keine Angaben machen. Sie klammerte sich an die Hoffnung, dass vielleicht nur sein Gerät dort lag. Heute ist sie überzeugt, dass es möglich gewesen wäre, ihren Sohn viel früher zu identifizieren. «Jetzt suche ich nach Antworten», sagt sie.
Viele Eltern wandten sich wie sie nach der Brandnacht an die Öffentlichkeit und baten um Hinweise. Nach der Identifizierung zogen sich aber viele wieder zurück und baten die Medien um Ruhe. Einige verlangten die Löschung der Namen und Fotos ihrer Kinder.
Laetitia Brodard geht einen anderen Weg. Mit ausgewählten Medien arbeitet sie weiterhin zusammen. Sie macht ihre Trauer öffentlich – als Stimme für viele andere Eltern. Sie teilt die Geschichte ihres Sohnes, stellvertretend für die 39 anderen Todesopfer.
Die 42-Jährige lädt ein Reporterteam dieser Zeitung zur Abdankungsfeier für ihren Sohn am 8. Januar in Lutry ein, einem Vorort von Lausanne am Genfersee. Als die Trauergäste an diesem Donnerstagnachmittag in der reformierten Kirche eintreffen, fallen Schneeflocken vom Himmel. Schon bei Arthurs Geburt am 22. Februar 2009 schneite es. Die Eltern greifen diese Symbolik in ihren Reden auf.
Vor der Kirche erscheinen doppelt so viele Menschen wie drinnen Platz haben. Hunderte bleiben draussen, obwohl die Worte vom Altar dort kaum zu verstehen sind. Der Schnee geht in Regen über und gefriert am Boden. Die Menschenmenge harrt während der ganzen Gedenkfeier in der Kälte aus.
In der Kirche nehmen viele Jugendliche des örtlichen Fussballclubs Platz. Mutter und Sohn engagierten sich beide im Verein: sie in der Administration, er als Trainer. Arthur coachte die Jüngsten, die Fünfjährigen. Jeden Mittwochnachmittag stand er mit ihnen auf dem Fussballplatz – immer mit einem Lächeln, wie seine Weggefährten in der Kirche erzählen. Die älteren Junioren des Clubs reihen sich vor der Mutter auf und umarmen sie.
Laetitia Brodard teilt ihre Trauer schweigend, mit Umarmungen statt mit Worten. Zuvor erklärte sie in einem Gespräch den Grund dafür: «Das Wort für meine Gefühle existiert in unserer Sprache nicht. Es ist mehr passiert als eine Tragödie, es war mehr als ein Unfall. Es waren Kinder, die verbrannten.»
Auf Arthurs Smartphone habe sie alle Fotos und Videos dieser Nacht durchgeschaut. «Es waren enorm viele», sagt sie. Wichtig sind ihr zwei Feststellungen: «Arthur und seine Freunde waren nicht alkoholisiert.» Und sie hätten den Ausbruch des Feuers nicht gefilmt. Das medial verbreitete Bild, wonach viele Jugendliche die tödlichen Flammen für einen Spass hielten, treffe nicht auf die Mehrheit zu.
Gemäss einer Rekonstruktion hatten die jungen Menschen nur 50 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Zwanzig Sekunden verstrichen, bis sie realisierten, was geschah. Weitere zwanzig Sekunden benötigten sie, um einen Ausgang zu suchen. Dann blieben noch zehn Sekunden.
«Arthur macht jetzt Party im Paradies»
Laetitia Brodard hat den Körper ihres Sohnes gesehen. Dabei sei ihr klar geworden, dass wenig Zeit bis zur Abdankung verstreichen sollte: «Ich habe gesehen, dass mein Arthur nicht mehr in diesem Körper ist.» Sie möge die Vorstellung, dass ihr Sohn jetzt im Paradies Party mache – zusammen mit den 39 anderen Verstorbenen. Es ist ein Satz, den sie schon mehrmals öffentlich gesagt hat. Die Reaktionen fallen kontrovers aus. Sie sei sich bewusst, sagt sie, dass dieses Bild schockierend sein könne. Aber für sie wirke es beruhigend. Deshalb hält sie daran fest. Vor ihrem inneren Auge sehe sie die 40 Todesopfer der Bar «Le Constellation» vereint auf einer ewigen Party.
An der Abdankungsfeier läuft die Musik dazu. Zwischen den Reden von jungen Menschen, die mit brüchigen Stimmen ihre Erinnerungen an Arthur ins Mikrofon flüstern, erklingen Popsongs in der Kirche. «Boys don't cry» von der britischen Band The Cure und «Un jour au mauvais endroit» vom französischen Sänger Calogero. So entsteht ein starker Kontrast, eine traurige Fröhlichkeit.
Auch der emotionale Höhepunkt ist ein musikalischer. Laetitia Brodard wollte zuerst keine Rede halten, doch dann entscheidet sie sich doch dazu. Die passenden Worte habe sie nicht gefunden, spricht sie ins Mikrofon. Aber in den letzten Tagen sei ihr eine Melodie in den Sinn gekommen: das Schlaflied, mit dem sie Arthur als Baby beruhigte. «Une chanson douce». Sie singt es in der Kirche und trifft die Töne. Ihre Stimme strahlt plötzlich wieder die Kraft und Wärme aus, die sie damals am Babybett verbreitete.
Ihre Rede widmet sie all den anderen Müttern, die sie seit dem 1. Januar kennenlernte und mit denen sie gemeinsam um ihre verstorbenen Kinder weinte: der Mama von Pablo, der Mama von Luca, der Mama von Nathan, der Mama von Tristan, der Mama von Guillaume und allen anderen. Zusammen mit ihnen möchte sie auch die Mutter aller vierzig Verstorbenen sein, sagt sie.
Arthurs Pläne, Träume und Hoffnungen
Arthurs Vater erzählt der Trauergemeinschaft, dass sein Sohn die Tage rückwärts zählte bis zu seinem 17. Geburtstag am 22. Februar 2026. Dann hätte er mit dem Lernen des Autofahrens beginnen dürfen. Seinem nächsten grossen Ziel.
Arthur träumte von finanzieller Unabhängigkeit. Mit Freunden baute er ein Geschäft für den Wiederverkauf von gebrauchten iPhones auf und interessierte sich für Kryptowährungen. «Du wirst sehen», sagte er kurz vor seinem Tod zu seiner Mutter, «bald werde ich dich in die Ferien einladen».
