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Werner Bösch, Besitzer der Werners Head Shop AG, hat die Cannabis-Szene der Schweiz in den letzten dreissig Jahren mitverfolgt. watson

Als Medizin oder im Coffee-Shop: Die Cannabis-Legalisierung scheint in der Schweiz auf dem Vormarsch zu sein – doch der Schein trügt

In Colorado kann Cannabis aus dem Automaten bezogen werden und die grösseren Schweizer Städte denken über einen Pilotversuch nach. Man könnte meinen, die Liberalisierung stünde kurz bevor. Doch die Realität sieht anders aus.



Die Schweizer Städte Basel, Bern, Genf und Zürich erarbeiten zur Zeit ein Pilotprojekt: Cannabis Social Clubs. In diesen Cannabis-Clubs soll nach dem US-amerikanischen Vorbild in Colorado Gras ganz legal und unter Kontrolle der Städte verkauft werden dürfen. Nur das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die SVP stellen sich dagegen. Ist das der Anfang der Legalisierung von Cannabis? Die vergangenen Liberalisierungsansätze stimmen eher pessimistisch, obwohl das Interesse an den Cannabis-Erzeugnissen seit den 80ern stetig gestiegen ist.

«In den 80ern haben sich die Läden nicht für Cannabis interessiert, weil man überzeugt war, es sei verboten», sagt Werner Bösch, Besitzer der Werners Head Shop AG, mit Ladenlokal an der Zürcher Langstrasse. In den 90ern habe sich dies verändert: Hanf-Anwalt Jean-Pierre Egger hatte das Betäubungsmittelgesetz in dieser Zeit nochmals genau angeschaut und festgestellt, dass Hanfkraut nur verboten ist, wenn es zur Gewinnung von Betäubungsmitteln genutzt werde. 

«Also habe ich 1997 bei der Stadtpolizei Zürich angerufen und gefragt, ob ich Hanfkraut als Duftbeutel verkaufen dürfe», so Bösch. «Der Polizist antwortete mir, ich würde mich damit in einer Grauzone bewegen und müsse irgendwann wohl mit Problemen rechnen. Da ich mich aber als Problembewältiger sehe, nahm ich die Beutel in Verkauf. Was der Konsument schlussendlich mit dem Beutel getan hat, war nicht meine Sache.»

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Früher wurden in diesen Vitrinen des Werners Head Shop Hanfbeutel verkauft, heute sind es Piercings. watson

2 Millionen Mehreinnahmen durch Gras-Legalisierung

In den USA scheint sich das wirtschaftliche Interesse an Cannabis derweil durchzusetzen. Der Bundesstaat Colorado soll im ersten Monat nach der Legalisierung zusätzlich zwei Millionen Dollar an Steuergelder eingenommen haben. Bringt der wirtschaftliche Aspekt auch in der Schweiz die Diskussion zum Kippen?

Bereits Ende der 90er schien Cannabis in der Schweiz zu einem Erfolgsprodukt zu werden. Die «Duftsäckchen» waren ein Erfolg und überall schossen Hanfläden aus dem Boden. «An der Hanfschweizermeisterschaft im Volkshaus Zürich habe ich mit meinen Beuteln und meiner Pflanze sogar den ersten Platz geholt», sagt Bösch begeistert. «Wir waren damals alle überrascht, wie viele Besucher die ‹Grüne Messe› angelockt hat.»

Der Wettbewerb um die besten Duftbeutel war damit schweizweit eröffnet. «Die Polizei unternahm vorerst nichts dagegen, weil man allgemein der Meinung war, dass Cannabis bald legalisiert werden würde», so Bösch. Mit den immer professioneller betriebenen Indoor-Anlagen stieg der THC-Gehalt der Beutel aber zusehends.

Werners Head Shop

Werners Head Shop gewann 1998 den ersten Platz für das «Duftkissen» und für die beste Hanfpflanze. Bild: watson

«Schwarze Wolken zogen über dem Cannabis-Himmel Schweiz auf», erinnert sich Bösch. «Mit der ersten Verurteilung eines Hanfladenbesitzers im Jahre 2000 kam der Anfang vom vorläufigen Ende.» Laut Werner Bösch wurden die Hanfläden in der Schweiz über Radio vorgewarnt, sie sollen den Verkauf von Hanf einstellen oder ihre Läden würden dicht gemacht. 

Ein weiter Weg hin zur Legalisierung in der Schweiz

Zuerst wurde der Verkauf der Duftsäckchen verboten, dann durften auch keine Pflanzen und Stecklinge mehr verkauft werden. Mittlerweile ist in der Schweiz sogar der Verkauf von THC-potenten Hanfsamen verboten und der illegale Import boomt. 50'000 Cannabissamen wurden alleine in den letzten drei Monaten in Schweizer Postzentren beschlagnahmt. Bis 2011 wurden diese noch legal in verschiedenen Head Shops in der Schweiz verkauft. Hanf-Liberalisierung sieht anders aus.

Dort, wo an der Langstrasse früher Hanfläden ihre Produkte verkauften, stehen jetzt 24-Stunden-Shops, die die Partygänger bis in die frühen Morgenstunden mit Alkohol versorgen. «Die Leute brauchen halt ihre Drogen. Die meisten nehmen die, die sie am einfachsten kriegen», so Bösch.

Die Szene der «Homegrower» wird durch die stärkere Repression immer weiter in die Illegalität getrieben. Dies hat zur Folge, dass die Untergrund-Hanfplantagen mit immer mehr Gewalt verteidigt werden, wie das der Fall von der Schiesserei in Altstätten (SG) zeigte.

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Früher wurde an der Langstrasse in Zürich mehr gekifft. Seit der härteren Repression wird nur noch Alkohol ausgeschenkt. Bild: watson

Weiterer Vorstoss aus der Medizin

Neben den wirtschaftlichen Vorteilen, die eine Liberalisierung zur Folge hätte, gibt es auch medizinisches Interesse am Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC). Eine Ende 2014 im Nationalrat eingereichte Motion fordert die Vereinfachung des Bewilligungsverfahrens für Cannabisprodukte für medizinische Zwecke. Die Motion wurde schliesslich am 2. Juni im Nationalrat angenommen. Auch der Bundesrat empfahl die Annahme dieser Motion, nun muss nur noch der Ständerat grünes Licht geben.

Wie sieht die Zukunft für das Cannabis in der Schweiz aus? «Bisher haben wir immer das, was die Amerikaner gemacht haben, nachgemacht. Ich denke, die Abgabe von Cannabis unter dem medizinischen Vorwand wird auch bei uns kommen», sagt Werner Bösch. 

Ob seine Läden in Zukunft «Dr. Werners Head Shop» heissen werden?

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