Solarstrom zwischen Ölschock und AKW-Fantasien
Die Welt setzt auf Solarstrom. So lässt sich plakativ die globale Entwicklung beim Ausbau der Photovoltaik umschreiben. Er übertreffe «alle Prognosen», heisst es in einer Analyse der Deutschen Welle. Innerhalb von nur zehn Jahren stieg die installierte Leistung von 228 auf 2919 Gigawatt (GW). Damit übertrifft der Solarstrom erstmals die Kernenergie.
Der grösste Anteil entfällt mit rund 1300 GW auf China, doch der Boom findet weltweit statt. Ein eindrückliches Beispiel ist Pakistan, wo die Kapazität «in einem Jahr von 0 auf 20 Gigawatt anstieg», sagte der deutsche Buchautor («STROM») und Energiewende-Experte Tim Meyer am Dienstag in der Keynote der diesjährigen Schweizer Photovoltaik-Tagung in Bern.
Mittlerweile sind es in Pakistan mehr als 40 GW, womit das südostasiatische Land rund 20 Prozent seines Strombedarfs erzeugt. Und alles spricht dafür, dass der Boom anhalten wird, nicht zuletzt die Ölkrise aufgrund des Iran-Kriegs und der Sperrung der Strasse von Hormus. Pakistan und andere asiatische Länder sind davon besonders stark betroffen.
Branche spürt Rückschlag
Nicht überall aber herrscht eitel Sonnenschein. Ein Gegenbeispiel ist ausgerechnet die Schweiz, wo die Photovoltaik nach Pandemie und Ukraine-Krieg ein stürmisches Wachstum erlebte. Letztes Jahr jedoch gab es einen Rückschlag, der Zubau war geringer als in den beiden Vorjahren. Trotzdem nimmt der Anteil an der Stromproduktion zu.
In diesem Jahr dürfte die Solarenergie rund 17 Prozent des Schweizer Strombedarfs abdecken. Das entspricht der Leistung aller Laufwasserkraftwerke oder von Leibstadt, dem grössten Schweizer Atomkraftwerk. Dennoch spüre die Branche den Rückschlag, sagte Matthias Egli, Geschäftsleiter des Verbands Swissolar, der die PV-Tagung veranstaltet.
Steigende Nachfrage wegen Krieg
«Die Aufträge wurden knapp, es kam zu Stellenabbau, Firmen verschwanden», sagte er in Bern. Nun aber habe sich die Auftragslage stabilisiert, er sei «vorsichtig optimistisch», so Egli. Helfen könnte die durch den Iran-Krieg verursachte Ölkrise, vor allem wenn aus dem aktuellen Preis-Schock ein Angebots-Schock wird, also eine echte Knappheit entsteht.
Wieland Hintz, Leiter Markt und Politik bei Swissolar, stellt in Zusammenhang mit dem Krieg eine steigende Nachfrage fest: «Er zeigt, dass fossile Energien keine gute Idee sind.» Vieles hängt von der Dauer des Konflikts ab. Falls Donald Trump zum Rückzug bläst, könnte sich die Lage rasch normalisieren. Exponenten der Solarbranche bleiben deshalb skeptisch.
Grösster Energieanlass der Schweiz
Aus der Schweizer Energieproduktion ist sie nicht mehr wegzudenken. Das zeigt die PV-Tagung, die zum «grössten Energieanlass der Schweiz» geworden ist, wie Christian Schaffner erklärte, der Leiter des Energy Science Center (ESC) an der ETH Zürich. Man hat in der Tat den Eindruck, dass die mittlerweile zweitägige Veranstaltung ständig grösser wird.
Die Stimmung in der neuen Festhalle der BernExpo war dennoch nicht allzu euphorisch. Das liegt nicht zuletzt an der erneut aufgeflammten Debatte über ein neues Atomkraftwerk im Kontext der sogenannten Blackout-Initiative. Sie strebt die Aufhebung des 2017 vom Stimmvolk mit der Energiestrategie 2050 beschlossenen Bauverbots an.
Irrationale Züge
Der Bundesrat propagiert einen Gegenvorschlag mit identischer Stossrichtung. Energieminister Albert Rösti macht kein Geheimnis daraus, dass er ein neues Kernkraftwerk für unerlässlich hält, wegen der drohenden Winterstromlücke. In der Solarbranche herrscht Unmut. Die Debatte sorge für Verunsicherung und dämpfe die Investitionsbereitschaft, hiess es in Bern.
Die AKW-Fantasien tragen tatsächlich irrationale Züge. Dies zeigt sich anhand der kürzlich veröffentlichten Studie der Axpo. Einige Reaktionen insinuierten, der grösste Stromversorger der Schweiz fordere den Bau eines AKW. Dabei wird es nur als Option erwähnt. Denn die Kostenfrage bleibt ungelöst. Projekte in Europa sind in diesem Punkt kein Vorbild.
Ohne Gösgen-«Flatterstrom»
Roger Nordmann, langjähriger SP-Nationalrat und seit Sonntag frischgebackener Waadtländer Staatsrat, kommentierte die Debatte in Bern mit der ihm eigenen Ironie: «Die Ernährung der Zukunft ist nicht Rösti.» Nicht zuletzt dank der Solarenergie habe die Schweiz den letzten Winter ohne «Flatterstrom» des deaktivierten AKW Gösgen überstanden.
Das liegt auch daran, dass immer mehr Batteriespeicher vorhanden sind. Ihre Kapazität sei in vier Jahren um 400 Prozent gesteigert worden, sagte Swissolar-Chef Matthias Egli. Solche Speicher dienen dem Eigenverbrauch und der Stabilisierung des Stromnetzes. «Photovoltaik ohne Speicher funktioniert nicht mehr», betonte Egli.
Vierte Energierevolution
Einiges läuft gut, aber der Handlungsbedarf bleibt beträchtlich. Als grösste Baustelle gilt das Verteilnetz, was auch der nationale Betreiber Swissgrid betont. Zwar sind seit Anfang des Jahres sämtliche Bestimmungen des 2024 angenommenen Stromgesetzes in Kraft. Aber gerade beim lokalen Verbrauch müssten die Bedingungen weiter verbessert werden.
Als unerlässlich für die Schweiz gilt zudem das Stromabkommen mit der EU, für Swissolar wie die gesamte Branche. Der Trend insgesamt aber ist nicht aufzuhalten. Der deutsche Experte Tim Meyer sprach in Bern von der «vierten Energierevolution»: Noch nie in der Geschichte der Menschheit sei eine Energiequelle so rasant gewachsen wie Solar- und Windstrom.
