Schweiz
Energie

Wie die Schweiz Deutschland mit immer mehr Strom aushilft

Ein Arbeiter haelt ein Seil waehrend der Konstrukion eines Hochspannungsmasts am Montag 27. Februar 2017, in Vezia im Tessin. Der Strommast des Schweizer Stromnetzes von Swissgrid wird durch die Firma ...
Schweizer Strom aus den Alpen: In Europa begehrte Ware.Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Wie die Schweiz Deutschland mit immer mehr Strom aushilft

Die Schweiz befindet sich beim Stromabkommen in einer guten Verhandlungsposition.
11.01.2025, 22:45
Benjamin Rosch / ch media
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Am Morgen des 3. Januar poppte bei rund 300'000 Baden-Württembergerinnen und Baden-Württembergern eine Nachricht auf dem Handy auf. Der Netzbetreiber forderte die Menschen zum Stromsparen auf. 13'000 Verbraucher beteiligten sich, sagte ein Sprecher gegenüber der deutschen Presseagentur DPA.

Dass es nicht zu Stromausfällen kam, lag aber weniger an ausgeschalteten Waschmaschinen, sondern zu einem grossen Teil an der Schweiz: Zu Spitzenzeiten floss eine Leistung von 2350 Megawatt über die deutsch-schweizerische Grenze. Das entspricht etwa der doppelten Leistung des Atomkraftwerks Leibstadt.

Redispatch nennt sich, wenn die Stromproduktion aus den Fugen gerät. Dies ist meist dann der Fall, wenn irgendwo eine Überkapazität entsteht. Im Fall des 3. Januars waren es heftige Winde, die auf die Turbinen im Norden Deutschlands bliesen. Das sorgte für eine Überproduktion, welche die Stromleitungen in den Süden blockierte. Man kann sich das als Wasserrohre vorstellen, die zugeschwemmt werden und sich verschliessen. Um den plötzlichen Mangel auszugleichen, musste der Südwesten den Stromverbrauch drosseln – und mehr Energie aus dem Ausland anfordern.

Nationale und Internationale Redispatches gehören in einer Welt der Erneuerbaren zum Tagesgeschäft der Verteilzentren. Meist sind sie nur von kurzer Dauer, und oft ist auch die Menge an benötigtem Strom klein. In jüngerer Vergangenheit häuften sich die Ereignisse aber, wie ein Sprecher der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid ausführt: «Der Strom ist nicht immer da, wo man ihn braucht. Das führt auch zu tendenziell mehr Redispatch-Massnahmen an den europäischen Landesgrenzen.» Der Grund dafür liegt im Ausbau der Erneuerbaren wie Wind oder Sonne.

Stacy Whitehead walks with her dog, Dolly, as the sun highlights the ice-covered limbs above the walking trail at Legion Park in Owensboro, Ky., Thursday, Jan. 9, 2025. (Alan Warren/The Messenger-Inqu ...
Im Winter gibt es mehr Dunkelflauten.Bild: keystone

Mitte Dezember trat der umgekehrte Fall mehrfach ein: Wind wehte wenig, Sonne gab es nur spärlich – Dunkelflaute, nennt sich das. In jener Zeit exportierte die Schweiz grosse Mengen an Strom ins Ausland. Aus diesem Grund befinden sich die Stauseen in einem mehrjährigen Vergleich zum aktuellen Zeitpunkt auf Tiefständen. Gerade einmal die Hälfte des Fassungsvermögens weisen die Schweizer Speicher auf – vor einem Jahr waren sie zu mehr als 70 Prozent gefüllt.

Ein Problem ist das allerdings kaum. Angesichts gut gefüllter Gaslager in ganz Europa und einer hohen Verfügbarkeit französischer Atomkraftwerke ist die Gefahr einer Mangellage in diesem Winter weit weg.

Viele technische Abkommen

Innerhalb der EU ist der Stromausgleich unter den Ländern geregelt. Ein riesiger, internationaler Kraftwerkspark sorgt dafür, dass alles im Takt bleibt. Die Schweiz aber, obwohl sie inmitten dieses Netzes ein Knotenpunkt darstellt, ist rechtlich nicht Teil davon. Die freundnachbarschaftliche Aushilfe machen eine Vielzahl von technischen Abkommen mit verschiedenen Länderbündnissen möglich. Dazu zählt unter anderem Core, eine Kapazitätsberechnungsregion, die 13 Länder – darunter Deutschland, Frankreich und Österreich – umfasst.

Das Abkommen mit Core sorgt dafür, «dass die Austausche zwischen Ländern der Region Core (zum Beispiel Deutschland und Frankreich) reduziert werden, wenn andernfalls das Schweizer Stromnetz überlastet würde», wie die Schweizer Elektrizitätskomission ElCom ausführt. «Dies wirkt sich stärkend auf die Versorgungssicherheit aus.»

Der Nachteil: Solche Verträge müssen im dümmsten Fall jährlich neu ausgehandelt werden. Auch darum arbeitet der Bundesrat an einem Stromabkommen, das die Zusammenarbeit mit der EU auf feste Beine stellt.

Kurz vor Weihnachten wurden erste Eckdaten dazu bekannt: «Mit einem Stromabkommen dürfen Nachbarstaaten Grenzkapazitäten in die Schweiz nicht einschränken (im Sinne von Exportbeschränkungen), auch im Fall einer Energiekrise nicht», heisst es in einem Faktenblatt. Der Preis dafür ist eine in der Schweiz umstrittene Strommarktliberalisierung.

Wie diese genau aussieht, ist noch nicht klar. Im Faktenblatt heisst es aber: «Haushalte und Unternehmen unter einer gewissen Verbrauchsschwelle haben die Wahl, weiterhin in der Grundversorgung mit regulierten Preisen zu bleiben oder (unter Berücksichtigung von Fristen und allenfalls unterjährigen Wechselgebühren) in diese zurückkehren.»

Bereits jetzt zeigt sich, dass die Schweizer Stauseen ein Ass im Verhandlungspoker mit Europa darstellen. Bezüglich Stromreserven schreibt der Bundesrat: «Die EU gesteht der Schweiz zu, bei der Bedarfsanalyse spezifische Schweizer Eigenheiten zu berücksichtigen.» Diese Flexibilität wurde als Ausnahme von der dynamischen Rechtsübernahme abgesichert. Sie gilt also auch dann, wenn die EU für sich die rechtlichen Spielregeln im Strommarkt ändert.

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131 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Tante Karla
11.01.2025 23:01registriert März 2024
Oha, interessant: Norddeutschland hat oft zu viel Windstrom, der dann die Leitungen in den Süden verstopft.

Deutschland sollte also schleunigst genug eigene Leitungen vom Norden in den Süden bauen, die das Problem lösen helfen. Solange die nicht fertig sind, ist es sehr sinnvoll, das über grenzüberschreitende Lieferungen zu lösen.

Getrennte Stromnetze würden gar niemandem helfen, da dann alle ständig gigantische Reservekapazitäten vorhalten müssten.
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Schneider Alex
12.01.2025 06:09registriert Februar 2014
"Die Winterreserve an Wasserkraft ist der EU offenbar ein Dorn im Auge. Brüssel findet, es handle sich um eine verbotene staatliche Beilhilfe. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die EU will der Schweiz verbieten, CO₂-frei für Strommangellagen vorzusorgen, die dem ganzen europäischen Stromnetz zugutekämen. Der Bundesrat will die Winterreserve eigentlich verlängern." (Feusi, 22.11.2024)
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Yakari9
12.01.2025 10:06registriert Februar 2016
Könnte es denn nicht auch sein, dass die Schweiz nicht nur «nachbarfreundschaftlich» geholfen hat, sondern auch ein gutes Geschäft damit gemacht hat?
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