Die Energieversorgung der Schweiz ist ein politischer Dauerbrenner. Wegen der Dekarbonisierung, der Abkehr von fossilen Energien, muss die Stromproduktion erheblich ausgebaut werden. Der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) rechnet bis 2050 mit einem Anstieg des jährlichen Stromverbrauchs von rund 60 auf 90 Terawattstunden.
Dies zeigt die Studie «Energiezukunft 2050», die vor etwas mehr als zwei Jahren mit der Materialprüfungsanstalt Empa erarbeitet und nun aufdatiert wurde. Am Donnerstag wurde das Update an einer Medienkonferenz des VSE in Zürich präsentiert. Denn seit der erstmaligen Publikation Ende 2022 hat sich im Energiebereich einiges getan.
Dazu gehören das im letzten Jahr vom Stimmvolk angenommene Stromgesetz und der vom Parlament beschlossene Solarexpress. Kurz vor Weihnachten präsentierte der Bundesrat das Vertragspaket mit der EU, zu dem das angestrebte Stromabkommen gehört. Und mit einem Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative soll das AKW-Bauverbot aufgehoben werden.
Zwei dieser Elemente sind für VSE-Präsident Martin Schwab unerlässlich für eine sichere Stromversorgung bis zur Jahrhundertmitte: das Stromgesetz und das EU-Abkommen. Denn ein neues AKW bis 2050 ist für Schwab auch bei einer Aufhebung des Verbots unrealistisch. Und der alpine Solarexpress hat sich bei der Umsetzung als Bummelzug erwiesen.
Die auch Mantelerlass genannte Vorlage wurde im Juni 2024 mit 68,7 Prozent deutlich angenommen. Ein erster Teil trat Anfang Jahr in Kraft. Sie sieht einen beträchtlichen Ausbau der erneuerbaren Stromversorgung vor. Bei der Solarenergie ist die Schweiz insgesamt auf guten Wegen. Sie trug letztes Jahr schon mehr als zehn Prozent zur gesamten Produktion bei.
Zum Gesetz gehören aber auch 16 Wasserkraftwerke, basierend auf dem Beschluss am Runden Tisch der früheren Energieministerin Simonetta Sommaruga. Die meisten sind unbestritten, doch ausgerechnet das grösste Projekt, das sogenannte «Gornerli» oberhalb von Zermatt, wird von Umweltverbänden bekämpft. Für den VSE ist klar: Es braucht sämtliche Anlagen.
Er erachtet sie als notwendig für die Speicherung des im Sommer erzeugten Stromüberschusses. Martin Schwab ist deshalb «klar für eine Einschränkung des Verbandsbeschwerderechts». Noch weiter ging der Ständerat in der Wintersession. Er beschloss, das Beschwerderecht bei den 16 besagten Kraftwerken aufzuheben, zum Entsetzen von SP, Grünen und Umweltverbänden.
Die neuen Verträge mit der EU waren schon vor dem Abschluss der Verhandlungen heftig umstritten. Das Stromabkommen ist keine Ausnahme, obwohl die Unterhändler wichtige Zugeständnisse erringen konnten. So können die Konsumenten beim bisherigen Versorger bleiben, und die Schweiz kann über ihre Wasserkraftnutzung weiterhin selbst entscheiden.
«Das Stromabkommen erhöht die Versorgungssicherheit und reduziert den Bedarf an Stromreserven», argumentiert der Bundesrat. Der VSE-Präsident schliesst sich dem an: Es ermögliche einen effizienten, grenzüberschreitenden Handel. «Ohne Stromabkommen braucht es zusätzliche Kapazitäten in der Schweiz, und das wird teuer», so Martin Schwab.
Mitte Dezember sorgte in Deutschland eine Dunkelflaute (kaum Wind, keine Sonne) für Aufregung. Die Schweiz konnte mit Wasserkraft «aushelfen», ein gefundenes Fressen für hiesige EU-Gegner. Doch Schwab stellte klar: «Je grösser ein System, umso stabiler ist es.» Und VSE-Direktor Michael Frank betonte: «Wir können als Insel nicht existieren.»
Die Studie zeigt: Selbst wenn die inländischen Ausbauziele erreicht werden und das EU-Abkommen die politischen Hürden nimmt, braucht es im Winter zusätzlichen Strom. Sie rechnet bewusst mit einem «Extremszenario», dem sehr kalten, trockenen und windarmen Winter 2005/06. In einem solchen Fall braucht es zusätzlich 6 Terawattstunden.
Klar favorisiert wird Windkraft, weil sie die Photovoltaik ideal ergänze. Die Studie geht von 500 Windrädern aus, was Martin Schwab für «sehr anspruchsvoll» hält. Als Alternative biete sich eine Verlängerung der Laufzeit des AKW Leibstadt oder Gösgen auf 80 Jahre an (die Meiler in Beznau werden bis 2033 abgeschaltet). Doch dies ist mit Unsicherheiten verbunden.
Bleiben als weitere Option Gaskraftwerke. Sie sind für den VSE ohnehin unvermeidlich, weil sie flexibel einsetzbar sind. Entscheidend ist der klimaneutrale Betrieb. In der ersten Ausgabe der Studie wurde noch grosse Hoffnung in «grünen» Wasserstoff gesetzt, doch davon ist im Update nur am Rand die Rede. «Ich bin eher skeptisch», meinte Schwab.
Wasserstoff könnte heute nicht wirtschaftlich produziert werden, so der Verbandspräsident, der vor seinem Amtsantritt CEO der Axpo-Tochter CKW war. Für die Gaskraftwerke kommen andere «grüne Moleküle» infrage, wie die Fachwelt klimaneutrale Energieträger bezeichnet. Eine Möglichkeit ist Methan. Dieses Gas lässt sich erst noch einfacher speichern als Wasserstoff.
Die Studie «Energiezukunft 2050» ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über die zukünftige Energieversorgung der Schweiz. Ob sie einen Einfluss auf die emotionale Europadebatte hat, ist zweifelhaft. Dabei ist vollkommen klar: Ein Stromabkommen gibt es nur, wenn die Schweiz auch den institutionellen Teil des Vertragspakets mit Brüssel annimmt.
Toll, da freuen sich die Konsumenten aber! Oder freuen sich doch eher die Versorger, weil ihre Konsumenten weiterhin keine andere Wahl haben?