Schweiz
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epa06239207 (L-R) US actress Annie Starke, Nadja Schildknecht, director of the Zurich Film Festival, US actress Glenn Close and co-directotr Karl Spoerri pose on the Green Carpet before the premiere of the film 'The Wife' at the 13th Zurich Film Festival (ZFF) in Zurich, Switzerland, 01 October 2017. The festival runs from 28 September to 08 October.  EPA/WALTER BIERI

Anni Starke, Nadja Schildknecht, Glenn Close und Karl Spoerri während des Film Festivals 2017. Bild: EPA/KEYSTONE

Zurich Film Festival droht temporäre Heimatlosigkeit – es ist nicht das einzige Problem

Cliffhanger fürs Filmfestival: Dem Zürcher Glamour-Anlass droht die temporäre Kino-Heimatlosigkeit.

benjamin weinmann / schweiz am wochenende



Ein Artikel von

Das Scheinwerferlicht ist da, der Respekt der Filmconnaisseurs noch immer nicht wirklich: Das Zurich Film Festival (ZFF), 2005 aus der Taufe gehoben, ist seit Beginn bemüht, dem in der Branche hochangesehenen Locarno Filmfestival Paroli zu bieten. Die beiden Co-Direktoren Karl Spoerri und Nadja Schildknecht setzen dabei auf die Karte Hollywood.

Vor dem «Corso», dem Hauptkino des Festivals, zwischen Opernhaus und Bellevue, gaben sich schon zahlreiche Filmstars die Ehre: Hugh Jackman, Cate Blanchett, Sylvester Stallone bis hin zu Glenn Close und Diane Keaton gingen über den grünen Teppich, erhielten den «Golden Icon Award» oder präsentierten ihre neusten Filme. Und seit 2016 hält die NZZ die Mehrheit am Event.

Auch Jake Gyllenhaal war schon in Zürich

Doch noch immer rümpfen viele Cinéphile die Nase ob der glamourösen Filmsause in der Limmatstadt. Kommerz statt Kunst, so der oft geäusserte Tenor. Es sei ein seelenloses Retorten-Festival, die teilnehmenden Kinos zu weit voneinander entfernt, und überleben könne es nur dank spendierfreudiger Sponsoringpartner wie der Credit Suisse, UPC oder neuerdings Samsung, das die arabische Airline Etihad als Hauptsponsor dieses Jahr ablöst.

Das Festival ist stetig gewachsen und ab Ende September findet es bereits zum 14. Mal statt. Doch die Unkenrufe sind geblieben. Und nun sind die Verantwortlichen mit einer weiteren Baustelle konfrontiert – im wahrsten Sinne des Wortes. In der Filmbranche würde man von einem «Cliffhanger» sprechen, unklar ist, wie es weitergeht. Dies liegt an den seit länger gehegten Plänen der Stadt Zürich, ihr geschichtsträchtiges «Corso»-Haus von Grund auf zu sanieren (siehe Box). Vor einigen Tagen hat das Hochbaudepartement der Stadt eine Ausschreibung für die Generalplanung publiziert. Gesucht sind Architekten, Bau-, Sanitär- und Elektroingenieure für die veraltete Haustechnik.

Geschichtsträchtiges Haus

Das Corso-Haus hat eine lange Geschichte. Um 1900 gab es erste Varietee-Aufführungen, mit Musik, Tanz, Wort und Magie. Laut dem Stadtarchiv wurden sogar Ringkämpfe aufgeführt. Das Mascotte wurde 1916 im Corso-Haus eröffnet.

In den 20er- und 30er-Jahren traten hier Grössen wie Josephine Baker und Louis Armstrong auf, später in den 70ern auch Samy Davis Jr. oder Hazy Osterwald. Seit 2004 befindet sich der Club unter der heutigen Leitung. Seither traten rund 600 nationale und internationale Bands auf, wie die «Toten Hosen» und die «Babyshambles» mit Pete Doherty.

Berühmtester Wohnungsmieter der letzten Jahre war der 2014 verstorbene Sänger Udo Jürgens, der seit 1977 lange Zeit seines Lebens in einem Luxus-Appartement des Gebäudes residierte und dort laut «Tages-Anzeiger» ausschweifende Partys feierte und seinen Ruf als Frauenheld festigte.

Wer heute Mieter der 200 Quadratmeter grossen Wohnung mit Seesicht, Cheminée und Sauna ist, verrät die Stadt Zürich auf Anfrage nicht. Bekannt ist, dass der Jahresmietzins einem fünfstelligen Betrag entspricht. Der noch heute vorhandene Corso-Schriftzug stammt vom Künstler Max Bill.

Kommt ein Kino-Provisorium?

Hinter den Kulissen wird spekuliert, was diese Pläne für das ZFF bedeuten. Denn derart aufwändige Sanierungsarbeiten dürften mehrere Monate dauern und somit das Filmfestival zumindest für eine Saison lang seiner Heimat berauben; des Corsos mit seinen vier Sälen und über 1300 Sitzplätzen.

Matthias Wyssmann, Sprecher des Hochbaudepartements, bestätigt, dass die Stadt zurzeit einen Generalplaner für die Instandsetzungsarbeiten des Corso-Hauses sucht. Sobald dieser erkoren ist, soll eine Machbarkeitsstudie durchgeführt werden. Dabei wird analysiert, welche Baumassnahmen nötig sind, was das Projekt kostet und wie der Terminplan aussehen wird. Die Studie wird voraussichtlich im zweiten Quartal 2019 vorliegen.

Bild

Das «Corso»-Haus soll grundlegend saniert werden. bild: shuttertsock

Wie lange das Corso-Kino geschlossen wird, sei zum heutigen Zeitpunkt nicht klar, sagt Wyssmann. Er gehe jedoch davon aus, dass der Kinobetrieb während der Bauausführung über eine gewisse Zeit «ganz oder zumindest teilweise» unterbrochen werden müsse. In diesem Fall müsse für das Zurich Film Festival eine Lösung gefunden werden.

Ob die ZFF-Verantwortlichen auf ein anderes Zürcher Stadtkino als Event-Basis ausweichen, von denen schon heute viele am Festival teilnehmen, ist fraglich. Denn keine der Alternativen liegt an so prominenter Lage wie das «Corso» nahe des Zürichsees – weder das «Arena» im Sihlcity-Areal am Stadtrand, noch das «Abaton» im ehemaligen Industriequartier Zürich West.

Wäre ein Kino-Provisorium denkbar auf dem Sechseläutenplatz, dem zweitgrössten Platz der Schweiz, gleich vor der Haustüre des «Corso»? Wyssmann sagt nur, dass man bemüht sei, die Betriebsschliessung «möglichst kurz» zu halten. Und die Verantwortlichen könnten bei der Suche nach einer Ersatzlösung auf die Unterstützung der Stadt zählen, da sich das Festival einen festen Platz in Zürich erobert habe. Festival Co-Direktor Karl Spoerri gibt sich bedeckt.

Immer noch das Beste, was je am Zurich Film Festival passiert ist :)

Video: watson

Er sagt nur, dass das «Corso» für die Durchführung des ZFF «ein zentraler Anker» sei und man die möglichen Optionen mit der Kinobetreiberin Kitag und der Stadt Zürich besprechen werde, sobald die Pläne konkreter würden.

Doch will die Kitag, die mehrheitlich im Besitz der Swisscom ist, dem Haus treu bleiben? Denn die Kino-Eintrittszahlen sind in den vergangenen Jahren schweizweit deutlich gesunken. Allein dieses Jahr rechnet die Branche mit einem Minus von bis zu 20 Prozent. Einerseits, weil zugkräftige Blockbuster wie «James Bond» und Überraschungshits à la «Intouchables» fehlen. Hauptsächlich aber, weil die Streaming-Konkurrenz mit Netflix und Co. das Filmeschauen zu Hause auf dem Sofa beliebt machen.

Die Rolle der Credit Suisse

Matthias Wyssmann vom Hochbaudepartement sagt, die heutigen Hauptmieter würden ihren Betrieb nach der Gesamtinstandsetzung weiterführen können. Entsprechende Verträge seien bereits abgeschlossen. So laufe der Mietvertrag mit der Kitag bis 2032 weiter. Und auch Kitag-Chef Philippe Täschler gibt Entwarnung. Man wolle dem Haus treu bleiben und plane auch in Zukunft mit mindestens vier Leinwänden. Zudem versuche die Kitag, das Festival in allen Belangen zu unterstützen.

Doch nebst dem Umbau steht das ZFF vor weiteren Herausforderungen. So gab das Bundesamt für Kultur (BAK) im März bekannt, das Festival nicht mehr finanziell zu unterstützen. Grund dafür sind die neuen Besitzverhältnisse mit der NZZ-Mediengruppe, die das BAK zu einer Neubeurteilung ihrer Subventionspolitik veranlassten.

Die beiden Co-Direktoren des Zurich Film Festival, Nadja Schildknecht, rechts, und Karl Spoerri, links, orientieren an einer Medienkonferenz in Zuerich am Donnerstag, 10. September 2015, ueber das Programm und die Events des 11. Zurich Film Festivals. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Karl Spoerri, left, Artistic Director Zurich Film Festival (ZFF), and Nadja Schildknecht, right, Managing Director ZFF, inform the media about the upcoming 11th edition of the Zurich Film Festival in Zurich, Switzerland, Thursday, September 10, 2015. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Stehen vor grösseren Herausforderungen: Die ZFF-Direktoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. Bild: KEYSTONE

Die ZFF-Direktoren Spoerri und Schildknecht gaben sofort zu verstehen, dass sie diesen Entscheid nicht hinnehmen wollen. Denn mit den staatlichen Subventionen, auf die man angewiesen sei, würden beim ZFF unter anderem das Nachwuchsförderprogramm und der Schweizer Filmwettbewerb unterstützt. Das Gesamtbudget des Festivals beträgt 7,3 Millionen Franken. Vom Staat erhielt der Event zuletzt Subventionen in der Höhe von einer Viertelmillion Franken. Von Stadt und Kanton Zürich wird das ZFF nach wie vor finanziell unterstützt.

Und dann wäre da noch das Sponsoring-Thema. Festival-Co-Direktorin Nadja Schildknecht ist mit Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner liiert. Dessen Grossbank tritt seit Beginn als Hauptsponsor des Events auf. Doch unlängst kündigte Rohner an, spätestens 2021 vom Präsidium zurückzutreten. Fragt sich, ob Rohners Nachfolger genauso viel Freude an Popcorn und Hollywood-Glamour haben wird.

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12 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
tinu77
18.08.2018 08:50registriert April 2015
Dieses Festival dient doch einzig und alleine dazu Frau Schildknecht und Herr Spörri eine Bühne für Ihre Eitelkeit zu geben und der persönlichen Bereicherung. Dafür braucht es nun wirklich keine Gelder aus der öffentlichen Hand. Im Gegenteil, ich bin der Meinung, man sollte dem Festival eine angemessene Rechnung für die Inbesitznahme des Öffentlichen Raumes ausstellen.
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mrmikech
18.08.2018 07:41registriert June 2016
"Bekannt ist, dass der Jahresmietzins einem fünfstelligen Betrag entspricht."
Fast jeder in Zürich hat eine fünfstellige Mietzins...
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Fumia Canero
18.08.2018 03:53registriert June 2017
Das ZFF war von Anfang an langweilig und überflüssig. Ein Event, welches Zürich nicht braucht und ersatzlos gestrichen werden kann. Es gibt bereits genügend Gelegenheiten wo sich irgendwelche wichtigtuerischen Kulturbanausen Cüpli in den Hals giessen können. Die Abwesenheit solch hochnotpeinlicher "Stars" wie Schwarzenegger oder Stallone, wird kein Filmfreund als Verlust empfinden.
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12

Offen gesagt

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