DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Sophie, ihre zwei Mütter und das Recht auf eine Familie

Ab dem neuen Jahr dürfen auch Homosexuelle ihre Stiefkinder adoptieren. Tamara Freiburghaus, die Mutter von Sophie, wird ab dann ruhiger schlafen.
15.10.2017, 14:2016.10.2017, 04:46
Rebecca Wyss / Nordwestschweiz

Was passiert, wenn sich Nicole in jemand andern verliebt? Wenn sie die kleine Sophie ins Auto packt und für immer davonfährt? Heiss und kalt wird Tamara, wenn sie daran denkt. Und das passiert oft. Dann legt sich ein Schatten über das Mehrfamilienhaus in Thun, das hellblau gestrichene Kinderzimmer, das Familienauto in der Einfahrt, kurz: über ihr Dasein als Mama und Partnerin, als Teil einer kleinen Familie. Dann spürt sie: «Meine Tochter zu verlieren, ist meine grosse Angst.»

Das Paar Tamara und Nicole Freiburghaus mit ihrer Tochter Sophie (1) in deren Kinderzimmer. Nicole (rote Haare) ist die leibliche Mutter, Sophie wurde mittels Samenspende gezeugt. 
Das Paar Tamara und Nicole Freiburghaus mit ihrer Tochter Sophie (1) in deren Kinderzimmer. Nicole (rote Haare) ist die leibliche Mutter, Sophie wurde mittels Samenspende gezeugt. Bild: Aargauer Zeitung / Sandra Ardizzone
Jetzt auf

Tamara Freiburghaus, 27, macht sich Gedanken, die sich andere junge Frauen in ihrem Alter nicht machen. Vor einem Jahr hat die Behindertenbetreuerin gemeinsam mit der Pflegefachfrau Nicole, 30, Sophie bekommen, mithilfe einer Samenspende aus England.

Nicole ist die biologische Mutter, Tamara die soziale. Vor dem Gesetz ein grosser Unterschied. Tamara hat heute kein Recht an ihrem Kind, mit dem sie voller Stolz auf ihrem Whatsapp-Profilbild posiert. Für das sie so oft nachts schlaftrunken Milch aufgewärmt hat. Und um das sie sich immer ein bisschen Sorgen macht, wie ihre Partnerin Nicole sagt: «Tamara ist eine Gluggere.»

«Dann dürfen wir endlich auch auf dem Papier eine Familie sein»
Nicole Freiburghaus

Wenn Nicole die Familie verlassen, an Krebs erkranken oder gar sterben sollte, müsste Tamara hinnehmen, dass ihr Kind weitergereicht wird. An den biologischen Vater, wäre er bekannt. Oder an ihre Schwiegereltern. Auch Sophie wäre benachteiligt: Wenn Tamara etwas zustossen sollte, hat sie keinen Anspruch auf Waisenrente oder deren Nachlass.

Sophie ist überall

Als homosexuelles Paar sind sie von der sogenannten Stiefkindadoption ausgeschlossen. Heute dürfen nur Verheiratete – also heterosexuelle Paare – das Kind der Partnerin oder des Partners adoptieren. Das ändert sich ab dem 1. Januar 2018. Ab dann steht die Stiefkindadoption grundsätzlich allen Paaren offen, die unter einem Dach leben. «Dann dürfen wir endlich auch auf dem Papier eine Familie sein», sagt Nicole.

Bild: Aargauer Zeitung / sandra ardizzone

Familie – das bedeutet den zwei jungen Frauen viel, wie ein Blick in die Wohnung zeigt. An der Wohnzimmerwand hängt ein riesiges Foto des Dreier-Gespanns. Das Glück über das Neugeborene in ihrer Mitte ist den beiden Müttern an den strahlenden Gesichtern abzulesen. Überhaupt ist Sophie omnipräsent. Mit ihrem Namen in Grossbuchstaben auf der Kinderzimmertür, mit ihrem Gesichtchen, eingerahmt im Regal, oder als unsichtbarer Fötus in der lebensgrossen Gipsnachbildung von Nicoles Babybauch. Diese trägt ihre Tochter sowieso immer bei sich – als Namenstattoo auf dem Fussrist verewigt.

Kinderkriegen als Risiko

Bei all dem schwingt mit, dass dieses Kind für seine Eltern keine Selbstverständlichkeit ist. Sophies Mütter haben viel auf sich genommen, um sie zu bekommen. Gleichgeschlechtlichen Paaren ist es in der Schweiz ausdrücklich verboten, ein Kind zu adoptieren oder die Methoden der Fortpflanzungsmedizin zu nutzen. Sie müssen ins Ausland. Während sich Heteros fürs Kinderzeugen ins Bett legen und heisse Stunden verbringen können, kommen Homo-Paare nicht zur Ruhe.

Wie Nicole und Tamara. Nach England fliegen, sich dort beraten lassen, zurück zu Hause täglich Hormonspritze in den Bauch jagen, den Eisprung abwarten und wieder nach England düsen für die Insemination, zu Deutsch Besamung – das war stressig für sie. «Und dann ist es nicht einmal sicher, ob es klappt. Wir haben gebangt», sagt Nicole.

Hinzu kommt: Das Ganze kostet viel. Die beiden gaben rund 7000 Franken aus. Andere müssen sogar tiefer in die Tasche greifen: All jene Schwulen-Paare, die sich eine Leih-Mutter im Ausland – in den USA zum Beispiel – suchen müssen. Kostenpunkt: mehr als 100'000 Franken.

Dank der Stiefkindadoption, die am 1. Januar 2018 in Kraft tritt, kann auch Tamara (l.) sich als Elternteil eintragen lassen.
Dank der Stiefkindadoption, die am 1. Januar 2018 in Kraft tritt, kann auch Tamara (l.) sich als Elternteil eintragen lassen.Bild: Aargauer Zeitung / sandra ardizzone

Nicole und Tamara sind kein Einzelfall. Maria von Känel, Geschäftsführerin des nationalen Dachverbands Regenbogenfamilien, sagt: «Viele gleichgeschlechtlich liebende Menschen wünschen sich Kinder oder haben bereits welche.» Das zeige eine aktuelle Umfrage des Verbands. Die Hälfte der 884 befragten Homo- und Bisexuellen sowie Transmenschen gab an, dass sie eine Familie gründen möchten.

Faktisch haben laut Bundesamt für Statistik (BFS) 680 gleichgeschlechtliche Paare von über einer Million Schweizer Paaren Kinder. Diese Zahlen sind aber nur ein Anhaltspunkt. Paare, die nicht im gleichen Haushalt leben, zählt das BFS nicht. Homosexuelle Single-Mütter und -Väter ebenfalls nicht. Schätzungen der Homosexuellen-Verbände in der Schweiz zeichnen daher ein anderes Bild: Bis zu 30 000 Kinder sollen in so genannten Regenbogenfamilien leben.

Kein Abbild der Realität

Für Maria von Känel ist die Öffnung der Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare deshalb zwar «ein wichtiger erster Schritt». «Die neue Regelung bildet aber die Realität nicht ab.» Sie verweist darauf, dass die Verbote in der Schweiz für manches homosexuelle Paar ein Risiko bedeuten. Wenn es zu fragwürdigen Methoden greift, weil eine Besamung im Ausland zu teuer ist.

Ein Beispiel: Die «Becherli-Methode», wie sie Nicole nennt. «Wir kennen Paare, die auf diesem Weg versuchen, Eltern zu werden.» Dabei sucht sich ein lesbisches Paar im Internet auf eigene Faust einen Samenspender. Ohne Hilfe einer professionellen Samenbank. Der Mann schickt den Frauen seinen Samen, und sie führen ihn selbst ein. Ohne Gesundheits-Check.

«Wieso sollst du ein Recht auf Familie haben und ich nicht?»
Tamaras Antwort auf einen Kritiker

Dass zwei Lesben oder Schwule ein Kind bekommen, stösst auch auf Kritik. Das mussten Tamara und Nicole nach einem Interview erfahren, das sie im Rahmen eines «10 vor 10»-Beitrags gaben. Kurz nach dessen Ausstrahlung ging eine Nachricht auf Tamaras Facebook-Postfach ein. Ein ehemaliger Pfarrer und Familienvater, den sie von früher her kannte, schrieb: Er finde es unnatürlich, dass sie zusammen ein Kind hätten.

«Das machte mich richtig hässig», sagt die junge Frau. «Ich finde es frech, dass er uns vorschreiben will, wie wir zu leben haben. Er, der alles hat.» Sie schrieb ihm zurück: «Wieso sollst du ein Recht auf Familie haben und ich nicht?»

Sophie soll bald ein Geschwister bekommen.
Sophie soll bald ein Geschwister bekommen.Bild: Aargauer Zeitung / Sandra ardizzone

Schlagfertig gegen Kritik

Die beiden kennen die Argumente der Kritiker. Sie sind gewappnet: Vätervorbilder? «Sophie verbringt mehrmals die Woche Zeit mit ihrem Grossvater und ihrem Onkel.» Mobbing in der Schule? «Wir werden Sophie früh aufklären und ihr den Rücken stärken, sodass sie Menschen, die sie wegen uns mobben, selbstbewusst begegnen kann.» Beeinträchtigung der späteren Entwicklung? «Studien zeigen, dass Kinder mit homosexuellen Eltern sich gleich gut oder sogar besser entwickeln als andere.»

Im November fliegen Nicole und Tamara wieder nach England. Sophie soll ein Geschwister bekommen. Wieder wird Nicole das Kind austragen. «Ich bin zu schmerzempfindlich», sagt Tamara, die ihre dunkelblonden Haare am liebsten jungenhaft kurz und die Hosen schlabbrig weit trägt.

«Ausserdem kann sie dann nicht mehr in der Männerabteilung der Kleiderläden einkaufen», fügt Nicole lächelnd hinzu. Es sei gut, wenn Sophie nicht als Einzelkind aufwachse, sagt sie weiter. «Die Prozedur wird wieder anstrengend werden, aber für unsere Familie machen wir das.» (aargauerzeitung.ch)

Oder auch: «OMG – so schwul!»

Video: watson
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

26 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Ihr Kommentar hat 20min Niveau
15.10.2017 18:03registriert August 2017
Ich verstehe unsere gesellschaftliche Moral nicht. Es gibt doch viele Kinder ohne Eltern, oder welche die bei untragbaren Eltern aufwachsen, und sich doch wohlfühlen würden in einem geschützten und liebevollen Umfeld aufzuwachsen? Seien das jetzt zwei Mamis oder Papis.
Bei Simba hat das auch geklappt
Sophie, ihre zwei Mütter und das Recht auf eine Familie
Ich verstehe unsere gesellschaftliche Moral nicht. Es gibt doch viele Kinder ohne Eltern, oder welche die bei untragbaren Eltern aufwachsen, und sich doch wohlfühlen würden in einem geschützten und liebevollen Umfeld  aufzuwachsen? Seien das jetzt zwei Mamis oder Papis.
Bei Simba hat das auch geklappt
12124
Melden
Zum Kommentar
avatar
Butzdi
15.10.2017 19:26registriert April 2016
Lieber 2 liebende Eltern als nur 1. Alles andere spielt keine Rolle. Wer so kämpfen muss, um ein Kind zu bekommen hat offensichtlich den tiefempfundenen Willen, ein Kind zu haben.
7012
Melden
Zum Kommentar
avatar
RozaxD
15.10.2017 14:35registriert Juni 2017
Find ich super!
9438
Melden
Zum Kommentar
26
Winterthur beschafft kein russisches Gas mehr: Geht das überhaupt?
Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Die Stadt Winterthur wendet sich von russischem Gas ab. Warum andere Städte Zweifel haben, ob das funktioniert, und wie sie das heikle Thema handhaben.

Schluss mit russischem Gas: Diese Devise verfolgt Winterthur seit dem 1. Juni. Seither bezieht die Stadt nur noch Erdgas aus Quellen in der Nordsee – aus Norwegen, Holland oder Grossbritannien. Mit dem Krieg in der Ukraine sei sowohl vom Stadtwerk als auch seitens der Kundschaft der Wunsch nach nicht-russischem Erdgas aufgekommen, teilte die Stadt Winterthur am Freitag mit.

Zur Story