Schweiz
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Vor elf Jahren brach sich Franziska Quadri bei einem Unfall mit dem Gleitschirm mehrere Halswirbel. Seither ist sie vom Hals an abwärts gelähmt. bild: zvg

Schweizer Tetraplegikerin strandet wegen Corona auf Teneriffa – zu ihrem Glück

Die 44-jährige Tetraplegikerin Franziska Quadri sitzt wegen der Coronakrise auf der spanischen Insel Teneriffa fest. Zu ihrem grossen Glück. Denn das Einzige, was gegen ihre Schmerzen hilft, ist Cannabis. Im Gegensatz zur Schweiz kann sie sich das Gras in Spanien legal besorgen.



Punkt 15 Uhr und nach nur zweimal klingeln erscheint Franziska Quadris Gesicht auf dem Computerscreen. Sie grüsst mit einem Lächeln. Sie wirkt erholt, ihr Gesicht ist braun gebrannt. Das war nicht immer so. Die heute 44-Jährige ist Tetraplegikerin. Vor elf Jahren brach sich Quadri bei einem Unfall mit dem Gleitschirm mehrere Halswirbel.

Seither ist sie vom Hals an abwärts gelähmt. Rund um die Uhr ist sie auf fremde Hilfe angewiesen. Einzig ihren Kopf kann sie noch bewegen und damit den Spezialsteuerknüppel des Rollstuhls, Handy und Computer bedienen. Neben den körperlichen Einschränkungen plagen Quadri schwere neuropathische Schmerzen und spastische Krämpfe.

Seit Wochen sitzt Quadri auf der Insel Teneriffa fest. Eigentlich hätte sie Anfang April zurück in die Schweiz fliegen wollen. Doch wegen der Coronakrise verzögert sich ihre Rückkehr auf unbestimmte Zeit. Seit einigen Jahren tauscht sie in den Wintermonaten ihre Wohnung im Zürcher Wipkingen gegen eine Ferienwohnung in Spanien. Der kalte und wechselhafte Schweizer Winter verschlimmert ihre Schmerzen. Die milderen Temperaturen auf Teneriffa machen ihr das Leben etwas leichter. Vor allem aber kommt Quadri in Spanien legal an ihre Medikamente. In dieser Hinsicht erweist sich die Coronakrise für sie als Glücksfall.

Das Einzige, was Quadri wirklich gegen die Krämpfe und Schmerzen hilft, ist Cannabis. Und das in hohen Dosen. Ungefähr 300 Gramm Gras braucht sie pro Monat – in Form von Cannabis-Öl oder Joints, Kostenpunkt: Zwischen 1500 und 1800 Euro (in Spanien und dank guten Beziehungen). Sie schmunzelt: «Die Dosis ist hoch, jemand anders würde danach wohl einige Tage durchschlafen.» Doch für sie kommt mit dem Kiffen kein Rausch, kein Dämmerzustand. Zehn Minuten nachdem sie einen Joint geraucht hat, entspannen sich ihre Muskeln, die Schmerzen lassen nach. Quadri kann wieder «normal» funktionieren.

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Joints und Cannabis-Öl in Kapselform helfen Quadri gegen die neuropathischen Schmerzen. bild: zvg

Auf Teneriffa holt sie sich das Gras in sogenannten «Social Clubs». Die Clubs sind nichtkommerzielle Vereine, die den professionellen Anbau und Vertrieb von Cannabis ermöglichen. Wer Mitglied und volljährig ist, kann so das Cannabis legal für den Eigenkonsum beziehen.

In der Schweiz ist Cannabis ein verbotenes Betäubungsmittel. Wer den Stoff zu medizinischen Zwecken braucht, muss über eine Ärztin oder einen Arzt eine Ausnahmebewilligung beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) beantragen. Die Nachfrage nach Behandlungen mit Cannabis ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Schätzungen des BAG zufolge therapieren sich 100'000 Menschen in der Schweiz mit Cannabis. Es sind Patienten mit Multipler Sklerose (MS), Epilepsie, Krebs oder Querschnittlähmungen. Wirkstoffe wie CBD und THC lösen Krämpfe und lindern Schmerzen. Im Jahr 2018 hat das BAG fast 3000 Ausnahmebewilligungen erteilt. Diese Zahl zeigt: Nur ein Bruchteil der chronisch Kranken therapiert sich auf legalem Weg.

Auch Quadri erwog, das Gras legal zu beziehen. Doch eine in der Schweiz zugelassene Cannabistinktur, ist für sie nicht nur viel zu schwach dosiert, sondern enorm teuer. Der Wirkstoff eines Fläschchens für 550 Franken würde für knapp einen Tag reichen. Die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist freiwillig. Quadri hätte selbst bezahlen müssen. «Solch hohe Kosten kann sich kaum jemand leisten. Das sind Fantasiepreise und nicht mit denen auf dem Schwarzmarkt zu vergleichen», sagt die Tetraplegikerin. Vielen Patientinnen geht es ähnlich wie Quadri. Sie besorgen sich, was sie brauchen, auf dem Schwarzmarkt, ohne Kontrolle über die Qualität und die Inhaltsstoffe des Cannabis.

In den Sommermonaten, wenn sie in der Schweiz weilt, muss sich Quadri das Gras auf illegalem Weg besorgen. Häufig sind es ihre Eltern, die ihr dann die Joints drehen. Auch das kann Quadri nicht selbst. Ans Aufgeben gedacht habe sie nie. «Nach elf Jahren habe ich mich an das Leben im Rollstuhl gewöhnt», so die 44-Jährige. Sie hat sich arrangiert, sich ihre Hilfe selbst organisiert. Zwei persönliche Assistentinnen, die Spitex und ihre Eltern kümmern sich um sie.

Das Cannabis hilft Quadri nicht nur gegen ihre Schmerzen. Es wurde auch zu ihrer Berufung. Die lange und mühsame Suche nach den richtigen Medikamenten hat sie zur Expertin gemacht. Seit 2015 ist Quadri Präsidentin des Medical Cannabis Verein. Dort kämpft sie für eine Legalisierung des medizinischen Cannabis, für anständige Preise und für eine bessere Ausbildung der Ärzteschaft.

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Von April bis Oktober wohnt Quadri in Zürich. bild: zvg

Aktuell treibt Quadri vor allem eine Sorge um: «Die Coronakrise hat die Situation verschärft, immer mehr Leute berichten mir von miserabler Cannabisqualität oder gestrecktem Stoff, der auf dem Schwarzmarkt zirkuliert.»

«Wir gehen dieses Risiko ein, weil wir keine andere Alternative haben.»

Franziska Quadri

Das Forensische Institut bestätigte im April Quadris Sorgen. Seit Anfang 2020 wurde im Kanton vermehrt Hanf sichergestellt, der mit synthetischen Cannabinoiden versetzt wurde. Ob die Coronakrise den Zustand noch zusätzlich verschärft habe, sei schwierig zu sagen, sagt Domenic Schnoz. Er arbeitet als Stellenleiter bei der Suchtprävention im Kanton Zürich. Möglich sei es aber, so Schnoz: «Durch die Coronakrise ist es schwieriger geworden, an illegale Substanzen zu kommen. Die Nachfrage bleibt aber vermutlich gleich hoch. Da ist es natürlich gut möglich, dass die Versuchung für einige Dealer hoch war, den Hanf mit synthetischen Cannabinoiden zu besprühen und zu verkaufen.»

Für Menschen mit medizinischen Problemen kann das verunreinigte Cannabis lebensgefährlich werden. «Wir gehen dieses Risiko ein, weil wir keine andere Alternative haben», sagt Quadri. Für eine komplette Legalisierung spricht sie sich nur mit sinnvoller Regulierung aus. Und auch als Wunderheilmittel will sie Cannabis nicht gelten lassen. «Bei einem Drittel aller Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden, kann Cannabis helfen. Das sind viele, aber nicht alle.» Könnte Quadri wählen, würde sie sich Cannabis-Clubs nach dem spanischen Modell in der Schweiz wünschen. «Das wäre mein Traum: eine gute Beratung, Cannabis zu fairen Preisen und vor allem vollkommen legal.»

«Cannabis-Social-Clubs in der Schweiz wären mein Traum: eine gute Beratung, Cannabis zu fairen Preisen und vor allem vollkommen legal.»

Franziska Quadri

Doch wünschen kann Quadri nicht. Sie muss warten. Und die Mühlen der hiesigen Politik mahlen langsam. Aktuell wird eine Gesetzesänderung diskutiert, die den Zugang zu Medizinalcannabis erleichtern soll. Sodass es keine Sonderbewilligung des BAG mehr braucht. Bis es so weit ist, wird es noch mindestens zwei bis drei Jahre dauern. Wie teuer die Medikamente werden und ob die Krankenkassen die Kosten übernehmen, ist derzeit noch unklar.

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In Spanien holt sich Quadri das Cannabis in den Social Clubs – und aus dem Eigenanbau. bild: zvg

Aber auch hier denkt Quadri nicht ans Aufgeben. Ja, manchmal sei es frustrierend. «Aber das ist nun mal jetzt mein Job», sagt sie und blickt ernst in die Kamera. Noch kämpft sie in Spanien für ihr Anliegen. Doch sobald die Flugzeuge wieder fliegen, will sie zurück nach Zürich.

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25Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tischbein 05.06.2020 14:22
    Highlight Highlight Wäre die Drogenpolitik auf wissenschaftlichen Grundlagen aufgebaut, hätten wir eine viel liberale Handhabung mit vielen Substanzen. Viele Politiker dürften auch eher aufgrund von subjektiven Wahrnehmungen und vor allem Vorurteilen entscheiden. Dabei gilt der sogenannte Krieg gegen Drogen definitiv schon seit einiger Zeit als gescheitert. Zeit, um neue Ansätze auszuprobieren.
  • Lorenzo von Matterhorn 05.06.2020 08:23
    Highlight Highlight Solange medizinisches Cannabis verboten ist, soll der Anbau und der Konsum von Cannabis im Privaten bereich straffrei sein. So wäre das Gesetz innert kürzester Zeit geändert. Aber mit der heutigen Situation können sie die Mühlen gaaanz langsam mahlen lassen. Die Polizei kümmert sich um den Absatz der Pharma. Kranke Schweiz.
  • LillyRose 04.06.2020 21:55
    Highlight Highlight Ich habe nie verstanden, warum es verboten ist. Wenn man dann solche Geschichten hört, verwandelt sich das Unverständnis einmal mehr in Ärger. Wie kann man bloss freiwillig und bei klarem Verstand eine Substanz verbieten, die 1. ein Riesengeschäft ist, das Steuereinnahmen bringen würde, 2. erst noch ein Heilmittel ist, das vielen Linderung bringt, und 3. Enstpannung bringt, wenn man einmal mehr über die Absurdität des Verbots nachdenkt.
  • Irene Adler 04.06.2020 14:00
    Highlight Highlight Sie tut mir mit ihrer Lähmung wirklich Leid. Aber zu erwarten, dass die Preise in der Schweiz gleich werden wie in Tenerifa, ist schon etwas übertrieben (sei es legal oder illegal).
    • 1of8mio 04.06.2020 15:00
      Highlight Highlight 1500 Euro gegenüber 30x CHF 550 (CHF 16'500!!!) ist schon ein Unterschied. Und auch wenn aus den 1500 Euro in Spanien dann 2200 Franken würden, wärs noch immer mehr als eine "leichte Preisbewegung" ;-).
  • 1of8mio 04.06.2020 13:55
    Highlight Highlight Die Mühlen hier malen nicht. Oder nur dann kurzfristig, wenn mal der Schraubenschlüssel der seit Jahrzehnten im Getriebe steckt 2mm rutscht. Was wir diesbezüglich betreiben ist keine Politik, sondern systematisches Rauszögern und Augen verschliessen. Und alles nur weil keiner daran „Schuld“ sein will dass sich etwas ändert. Wie schnell wir wohl die AHV saniert hätten, wenn der Staat plötzlich Steuern auf THC und CBD kassieren würde?
    • Silent_Revolution 04.06.2020 14:54
      Highlight Highlight Steuern für diesen Staat nach jahrzehntelanger Repression ist nicht gerade das erste, was mir zu dem Thema durch den Kopf geht. Mein Stockholm-Syndrom ist da leider nicht so ausgeprägt.

      Ich habe das Recht, in meinem Garten anzubauen, was verdammt noch mal ich will, ohne dass mir ein blauer Robocop daherkommt und mich niedermäht.

      Solange die Regierung das anders sieht, sich nicht für die Fehlpolitik entschuldigt und um Wiedergutmachung bemüht, kann sie mich mal kreuzweise.
    • 1of8mio 04.06.2020 15:38
      Highlight Highlight @favez - Klar, sorry... mein Fehler! Da liegt halt leider noch nicht das grosse Geld...

      @Silent Revolution - Wenn Du den Garten hast, why not. Mir würds schon reichen, wenn ich legal zum Gärtner könnte. Und dass das nicht ohne Steuer geht ist leider einfach die Realität. Aber alles ist besser als jetzt.
    • pacoSVQ 05.06.2020 13:27
      Highlight Highlight @favez

      Ausser der Mehrwertsteuer wird momentan keine andere Steuer mehr auf CBD-Produkte mehr erhoben:

      „Wie einige von Ihnen sicherlich aus den Medien mitgekriegt haben, entschied das Bundesgericht Mitte Februar 2020, dass die bis anhin auf CBD Blüten erhobene Tabakersatzsteuer von 25% unrechtmässig ist. Im Urteil stützt sich das Bundesgericht hauptsächlich auf die charakteristischen Eigenschaften von CBD Blüten. Diese würden sich gemäss dem Urteil so stark von jenen von Tabak unterscheiden, dass es unwahrscheinlich sei, dass CBD Blüten als eigentlicher Ersatz für Tabak verwendet werde.“
  • Heinz Meyer (1) 04.06.2020 13:25
    Highlight Highlight Ja das ist halt so, wenn wir eine Regierung haben, die gerne mal einen Wein trinkt.
    Da muss der Alkohol, der für viele soziale, persönliche und finanzielle Probleme verantwortlich ist, legal bleiben.
    Wo sind ähnlich starke Auswirkungen beim Canabis?
    Zumal Alkohol keinerlei positive medizinische Wirkung hat sondern nur Familien kaputt macht (redet mal mit Angehörigen von Alkoholikern).
  • Howard 04.06.2020 12:40
    Highlight Highlight Ein wichtiger, interessanter und leider auch trister Artikel; trist, weil die Schweiz wieder einmal Jahrzehnte hinterherhinkt bei diesem Thema. Dabei war die Drogenpolitik in der Schweiz einst so fortschrittlich...
  • Matti_St 04.06.2020 12:23
    Highlight Highlight Ja die Schweiz ist oft schizophren. Ich nehme täglich zweimal eine Dosis Medi auf Basis von Opiate. Aber wehe man würde THC konsumieren. Man könnte ja süchtig werden und dann Betäubungsmittel konsumieren.

    Für die, die es nicht schnallen, meine Medi fallen unter das Betäubungsmittelschutzgesetz.
    • Randy Orton 04.06.2020 18:45
      Highlight Highlight Es gibt einfach strenge Auflagen für beides. Ja, es ist schwieriger THC verschrieben zu bekommen, aktuell geht das eigentlich nur bei Spastiken. Aber es ist auch korrekt, das Medikamentenzulassungen nur erteilt werden, wenn die Medikamente nachweislich wirken. Bei THC ist das leider oft so, dass es als Wundermittel für alles angepriesen wird, sich dann aber rausstellt, dass es doch nicht wirkt.
    • Lisbon 04.06.2020 19:49
      Highlight Highlight Morphin, Oxycontin, Fentanyl und co. machen nicht weniger süchtig als medizinisches Cannabis. Es ist eine Schande, dass medizinisches Cannabis nur über eine Ausnahmeregelung vom BAG erhältlich ist.
  • soulpower 04.06.2020 12:22
    Highlight Highlight "Sie muss warten. Und die Mühlen der hiesigen Politik mahlen langsam."

    Sehr langsam. Man fragt sich (und antwortet sich auch gleich selber), welche Lobby für eine derartige Verlangsamung sorgen könnte?
    • Heinz Meyer (1) 04.06.2020 13:26
      Highlight Highlight Nur mal die Weinbergbesitzer in der Regierumg fragen.
    • Silent_Revolution 04.06.2020 13:37
      Highlight Highlight Die Lobbys kennen wir. Viel wichtiger: Welche Institutionen lassen sich von diesen Lobbys unterwandern?

      Das BAG zum Beispiel, welches Anti-Cannabis Propaganda verbreitet und behauptet, es gäbe keine Studien, die den medizinischen Nutzen von Cannabis belegen.

      Bevor man also das nächste Mal Loblieder auf einen Koch oder sonst ein Mitglied dieser korrupten Organisation singt, nachdenken...
    • 1of8mio 04.06.2020 15:22
      Highlight Highlight @Silent Revolution

      Oder man nimmt es einfach als Zeichen dafür, dass auch aus Mist immer wieder eine schöne Blume wachsen kann. Sippenhaft ist immer etwas uncool...

      Der "War on Drugs" wurde nicht vom BAG erfunden... und wir sind auch nicht die einzigen, die ihn noch immer zu kämpfen versuchen.
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