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Patient würgt Pflegerin fast zu Tode

Bildnummer: 53833411 Datum: 08.02.2010 Copyright: imago/imagebroker
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Patient würgt Pflegerin fast zu Tode – Angriffe auf Gesundheitspersonal nehmen zu

In der psychiatrischen Klinik des Kantons Tessins befreit sich eine Pflegerin mit letzter Kraft aus dem Würgegriff eines Patienten. Das Gesundheitspersonal leidet schweizweit unter zunehmender Gewalt.
21.06.2024, 08:04
Kari Kälin / ch media
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Kurz nach Mittag sucht die Pflegerin einen Patienten in dessen Zimmer auf. Der 59-jährige Mann aus Lugano leidet an einer gespaltenen Persönlichkeit, ist impulsiv, narzisstisch, alkoholabhängig. Er ist in diesem Moment völlig ausser sich, schnappt den Gurt des Triangelgriffs, der an jedem Spitalbett hängt, und versucht, die Frau zu erdrosseln. Dann schlägt er sie, reisst sie an den Haaren, beisst ihr in die linke Hand und würgt sie mit blossen Händen.

Der Vorfall ereignete sich am 9. August des letzten Jahres in der psychiatrischen Klinik des Kantons Tessin in Mendrisio. Ans Licht gekommen ist er erst letzte Woche, als er vor dem Kriminalgericht Mendrisio verhandelt wurde. Dort sagte der Täter: «Ich kann mich nicht erinnern. Gemäss den Akten habe ich sie geschlagen und versucht zu erwürgen.» Es tue ihm leid, er wünsche der Pflegerin gute Besserung.

Das Opfer wohnte der Gerichtsverhandlung bei. Die Frau schrieb einen Brief, aus dem ihr Anwalt Carlo Borradori vorlas. «Er wollte mich umbringen. Ich habe dem Tod ins Auge gesehen und glaubte nicht mehr, dass ich das überlebe. Ich habe all meine Kräfte gesammelt und es geschafft. Erschöpft, voller Blut und mit Schwellungen, aber lebendig.»

Erhebliche Rückfallgefahr besteht

Das Gericht verurteilte den Mann nicht zu einer Strafe, weil er zum Zeitpunkt der Tat schuldunfähig war. Richter Mauro Ermani ordnete stattdessen eine Massnahme an: eine stationäre Therapie zur Behandlung der psychischen Probleme und der Suchtkrankheit. Da es im Kanton Tessin derzeit an freien Plätzen in geeigneten Institutionen fehlt, wird der Mann die Behandlung vermutlich im «Lo Stampino» in Lugano antreten. In diesem Gefängnis verbüssen Häftlinge ihre Strafe, denen eine geringe Rückfallgefahr attestiert wird, zum Teil in Halbgefangenschaft. Den definitiven Entscheid wird das Zwangsmassnahmengericht fällen.

Gemäss einem psychiatrischen Gutachten besteht bei dem Mann allerdings eine erhebliche Rückfallgefahr. Für ihn spricht, dass er im Gefängnis sein Alkoholproblem unter Kontrolle bekam und seine psychische Störung laut Gutachten behandelbar ist.

Opferanwalt Borradori sagte: «Das Leiden meiner Klientin wird verschärft, weil der Vorfall hätte vermieden werden können.» Tatsächlich stellen sich Fragen. Weshalb trat die Pflegerin allein ins Zimmer des Manns, weshalb wurde die Risikosituation nicht vermieden?

Gemäss dem Gutachten blinkten genügend rote Warnlämpchen. Der damals 58-Jährige wurde am Tag vor dem Angriff in der Ortschaft Magliaso von der Polizei aufgegriffen, weil er mit einem Klappmesser herumgefuchtelt hatte. Zunächst wurde er ins Spital in Lugano gebracht, aus dem er aber floh. Er wurde wieder gefunden und per fürsorgerischem Freiheitsentzug in die psychiatrische Klinik eingeliefert.

Gesundheitspersonal immer häufiger bedroht

Mendrisio ist kein Einzelfall. Im letzten November attackierten drei Jugendliche in der psychiatrischen Klinik Clienia Littenheid im Kanton Thurgau eine erfahrene Pflegerin während der Nachtschicht. Sie musste sich im Spital behandeln lassen. Die Jugendanwaltschaft führt ein Verfahren wegen schwerer Körperverletzung.

Dass das Gesundheitspersonal immer häufiger bedroht und Opfer von Gewalt wird, belegt auch eine Auswertung des Bundesamtes für Statistik, über die zuerst der «Blick» berichtet hat. Registrierten die Polizeien 2014 noch 258 Gewaltstraftaten (schwere und einfache Körperverletzung, Tätlichkeiten, Drohung) in Klinken und Spitälern, so stieg diese Zahl bis 2023 auf 488. Das entspricht einer Zunahme von fast 90 Prozent.

Christina Schumacher ist stellvertretende Geschäftsführerin des Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. Sie sagt: «Es ist nicht mehr ein Tabu, helfendes medizinisches Personal anzugreifen.» Der SBK fordert, dass Kliniken nicht auf Kosten der Sicherheit sparen, dass keine Pflegefachperson einen gefährlichen Patienten allein in dessen Zimmer betreut und dass Gewaltbetroffene nach einem Vorfall Unterstützung erhalten, um das Erlebte zu verarbeiten.

Auf der Notfallstation verlieren manche die Geduld

Besonders exponiert ist das Gesundheitspersonal in der Psychiatrie und auf den Notfallstationen. Das Kantonsspital Aarau (KSA) zum Beispiel zählt laufend mehr Interventionen des Sicherheitsdienstes auf der Notfallstation für Erwachsene und bei jener im Kinderspital. Im letzten Jahr waren es 620 Interventionen, 99 mehr als 2022. Die Einsätze werden nötig, wenn Patienten oder deren Angehörige ausfällig werden und eine Gefahr für andere Personen darstellen.

Oft sind Suchtmittel im Spiel, psychische Probleme befeuern die Gewalt, manchmal verlieren Menschen die Nerven, weil sie auf der Notfallstation lange warten müssen. KSA-Sprecher Joël Hoffmann ortet eine «gewisse Verrohung der Gesellschaft», die zu immer schwierigeren und anspruchsvolleren Interventionen des hausinternen Sicherheitsdienstes führe. Und: «Es muss leider festgestellt werden, dass die Heftigkeit und teilweise die Brutalität der Reaktionen von Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen stetig zunehmen.»

Beim Universitätsspital Zürich hat die Zahl der Drohungen und Übergriffe auf das Personal über die Jahre zugenommen, verharrt aber laut der Medienstelle seit einiger Zeit auf hohem Niveau. Rund 900 Mal pro Jahr müssen Mitarbeitende des Sicherheitsdienstes einschreiten. Das Universitätsspital vermutet, dass die Präsenz des Sicherheitsdienstes bei den Eingängen zur Notfallmedizin eine präventive Wirkung entfaltet. Von keiner wesentlichen Zunahme von Drohung und Gewalt berichtet das Kantonsspital St.Gallen; der eigene Sicherheitsdienst wirke deeskalierend.

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Nur ein kleiner Teil der Aggressionen gegen das Gesundheitspersonal mündet in eine Strafanzeige - auch, weil die Pflegenden die Beziehung und Zusammenarbeit mit ihren Patienten nicht gefährden wollen, wie die Tessiner Regierung im März in der Antwort auf einen Vorstoss schrieb.

Interessante Fakten lieferte die Regierung ausgerechnet zur psychiatrischen Klinik in Mendrisio. Im letzten Jahr registrierte sie 332 Zwischenfälle, dreimal so viele wie noch 2021. Bei mehr als der Hälfte war physische Gewalt im Spiel, meistens kombiniert mit dem Konsum von Alkohol und anderen Suchtmitteln.

Gericht spricht Genugtuung für Opfer

Zu der an der Gerichtsverhandlung aufgeworfenen Kritik äussert sich die Klinik Mendrisio nicht direkt. Direktorin Magda Chiesa verweist auf die Antwort des Regierungsrats zum erwähnten Vorstoss. Demnach hat die Klinik eine Reihe von Sicherheitsmassnahmen getroffen. Unter anderem wurden die Zusammenarbeit mit der Polizei und der private Sicherheitsdienst ausgebaut, auch ein neues System zum Alarmschlagen installiert.

Die Pflegerin der Klinik in Mendrisio leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und befindet sich noch immer in psychologischer Behandlung. Das Gericht hat ihr eine Genugtuung von 15'000 Franken zugesprochen. Rund 40 sichtlich bewegte Kolleginnen und Kollegen wohnten der Verhandlung bei. Und mehr als 100 Pflegerinnen und Pfleger fordern die kantonale psychiatrische Klinik auf, die Sicherheit zu verbessern.

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66 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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PHILosopher_XI
21.06.2024 08:48registriert Juni 2018
Ich arbeite in einem Spital in Basel.
Ich darf (muss) euch jedoch nicht sagen wessen Angehörige immer wieder "die Nerven verlieren".
Meist als Folge auf Zurechtweisungen, betreffend der Haus- und/oder der Besuchszeitenregelungen.
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Thomas Melone
21.06.2024 08:11registriert Mai 2014
Unglaublich. Eigentlich müsste man doch dankbar sein, in einem Land zu leben, wo man medizinische Hilfe bekommt.
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verzell mers
21.06.2024 10:19registriert März 2020
Ich wurde von einem deliranten Patienten niedergeschlagen und erlitt eine Verletzipung an der Halswirbelsäule. Macht mir auch nach 12 Jahren noch Probleme. Habe dann noch während der Krankschreibung gekündigt, da ich dort nicht mehr arbeiten wollte und sowieso gerade fertig war mit einer anderen Ausbildung. Im Zeugnis wollten sie dann schreiben, ich sei nicht belastbar. Und ein Arzt sagte zu mir, die Pflegefachleute hätten ja eh immer Probleme mit dem Rücken. Diese absolut respektloser Umgang seitens des Arbeitgebers finde ich bis heute das Schlimmste an der Geschichte.
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