«Sie wollen oft alles erzählen»: Diese Westschweizer hören Pädophilen zu
Helplines für Menschen, die sich sexuell zu Minderjährigen hingezogen fühlen, werden in der Schweiz immer häufiger in Anspruch genommen. Im vergangenen Jahr haben 348 Personen diese Dienste kontaktiert, gegenüber 204 im Jahr 2024. Dies geht aus Angaben der Vereinigungen DIS NO und Beforemore hervor, die in der Westschweiz bzw. in der Deutschschweiz tätig sind.
Allein in der Westschweiz stieg die Zahl der Anfragen von 137 im Jahr 2024 auf 173 im Jahr 2025. Dieser «starke Anstieg» folgt dem Trend der Vorjahre und lässt sich laut den beiden Verbänden teilweise durch die «zunehmende Bekanntheit der Hotlines» erklären.
Gewalt an Kindern und Jugendlichen
Erlebst du in deiner Familie körperliche oder psychische Gewalt oder möchtest einfach mit jemandem reden? Hol dir Hilfe, du bist nicht allein.Willst du mit jemandem über deine Ängste und Sorgen reden, kannst du dich hier oder unter der Telefonnummer 147 melden.Eine umfassende Liste mit offiziellen Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche, Eltern oder andere Personen zu verschiedenen Themen findest du für die ganze Schweiz hier. Wenn du dich sexuell von Kindern oder Jugendlichen angezogen fühlst, kannst du dich kostenlos an die Beratungsstelle Beforemore (per Mail oder Telefon) wenden.
«Wenn diese Menschen sich an diese Organisationen wenden, finden sie ein offenes Ohr und spezialisierte Ressourcen», fügen DIS NO und Beforemore hinzu. Aber wie fühlt es sich an, am anderen Ende der Leitung zu sitzen? Wie geht man mit solchen Anrufen um? Hakim Gonthier, Direktor von DIS NO, und Naomi Setiawan, Kriminologin, haben sich bereit erklärt, unsere Fragen zu beantworten. Ein Doppelinterview.
An wen richtet sich Ihre Hotline?
N.S. Unser Service steht allen Personen offen, die sich Sorgen wegen Verhaltensweisen oder Gedanken in Bezug auf Minderjährige und wegen des Konsums von kinderpornografischem Material machen. Wir richten uns auch an deren Umfeld sowie an Fachleute wie Therapeuten oder Sozialarbeiter.
Wie laufen diese Anrufe ab?
N.S. Vereinfacht gesagt, laufen die Anrufe in der Regel wie folgt ab: Zu Beginn sind die Menschen oft gestresst, sprechen schnell und neigen dazu, alles auf einmal zu erzählen. Wir versuchen dann, die richtigen Dinge in die richtigen Schubladen zu ordnen, um herauszufinden, welche Hilfsmittel sie nutzen können, ihre Anfrage zu klären und zu sehen, was als Nächstes getan werden kann.
H.G. In der Anfangsphase kann es tatsächlich vorkommen, dass die Menschen von ihren Emotionen überwältigt werden. Wir beobachten auch viel Angst und Misstrauen. Man muss ihnen genau erklären, wie der Anruf abläuft, und ihnen Vertraulichkeit garantieren, damit sie Vertrauen fassen können.
Wie reagieren Sie auf diese Anrufe?
N.S. Menschlichkeit ist eines unserer Grundprinzipien. Es ist sehr wichtig, den Menschen willkommen zu heissen und auf jede Bitte um Hilfe einzugehen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Verantwortungsübernahme. Das bedeutet, sich von Verleugnung oder Verharmlosung zu lösen und sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu werden. Diese Übernahme individueller Verantwortung ist der beste Schutz für die Gesellschaft und die Menschen selbst.
Die Idee ist, möglichst viele Hindernisse zwischen der Person und der Bitte um Hilfe abzubauen.
Wie geht man konkret auf diese Hilfsgesuche ein?
N.S. Wir können diese Personen an spezialisierte Therapeuten weiterleiten. Wir bieten keine therapeutische Begleitung im eigentlichen Sinne an, sondern einen Raum für diejenigen, die Fragen haben und Klarheit brauchen.
H.G. Das ist nicht immer einfach. Die Leitung ist offen; wir können weder wählen, wer uns anruft, noch wann: Manche Menschen rufen nur einmal an, während andere regelmässig Kontakt aufnehmen. Für uns geht es darum, ein Gleichgewicht zu finden zwischen denen, die uns zurückrufen möchten, um diese Arbeit fortzusetzen, und anderen punktuellen Anfragen, die auftauchen können.
Glauben Sie, dass die Menschen, die Sie anrufen, schon bereit sind, zu handeln?
N.S. Im Allgemeinen denke ich schon. Diese Menschen durchlaufen einen persönlichen Prozess, bevor sie sich entscheiden, uns anzurufen. Manchmal beschleunigen bestimmte Ereignisse ihr Handeln.
Zum Beispiel?
N.S. Das kann aus dem Umfeld kommen: Ein Angehöriger findet beispielsweise heraus, dass die Person kinderpornografisches Material konsumiert. Auch eine polizeiliche Vernehmung kann Menschen dazu veranlassen, sich an uns zu wenden.
Was passiert in solchen Fällen?
N.S. Bei einer kürzlich erfolgten polizeilichen Ermittlung sind die Menschen oft geschockt – das gilt sowohl für die direkt Betroffenen als auch für ihr Umfeld.
Wie fühlt es sich an, diesen Geschichten ausgesetzt zu sein?
N.S. Es ist ein sensibles Thema, und manche Geschichten sind manchmal ziemlich schwer zu hören. Allerdings kann jeder Fachmann, der in einem unterstützenden oder beratenden Verhältnis arbeitet, mit gewalttätigen Informationen und Situationen konfrontiert werden.
Gibt es eine Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten?
N.S. Ich glaube, dafür gibt es keine genaue Wissenschaft. Die Tatsache, dass wir nie allein sind, hilft sehr. Bei den Anrufen ist immer ein weiterer Kollege dabei, und wir besprechen diese Situationen im Team. Ich persönlich versuche auch, mich an unsere Mission zu klammern, nämlich den Schutz der Kinder. Wenn diese Menschen uns anrufen, ist das genau eine Möglichkeit, die Kinder zu schützen. Und wir sind da, um zu reagieren.
Was sind die grössten Schwierigkeiten in diesem Prozess?
H.G. Eine der grössten Schwierigkeiten besteht darin, Kontinuität herzustellen. Es handelt sich um eine kostenlose Hotline, die Menschen sind also nicht verpflichtet, uns anzurufen.
Manchmal bricht diese Beziehung nach einer gemeinsamen Arbeit wieder ab, was frustrierend sein kann. Diese Unbeständigkeit ist nicht immer einfach zu handhaben.
Welche Ausbildung braucht man für diese Arbeit?
N.S. Das Team besteht aus verschiedenen Profilen. Wir sind alle in der Beratungs- bzw. Unterstützungsarbeit ausgebildet und verfügen über fundierte Erfahrungen in diesem Bereich. Derzeit sind etwa die Hälfte von uns Psychologen und die andere Hälfte Kriminologen.
Wie viele Anrufe erhalten Sie durchschnittlich?
N.S. Im Januar haben wir etwa 30 Anfragen erhalten, was durchschnittlich einem Anruf pro Tag entspricht.
