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Armin Capaul auf seinem Hof in Perrefitte bei Moutier (BE).
Bild: KEYSTONE

«Hornkuh-Initiative» steht: Rechte Esoteriker und Verschwörungstheoretiker machten es möglich

Geld für Kühe mit Hörnern – dies fordert eine Volksinitiative, die nächste Woche eingereicht wird. Den vermeintlichen Coup eines Bergbauern ermöglichte ein Verein, der esoterisches Gedankengut und Verschwörungstheorien verbreitet.
16.03.2016, 09:0617.03.2016, 14:16

Die Enthornung eines Kalbs ist keine schöne Angelegenheit. Die Hörner werden den Jungtieren mit einer Art Lötkolben regelrecht ausgebrannt, um das Wachstum zu verhindern. So schildert es ein Kollege. «Gehörnte» Kühe sind auf Schweizer Weiden ein zunehmend seltener Anblick, zum Leidwesen vieler Naturfreunde. Die meisten Bauern aber schwören auf die Entfernung der Hörner, damit sich ihre wertvollen Tiere nicht verletzen.

Ein Bergbauer aus dem Berner Jura wollte dieser Entwicklung nicht mehr tatenlos zusehen. Vor vier Jahren lancierte Armin Capaul seine Hornkuh-Initiative, die finanzielle Unterstützung für Halterinnen und Halter von Kühen und Ziegen mit Hörnern verlangt. Der gebürtige Bündner stiess mit seinem Anliegen auf einige Sympathie. Selbst «Spiegel TV» widmete Capaul einen Beitrag. Wirklich ernst aber nahm ihn kaum jemand. Und doch hat es geklappt: Am 23. März sollen die mehr als 100'000 beglaubigten Unterschriften der Bundeskanzlei übergeben werden.

Armin Capaul in «Spiegel TV».
YouTube/spiegeltv

Wie konnte ein Bauer, der auf einem abgelegenen Hof im Jura lebt, eine solche Kiste stemmen? Weit grössere Organisationen sind mit Volksinitiativen auf die Nase gefallen. Unvergessen bleibt etwa das Debakel der FDP mit ihrer Bürokratiestopp-Initiative, als selbst ein verzweifelter Schlusseffort nicht ausreichte, um die notwendigen Unterschriften zu beschaffen.

Erfolg mit Vignetten-Referendum

Armin Capaul scheint dies mit seinen Hornviechern gelungen zu sein. Allerdings kämpfte er nicht alleine. Im Hintergrund war der im Berner Oberland beheimatete Verein Alpenparlament aktiv. «Ich habe mich bei Capaul gemeldet und meine Unterstützung angeboten», sagt Zentralsekretär Roland Schöni auf Anfrage. «Als ich feststellen musste, dass er ganz allein war, erklärte ich mich spontan bereit, die gesamte Administration zu übernehmen.»

Mit dem Sammeln von Unterschriften hat der Verein Erfahrung. Er war bereits vor drei Jahren beim Referendum gegen die Erhöhung des Preises für die Autobahnvignette in gleicher Funktion tätig. Während die SVP-Nationalräte Nadja Pieren und Walter Wobmann im Vordergrund weibelten, wurde der Papierkram vom Alpenparlament erledigt. In drei Monaten kamen mehr als 100'000 Unterschriften zusammen, das Doppelte der benötigen Anzahl.

Mehr Allergien wegen Enthornung?

Am Ende war der Erfolg total, das Volk lehnte die 100-Franken-Vignette ab. Nun hat das Alpenparlament bei der Hornkuh-Initiative seine Schlagkraft erneut unter Beweis gestellt. Als Motiv nennt Schöni neben der «Würde des Tieres» die Gesundheit: «Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Enthornung und der Zunahme von Milchallergien.» Der Grund sei, dass die Milch von hornlosen Kühen nicht kristallisiere. Entsprechende Befunde würden vom Bauernverband «unterdrückt».

Wissenschaftlich bewiesen ist dieser Zusammenhang nicht. Vertreten wird er vorab von den Demeter-Bauern, die sich auf die anthroposophische Gedankenwelt von Rudolf Steiner berufen. In esoterischen Kreisen erfreut sich die Theorie einiger Beliebtheit. Auch die Website des Alpenparlaments bietet einen Mix aus Verschwörungstheorien und esoterischem Gedankengut. Die Chemtrails sind ebenso vertreten wie die «CO2 Lüge».

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Ausschnitt aus der Alpenparlament-Website.
screenshot: watson

Politisch hat der Verein eine klar rechte Schlagseite. Davon zeugen Beiträge, die Angela Merkels «Willkommenskultur» attackieren. Islamfeindliche und antisemitische Töne fehlen dabei nicht. Der jüngste Beitrag stammt vom rechtsextremen US-Radiomoderator und Holocaust-Leugner Hal Turner. Er behauptet, der Bürgerkrieg in Syrien werde innerhalb von 18 Tagen in den Dritten Weltkrieg münden. Datiert ist der Beitrag vom 11. Februar, und von einem Weltkrieg ist nichts zu sehen. Die Lage in Syrien hat sich zuletzt im Gegenteil entspannt.

Man solle «den Beitrag bitte mit entsprechender Skepsis lesen», schreibt die Alpenparlament-«Redaktion». Die beschriebene Gefahr sei real, müsse aber nicht so eintreffen. Zentralsekretär Roland Schöni und Alpenparlament-Gründer Martin Frischknecht waren einst bei den Schweizer Demokraten aktiv. Frischknecht ist ein Impfgegner und Kritiker der Schulmedizin. Auf der Website vertreibt er ein «Therapiegerät», das alle möglichen Krankheiten heilen soll.

Mainstream-kompatibel

Der Sektenkenner und watson-Blogger Hugo Stamm bezeichnet die Szene, in der sich die Alpenparlamentarier tummeln, als «Rechtsesoteriker». Schöni reagiert gelassen. Er könne mit der Bezeichnung Verschwörungstheoretiker leben: «Das ist für uns kein Problem.» Politisch hat er bereits ein neues Eisen im Feuer. Auf der Website findet man Unterschriftenbögen für die kantonalbernische Initiative «Lehrpläne vors Volk».

Über die Hornkuh-Initiative dürfte am Ende das Schweizer Stimmvolk befinden. Inhaltlich ist sie durch und durch Mainstream-kompatibel. Ein Verbot der qualvollen Enthornung wird nicht gefordert, da dies einen grossen Teil der Landwirte gegen das Volksbegehren mobilisiert hätte. Gegen mehr Geld von Staat aber hat ein Schweizer Bauer kaum je etwas einzuwenden gehabt.

Äussere Werte zählen an der Landwirtschaftsmesse in Lausanne

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quelle: keystone / laurent gillieron
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