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So sieht ein Einsatz aus der Luft aus. bild: Piloteninitiative.ch

Interview

«Sie winken mit ihren T-Shirts um Hilfe» – Schweizer Pilot rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

Mehr als eine Million Flüchtlinge überquerten laut einem UNHCR-Bericht 2015 das Mittelmeer. Immer wieder tauchen besonders im Sommer Horrormeldungen von gekenterten Schiffen auf. Fabio Zgraggen ist Pilot und hilft seit Anfang Juli mit seiner Organisation «Humanitäre Piloteninitiative» (HPI) den Hilfskräften vor Ort, die unübersichtliche Situation aus der Luft wenigstens ein bisschen zu ordnen.



Herr Zgraggen, Sie sind gerade von einem Einsatz am Mittelmeer zurückgekehrt. Was haben Sie gesehen?
Die Situation ist sehr unübersichtlich. Je nachdem, wie sich die Lage in Libyen verhält, ist es vor der Küste voll mit Flüchtlingsbooten. Meistens kommen sie in Wellen. Manchmal sind es ganz viele, manchmal praktisch keine. Wenn gerade viele Schiffe unterwegs sind, sieht man das ganze Ausmass aus der Luft und es ist gewaltig.

Über die Person

Fabio Zgraggen (30) ist Pilot, Gleitschirmfluglehrer, Grafikdesigner und Gründer der «Humanitären Piloteninitiative». Die Flüge über dem Mittelmeer führen Zgraggen und sein Team ehrenamtlich aus.

Wie gewaltig? 
Sobald wir das Einsatzgebiet vor der Küste von Libyen erreichen, kann es sein, dass wir unzählige Schiffe im Meer vor uns sehen. Einige davon sind Helferschiffe verschiedener NGOs, aber die meisten sind Flüchtlingsschiffe. Die Schlepper in der Region konnten in letzter Zeit keine Gummiboote mehr beschaffen. Stattdessen greifen sie auf alte Schiffe zurück, die zum Teil jahrelang irgendwo an Land an der Sonne lagen und voll mit Löchern sind. Darauf packen sie bis zu 700 Menschen und treten mit ihnen diese gefährliche Reise an. Man sieht sogar aus der Luft, dass diese Schiffe nicht mehr wirklich seetauglich sind.

Macht Sie dieser Anblick manchmal persönlich betroffen? 
Ja. Beim eineinhalbstündigen Anflug ins Zielgebiet herrscht an Bord die Ruhe vor dem Sturm. Danach ist man sofort mit extrem überladenen, alten Schiffen konfrontiert. Ich sehe dann, wie die Menschen auf den Booten auf kleinstem Raum eingepfercht sind. Sie winken mit ihren T-Shirts um Hilfe. Es fällt schwer, sich das vom Boden aus vorzustellen. Aus der Luft ist der Anblick wirklich unvorstellbar. Das Ausmass ist gewaltig. Es betrifft mich sehr zu sehen, wie vielen Menschen als einzige Alternative nur diese gefährliche Flucht über das Mittelmeer bleibt.

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Lebensrettende Koordinaten: Die Schweizer Piloten geben diese an die Rettungskräfte im Mittelmeer weiter. Bild: piloteninitiative.ch

Sie kommen also im Zielgebiet an und sehen die vielen Schiffe. Was können Sie von der Luft aus tun?
Das Wichtigste ist, einzuschätzen, welche Schiffe am dringendsten Hilfe brauchen. Wir leiten dann den Zustand und die Koordinaten der Flüchtlingsboote der Rettungsleitstelle MRCC Roma und den anderen Hilfsorganisationen vor Ort weiter. Diese leiten dann die Rettung ein. 

Die «Humanitäre Piloteninitiative»

Die beiden Piloten Fabio Zgraggen und Samuel Hochstrasser haben die Humanitäre Piloteninitiative (HPI) gegründet, um die Flüchtlingshelfer im Mittelmeer mit Luftaufklärung zu unterstützen. Dadurch können Einsätze besser koordiniert werden. Sie finanzieren sich über Spenden.

Werden viele der von euch gemeldeten Schiffe erreicht?
Die Mehrzahl. Auf dem Rückflug erhalten wir Rückmeldung von unserer Bodenstation, welche Schiffe gefunden und gerettet wurden. Es ist nur eine kleine Zahl von Booten, die nicht mehr gefunden werden. Ob diese gesunken sind oder einfach den Kurs geändert haben, wissen wir nicht. Aber jedes Schiff, dass wir nicht erreichen, ist eines zu viel.

Wie ist die Stimmung auf dem Rückflug an Bord?
Es ist bedrückend. Die Reichweite des Flugzeuges schränkt uns sehr ein. Wenn der Sprit ausgeht, muss der Einsatz beendet werden. Oft hätte man dann gerne noch weitere Orte abgesucht oder wäre einem neuen Hinweis nachgegangen. Es ist schwer, den verbleibenden Schiffen auf dem Meer den Rücken zuzukehren und zurück nach Malta zu fliegen. Aber wenn der Timer ausläuft, bleibt uns nichts anderes übrig. 

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Das Einsatzgebiet vor der Küste von Libyen. bild: sea-watch.org

Was passiert, wenn Sie zurück auf Malta sind? 
Wenn wir zurück sind, haben wir erstmal kurz Zeit, uns auszuruhen, das Gesehene zu verdauen.
Danach erstellen wir unseren Einsatzrapport und besprechen, was wir beim nächsten Einsatz bessermachen könnten. Wir sind mit mehreren Hilfsorganisationen in einem Einsatzcamp stationiert. Wir tauschen unsere Erfahrungen also auch mit weiteren Helfern aus, die am Tag mit Schiffen unterwegs sind.

Das klingt alles sehr professionell. Wie kamen Sie dazu, eine Organisation zu gründen?
Es fing eigentlich nur als Überlegung an. Als ich mit meinem Kollegen Samuel Hochstrasser an einem Abend über die untragbare Situation im Mittelmeer zu sprechen kam. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir handeln wollten, wussten nur nicht wirklich wie. Auf dem Wasser wären wir vermutlich keine grosse Hilfe gewesen. Also überlegten wir uns, was wir beitragen könnten. Da wir beide Piloten sind, kamen wir zum Schluss, dass wir mit dieser Fähigkeit wohl die grösste Hilfe leisten könnten.

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Das Flugzeug wird kontrolliert und betankt. Bild: piloteninitiative.ch

Und dann haben Sie sich entschlossen, HPI zu gründen?
Nein, so schnell ging das nicht. Ich habe am nächsten Tag bei verschiedenen Hilfsorganisationen per Mail nachgefragt, ob sie Piloten zur Aufklärung gebrauchen könnten. Diese reagierten sofort und waren sehr interessiert. Sie fragten uns, ob wir gleich am nächsten Tag damit beginnen könnten. Doch wir hatten ja erst eine Idee.

Also musste ein Team her.
Genau – sowie die Einsatzmittel, ein Flugzeug und Geld, um das alles zu finanzieren. Hätten wir zu Beginn gewusst, woran man alles denken muss, wären wir womöglich überwältigt gewesen. Wir sind das Ganze einfach Schritt für Schritt angegangen. Mittlerweile besteht unser Team aus neun Leuten, davon vier Piloten, ein Journalist für die Medienarbeit, ein Student, ein Treuhänder und zwei Unternehmensberater für das Fundraising und die Verwaltung der Mittel. Das hat sich alles so ergeben. Wir hatten viel Unterstützung aus der Szene vor Ort, die uns alle nötigen Kontakte vermittelte.

War es schwierig, eine Fluggenehmigung vor Ort zu erhalten?
Zuerst wollten wir von Tunesien aus starten, doch die Behörden dort waren sehr intransparent. Es herrschte grosse Verwirrung, ob wir nun starten können oder nicht. Wir haben dann nach Malta gewechselt und ein Flugzeug mit grösserer Reichweite angeschafft. Nun dauert der Anflug zwar länger, dafür war die Beschaffung der benötigten Dokumente von den europäischen Behörden sehr viel einfacher. Wir haben nun einen festgelegten Höhenblock über dem Küstengebiet vor Libyen für uns. Manchmal treffen wir noch auf ein spanisches Militärflugzeug und einen Helikopter der EU-Navy. Ansonsten ist der Luftraum dort leer.

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Überladen und alt: So sehen die Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer aus. bild: sea-watch.org

Das war ein langer Weg bis hierhin. 
Das stimmt. Und das wirklich Spezielle ist, dass wir alle hoffen, dass es uns so schnell wie möglich nicht mehr braucht.
Doch wie es im Moment aussieht, sind wir vor Ort weiterhin eine grosse Hilfe. Gegen Ende des letzten Einsatzes wurden wir immer öfter auch von anderen Institutionen aufgeboten, diese oder jene Abschnitte abzusuchen. 

Ihr möchtet weiterhin Einsätze fliegen?
Ja, so lange wie nötig. Unser nächstes Ziel ist es, über das ganze Jahr eine Station auf Malta zu haben. Dann können wir, sollte sich die Situation verschärfen, innert weniger Stunden vor Ort sein und Einsätze fliegen. Weiter wäre auch ein Flugzeug mit grösserer Reichweite nützlich, damit wir längere Einsätze fliegen könnten. Aber dafür müssen wir erst wieder Geld sammeln. Sollte die Finanzierung klappen, könnten wir uns vorstellen, unsere Dienstleistung auch für andere humanitäre Zwecke anzubieten, zum Beispiel für den Umweltschutz. 

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