Schweiz
International

Krieg im Iran: Die Schweiz steckt in einem zweifachen Dilemma

epa12750542 Switzerland's Foreign Minister Federal Councillor Ignazio Cassis (R) shakes hands with Iranian Foreign Minister Abbas Araghchi (L) during a bilateral meeting between Switzerland and I ...
Ein heikles Mandat: Aussenminister Ignazio Cassis und sein iranischer Amtskollege Abbas Araghtschi im Februar in Genf.Bild: keystone
Analyse

Der Iran-Krieg wird zum zweifachen Dilemma für die Schweiz

Die Schweiz vertritt die Interessen der USA im Iran. Nach Kriegsausbruch fordern Politiker die Aufgabe dieses Schutzmachtmandats. Heikle Fragen stellen sich auch zur Neutralität.
05.03.2026, 16:2105.03.2026, 16:21

Im Luftkrieg Israels und der USA gegen den Iran ist kein Ende in Sicht. Das stellt die Schweiz vor Probleme, angefangen mit den rund 5200 Reisenden, die in der Krisenregion festsitzen. Für ihre Rückkehr fühlt sich das Aussendepartement EDA nicht zuständig. Sie müssten ihre Eigenverantwortung wahrnehmen, hiess es am Mittwoch.

«Bleiben Sie dort, wo Sie sind», forderte Marianne Jenni, die Chefin der Konsularischen Direktion, die in Abu Dhabi, Doha und Dubai blockierten Touristen vor den Medien auf. Deren teilweise geäusserten Klagen über die fehlende Hilfe aus Bern sind tatsächlich fragwürdig. Und doch bleibt der Eindruck, dass das EDA es sich zu einfach macht.

Der Iran-Krieg in Bildern

1 / 24
Iran-Krieg in Bildern

Der Iran-Krieg zieht immer weitere Kreise. Israel etwa greift Hisbollah-Stellungen im Libanon an.

quelle: keystone / mohammed zaatari
Auf Facebook teilenAuf X teilen

Augen zu und durch, scheint die Devise von Aussenminister Ignazio Cassis und seinem Departement zu sein. Man hofft, dass der Krieg rasch enden und die Normalität zurückkehren wird. Sollte dies nicht der Fall sein, könnte die Schweiz in den Strudel hineingezogen werden. Denn der Krieg wird für sie zu einem zweifachen Dilemma:

Schutzmachtmandat

Seit 1980 vertritt die Schweiz im Iran die Interessen der USA. Sie hatten die Beziehungen zur Islamischen Republik nach der Besetzung ihrer Botschaft abgebrochen. Der dafür verwendete Begriff Schutzmachtmandat ist etwas hochgestochen: Die Schweiz erledigt konsularische Aufgaben und hält den Kommunikationskanal zwischen den beiden Regierungen offen.

Es ist keine Vermittlerrolle, eher die eines Briefträgers. Für die Schweiz sind solche Mandate Bestandteil ihrer Guten Dienste. Mit dem Kriegsausbruch aber gibt es aus der Politik Forderungen, das Mandat aufzugeben. Die Guten Dienste seien «faktisch sehr schlechte Dienste am iranischen Volk», sagte der frühere Mitte-Präsident Gerhard Pfister gegenüber Radio SRF.

Die Solothurner SP-Ständerätin Franziska Roth bezeichnet das Schutzmachtmandat als «Hauptursache für das Leisetreten der Schweiz gegenüber dem brutalen Mullah-Regime». Dazu gehört für Roth etwa der Verzicht auf die Übernahme der EU-Sanktionen nach den Massakern an Protestierenden im Januar. Die SP hatte den Bundesrat dafür hart kritisiert.

Protesters shout paroles and hold a "Fuck Khamenei" banner during a global protest against the Iranian regime in front of the Iranian embassy in Bern, Switzerland, Saturday, January 17, 2026 ...
Exil-Iraner demonstrierten während der Proteste im Januar vor der Botschaft in Bern.Bild: keystone

Das EDA habe die Guten Dienste zu oft «als Ausrede benutzt, um nicht Position beziehen zu müssen», räumt die NZZ ein, die das Mandat sonst verteidigt. Mit dem Krieg verschärft sich das Problem. «Wir sind der Briefträger zwischen zwei Pausenplatz-Schlägern», lästerte ein Nationalrat. Es gibt aber auch Stimmen, die vor einer Aufgabe warnen.

Für das Departement selbst ist dies «eine hypothetische Frage», heisst es hinter vorgehaltener Hand. Alles hänge vom weiteren Verlauf ab. Bei einem Regimewechsel in Teheran erübrige sich das Mandat, da beide Länder wohl zu normalen Beziehungen zurückkehrten. Sollte es hingegen schlimmer kommen, sei es vielleicht «notwendiger denn je».

Dabei stelle sich die Frage, ob Israel und die USA die gleichen Ziele verfolgten. Während die Israelis auf einen Regimewechsel hoffen, kamen von Donald Trump und seiner Regierung eher gegenteilige Signale. Die iranische Opposition sei deshalb «in der Klemme». Für die Schweiz könne dies deshalb nur eines bedeuten: abwarten.

Neutralität

Das zweite Dilemma betrifft unsere «heilige Kuh», die Neutralität. Obwohl sich die Schweiz herauszuhalten versucht, könnte sie indirekt trotzdem in den Krieg involviert werden. «Falls der Iran-Krieg länger dauert oder sich sogar noch ausweitet, müsste der Bundesrat gegenüber den USA das Neutralitätsrecht anwenden», berichtete Radio SRF.

epa12791386 A US Air Force aircraft takes off during the ongoing military operation in Iran from the US Air Base Ramstein in Landstuhl, Germany, 03 March 2026. Ramstein Air Base is a military airfield ...
US-Militärflugzeuge auf der Luftwaffenbasis Ramstein in Deutschland.Bild: keystone

Das betrifft zum einen die Überflüge amerikanischer Militärmaschinen. Als neutraler Staat müsste die Schweiz ihren Luftraum sperren, wie sie das bereits vor dem Ausbruch des Irak-Kriegs 2003 getan hatte. Allerdings scheinen die USA das Problem von sich aus zu lösen: Laut des «Tages-Anzeigers» umfliegen US-Flugzeuge die Schweiz seit Kriegsbeginn.

Heikler könnte der zweite Punkt werden: Die Schweiz müsste Exporte von Kriegsmaterial in die USA einstellen. Sie sind der zweitwichtigste Abnehmer nach Deutschland. Offenbar zeigen die Schweizer Behörden «in den für die Wahrung der Neutralität relevanten Bereichen bereits jetzt Zurückhaltung», teilte das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) dem SRF mit.

Das wäre nur konsequent. Schliesslich untersagte das SECO anderen Ländern mit Verweis auf das Neutralitätsrecht die Weitergabe von Rüstungsgütern an die von Russland angegriffene Ukraine. Und im jetzigen Fall sind es die USA, die gemeinsam mit Israel den Krieg begonnen haben. Ein Lieferstopp aber könnte zu neuen Reibereien mit dem launischen US-Präsidenten führen.

Das EDA setzt auf das Prinzip Hoffnung. «Aktuell kann noch nicht beurteilt werden, ob die Eskalation im Nahen Osten die Anwendungsvoraussetzungen des Neutralitätsrechts erfüllt», hiess es gegenüber dem SRF. Der Genfer Völkerrechtsprofessor Robert Kolb widersprach in der NZZ: Angesichts der Intensität der Kampfhandlungen gelte das Neutralitätsrecht schon jetzt.

Je länger der Konflikt dauert, umso schwieriger wird es, ihn «auszusitzen». Dies wird sich auf die Debatte über die von SVP-Doyen Christoph Blocher angestossene Neutralitäts-Initiative auswirken. Der Krieg könnte ihr Rückenwind verleihen, doch für die Gegner wären gerade die Dilemmas ein Beleg dafür, dass die Schweiz ihre Neutralität flexibel anwenden muss.

Am Mittwoch und Donnerstag beriet der Nationalrat über die Initiative. Er lehnte sie genauso deutlich ab wie einen Gegenvorschlag, während der Ständerat einen solchen unterstützte. Das Geschäft soll noch in der Frühlingssession bereinigt werden. Die Volksabstimmung würde im September stattfinden. Bis dann ist der Iran-Krieg – hoffentlich – vorbei.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Iran-Proteste 2026
1 / 16
Iran-Proteste 2026

Ende Dezember begannen Proteste in Iran. Die Aufnahme zeigt Teheran am 9. Januar.

quelle: keystone
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Spontane Kundgebung vor der Iranischen Botschaft
Video: extern
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
30 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Petersilly
05.03.2026 16:33registriert August 2020
Man mag es kaum glauben: Eine Nation, die allen Ernstes behauptet, eine „Schutzmacht“ zu sein, während sie sich gleichzeitig hinter dem Sofa ihrer eigenen Diplomatie verkriecht. Der Artikel enthüllt weniger einen Krieg im Nahen Osten als vielmehr die existenzielle Krise unserer Außenpolitik – eine Mischung aus Selbsttäuschung, Opportunismus und dem kindlichen Glauben, man käme mit einem freundlichen Bonjour und einem Blick zur Seite davon.
232
Melden
Zum Kommentar
avatar
Nathan der Weise
05.03.2026 16:59registriert Juli 2018
Gestern stand noch wie die Schweiz profitieren kann und heute ist sie im Dilemma.
211
Melden
Zum Kommentar
avatar
Grüner Kobold
05.03.2026 17:01registriert Oktober 2018
„Aktuell kann noch nicht beurteilt werden, ob die Eskalation im Nahen Osten die Anwendungsvoraussetzungen des Neutralitätsrechts erfüllt„

Aha sie beobachten zuerst ob es wirklich ein Krieg ist? Was meinen die denn was das sonst ist, eine Produktion für einen neuen Marvel Film der in Nahost spielt?

Und eine Kriegspartei nicht verägern wollen, das ist eben nicht Neutral, sonder Parteisch für Trump sein.
279
Melden
Zum Kommentar
30
Lebensmittel-Hamsterkäufe in Golfstaaten: Regierungen beschwichtigen
Viele Touristen sitzen in den Golfstaaten fest. Wegen des Konflikts meiden Frachtschiffe die Strasse von Hormus. Das hat Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung. So ist die Lage.
Der Irankrieg hat für die Bevölkerung in den Golfstaaten Folgen. Weil Frachtschiffe die Strasse von Hormus meiden, gelangen weniger Waren in die Region. In einem Interview mit SRF berichtet Stefan Paul, Chef von Kühne+Nagel, dass beispielsweise Dubai nur noch frische Lebensmittel für rund zehn Tage hat. Er warnt, dass es zu Engpässen kommen könnte, sollte die Lage andauern.
Zur Story