Im Stundentakt gelangen derzeit Flüchtende aus der Ukraine in die Schweiz. 8500 waren es bis am Mittwoch. Die meisten kommen mit dem Zug am Zürcher Hauptbahnhof an und werden danach für die Registrierung zum Bundesasylzentrum geschickt. Dort bilden sich seit Tagen lange Schlangen. Die Ukrainerinnen – die meisten sind Frauen mit ihren Kindern – sitzen auf ihren Koffern, gucken in Handys, warten geduldig, bis sie an der Reihe sind.
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Mit gesenkten Köpfen trotten zwei junge Männer an der Menschenmenge vorbei. Sie sind Hassan und Nidal, beide 17 Jahre alt und aus der kurdischen Stadt Derik im Dreiländereck zwischen Syrien, der Türkei und dem Irak. Hassan ist seit vier Monaten in Zürich, Nidal seit zwei Monaten. Beide waren fast ein halbes Jahr unterwegs und gelangten im Lastwagen oder zu Fuss über die Balkanroute in die Schweiz.
Ihre Stimmen gehen im Lärm der Strassen beinahe unter. Schüchtern blicken sie auf ihre Schuhe. Ihr Asylgesuch sei abgelehnt worden, erzählen sie. Sie hätten aber eine vorläufige Aufnahme erhalten, den sogenannten F-Ausweis. Weil sie beide noch nicht 18 Jahre alt sind, warten sie darauf, in einer speziellen Unterkunft für Minderjährige untergebracht zu werden. Sie seien froh, in der Schweiz zu sein. Hier behandle man sie gut.
Natürlich hätten sie mitbekommen, was derzeit in der Ukraine passiert. So ganz genau würden sie die Nachrichtenlage aber nicht verfolgen. Hassan zeigt auf die ukrainischen Flüchtenden und sagt: «Aber wir wissen, dass sie ähnlich sind wie wir. Auch sie sind vor einem Krieg geflüchtet.»
Die allermeisten ukrainischen Flüchtenden werden im Bundesasylzentrum nur registriert und danach in eine andere Unterkunft gebracht. Einige von ihnen kommen danach bei Privatpersonen unter. Dass die Ukrainer kommen und nach einigen Stunden wieder gehen, haben auch Hassan und Nidal beobachtet. Hassan sagt: «Klar, wäre es schöner, bei jemandem zu Hause zu wohnen. Aber hier ist es auch in Ordnung.» Sie schlafen in einem 8er-Zimmer.
Die zwei syrischen Jugendlichen geben sich genügsam, wollen sich nicht beschweren und auf keinen Fall negativ auffallen. Sie kennen die Vorurteile gegenüber «jungen, arabisch aussehenden Männern». Sie fürchten, ein falsches Wort oder eine aufmüpfige Geste könnte ihren Asylstatus in Gefahr bringen. Darum wollen sie lieber unbemerkt und in Ruhe gelassen werden. Ihr Wunsch sei, in der Schweiz studieren zu können.
Zwei junge Afghanen gehen vorbei. Man begrüsst sich distanziert, Nidal hat auf der Flucht in die Schweiz etwas Dari gelernt, kann aber nicht mehr als ein paar Brocken reden. Ein weiterer Mann, der die Szene beobachtet hat, kommt dazu. Er sei aus Kiew, sagt er auf Englisch. Dort habe er studiert. Ursprünglich komme er aber aus Pakistan und spreche ebenfalls Dari. Die zwei Afghanen werden hellhörig. Und dann reden alle gleichzeitig.
Mithilfe des Studenten stellen sich die zwei Afghanen vor. Sie heissen Diar und Jonis, sind beide 16 Jahre alt und kamen erst vor wenigen Tagen in der Schweiz an. Ähnlich wie die Syrer Hassan und Nidal waren auch sie monatelang unterwegs. Jonis sagt, er sei auf der Flucht misshandelt worden. Er zeigt auf seinem Handy Fotos von seinem blau angelaufenen Gesicht und blutig geschlagenen Füssen.
Je länger die nun immer grösser werdende Gruppe miteinander spricht, umso mehr trauen sie sich zu sagen, dass so ganz zufrieden sie eben doch nicht sind. Diar sagt, seine Befragung für das Asylgesuch sei auf Eis gelegt worden. «Wegen der vielen ukrainischen Personen, die jetzt kommen.» Jonis erzählt, man müsse jetzt jedes Mal lange anstehen, wenn man ins Bundesasylzentrum reingehen wolle. «Gestern dauerte es 40 Minuten, bis ich rein konnte. Und ich hatte nur einen Pullover an. Mir war so kalt.»
Diar beruhigt seinen Kollegen, der sich etwas ereifert. Er möchte etwas klarstellen: «Was in der Ukraine passiert, ist schrecklich. Und mir tun die Menschen dort unendlich leid. Aber was in Afghanistan passiert, ist auch schlimm. Ich verstehe nicht, warum man uns so unterschiedlich behandelt.» Er findet es gut, dass man den ukrainischen Menschen jetzt helfe. «Aber ich wünschte, man würde auch uns mit offenen Armen empfangen.»
Dass man entschied, den ukrainischen Flüchtenden den Schutzstatus S zu gewähren, sie aber den F-Ausweis bekommen, findet Diar ungerecht. Er sagt: «Sie bekommen mehr Rechte, weil sie Europäer sind.»
Tatsächlich ist es so, dass vorläufig Aufgenommene mit dem F-Ausweis ihre Familien nicht nachziehen können, keine Reisefreiheit haben und anstatt Sozialhilfe die tiefer angesetzte Asylfürsorge erhalten.
Der pakistanische Student aus Kiew übersetzt all dies und hält dann plötzlich inne. Er fragt: «Und was bekomme ich? Ein S oder ein F? Hoffentlich kein F!» Einer der Umstehenden beruhigt ihn: «Wenn du eine Aufenthaltsbewilligung für die Ukraine besitzt, dann bekommst du ein S.» Der Student lacht erleichtert: «Die habe ich.» Die um ihn stehenden Afghanen und Syrer schweigen betreten. Sie können sich nur halbwegs für ihn freuen.
mMn
Aber die Bevölkerung in Afghanistan hatte die Taliban auf ihrem Vormarsch mit offenen Armen empfangen. Trotz guter Bewaffnung hatte niemand für sein Land und die Freiheit kämpfen wollen.
Ich muss sagen auch für mich sind das zwei Paar Schuhe.
Syrien hingegen ist eher vergleichbar. Die Kurden haben tapfer gekämpft und wurden vom Westen wie eine heisse Kartoffel fallen gelassen.
maylander
Aus anderen Regionen kommen hauptsächlich Männer, die ihre Mutter, Schwester oder Frau irgendwo zurück lassen.
Afghanistan wurde mit mehr Mitteln als die Ukraine unterstutz und sie sind einfach zu den Taliban übergelaufen.
Da können die Jugendlichen nichts dafür. Ich hoffe dass Europa aus der Sache lernt.. Das Appeasement gegen Diktatoren und Extremistenund falsche Rüchsichtsname auf Tradition und Religion muss endlich aufhören.
Drachäfudi