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bild: samuelschumacher

Dieser Schweizer war in jedem Land der Welt – belegt unter Extremreisenden aber nur Rang 5

Roman Brühwiler hat alle Länder auf diesem Planeten besucht. Doch das reicht noch lange nicht, um der meistgereiste Mensch der Welt zu sein.
07.07.2017, 21:1109.07.2017, 11:33
Samuel Schumacher / Nordwestschweiz

Kennst du dieses Spiel, bei dem man mit geschlossenen Augen irgendwo auf die Weltkarte tippt und dann dahin reist, egal, wie ausgeflippt oder weit entfernt das Ziel ist? Für viele Menschen ein spannender Weg, neue Orte zu entdecken. Nicht so für Roman Brühwiler. Sein Problem: Er war schon überall. Der 58-jährige St.Galler steht in seinem Landhaus in Zuzwil und schaut auf die riesige Weltkarte, die neben den gerahmten Bildern seiner vier Kinder an der Wand hängt. Die Karte ist übersät mit orangen Kleberli, auf denen er jeweils das Datum seines Besuchs hinkritzelt. Bagdad, Bangladesch, Burundi? War er. Mogadischu, Malawi, Mauretanien? Check! Neuguinea, Nauru, Nordkorea? Hat er abgehakt. Roman Brühwiler ist ein Extrem-Traveller. Nur vier Menschen haben noch mehr von der Welt gesehen als er, doch dazu später.

Brühwiler setzt sich an den grossen Holztisch in seinem Wintergarten. Hinter ihm hängen Gewitterwolken pittoresk über den Ostschweizer Alpen. Unten im Garten plätschert das Wasser in einen hübschen Schwimmteich. Der Rasen ist frisch geschnitten, die Sträucher blühen, helvetisches Idyll. Doch Brühwiler reicht das nicht, um glücklich zu sein. Nach vier Jahren als Lehrer ging er zum ersten Mal auf Weltreise, alleine. «Meine Frau war mit unserem zweiten Kind schwanger», sagt er. Sie habe das Reisen weit weniger fasziniert als ihn. «Aber sie liess mich gehen, weil sie wusste, wie wichtig mir das war – und weil sie ohne mich mehr Zeit für all ihre Freundinnen hatte.» Diesen freiheitlichen Deal hatten sich die beiden gewahrt, bis seine Frau im vergangenen Jahr verstorben ist.

20 Länder an einem Tag

Auf der Weltreise hat's ihn dann so richtig gepackt. Er hat sich vorgenommen, binnen eines Jahres alle Länder der Welt zu besuchen. «Für mich war das eine rein organisatorische Challenge. Ich wollte wissen, ob ich das hinkriege.» Er stellte ein kleines OK-Team aus Freunden und Verwandten zusammen und legte los. «Ich hatte sieben Schweizer Pässe», erzählt Brühwiler. Das war nötig, um all die notwendigen Visa rechtzeitig zu erhalten.

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Am 3. April 2006 startete er in San Marino. 364 Tage später landete er im kleinen Inselstaat Nauru. Er hatte es geschafft. In einem Jahr setzte Brühwiler mindestens einen Fuss in alle 194 Länder der Welt. Manchmal blieb er nur ein paar Minuten (5 in Weissrussland, 10 in Saudi-Arabien, 11 in Guinea Bissau, 18 in Lesotho, 28 in Irland), manchmal ein paar Tage. «Es ging mir nicht um den Genuss», sagt Brühwiler. «Reisen war für mich damals ein Leistungssport.»

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Entlang des Weges stellte er mehrere Rekorde auf, die das Guinness-Buch nur deshalb nicht akzeptierte, weil er für dessen Verhältnisse zu oft mit dem Flugzeug reiste. Er besuchte fünf afrikanische Länder in 24 Stunden, flog 28 600 Kilometer in 36 Stunden und – da würde auch die ambitionierteste japanische Reisegruppe vor Neid erblassen – betrat in nur einem Tag 20 europäische Länder. Ist das nicht Verrat an der Reiseseele? Doch, das sei es, gibt Brühwiler zu. «Aber eben: Es ging mir nicht um den Genuss.»

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Bei seinem neuen Projekt ist das ganz anders. Brühwiler will bis in 15 Jahren alle rund 4000 Provinzen und alle 1100 Unesco-Weltkulturerbestätten besuchen – nicht nur für wenige Minuten, sondern so richtig. Seit zehn Jahren ist er dran. Rund einen Drittel hat er schon geschafft. Er liegt gut im Plan. Ob es schlussendlich wirklich aufgeht, wird sich aber erst noch weisen. «Bei Syrien, zum Beispiel, muss ich jetzt halt einfach abwarten. Da kann man momentan schlicht nicht hin», sagt Brühwiler.

Sein Wahnsinns-Projekt hat ihm nicht nur goldene Vielflieger-Karten mit Lounge-Zugang an vielen Flughäfen gebracht, sondern ihn auch in einen Top-Rang der erlauchten Liste der «Most Traveled People» katapultiert. Die Liste gilt in der Extrem-Traveler-Szene als Massstab aller Dinge. Sie definiert aktuell 875 Ziele auf der Welt, an denen man gewesen sein muss, um sich meistgereister Mensch der Welt schimpfen zu können.

Brühwiler belegt derzeit Rang fünf. Er hat 817 der 875 Ziele bereist. In der Szene kennt man sich. An besonders schwierig zu erreichende Orte reist man auch mal gemeinsam, um sich die Kosten zu teilen. Gerade im vergangenen April zum Beispiel besuchte er mit einigen der anderen Top-Platzierten die somalische Hauptstadt Mogadischu – begleitet von schwer bewaffneten Sicherheitsleuten. «Die Stimmung unter uns ist jeweils völlig entspannt», sagt Brühwiler. «Wir haben noch nie auf hoher See einen über Bord geworfen.»

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«Gemeinsame Ausflüge von Süchtigen»

Brühwiler macht kein Geheimnis draus, was diese Trips in Wirklichkeit sind: «Gemeinsame Ausflüge von Süchtigen.» Süchtige mit ziemlich dickem Portemonnaie. Denn diese Exkursionen sind richtig teuer. Die meisten der Top-Platzierten seien Geschäftsleute, die ihre Firmen verkauft hätten und nichts mehr anderes machten, als rumzureisen. Auch er selbst hat das so gemacht. Nach vier Jahren als Lehrer führte Brühwiler zuerst eine Weile ein eigenes Reisebüro. Dann gründete er eine Firma, die mit Lehrmitteln handelt. Die Firma hat er verkauft.

Inzwischen ist er sechs Monate im Jahr auf Reisen. Die anderen sechs Monate verbringt er mehrheitlich damit, die extremen Trips zu planen. Dreimal wöchentlich trainiert er im Fitnessstudio, um den körperlichen Herausforderungen gewachsen zu sein. Im Winter bohrt er jeweils zwei Löcher in seinen gefrorenen Schwimmteich und taucht unter der Eisschicht hindurch. Abhärtungstraining für anstehende Exkursionen. Und was kostet das alles? «Wie viel Geld ich für die Reisen ausgebe, weiss ich nicht», sagt Brühwiler und lächelt.

«Zentral ist die Mimik und die Gestik, und die wirkt am natürlichsten, wenn man in seiner Muttersprache spricht.»

Auf seinen Reisen hat der Weltgänger ziemlich brenzlige Situationen erlebt. Er wurde am Nilufer brutal zusammengeschlagen, in Tahiti ausgeraubt, verlor im Sudan all seine Reisedokumente und kam in Amerika Face-to-Face mit einem wilden Grizzlybär. Er hat extrem abgelegene Flecken besucht wie Scott Island in der Antarktis.

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Er hat «schreckliche Orte» gesehen wie Kuwait oder Bangladesch und ist spektakulär gescheitert: an der Bouvet-Insel weit draussen im Südatlantik. Er hat die Insel auf einem Boot zweimal umrundet, doch die Wellen waren zu gefährlich. «Ich wäre noch so gerne an Land geschwommen. Doch der Expeditionsleiter liess mich nicht.»

Klimawandel sei dank

Heimatlos sei er aber nie geworden. Er komme immer gerne in die Schweiz zurück. Doch nach spätestens drei Wochen «fangts a züche». Dann müsse er wieder raus in die weite Welt. Als Nächstes steht eine Schiffsreise entlang der Nordküste Russlands auf dem Programm. Auch auf dieser Reise wird er überall Schweizerdeutsch sprechen, wie immer in fremden Ländern, deren Sprache er nicht versteht. «Zentral ist die Mimik und die Gestik, und die wirkt am natürlichsten, wenn man in seiner Muttersprache spricht.» Die Russlandreise führt vorbei an Franz-Josef-Land. Da war er noch nicht. «Bisher ging's nicht wegen des ewigen Eises. Doch dank dem Klimawandel wird's jetzt möglich», sagt Brühwiler.

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Haben wir richtig gehört? Der Klimawandel als Reisehilfe? «Genau. Den Klimawandel hat's immer gegeben», sagt Brühwiler. «Wer sagt denn, dass sich die Welt nicht verändern dürfe? Wieso muss alles so bleiben, wie's jetzt ist?» Er werde oft auf seinen ökologischen Fussabdruck angesprochen. «Aber diese Diskussion ist doch Blödsinn. Die Welt ist zum Geniessen da.» Punkt.

Der Reporter beisst ins Erdbeertörtchen. Kurze Gesprächspause. Dann doch noch die alles entscheidende Frage: «Sie waren überall, Herr Brühwiler. Wo ist's denn eigentlich am schönsten?» Die Antwort kommt blitzschnell: «Auf der Lord Howe Island östlich von Australien», sagt Brühwiler. Wilde Bergwelt, einsame Strände, unglaubliche Vegetation: Das sei das Paradies. Irgendwann möchte er da noch einmal hin, um sich auszuruhen von all den Reisen. Doch vorerst warten noch etwa 2500 Provinzen auf ihn. Wenn er sich an seinen Reiseplan hält, wird er in absehbarer Zeit den ersten Rang auf der Liste der Meistgereisten einnehmen. «Das wäre aber eigentlich ein Seich. Dann wäre die Herausforderung vorbei», meint Brühwiler. Ein wahrer Genussmensch würde das wohl kaum so sagen. (aargauerzeitung.ch)

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