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Iraker sind auf der Flucht aus Europa – zurück in den Irak



Zwei kürzlich erschienene Reportagen über syrische und irakische Flüchtlinge, die in Europa nicht recht glücklich werden, spielen sich in Skandinavien ab. Der «Tages-Anzeiger» war in Nordschweden, die «New York Times» in Finnland. Wen wunderts, ist man versucht zu denken. Denen ist es da oben einfach zu kalt. 

Refugees disembark and make their way to a camp at a hotel touted as the world's most northerly ski resort in Riksgransen, Sweden, December 15, 2015. Picture taken December 15, 2015. REUTERS/Ints Kalnins

Flüchtlinge bei der Ankunft im nördlichsten Skiort der Welt, in Riksgransen, Schweden (15.12.2015).
bild: INTS KALNINS/REUTERS

Doch die Assoziation Skandinavien und Depression ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Schnee gibt es auch in Aleppo und Mossul, an der Kälte allein kann es nicht liegen. Vielmehr ist die Enttäuschung über Europa auch in den südlicheren Breitengraden spürbar – und dort sogar ausgeprägter.

Der Frust der Flüchtlinge lässt sich an der steigenden Zahl freiwilliger Irak-Rückkehrer ablesen. Obwohl der «IS» Teile des Landes besetzt hält, ist die Sicherheitslage im kurdischen Teil sowie im Süden vergleichweise stabil. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat vergangenes Jahr knapp 3500 Iraker bei der Heimkehr aus Europa unterstützt, Tendenz steigend. Auf Anfrage verrät die Organisation mit Sitz in Genf ein interessantes Detail:

«Die abschliessenden Zahlen für 2015 werden momentan noch zusammengestellt, doch eines lässt sich bereits heute sagen: Die überwältigende Mehrheit (69 Prozent) der Iraker kehrten aus nur drei Ländern zurück, nämlich Belgien, Österreich und Deutschland, in dieser Reihenfolge.»

Itayi Viriri, Internationale Organisation für Migration (IOM), Genf

Was ist denn so schlimm an Belgien? Haitham Abdulatif (48) sagte gegenüber der «New York Times», er habe davon geträumt, dass er rasch ein Haus und eine gute Arbeit zugeteilt bekomme. Das sei nicht passiert. Auch das Essen habe er gehasst: Milch und Toast zum Früchstück und Käsesandwichs zum Mittagessen. Irgendwann hatte er genug und bat um Rückführung.

Sekvan Agho (26) hielt es gerade einmal drei Monate in Deutschland aus, und das nach der gefährlichen und teuren Flucht über die Türkei, Griechenland und den Balkan. «Ich sage nicht, dass es in Deutschland nicht schön ist. Es ist schön, aber für Europäer», sagte er der Nachrichtenagentur AP, bevor er den Heimflug antrat.

An Iraqi refugee returning from Germany kneels down and kisses the ground after arriving at Erbil airport in Iraq January 27, 2016.  REUTERS/Azad Lashkari

Ein irakischer Heimkehrer aus Deutschland küsst nach der Ankunft in Erbil den Boden (27.01.2016).
Bild: AZAD LASHKARI/REUTERS

Laut einer Sprecherin der irakischen Fluggesellschaft Iraqi Airlines handelt es sich bei 40 von 180 Passagieren auf dem wöchentlichen Flug von Berlin in die kurdische Metropole Erbil um Heimkehrer. Auf den Flügen von Düsseldorf und Frankfurt sei es ebenso.

«Es verlassen immer noch viel mehr Menschen den Irak, als dass sie zurückkommen. Ihre Heimkehr ist nicht etwa ein Beleg dafür, dass sich die Lage zu Hause verbessert hat. Sondern wenn überhaupt Ausdruck der Enttäuschung über die unerwarteten Erfahrungen in Europa.»

Namo Abdulla, kurdischer Journalist 

Neben der Enttäuschung über unerfüllte (und unrealistische) Erwartungen nennen viele die kulturellen Unterschiede zwischen dem liberalen Westeuropa und den konservativen arabischen Gesellschaften in ihrer Heimat als Grund für die Rückkehr. Zudem habe sich das Klima gegenüber Flüchtlingen nach den Terroranschlägen von Paris sowie nach den sexuellen Übergriffen in Köln merkbar verschlechtert.

Trend auch in der Schweiz spürbar

Die 3500, die von der IOM in ihre Heimat gebracht wurden, sind nur ein Bruchteil aller Iraker, die 2015 freiwillig die Heimreise angetreten haben. Viele nutzen die Rückkehrhilfe ihrer Gastländer oder ihrer Botschaft. Auch in der Schweiz ist der Trend spürbar, allerdings nur in absoluten Zahlen: 

«Im ersten Halbjahr 2015 reisten bei 214 Asylgesuchen 18 Personen selbständig mit Rückkehrhilfe in den Irak zurück, was einer Ausreisequote von 8.4% entspricht. In den folgenden Monaten bis Ende Januar 2016 waren es bei 2541 Asylgesuchen 129 Personen, Ausreisequote 5.1%.»

Lea Wertheimer, Staatssekretariat für Migration (SEM), Bern

Wie andere Gastländer gewährt auch die Schweiz ausreisewilligen Irakern eine individuelle Rückkehrhilfe, die neben den Reisekosten aus einem Barbetrag sowie einer projektbezogenen Finanzierungshilfe besteht. Viele kämen sonst völlig mittellos in der Heimat an, da sie ihre Ersparnisse für die Flucht aufgebraucht haben.

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