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«Die verbalen Beschimpfungen des Kabinen- oder Bodenpersonals und anderer Passagiere hat zugenommen», sagt eine Sprecherin von Swiss. (Symbolbild)
«Die verbalen Beschimpfungen des Kabinen- oder Bodenpersonals und anderer Passagiere hat zugenommen», sagt eine Sprecherin von Swiss. (Symbolbild)
Bild: keystone

Fluggäste flippen immer häufiger aus: 50 Prozent mehr Unruhestifter, kaum Strafen

Randalierende Passagiere haben sich in der Schweiz im Vergleich zu 2016 fast verdoppelt. Eine neue Regelung soll Abhilfe schaffen, für die Gemüter der Mitreisenden und das Portemonnaie der Fluggesellschaften.
24.06.2020, 11:3824.06.2020, 16:30

Fluggäste, die andere Passagiere belästigen, die Besatzung attackieren oder gar das Flugzeug beschädigen, gehören längst zum Alltag vieler Fluggesellschaften. Auslöser der Konflikte an Bord sind meist von banaler Natur: eine geschlossene Fensterblende, die Rückenlehne des Vordermanns, eine Anweisung des Kabinenpersonals.

Im Jahr 2019 wurden 1357 Straftaten beim Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) gemeldet. Das entspricht 508 Delikten mehr als im Vorjahr, verglichen mit 795 im Jahr 2017 und 695 im Jahr 2016. Die Anzahl der gemeldeten Querulanten in Flugzeugen hat sich in der Schweiz gegenüber 2016 also fast verdoppelt.

Die Swiss kommuniziert keine genauen Zahlen, bestätigt aber eine Zunahme der Vorfälle mit randalierenden Passagieren. «Hauptgründe für die tendenziell leichte Erhöhung können die Zunahme der Passagierzahlen durch die Inbetriebnahme neuer Flugzeuge mit mehr Kapazität sowie die verstärkte Sensibilisierung unseres Boden- und Kabinenpersonals sein», sagt die Sprecherin der Swiss.

Über 70 Prozent physische Aggressionen

Derselbe Trend zeichnet sich nicht nur bei den heimischen, sondern auch bei internationalen Fluggesellschaften ab: 2019 wurden der International Air Transport Association (IATA) von verschiedenen Fluggesellschaften 10'854 Passagiervorfälle gemeldet – Tendenz stark steigend.

Der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) zufolge wird alle drei Stunden die Sicherheit eines Fluges von einem sogenannten «unruly passenger» bedroht. Über 70 Prozent dieser Fälle enthalten nach der EASA physische Aggressionen. Gemäss derselben Organisation muss einmal im Monat ein Flugzeug wegen eines problematischen Vorfalls in Europa notlanden.

Ein Zusammenschnitt einzelner Szenen von Fluggästen, die völlig ausflippen.

Diese Zahlen sind für die Fluggesellschaften ein Problem. Nicht nur werden Sicherheit und Komfort an Bord gefährdet, eine Unruhe stiftende Person kann auch hohe Kosten verursachen. Wenn eine Maschine notlanden oder den Flugkurs ändern muss, kann dies das Unternehmen schnell über 100'000 Dollar kosten, zitiert die «Süddeutsche Zeitung» den IATA-Vizepräsidenten Paul Steele.

Alkohol, Tabak und Regelverstösse

Die drei häufigsten Ursachen von Krawallen in hoher Höhe sind gemäss IATA Rauchen, Trunkenheit und Verstösse gegen die Anweisungen des Kabinenpersonals. «In den vergangenen Jahren waren Alkohol- und Drogenkonsum die häufigste Ursache für renitentes Verhalten», sagt eine Swiss-Sprecherin zu watson.

«Verbale Beschimpfungen des Kabinen- oder Bodenpersonals und anderer Passagiere haben zugenommen.»
Swiss

Ausserdem ist es nicht die Bord-Bar, die dem Frieden meist zum Verhängnis wird, sondern der vorher oder heimlich während dem Flug konsumierte Alkohol, wie die IATA mitteilt. Das bestätigt auch die Swiss: Selbst mitgebrachter und heimlich konsumierter Alkohol sei auch ein der Swiss bekanntes Problem.

Ein Mann wird aus einer American-Airlines-Maschine abgeführt, nachdem er unter schwerem Alkohol- und Drogeneinfluss gegen die Sicherheitsvorschriften verstiess (19. Mai 2017).
Ein Mann wird aus einer American-Airlines-Maschine abgeführt, nachdem er unter schwerem Alkohol- und Drogeneinfluss gegen die Sicherheitsvorschriften verstiess (19. Mai 2017).
Bild: AP/AP

Am meisten gemeldet worden sei 2019 aber die Missachtung von Sicherheitsregeln, teilt Swiss mit. Manche Passagiere schnallen sich trotz ausdrücklicher Anweisung nicht an. Andere wiederum wollen ihre elektronischen Geräte nicht abschalten, obwohl sie mehrfach auf das Verbot hingewiesen wurden.

«Die Swiss trainiert und sensibilisiert sowohl das Kabinen- als auch das Bodenpersonal darauf, auffällige Passagiere bereits am Boden zu identifizieren.»
Swiss

Nicht selten kommt es dabei zu verbalen oder gar physischen Auseinandersetzungen mit dem Flugpersonal. «Ebenfalls zugenommen haben die verbalen Beschimpfungen des Kabinen- oder Bodenpersonals und anderer Passagiere», sagt die Swiss-Sprecherin.

Bei rund 10 Prozent der Fälle kommt es zur Androhung von Übergriffen oder sexueller Belästigung. In 4 Prozent der Vorfälle kann das Verhalten des Passagiers das Leben anderer Menschen gefährden, manche versuchen gar ins Cockpit zu gelangen, zeigt eine Umfrage der IATA.

«Die Swiss trainiert und sensibilisiert sowohl das Kabinen- als auch das Bodenpersonal darauf, auffällige Passagiere bereits am Boden zu identifizieren», sagt die Swiss-Sprecherin. Dabei stehe die Deeskalation der Situationen an erster Stelle.

Kaum Konsequenzen für Täter

«Im Durchschnitt werden zwischen 5 und 10 Prozent der gemeldeten Fälle mit einer Geldstrafe belegt», sagt Christian Schubert vom BAZL. International werden knapp 40 Prozent aller Vorfälle juristisch verfolgt: Nur rund jeder dritte Unruhestifter muss demnach mit Konsequenzen rechnen, wie die IATA mitteilt.

Das liegt hauptsächlich an der unklaren internationalen Regelung. So fühlt sich beispielsweise die Polizei in Abu Dhabi nicht für den Unruhestifter verantwortlich, nur weil sich die Lufthansa-Maschine dort zur Landung gezwungen sah. Die Unsicherheit darüber, wer auf wessen Boden für welches Vergehen im Luftraum juristisch verantwortlich ist, führt zu einem Mangel an gerichtlicher Zuständigkeit.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Polizei der Zugang zu Aussagen oder Informationen teils verwehrt bleibt, weil die Betroffenen ihre Reise bereits fortgesetzt haben.

Neue Regeln für härtere Strafen

Abhilfe soll das Montreal-Protokoll 2014 schaffen – sowohl für die mangelnde Gerichtsbarkeit als auch für die steigende Anzahl Vorfälle an Bord. Das Protokoll gibt Regierungen ein juristisches Werkzeug in die Hand, um das Fehlverhalten in Flugzeugen hart zu bestrafen. Konnten in der Vergangenheit viele randalierende Fluggäste gerichtlich nicht belangt werden, so soll sich das nun ändern.

Der Bundesrat hat am 27. Mai 2020 das internationale Protokoll unterzeichnet und an das Parlament zur Verabschiedung weitergereicht, wie aus einer Medienmitteilung des BAZL hervorgeht. Damit soll das Montreal-Protokoll das bereits bestehende Tokio-Protokoll in der Schweiz bald ergänzen.

Neu gilt eine «zusätzliche obligatorische Gerichtsbarkeit des Halter- wie auch des Landestaates». In anderen Worten: Der Staat, in dem das Flugzeug gelandet ist, kann nun ebenso juristisch gegen Unruhestifter vorgehen wie das Land, aus dem die Fluggesellschaft stammt.

Als weitere Änderung enthält das Protokoll eine Liste der schwersten Straftaten. Zudem sieht das Protokoll auch Schadenersatzansprüche vor, die gegenüber den Querulanten geltend gemacht werden können.

Allerdings tritt das Montreal-Protokoll erst in Kraft, wenn mindestens 22 Länder das Protokoll ratifiziert haben. Derzeit seien es gerade einmal sechs Staaten, schreibt die IATA.

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