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Matteo mit einem syrischen Mädchen in Tel Rifaat.
Matteo mit einem syrischen Mädchen in Tel Rifaat.
Bild: zvg

Warum dieser 23-Jährige Schweizer lieber in Nordsyrien stirbt, statt nach Hause zu kommen

Matteo war ein Schweizer Geschichtsstudent, bevor er sich der kurdischen Revolution in Rojava anschloss. Er fürchtet den Untergang der Kurden mehr als den Tod.
25.10.2019, 09:39

Matteo ist nicht Ihr echter Name. Wie heissen Sie richtig?
Hier in Rojava sind unsere Geburtsnamen bedeutungslos. Wir bekommen neue Namen. Ich möchte aber weder den Namen, den ich hier trage noch meinen richtigen Namen preisgeben.

Warum?
Ich habe unter anderem als Sanitäter gearbeitet und auch verwundete IS-Kämpfer medizinisch versorgt. Darunter solche, die ursprünglich aus Europa stammten. In den vergangenen Wochen gelang vielen von ihnen die Flucht aus den Gefängnissen. Einige werden jetzt versuchen, nach Europa zurückzureisen. Ich möchte nicht, dass diese Leute mein Gesicht mit meinem richtigen Namen und Wohnort in Verbindung bringen.

Sie stammen aus der Westschweiz?
Richtig. Ich bin 23 Jahre alt und bevor ich nach Rojava ging, war ich Student in den Fächern Geschichte und Politikwissenschaften und lebte im französischen Teil der Schweiz. Mehr präzisieren möchte ich nicht.

«Das ist echte und radikale Demokratie, die es so nirgendwo sonst gibt auf der Welt.»

Seit wann sind Sie in Rojava?
Seit eineinhalb Jahren. Nach der türkischen Militäroffensive in Afrin, beschloss ich, nach Rojava zu reisen.

Warum?
Schon in der Schweiz beschäftigte ich mich eingehend mit der kurdischen Revolution in Nordsyrien. Ich las Bücher, stand in Kontakt mit Kurden in der Schweiz und nahm an Veranstaltungen teil. Der Angriff auf die kurdische Stadt Afrin war der Auslöser für meinen Entschluss, das Projekt vor Ort in Nordsyrien zu unterstützen.

Matteo an einer Demonstration gegen die türkische Invasion in Tel Rifaat.
Matteo an einer Demonstration gegen die türkische Invasion in Tel Rifaat.
Bild: zvg

Und dafür waren Sie bereit, Ihr sicheres Zuhause in der Schweiz aufzugeben und sich mitten in ein Kriegsgebiet zu begeben?
Die Kurden haben in den letzten Jahren in Nordsyrien eine basisdemokratische Selbstverwaltung aufgebaut. Es gibt kommunale Rätestrukturen, in der auf jeder Stufe eine Frau und ein Mann den Vorsitz innehaben. Das ist echte und radikale Demokratie, die es so nirgendwo sonst gibt auf der Welt. Die Menschen dort haben unermüdlich für ihre Leute und für ihr Projekt gekämpft und grosse Verluste hinnehmen müssen. Was sie geschafft haben, muss verteidigt werden. Und so kann ich am meisten dazu beitragen.

Rojava - Die Demokratische Föderation Nordsyrien
Die Entstehung von Rojava geht einher mit dem Erstarken der Terrormiliz Islamischer Staat ab 2014 im Irak und Syrien. Völlig hilflos schaute damals die Weltgemeinschaft auf das Treiben der Schreckensherrschaft, bis die Dschihadisten bei der Schlacht um Kobane auf den erbitterten Widerstand der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG und der Frauenverteidigungseinheiten YPJ stiessen. Die Kurden waren die ersten, denen es gelang es, die Terrormiliz zu schlagen. Von Kobane aus kämpften die kurdischen Einheiten weiter. Auf dem befreiten Gebiet errichteten die Kurden eine autonome Selbstverwaltung, die Demokratische Föderation Nordsyrien – besser bekannt unter dem Namen Rojava. Zunächst bestand das Gebiet aus den drei Kantonen Kobane, Afrin und Cizire. Heute zieht es sich über weite Strecken von Nordsyrien und beheimatet geschätzt fünf Millionen Menschen – Kurden, Araber, Christen, Armenier, Turkmenen und Assyrer. In Rojava soll eine multiethnische, multireligiöse und basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut werden. Als einziger Ort der Welt wird in Rojava nach dem System des demokratischen Konföderalismus regiert. Das bedeutet, dass es für jede Institution, angefangen bei der kommunalen Verwaltung bis hin zur Präsidentschaft, immer eine Doppelspitze gibt – jeweils ein Mann und eine Frau. (sar)
«In den Familien sind es nicht mehr nur die Männer, die das Wort ergreifen. Jetzt sprechen auch die Frauen und die Männer haben gelernt, zuzuhören.»

Das klingt nach einer Utopie.
Ist es aber nicht. Natürlich ist das hier überhaupt keine perfekte Welt. Wie Sie selbst sagten: Wir befinden uns im Krieg, die Umstände sind extrem schwierig. Es gibt Angriffe von allen Seiten. Und gerade deswegen ist es umso verrückter, was die Leute hier in den letzten Jahren zustande gebracht haben. Am meisten beeindruckt mich die Revolution der Frauen. Wo man auch hinkommt, sind es die Frauen, die in der Verantwortung sind.

Und das lassen sich die Männer gefallen?
Nicht immer. Noch immer gibt es Männer, die sich von Frauen nichts sagen lassen. Solche Veränderungen brauchen Zeit und Bildung. Aber es ist spürbar, dass sich bereits viel verändert hat. In den Familien sind es nicht mehr nur die Männer, die das Wort ergreifen. Jetzt sprechen auch die Frauen und die Männer haben gelernt, zuzuhören.

Und was tun Sie in Rojava konkret?
Nach meiner Ankunft arbeitete ich zuerst in Cizire, dem Kanton im Osten von Rojava. Ich half zuerst bei landwirtschaftlichen Arbeiten mit. Später absolvierte ich eine Erste-Hilfe-Ausbildung. Ich leistete sowohl an der Front als auch in verschiedenen Spitälern medizinische Hilfe.

«Das waren Gefangene. Und wenn Gefangene verwundet sind, dann werden sie behandelt. Selbst wenn sie Daesh sind.»

Und Sie sagten, Sie haben auch IS-Kämpfer medizinisch versorgt?
Ja, natürlich. Das war in der Nähe der Stadt Deir-ez-Zor in einem behelfsmässig eingerichteten Spital. Die Verwundeten, die bei uns landeten, kamen direkt von der Front. Und darunter waren auch Daesh (arabisch für IS-Kämpfer).

Das Erste-Hilfe-Set von Matteo.
Das Erste-Hilfe-Set von Matteo.
Bild: zvg

Hat sich nicht alles in Ihnen dagegen gesträubt, IS-Kämpfern zu helfen?
Nein, das ist eine Frage der Humanität. Das waren Gefangene. Und wenn Gefangene verwundet sind, dann werden sie behandelt. Selbst wenn sie Daesh sind. An dieser Stelle finde ich es erwähnenswert, dass es in diesem Krieg keine andere Partei gab, die ihre Gefangenen so human behandelte, wie die Syrisch Demokratischen Kräfte (Militärbündis von Rojava). Aber das war nicht immer einfach. Es gab auch bedenkliche Situationen.

Zum Beispiel?
Einmal war ich gerade dabei, einen Daesh zu behandeln, als es draussen eine Explosion gab. Voller Hoffnung sah mich der Mann an und fragte, ob das die Türken seien. Er sagte mir, er sei sich sicher, dass er nicht lange im Gefängnis sein werde und bald hier wegkomme. Das war vor sechs Monaten.

«Ich war beeindruckt, wie schnell und wie bedingungslos die Leute hier bereit waren, für ihr Projekt und ihre Leute zu kämpfen.»

Denken Sie also, die IS-Kämpfer wussten, dass die Türkei bald in Nordsyrien einmarschieren wird?
Alle wussten, dass die Türkei Rojava angreifen wird. Erdogan hat ja schon nach dem Einmarsch in Afrin damit gedroht, dass nun auch der restliche Teil von Nordsyrien von der YPG (kurdische Volksverteidigungseinheiten) gesäubert werden müsse. Ich will nicht behaupten, dass die Türkei ihren Einmarsch mit den Daesh koordiniert hatten. Klar ist aber, dass die Türkei der Terrormiliz mit ihrer Invasion geholfen hat.

Inwiefern?
Indem jetzt vielen IS-Kämpfern die Flucht aus Gefängnissen gelungen ist und hunderte IS-Familien aus Flüchtlingscamps ausgebrochen sind. Diese Leute kämpfen jetzt zum Teil wieder in ihrer IS-Uniform in der Freien Syrischen Armee (syrische Rebellenmilizen) an der Seite der Türkei.

Wo sind Sie derzeit?
Seit vier Monaten bin ich in Tel Rifaat. Nach meiner Arbeit in dem Spital in Deir-ez-Zor kam ich hierher, weil es hier insbesondere an medizinischer Hilfe mangelt. In dem Gebiet um Tel Rifaat leben viele Flüchtlinge, die bei der türkischen Invasion in Afrin aus der Stadt vertrieben wurden. Diese Menschen haben sehr gelitten.

Sie arbeiten also hier wieder als Sanitäter?
Ich arbeite dort, wo es mich gerade braucht. Als Sanitäter, als Englisch-Lehrer, ich gebe Erste-Hilfe-Kurse, hab zusammen mit anderen eine kleine Zeitung mitaufgebaut.

Matteo (ganz rechts) mit seiner Erste-Hilfe-Klasse.
Matteo (ganz rechts) mit seiner Erste-Hilfe-Klasse.
Bild: zvg

Wie ist derzeit die Situation in Tel Rifaat?
Momentan ist es gerade ruhig. Vergangene Nacht waren zwar Schüsse zu hören. Aber das ist hier normal. Die türkischen Besatzer im benachbarten Afrin liefern sich immer wieder Gefechte mit aufständischen Kurden.

Wie hast du die vergangenen Wochen seit Beginn der türkischen Invasion erlebt?
Ich war beeindruckt, wie schnell und wie bedingungslos die Leute hier bereit waren, für ihr Projekt und ihre Leute zu kämpfen. Natürlich ist auch eine grosse Wut und Trauer spürbar. Die meisten hier haben schon so viel verloren. Ihre Häuser, Angehörige. Und doch stellen sich ganze Familien in den Dienst der Verteidigungseinheiten, um dort zu helfen, wo sie können.

Am Montag einigten sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin auf einen Deal, der eine gemeinsame Kontrolle des gesamten nordsyrischen Grenzgebiets vorsieht. Was bedeutet das für Rojava?
Die Leute hier sind vor den Kopf gestossen und wütend, dass in irgendwelchen Hinterzimmern ein Deal ausgearbeitet wurde, ohne dass sie dazu befragt worden sind. Wir wissen nicht, wie es jetzt weitergeht. Wir warten ab.

«Meine Eltern unterstützen die Revolution in Rojava und wissen, dass das was ich mache, richtig ist. Sie wünschten sich einfach, dass nicht ich, sondern jemand anderes es tun würde.»

Der russische Aussenminister sagte, dass sich die Kurden jetzt vollständig aus der 30 Kilometer breiten Sicherheitszone zurückziehen werden. In dieser Zone liegt auch Tel Rifaat.
Die Bewohner sind verwirrt und wissen nicht, was sie tun sollen. Stellen Sie sich das mal vor: In Rojava leben Kurden, Araber, Christen, Aramäer, Yesiden. Sie sind geschützt, die Kinder können in die Schule gehen, wo sie ihre Sprache sprechen dürfen. Sie haben Angst, dass sie jetzt all das, was sie sich in den letzten Jahren aufgebaut haben, verlieren.

Und was machen Sie?
Ich bleibe hier und unterstütze diese Menschen wo ich nur kann.

Was sagen Ihre Eltern? Sind die nicht in wahnsinniger Sorge?
Doch schon. So wie auch die Mütter und Väter hier besorgt sind, wenn ihre Kinder an der Frontlinie sind. Aber meine Eltern unterstützen die Revolution in Rojava und wissen, dass das was ich mache, richtig ist. Sie wünschten sich einfach, dass nicht ich, sondern jemand anderes es tun würde.

Haben Sie keine Angst zu sterben? Sie sind 23 Jahre alt…
Jeder, der sagt, er habe keine Angst zu sterben, lügt. Aber wovor ich viel mehr Angst habe ist, dass sich all der Schmerz von Afrin in ganz Rojava ausbreitet. Dass die Leute massakriert werden. Hierzubleiben ist mir wichtiger, als nicht zu sterben.

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